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Seite:Heft32VereinGeschichteDresden1937.pdf/43

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noch manches ausführlicher von Ihnen mitgetheilt, was Ihre Frische und zeitweise Heiterkeit doch andeutete. Wohl begreife ich aber, daß Ihnen so zu Muthe sein muß, wie Sie sich äußern. Mit poetischer Gewalt, mit aller Macht Ihres Geistes schildern Sie Ihren Zustand: es hat mich fürchterlich ergriffen. Wenn Alles Schatten wird, keine Wesenheit ist, dann freilich hört auch jede Wahrheit auf. Ich kenne diese Stimmungen zu gut, um sie mir nicht eben durch den Verlauf des Lebens auf's höchste gesteigert denken zu können. Das Talent des Schilderns mindestens bleibt Ihnen getreu: Sie malen mit aller Jugendlichkeit des Ausdrucks, wie er Ihnen nur im Lowell[1] zu Gebot stand. Es giebt eben keine Solution für solche Fragen. La vie est faite ainsi[2]; dieser französische Ausdruck, der eben das Ding nicht vornehm einkleidet, sondern das Leben als ein rohes Machwerk bezeichnet, hat mir immer gut gefallen.

Die Politik habe ich nun ganz überwunden[3]. Sie schelten, Theuerster, daß ich sie mir zu Herzen genommen: aber eben so wie es unmöglich ist, bei Schlachtbanken zu wohnen und nicht täglich widerwärtig von dem Geruch berührt zu werden, so war es ja unmöglich, nicht magnetisch affizirt zu werden von allem Elend, allem Frevel, allem Blut, was die Erde in diesen anderthalb Jahren gedüngt hat. Es hat mir einen ungeheuern Eindruck gemacht, die Menschheit en gros sowohl moralisch als physisch so zerquetscht zu sehen und dabei zu fühlen: Gott bleibt neutral. Die Geschichte, sie ist weder die Nemesis, noch die Gerechtigkeit, sie ist der bloße Reflex dieser Wandlungen: es giebt keinen Chor der Alten, was reflektirend, abwägend, abklärend nur Recht von Unrecht sondert, und somit wenigstens ideell eine Beruhigung, eine poetische Gerechtigkeit eintreten läßt. Daß ein ganzes Volk sich so in sich selbst irren kann, bricht gleichsam mein Denk- und Gefühls-Vermögen: daß es in der Geschichte wie im Individuum Scheinbilder geben kann, woran Generationen zugrunde gehen ohne innere Rechtfertigung, ohne Naturnothwendigkeit, ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehr mich das erniedrigt, demüthigt. Wenn Sie, der individuellste deutsche Geist, es bekennen, daß Sie sich schämen, ein Deutscher zu sein, o Gott, welche Schmach liegt in diesem einen Wort! Und für diese sollte man unempfindlich sein? Ich habe es nun ganz überwunden: ich denke nicht mehr daran, sinne nicht mehr darüber, kurz, ich bin völlig damit fertig, es berührt mich nicht mehr. Es ist aber eine ungeheure Erfahrung, und in gewissem Sinne kann ich sie nicht anders als vernichtend finden. Man lernt alles so gering achten und wird im Verhältnis selbst so klein dabei, daß der Maßstab für die Dinge dieser Welt ein erniedrigender ist. Nun leben Sie wohl für heute, theurer, verehrter Freund; in zehn Tagen kommt Teichmann wieder hier durch: da will ich ihm einen Brief für Sie mitgeben. Nochmals Dank für den Ihrigen. Wie rührend gut schreiben Sie mir:


  1. Der große dreibändige Roman William Lowell, Tiecks Hauptwerk seiner Universitätsjahre, war 1795–1796 erschienen. Vgl. Berend a. a. O. XXVII ff.
  2. Dem französischen Ausdruck entspricht der englische Such is life.
  3. Die Gedanken, die sich Frau von Lüttichau nach dem Abebben der revolutionären Bewegung in Dresden aufdrängten, kommen auch in ihren von Carus (Lebenserinnerungen III 282 f.) mitgeteilten Betrachtungen zum Ausdruck: „Wer den Bürgerkrieg bei Nahem nicht erlebt hat, weiß nicht was es ist. Es mochte wol ein Vorgefühl davon sein, wenn ich sonst Berichte über Aehnliches las und so schauderte, wenn die Menschen dergleichen freventlich herbeiwünschen konnten, damit das Recht wieder eingesetzt werde, denn eben das Recht hört ja hier ganz auf! Kann man doch fast wahnsinnig werden vor Schmerz über das Elend, und über den allgemeinen Jammer, ja zuletzt alles was recht oder unrecht ist gänzlich vergessen, so daß uns nur der Mensch selbst übrigbleibt. Keine Meinung, kein System gilt da, alles das springt über Bord: der Sieg ist der Tod, also nur der Tod siegt. In diesem Kampf der Principien war immer, nur innerlich, mein Refrain:
    Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident!

    Und das gab mir Trost. – Ich mache jetzt wieder förmlich mein christliches Noviziat durch und hätte nicht geglaubt, daß das noch durch das Medium der Politik mir geschehen müsse; denn hier, wo es nicht meine Person gilt, wird mir das Vergeben und Vergessen weit schwerer, als es mir sonst je im Leben geschehen. Dieser moralische Ekel neben allem Jammer, den man dann empfinden kann über die ganze Menschheit! Auch das muß man mit erlebt haben, um zu wissen, was man alles in dieser Beziehung erfahren kann.“