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Seite:PhiloMos1GermanBadt.djvu/004

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Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt

Leben darzustellen, ist in der Schilderung dieses Lebens eine Scheidung wie die oben angeführte nicht unternommen. Es soll vielmehr dies Leben eine Art philosophischen Romans wie Xenophons Cyropaedie sein, und wie dort nicht bloss, wie der Titel es verspricht, die Erziehung des Cyrus, sondern auch sein ganzes Leben und Wirken idealisiert wird, ebenso wird hier ein idealisiertes Bild von Moses’ Jugend, seiner Erziehung und seiner Tätigkeit als politischer Führer, als Gesetzgeber, als oberster Priester und als Prophet gezeichnet. Die allegorischen Partien in diesem Werke, die wesentlich[1] nur im zweiten Teile vorkommen, beziehen sich fast ausschliesslich auf die von ihm getroffenen Einrichtungen, deren jede einzelne die symbolische Darstellung eines philosophischen Gedankens durch die Gesetzgebung zum Zwecke hat. Dagegen das Leben des Gesetzgebers selbst wird uns in der philosophisch-rhetorischen Manier jener Zeit plastisch ohne Symbolik im allgemeinen nach dem Text der heiligen Schrift oder vielmehr ihrer griechischen Uebersetzung geschildert.

Ueber den äusseren Anlass zur Abfassung dieser Schrift sei die folgende Vermutung gestattet. Es soll den Hellenen das Leben des Moses und zugleich die Erziehung des Volkes Israel durch ihn und seine Gesetzgebung für den Beruf eines Priestervolkes vorgeführt werden, das für die gesamte Menschheit, ja für das ganze Weltall der Gottheit Opfer, Hymnen und Gebete weiht. De spec. leg. II § 163 heisst es: „In demselben Verhältnis wie zum Staat der Priester steht zu der gesamten Menschheit das Volk der Juden“, und ebendas. § 167: „Deshalb ergreift mich Verwunderung, wie manche es wagen, ein Volk des Menschenhasses zu beschuldigen, das ein so hohes Mass von Gemeinsinn und Wohlwollen für alle allenthalben zeigt, dass es seine Gebete, Feste und Spenden für das gesamte Menschengeschlecht weiht und dem wahrhaft seienden Gott sowohl für sich seinen Dienst widmet, als auch für alle, die sich dem schuldigen Gottesdienst entzogen haben“. Die letzterwähnte Stelle gibt vielleicht auch Aufschluss über die eigentliche Veranlassung zu der Schrift über das Leben Mosis. Es scheint dies die „Beschuldigung des Menschenhasses“ zu sein, die zu Philos Zeit mehr denn je vorher gegen die Juden erhoben wurde und die wiederholte Ausbrüche der Wut und der Raubsucht des aufgehetzten Pöbels zur Folge hatte, die mit den Pogroms unserer Zeit sich dreist messen können. Man wird es daher begreifen, dass es einem begeisterten Verehrer hellenischer Bildung, der sich die Vereinigung der beiden Kulturen zum Lebensziel gesetzt hatte, eine heilige Herzenssache sein musste, die ganze Ungerechtigkeit der Angriffe


  1. Eine scheinbare Ausnahme, die Deutung des Dornbuschs, erklärt sich leicht aus der Situation.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloMos1GermanBadt.djvu/004&oldid=- (Version vom 1.8.2018)