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Seite:WuerttVjhhLG Jhg 01.djvu/152

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Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.

Gmünder Steinmetzfamilie, Namens Heinrich, welchen wir in der Folge kennen lernen werden.

Wir mußten hier, weil es die Dokumente so mit sich brachten, dem Gang der Geschichte vorgreifen und haben uns nunmehr nach Prag zu wenden, wo wir Peter’n schon im Oktober 1356 in voller Thätigkeit treffen. Der Künstler scheint sich rasch in Sitten und Lebensweise seiner neuen Heimat gefunden zu haben, auch erhellt aus der Sachlage, daß er gleich im Anfange das in seine Kenntnisse gesetzte Vertrauen rechtfertigte. Schon im zweiten Jahre nach seiner Berufung erhielt er vom Kaiser den Auftrag, das Projekt für eine neu zu erbauende Moldaubrücke auszuarbeiten, welcher Bau am 9. Juli 1358 gegründet wurde. Die Nachricht von dieser Grundsteinlegung ist die erste dokumentirte, welche wir über Peter’s Wirken in Prag besitzen. Von nun an mehren sich die Nachrichten von Jahr zu Jahr in erfreulicher Weise; wir sehen den Meister schon 1360 im Besitz eines nicht ferne vom Dome gelegenen Hauses, zu welchem er bald noch ein zweites erwirbt. Setzt die Erwerbung von zwei Häusern bereits einige Wohlhabenheit voraus, zeigt eine andere Nachricht, daß er sich schon damals der allgemeinen Achtung seiner Mitbürger erfreute. Im selben Jahre, als er das erste Haus erwarb, wurde er zum Schöffen des Hradschiner Viertels, das damals eine besondere Stadtgemeinde bildete, erwählt, welche Stelle er acht Jahre lang bekleidete. Peter war sogar längere Zeit hindurch erster Schöffe, mit welchem Amte verschiedene Einkünfte verbunden waren: auch dient diese Stellung als Beweis, daß er die für Deutsche schwer faßliche böhmische Sprache in kurzer Frist erlernt hatte, denn ohne deren genaue Kenntniß wäre ihm nicht möglich gewesen als Amtsperson zu wirken. Wenn auch damals in Prag die deutsche Sprache vorherrschte und die höheren Kreise sich ausschließlich derselben bedienten,[1] war doch dem größten Theile der Arbeiter nur das Böhmische geläufig und deshalb für Personen, welche mit dem Volke verkehrten, unentbehrlich.

Aus einem im Archive des Prager Magistrats befindlichen Gerichtsbuche erfahren wir auch verschiedene Einzelheiten aus dem Familienleben Peter’s. Das fragliche Buch umfaßt die Jahre 1350 bis 1395 und enthält, wie die Kölner Schreinsbücher meist Verträge, Käufe, Auseinandersetzungen von Erbschaften u. dgl. Aus den daselbst eingetragenen Verhandlungen geht hervor, daß Meister Peter schon um 1360 den Beinamen Parler führte, welchem Namen aber regelmäßig das „dictus“ beigefügt ist; ferner werden nach und nach auch seine Kinder angeführt. Aus der ersten mit Druda von Köln geschlossenen Ehe gingen hervor drei Söhne, Niklas, Johann und Wenzel, ferner eine Tochter, deren Name nicht genannt wird, wohl aber der ihres Gatten. Nach dem Tode der Druda vermählte sich Peter zum zweitenmal mit einer Adeligen, Namens Agnes von Bur, wahrscheinlich aus Schlesien stammend. Diese zweite Ehe scheint um 1370 geschlossen worden zu sein und war, soviel bekannt, mit einem einzigen Sohne, Namens Paul, gesegnet. Die heranwachsenden Kinder aus beiden Ehen machten allerlei Familienverträge nothwendig, bei welchen Gelegenheiten auch ein Bruder des Dombaumeisters, Michael de Gmund lapicida, dictus Parler, vor Gericht erscheint. Es waren aber damals neben dem Bruder Michael noch mehrere Steinmetze aus Köln in Prag beschäftigt, darunter Peter’s Schwiegersohn und ein Verwandter Namens Heinrich, wahrscheinlich ein Sohn des Michael Parler.


  1. Die erste Gemahlin Karl des Vierten, die Prinzessin Margaretha Blanca von Valois, erlernte sogleich nach ihrer Ankunft in Prag die deutsche Sprache, auf daß sie mit ihrer Umgebung verkehren könne. Es war aber schon unter König Wenzel I. dem Minnesänger (1230 bis 1253) die deutsche Sprache Hofsprache geworden.
Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.. H. Lindemann, Stuttgart 1878, Seite 144. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:WuerttVjhhLG_Jhg_01.djvu/152&oldid=- (Version vom 1.8.2018)