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Seite:Heft32VereinGeschichteDresden1937.pdf/39

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gewesen. Demuth, Stolz, Erhebung, Glauben an Göttliches ist völlig verschwunden: Poesie ist, wenn man sich besinnt, nothwendig zum Lachen.

Raumer[1] ist nun in Frankfurt, und ich hoffe mit Nutzen. Wenn nur nicht die Vernunft überall erst wieder entdeckt werden muß. Beim hohen Alter muß man sich hüthen, nicht in eine unbedingte Menschen-Verachtung zu verfallen. Ich fürchte, Alles, auch das wenige Gute, das wir noch besaßen, wird völlig zu Grunde gehn. Ich habe keine Hofnung, keinen Trost in Aussicht. In der Nacht, als die Barrikaden dicht neben mir spielten[2] und feuerten, hatte ich das erhebende Gefühl, daß sie, Henriette, das nicht mehr erlebt hatte. Ich war auf alles gefaßt, und schlief natürlich in dieser Nacht nicht.

Wie gern wäre ich wieder einmal nach Dresden gekommen. Wenn mir nur nicht dort so viele Befreundete lebten. Ich würde vor diesen nicht zur Besinnung kommen und am wenigsten die wenigen Menschen sehn können, die ich am liebsten sehn möchte. – Ich werde Ihnen nächstens 2 Th(eile) von meinen kritischen Arbeiten[3] senden, die ich jezt gesammelt habe. Sie werden einiges Unbekannte aus meiner Jugend darunter finden, und sich wohl mit freundlicher Güte diese Versuche gefallen lassen, weil sie von mir herrühren. Ich werde auch das dritte Bändchen der dramaturgischen Blätter herausgeben, und einen dritten Theil von Shaks(pear's) Vorschule bekannt machen.

Ich habe oft das Gefühl, mir würde wohler sein, wenn ich ganz ernsthaft, bettlägrig erkrankte. Denn dies traurige Uebelbefinden, diese zunehmende Schwäche, diese unbesiegbare Melankolie, dieser Ueberdruß am Leben, mehr als lebenssatt (wie in der Bibel steht) ist gar zu traurig, erschöpft die lezten Kräfte, und ich werde unfähig, das an mir selbst zu genießen, was etwa noch der Rede werth sein möchte.

Wenn ich so bei Hofe bin, und sehe, wie eine leere Etikette den Herrschaften und uns Nicht-Herrschaften so viele Stunden wegnimmt, so denke ich oft, unser ganzes jetziges Leben ist eine solche Etiketten-Anstalt, wo unsre Geduld geübt wird, und wir in Langeweile und Nichtsthun, bloß im Warten, uns endlich den Anblick des Höchsten, des Herrn, verdienen müssen, auf die Gefahr noch, daß uns kein freundliches Wort zugeworfen wird.

Alles, was wir denken, fühlen, sehn, erleben, ist bedingt, ist vorübergehende Täuschung – unser Geist, oder Seele, wir selbst, können uns keinen andern Zustand denken und vorbilden, in alle Ewigkeiten hinein, – alles muß wieder von Bedingungen abhangen, die mögliche Existenz, dies ewige Räthsel, muß uns wieder mit dem umgeben, was wir Täuschung nennen müssen, und die unbedingte Wahrheit, die so viele suchen, ist wohl der allergrößte Unsinn. – Wörtlich möchte ich darüber mit Ihnen sprechen – die armselige Tinte! Aber auch das Wort genügt


  1. Als Abgeordneter für Frankfurt a. d. O. nahm Raumer an der am 18. Mai 1848 in der Paulskirche eröffneten Deutschen Nationalversammlung teil. Da er keine Rednergabe besaß, trat er nicht besonders hervor. Von seinen Frankfurter Erlebnissen berichten seine Briefe aus Frankfurt und Paris 1848–1849 (2 Bände, Leipzig 1849). Vgl. auch Raumer, Vermischte Schriften I S. VII–X; Franz von Wegele, Allgemeine Deutsche Biographie XXVII 411.
  2. Der Berliner Barrikadenkampf brach am Nachmittag des 18. März los. Vgl. Felix Rachfahl, Deutschland, König Friedrich Wilhelm IV. und die Berliner Märzrevolution, Halle a. d. S. 1901, 144.
  3. Von Tiecks Kritischen Schriften, in denen seine literarhistorischen Arbeiten erstmalig gesammelt sind, erschienen 1848 bei Brockhaus zwei Bände. Am Schluß seiner Juni 1848 dazu geschriebenen Vorrede (I S. XVI) kündigt er, wie im vorliegenden Briefe, außer dem nie gedruckten dritten Bande der Vorschule (vgl. Anm. 50) ein Fortsetzung der 1825–1826 von Joseph Max in Breslau verlegten zwei Bändchen Dramaturgische Blätter an. Dieses dritte Bändchen erschien 1852 gesondert gleichzeitig mit der von Eduard Devrient besorgten zweibändigen Neuauflage der Dramaturgischen Blätter, die Band 3 und 4 der Kritischen Schriften bilden. Vgl. dazu Aus Tiecks Novellenzeit 154 f., 156 f., 159–162, 170, 175, 180 ff., 184–187, 189, 191, 211.