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Schule und Haus

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Textdaten
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Autor: Waldemar Sonntag
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Titel: Schule und Haus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 590–594
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Schule und Haus.

Von Waldemar Sonntag.


Die Erziehung der heutigen Jugend hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der Pädagogik des Alterthums, insofern sie die engen Grenzen einer häuslichen Angelegenheit überschritten hat und zu einem Gegenstande der öffentlichen Aufmerksamkeit und Fürsorge geworden ist. Demgemäß wird unter den Erziehungsfactoren derjenige am meisten genannt und am eifrigsten der Beurtheilung unterzogen, dessen Bedeutung am weitesten in die öffentlichen Dinge hineinragt: die Schule.

Beinahe in allen Volksvertretungen der deutschen Staaten macht sich der Kampf um die Selbstständigkeit der Schule geltend. Auf der einen Seite wiederholt die Kirche ihre grundsätzlich niemals aufgegebene Forderung, der Schule Plan und Richtung auch in solchen Lehrgegenständen vorzuschreiben, die nicht unmittelbar mit dem Religionsunterrichte zusammenhängen; auf der andern Seite bemühen sich freisinnige Männer, denen der Clerus ein wenig geeigneter Führer zu edler Bildung zu sein scheint, die Unterrichtsstätten dem Schatten der Kirche zu entziehen.

Dem aufmerksamen Beobachter will es aber scheinen, als ob über die Frage: wie haben sich Schule und Kirche aus einander zu setzen? die Bedeutung einer anderen Erziehungsfrage allzu gering geschätzt werde, der Frage: wie haben Schule und Haus sich in ihrer gemeinsamen Erziehungsarbeit zu ergänzen? Es thut Noth, daß neben der Schule auch das Haus seine unerschrockenen Fürsprecher und besonnenen Hüter finde. Darum seien im Bewußtsein redlicher Absicht einige Bemerkungen über das normale Verhältniß der Schule zum Hause, des Hauses zur Schule hier gewagt – Bemerkungen, die keinen andern Anspruch machen als den, flüchtige und wohlmeinende Andeutungen zu sein.

Daß die öffentliche Schule zu einer gedeihlichen Entwickelung der Geistesgaben, wie zur wirksamen Ausbildung des Charakters so gut wie unentbehrlich sei, wird heute allgemein zugestanden, und nur mit verschwindenden Ausnahmen der öffentliche Unterricht dem privaten vorgezogen. Hat doch die Erkenntniß, daß der öffentliche Schulunterricht die unvergleichlich zweckmäßigste Grundlage tüchtiger Mannesbildung sei, sich sogar in solchen Kreisen Bahn gebrochen, welche dieser Einsicht bisher zu widerstreben schienen. In ganz Deutschland ist es mit Genugtuung bemerkt worden, daß der Kronprinz von Preußen seine beiden ältesten Söhne dem Gymnasium in Kassel zum regulären Unterricht anvertraut hat.

Also in die Schule müssen nun einmal unsere Kinder. Der Tag, all welchem wir sie zum ersten Mal in das große Haus mit der weiten Thür führen, pflegt als ein festlicher vom Hause begangen zu werden. Es schmeichelt unserer Eitelkeit mit Recht, den Beziehungen unseres Lebens diejenige zur Schule hinzufügen zu dürfen, und die Kleinen kommen sich wichtig genug vor, wenn sie mit dem nagelneuen Ranzen und der neugierig beschauten Fibel, die ihnen noch ein Buch mit mehr als sieben Siegeln ist, freudig die große Reise in die Schule antreten. Allein schon der zweite Tag belehrt sie, daß die Sache nicht so lustig weiter geht, wie sie anfing, sondern daß des Stillsitzens und Aufmerkens kein Ende mehr ist. Wie groß muß das Vertrauen sein, das der Staat von den Eltern für die Schule in Anspruch nimmst indem er fordert, daß sie ihre Lieblinge Tag für Tag stundenlang der Obhut derselben in einem Alter übergeben, in welchem die Unmündigen noch der gewissenhaftesten leiblichen Pflege und sittlichen Führung bedürfen! Neben das Wort des Vaters tritt nun als ebenbürtig das Geheiß des Lehrers, und die Hand der Mutter wird durch die der Lehrerin abgelöst. In dieser ersten Zeit des Schulbesuchs kommt es vor allen Dingen darauf an, daß die Schüler zu den Personen der Lehrer ein annähernd ähnliches Verhältniß des Vertrauens und der Hingebung gewinnen, wie es den Kindern ihren Eltern gegenüber angeboren ist, und daß sie in den ohnehin meist schmuckarmen und [591] poesielosen Schulstuben nicht alles dasjenige vermissen, was man ihnen in den Räumen des Elternhauses sorgsam zu Theil werden ließ.

