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Seite:JosephusBellumGermanKohout.djvu/408

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Achtes Capitel.
Fall der zweiten Mauer. Rückzug der Römer auf die erste Mauer. Abermaliger Sturm und endgültige Besetzung der zweiten Mauer.

331 (1.) Durch diese Bresche bekam nun der Cäsar die zweite Mauer fünf Tage nach der ersten in seine Gewalt und drang, da die Juden sie völlig verlassen hatten, mit tausend Bewaffneten und seinen Gardetruppen gerade an jener Stelle in die Stadt ein, wo die Bazars der Wollhändler, die Schmiedewerkstätten und der Kleidermarkt der Neustadt sich befanden, und wo die Gassen ganz quer gegen die Stadtmauer abfielen. 332 Hätte nun Titus entweder ein größeres Stück von dieser Mauer sofort abbrechen lassen, oder wenigstens von dem Kriegsrechte Gebrauch gemacht und den eroberten Stadttheil gleich nach seinem Eindringen verwüsten lassen, so wäre meines Erachtens der Sieg ohne jede Scharte geblieben. 333 So aber hoffte Titus durch seinen Edelmuth die Juden zu beschämen, wenn er die Gelegenheit, ihnen zu schaden, nicht benützen würde, und unterließ es daher, den Eingang so weit zu verbreitern, dass er Raum für einen geordneten Rückzug geboten hätte. Denn er glaubte von den Juden keine Nachstellungen befürchten zu dürfen, in einem Augenblicke, da er sich ihnen eben gnädig zeigen wollte. 334 Kaum war er nämlich in die Stadt gedrungen, als er auch schon den Befehl gab, keinen der hier ergriffenen Juden zu tödten, oder die Häuser anzuzünden, ja, er war sogar geneigt, die Rebellen als ebenbürtige Gegner zu behandeln, wenn sie nur das Volk bei ihren Feindseligkeiten aus dem Spiele lassen wollten, und machte auch dem Volke selbst die Zusage, ihm sein Hab und Gut wieder zurückzustellen: so sehr war ihm zu thun, die Stadt seiner Herrschaft, den Tempel aber der Stadt zu erhalten! 335 Das eigentliche Volk nun fand Titus für seine Aufforderungen längst schon empfänglich, aber die kriegerische Mannschaft wollte in seiner Menschenfreundlichkeit nur Schwäche erblicken und gab sich dem Glauben hin, dass Titus nur darum, weil er sich zu schwach fühle, die übrigen Theile der Stadt zu erobern, diese Vorschläge mache. 336 Sie drohten den Bürgern mit augenblicklichem Tod, wenn einer sich unterstehen sollte, an eine Ergebung zu denken, und wer nur ein Wort vom Frieden verlor, den stachen sie nieder. Endlich warfen sie sich auch noch auf die eingedrungenen Römer. Die einen stürmten die Straßen hinab, denselben entgegen, andere kämpften von den Häusern herab, wieder andere endlich sprangen gar zu den weiter oben gelegenen Thoren vor die Mauern hinaus 337 und brachten unter den auf der Mauer postierten Wachen eine solche Bestürzung hervor, dass sie von den Thürmen herabeilten und in das Lager zurückliefen. 338 Drinnen schrien nun die

Empfohlene Zitierweise:
Flavius Josephus: Jüdischer Krieg. Linz: Quirin Haslingers Verlag, 1901, Seite 408. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:JosephusBellumGermanKohout.djvu/408&oldid=- (Version vom 1.8.2018)