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Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/216

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hier zu behandelnden Zeitraum innerhalb und außerhalb Deutschlands damit beschäftigten, eine außerordentlich große ist. Die Ergebnisse findet man in den beiden kürzlich erschienenen Büchern von V. Haecker (Allgemeine Vererbungslehre, 2. Aufl., Braunschweig 1912) und R. Goldtschmidt (Einführung in die Vererbungswissenschaft, Leipzig 1911) niedergelegt.

Geschlechtsbestimmung.

Dem soeben besprochenen Kreis der Erscheinungen steht ein anderes in der letzten Zeit ebenfalls mit Eifer und Erfolg bearbeitetes Problem, nämlich das der Geschlechtsbestimmung und Geschlechtsdifferenzierung sehr nahe, welches sich ähnlich wie die Vererbungsfrage, wenn auch nicht in so hohem Maße der Teilnahme weiterer Kreise erfreut. Auch bei ihm greifen mikroskopische Beobachtung (der Keimzellen) und Züchtungsversuche ineinander, doch kommt noch eine andere Untersuchungsmethode, nämlich die Übertragung der Keimdrüsen von dem einen auf das andere Individuum, hinzu, um diese Frage ihrer Lösung entgegenzuführen. Was die schon seit langem und leider nicht mit besonderem Erfolg behandelte Frage der Geschlechtsbestimmung anbetrifft, so hat man dafür neuerdings einzelne Kernschleifen der Geschlechtszellen verantwortlich gemacht, welche sich möglicherweise durch ihre Beschaffenheit vor den anderen Chromosomen der betreffenden Kerne auszeichnen (Heterochromosomen) oder jedenfalls in der Überzahl vorhanden sind. Das überzählige Chromosoma, dessen Teilung unterbleibt und das also vollständig auf die Tochterzelle übertragen wird, dürfte die Veranlassung sein, daß zweierlei Spermatozoen gebildet werden, die für die Geschlechtsbestimmung von Bedeutung sind. Es ist nämlich mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß je nach dem Fehlen oder Vorhandensein des betreffenden Chromosoma bei dem die Befruchtung vollziehenden Samenfäden die aus den betreffenden Eiern hervorgehenden Tiere männlichen oder weiblichen Geschlechts sind. Es liegt aber kein Grund dafür vor, daß die Geschlechtsbestimmung gerade von den Spermatozoen ausgehen muß, sondern es ist ebensowohl denkbar, daß ähnliche Verhältnisse bei den weiblichen Keimzellen vorliegen und bei deren Reifung zu einer entsprechenden, für die Geschlechtsbestimmung maßgebenden Verteilung der Chromosomen führen. Sogenannte weibliche und männliche Eier, d. h. solche, aus denen nur Weibchen entstehen und andere, die sich zu Männchen entwickeln, sind außerdem von verschiedenen Tieren bekannt.

Prüfung auf experimentellem Wege.

Zur Prüfung des Problems der Geschlechtsbestimmung ist man wie schon früher auch neuerdings wieder auf experimentellem Wege vorgegangen und hat durch Ausführung der Befruchtung in verschiedenem Zustand der Eier, durch Beeinflussung der Keimzellen auf dem Wege schlechterer oder besserer Ernährung, sowie durch Erniedrigung oder Erhöhung der Temperatur das Geschlecht der aus diesen Eiern hervorgehenden Tiere zu modifizieren gesucht. Die auf den verschiedenen Wegen erzielten zweifellosen Erfolge sind freilich mannigfachen Deutungen unterworfen gewesen und ein abschließendes Urteil läßt sich zur Zeit, wo wir noch mitten in diesen Forschungen stehen, zunächst nicht

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1345. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/216&oldid=- (Version vom 20.8.2021)