Andererseits hat die Schule das Recht, zu verlangen, daß ihre Einrichtungen und Anordnungen seitens der Eltern, welche derselben ihre Kinder übergeben haben, genau und unweigerlich respectirt werden. Sie kann sich nicht gefallen lassen, daß die Tochter zu spät zum Frühunterrichte erscheint, weil die Frau Mama nicht zur rechten Zeit aufgestanden ist; sie darf nicht dulden, daß der Sohn die Nachmittagslectionen versäumt, weil der Herr Papa einen guten Freund zu Tisch bei sich sah. Verständige Eltern werden derartige Unzulänglichkeiten thunlichst vermeiden und für möglichsten Einklang des Lebens im Hause mit dem in der Schule kräftig eintreten. Sie werden namentlich Werth darauf legen, mit den Lehrern ihrer Kinder persönlich bekannt zu werden.

Zwar sind derartige Annäherungen eine Sache des Tactes und der Rücksichten der gesellschaftlichen Sitte. Nichts ist den gewöhnlich in ihrer Zeit sehr beschränkten Lehrern unerwünschter, als die unablässig wiederholten Besuche zudringlicher Väter und sentimentaler Mütter, die in jeder Schulstrafe, die ihren Sprößlingen zudictirt worden ist, ein ganz besonderes Unrecht wittern und sich mit Bitten und Thränen bemühen, die gestrengen Herren zur Zurücknahme verfügter Maßregeln oder zur Nachversetzung zurückgebliebener Söhne und Töchter zu bewegen. Nichts ist für gerechte Männer widerwärtiger, als fortwährend mit Kleinigkeiten behelligt, mit unbegründeten Klagen überlaufen, mit Zumuthungen, deren Gewährung gegen Pflicht und Gesetz ist, beunruhigt zu werden. Allein andererseits kann den Lehrern nichts willkommener sein, als von Zeit zu Zeit, insbesondere aus Anlaß wichtiger Fälle, Fühlung mit den Eltern derjenigen Kinder zu gewinnen, die täglich zu ihren Füßen sitzen. Einerseits genügt oft eine Andeutung des Vaters, dem Lehrer Aufschluß über eine Charakter-Eigentümlichkeit des Sohnes zu geben, deren richtige Beurteilung demselben bisher entgangen war. Nicht selten reicht andererseits ein Wink des erfahrenen Lehrers aus, den Eltern Auskunft über die besonderen Fähigkeiten ihrer Kinder und Rath über die daraus zu bauenden Lebenspläne zu ertheilen.

Unbedingt ist zu erwarten, daß verständige Eltern auf regelmäßigen Schulbesuch der Kinder und möglichst uneingeschränkt Theilnahme an allen von der Schule dargebotenen Unterrichtsgegenständen halten. In beiden Beziehungen wird namentlich in solchen Häusern gesündigt, wo die Töchter es verstehen, das leicht bewegte Herz der Mutter zu übertriebener Nachsicht und Aengstlichkeit zu rühren. Bald ist es zu warm, bald ist es zu kalt; heute sind Kopfschmerzen da und morgen Zahnschmerzen im Anzuge; einmal wurde ein bedenklicher Husten gehört; ein andermal sollte die Schwester einer Mitschülerin an den Masern erkrankt sein. Die Begünstigung einer derartigen Verweichlichung des jugendlichen Körpers rächt sich oft für das ganze Leben. Außerdem aber behaupten mißtrauische Mitschülerinnen, und nicht jedesmal mit Unrecht, daß die Zahnschmerzen ihrer kleinen Freundin sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit einstellen, so oft Repetitionen in der Geschichte bevorstehen, und daß die nervösen Kopfschmerzen, wegen welcher die Mama schon den Arzt bemüht hat, fast immer mit der Ablieferung eines französischen Exercitiums zusammenfallen. Man glaubt gar nicht, bis man es bei den eigenen Kindern erlebt hat, wie erfinderisch die Jugend in Schulnöthen ist und wie muthig selbst niedliche kleine Mädchen der Wahrhaftigkeit ein Schnippchen schlagen, zum Entsetzen der Mutter, die noch vor Kurzem in Gesellschaft mit erhobener Stimme versichert hatte, daß „ihre Helene niemals die Unwahrheit sage“. Mit der Befürwortung der Dispensation von einzelnen Schulstunden sollte man ebenfalls zurückhaltend sein. Allerdings kann der Fall eintreten, daß Kinder in gewissen Lectionen, z. B. im Singen, durchaus leistungsunfähig sind, oder daß die Rücksicht auf den Gesundheitszustand wünschenswert macht, schwächliche und in schnellem Wachsthum begriffene Mädchen von sitzenden Beschäftigungen, wie Handarbeiten und Zeichnen, zu befreien. Allein der Gewinn solcher Erleichterungen, die ebenso häufig von der Bequemlichkeit wie von der Notwendigkeit gefordert werden, pflegt ein problematischer zu sein. Nur selten gestattet der Lectionsplan, daß die dispensirten Schüler die freien Stunden zur Muße und Erholung ausnutzen. Entweder sie müssen stumme Zuhörer der singenden Classe sein, oder sie gehen nach Hause, um nach kaum einer Stunde wieder zur Stelle zu sein. Wer hätte noch nicht beobachtet, daß muntere Quartaner, deren belegte Stimme sie angeblich am Mitsingen verhinderte, auf dem Schulwege durch kniehohen Schnee wateten, und daß zarte Schülerinnen, deren „Augenschwäche“ ihnen Nähen und Häkeln verbot, in später Abendstunde über heimliche Perlenstickereien gebückt saßen? Hier sollte der Rath gefälliger Hausärzte den Wünschen schwacher Mütter nicht allzu weit entgegen kommen.

Doch fordern wir Strenge in der Behandlung der Kinder der Schule gegenüber, so heischen wir auch von der Schule peinliche Pflichterfüllung und zarte Rücksichtnahme den Kindern gegenüber. Niemand wird im Ernste behaupten wollen, daß alle Einrichtungen unserer Schulen das körperliche Gedeihen der ihnen anvertrauten Kinder in jeder Weise begünstigen oder auch nur ermöglichen. Die Classenzimmer sind vielfach zu eng und zu niedrig, als daß eine große Schaar von Schülern einen zuträglichen Aufenthalt darin fände. Die Ventilationsvorrichtungen sind an vielen Stellen so mangelhaft, daß die Luft nach wenigen Unterrichtsstunden total verdorben ist. Die Heizung ist hier und da so unzweckmäßig, daß die Lungen der Kinder dadurch Schaden leiden müssen, und mit der Einführung von technischen Neuerungen hat man es selbst in großen Städten kaum über das Stadium des Experimentirens hinausgebracht. Die Beleuchtung läßt zuweilen zu wünschen übrig; die Bänke und Tische entsprechen nicht überall ihrem Zwecke. Solche unleugbar vorhandenen Uebelstände sollten überall mit unerbittlicher Energie beseitigt werden; denn ihre Abhülfe gehört in der That zu den wichtigsten Aufgaben der öffentlichen Wohlfahrtspflege.

Eine brennende Schulfrage ist die der Ueberbürdung der Schüler und Schülerinnen mit häuslichen Arbeiten;“[1] sie beschäftigt nicht erst seit heute oder gestern die Welt. Seit Jahrzehnten wird sie im Familienkreise und am Biertische, in Volksversammlungen und in der Presse, in Directorenconferenzen und Parlamenten immer und immer wieder aufgeworfen, um von den Einen eifrig bejaht, von den Anderen heftig verneint zu werden. Der diese Zeilen schreibt, steht sich unbedingt und rückhaltlos auf die Seite Derjenigen, welche die Frage: ob Ueberbürdung oder nicht? bejahen. Er beruft sich dabei nicht nur auf Wahrnehmungen an seinen eigenen Kindern, sondern auch auf die Erfahrungen, die er als Gymnasiallehrer und Lehrer an einer höheren Töchterschule eine Reihe von Jahren hindurch gesammelt hat.

Die Anforderungen der Lehrpläne, vorzüglich der höheren Schulen, zu denen wir auch die sogenannten Töchterschulen rechnen, obgleich uns nicht unbekannt ist, daß dieselben wenigstens im Sinne der preußischen Verwaltung keine „höheren“ Schulen sind, wurden in den letzten Jahrzehnten so rapid gesteigert, daß die Schulen dieselben nur durch eine teilweise Abwälzung auf die dem Hause gehörigen Stunden bewältigen zu können glauben. Zwar fehlt es weder an gesetzlichen Untersagungen der Behörden noch an Warnungen der Directoren vor einer Ueberschreitung des zulässigen Maßes. Allein über dieses Maß gehen eben die Meinungen weit aus einander.

Ein zehnjähriges Mädchen hat sechs Stunden in der Schule gesessen und ist in Folge dessen abgespannt. Die Puppe winkt; der Garten lockt; die Mutter ruft zum Spaziergang – das Kind muß arbeiten. Da ist ein Aufsatz oder eine Abschrift anzufertigen, eine Uebersetzung zu machen; da sind Liederverse zu lernen, Vocabeln einzuschreiben, Exempel zu rechnen. Die schönsten Tagesstunden gehen hin, ohne daß das Kind eine tüchtige Bewegung im Freien, ein zerstreuendes Spiel im Hause vornehmen könnte.

In den mittleren und oberen Classen der Gymnasien sind die Ansprüche noch ungleich höher geschraubt: Halbwüchsige Jungen plagen sich bei der Studirlampe bis in die Nacht hinein mit lateinischen und griechischen Autoren herum. Es steht fest, daß das Familienleben durch die Uebermasse der Schularbeiten durchlöchert, getrübt, in gewisser Beziehung geradezu aufgehoben wird. Selbst die berühmten und hochgelobten freien Nachmittage am Mittwoch und Sonnabend werden durch Extra-Arbeiten beschnitten. Und wo bleiben die Musikstunden, zu denen der Geschmack der Gegenwart alle Mädchen und viele Knaben der gebildeten Stände verpflichtet? Es täte Not, daß man die schulfreien Sonntage dazu zu Hülfe nähme.

[592] Wie ist diesem Uebelstande abzuhelfen?

Immerhin wird eine genaue Controlle der aufgegebenen Arbeiten seitens der Directoren, sowie eine Verständigung der Classenlehrer unter einander über die häuslichen Arbeiten der Schule ersprießliche Dienste leisten. Wirksamer aber versprechen zwei andere Mittel zu werden, deren Anwendung nicht dringend genug empfohlen werden kann: Zunächst mögen die leitenden Stellen darauf bedacht sein, anstatt den Lehrplan von Jahr zu Jahr mehr zu belasten, denselben von allen Gegenständen, die nicht unbedingt zur Schulbildung gehören, frei zu machen. Auf unseren Gymnasien wird durchschnittlich viel zu viel Philologie getrieben; die Feinheiten der griechischen Grammatik z. B. gehören schlechterdings nicht in die Schule, auch nicht nach Prima. Philosophische Propädeutik und Logik mit Gymnasiasten zu treiben, will uns als purer Humbug erscheinen, und das massenhafte Einpauken von Jahreszahlen und Namen in den Geschichtsstunden ist fruchtlose Danaidenarbeit.

Sodann möge man dafür sorgen, daß die Schulstunden selbst eifriger und nutzbringender ausgebeutet werden! Fern sei es von uns, die Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue unseres Lehrerstandes auch nur mit einem Worte in Zweifel ziehen zu wollen. Allein die jetzt übliche Methode nöthigt ja die Lehrer geradezu, einen großen Theil fast jeder Stunde mit dem Durchsehen, Abfragen und Controlliren der häuslichen Arbeiten hinzubringen, während doch die Hauptarbeit in den Stunden, nicht aber zu Hause gemacht werden sollte. Jeder wackere Lehrer weiß, daß er eine lateinische Declination in einer einzigen Stunde mündlich sicherer einübt, als wenn er seinen Schülern zehn Beispiele zur häuslichen schriftlichen Ausarbeitung aufgiebt, die ohnehin meist gedankenlos und liederlich ausfällt. Zwanzig Homer-Verse, in der Stunde unter Anleitung des Lehrers geschmackvoll übersetzt, führen die Jünglinge in das Verständniß der griechischen Dichtung leichter und besser ein, als die bei vielfältiger Wälzung des Lexicons vorgenommene sogenannte Präparation eines halben Gesanges der Odyssee.

Wir behaupten mit gutem Bedacht, daß bei einer anderweitigen sehr wohl durchführbaren Vertheilung des Lehrstoffes zwischen Schule und Hans reichlich die Hälfte der Aufgaben, die durchschnittlich dem Hause aufgebürdet werden, den Kindern erlassen werden könnte, ohne daß die Leistungen irgend einer Schule darunter leiden würden.

Willkommene Unterbrechungen des täglichen Unterrichtes bilden die Ferien. Ferien – süßer Laut für jedes Knaben- und Mädchenherz, erlösendes Wort nach langer Plage und Haft! Welch eine Welt der Freiheit und Ungebundenheit thut sich in den Ferien für unsere Kinder auf! Auf alle Berge klettern die frei gewordenen Kleinen; in alle Höhlen kriechen sie; durch alle Büsche streifen sie.

Aber selbst in die herrlichen Ferien hinein verfolgt Schüler und Schülerinnen das Gespenst der Arbeit. Es mag zugegeben werden, daß unter gewissen Umständen Ferienaufgaben nothwendig und nützlich seien. Eine Repetition für Zurückgebliebene, eine Uebersetzung für einen Regentag mögen Eltern und Kindern zugute kommen. Aber Ferienarbeiten um jeden Preis, für Ostern so gut wie für Weihnachten und die Hundstage, scheinen zu den größten Verkehrtheiten zu gehören. Die Ferien sind nicht zur Arbeit, sondern zur Erholung und Zerstreuung bestimmt, und wenn die Kinder vom frühen Morgen bis zum späten Abend in der freien Natur sich bewegen, ohne auch nur an Grammatik und Katechismus zu denken, so haben sie dazu ihr gutes Recht. Verständige Lehrer verzichten schon deshalb auf alle Ferienarbeiten, weil sie wissen, daß dieselben von der Sonne der Freiheit zu grell beleuchtet, vom Sturmwinde der Ungebundenheit zu unbarmherzig zerzaust werden, als daß das Auge seine Freude daran haben könnte.

Eine andere Frage ist die nach der passendsten Zeit für die Ferien, in erster Linie für die in die Sommermonate fallenden.

Es dürfte nicht leicht sein, in dieser Beziehung alle Wünsche unter einen Hut zu bringen; denn während diejenigen Eltern, die es auf einen mehrwöchentlichen Familienaufenthalt in einem Badeorte oder einer Sommerfrische abgesehen haben, der bequemeren und wohlfeileren Miethen wegen den Juli vom ersten bis zum dreißigsten vorziehen würden, dürften Andere, denen diese Rücksicht fern liegt, die Ferien von Mitte Juli bis Mitte August wünschen, noch Andere die in der Rheinprovinz üblichen sechswöchentlichen von Mitte August bis Ende September mit Freuden begrüßen. Ob eine allgemeine, für das ganze Land oder wenigstens eine ganze Provinz gültige Ferienordnung durchführbar wäre, ist nur nach sorgfältiger Prüfung mannigfacher, zum Theil einander widersprechender Interessen zu entscheiden. Die Rücksicht aber sollte überall auf häusliche Verhältnisse genommen werden, daß wenigstens in einer und derselben Stadt alle Schulen gleichen Ranges dieselbe Ferienzeit inne hielten. Zu welchen Unzuträglichkeiten muß es führen, wenn die Söhne und Töchter eines und desselben Hauses zu verschiedenen Terminen ihre Sommerferien beginnen, weil vielleicht Gymnasium, Realschule und höhere Töchterschule unter verschiedener Verwaltung stehen oder die Dirigenten dieser Anstalten nicht den guten Willen haben, sich untereinander zu verständigen! Eine fatale Zersprengung des Familienzusammenhanges ist die unausbleibliche Folge eines derartigen Particularismus.

Nicht minder lästig ist die an etlichen Orten außerordentlich weit aus einander gehende Zeitfolge der Lectionen. Uns sind Städte bekannt, wo das Gymnasium seine Unterrichtsstunden selbst im Sommersemester um 8 Uhr beginnen und ununterbrochen bis 1 Uhr fortdauern läßt, während Realschule und Töchterschule von 7 bis 11 und von 2 bis 4 Uhr unterrichten. Nicht wenige Eltern haben gleichzeitig einen Sohn auf dem Gymnasium, einen andern auf der Realschule oder eine Tochter auf der Töchterschule. Der Gymnasiast kommt nicht vor 11/4 Uhr zu Tisch nach Hause; Bruder und Schwester müssen bereits 13/4 Uhr wieder zur Schule gehen – wie in aller Welt soll da die Hausfrau eine geordnete und ungestörte Mittagsmahlzeit herrichten? Die Augen der Behörden sehen doch sonst Manches – warum nicht solche offenbare Willkürlichkeiten?

Der Reform bedürftig ist heute an vielen Schulen auch der Turnunterricht. Glücklicher Weise sind die gymnastischen Uebungen, die einst bei wackeren Männern – unglaublich zu hören! – staatsgefährlich erschienen, in ihrer heilsamen Nothwendigkeit für die Jugend längst anerkannt. Aber was wollen zwei wöchentliche Turnstunden bedeuten gegenüber den dreißig und mehr Lectionen, die auf geistige Uebungen verwendet werden? Jeden Tag eine den Leibesübungen gewidmete Stunde dürfte kaum eine übertriebene Forderung genannt werden. Nur lege man sie nicht in die schulfreie Nachmittagszeit, sondern gliedere sie dem anderen Unterrichte als gleichberechtigt ein! – „Das ist nicht möglich,“ rufen viele Lehrer, „woher sollte die Zeit kommen? Welchen Fächern sollten die Stunden abgenommen werden?“ – Es ist doch möglich, und wenn es heute befohlen wird, sehen wir es morgen ausgeführt, und übermorgen leuchtet Manchem ein, wie gut es geht. Ein Quintaner lernt in acht wöchentlichen lateinischen Stunden gerade so viel wie in zehn, und die beiden gewonnenen Stunden sind seinen Muskeln und Lungen zugute gekommen.

Eines der stärksten Bindemittel zwischen Schule und Haus bilden die schriftlichen Censuren. Das ist ein Freudentag für Klein und Groß, wenn die Unterschrift der Classenlehrer bezeugt, daß des Schülers Betragen gut, seine Aufmerksamkeit lobenswerth, sein Fleiß vorzüglich befunden worden sind. Dagegen Wehklagen und ärgerliche Scenen pflegen nicht auszubleiben, wenn das verhängnißvolle Blatt in ganzen Colonnen das entsetzliche „ungenügend“ bei alten und neuen Sprachen, Wissenschaften und Künsten wiederholt und die gefürchtete „besondere Bemerkung“ versichert, daß Max viel tüchtigere Leistungen aufzuweisen gehabt haben würde, wenn er nicht durch sträflichen Leichtsinn und unüberwindliche Trägheit sich und seine Lehrer um die Früchte seiner erfreulichen Anlagen betrogen hätte. In Bezug auf die Abfassung der Schulzeugnisse dürfte ein Wunsch am Platze sein, den sicherlich schon manche Eltern bei der Durchsicht dieser bedeutungsvollen Urkunden gehegt haben. Häufig werden die Prädicate ausschließlich durch Zifferbezeichnungen ertheilt: Religion zwei, Deutscher Aufsatz drei, Schreiben eins etc. Diese rein formale Censirung mag für die Kenntnisse und Fertigkeiten genügen, umsomehr, als das Zeugniß in der Regel ein erläuterndes Schema der Ziffern und ihres Werthes enthält. Minder angemessen erscheint diese Numerirung da, wo es sich um das Betragen der Kinder handelt. Betragen: drei – was, heißt das im Grunde genommen? Hier wäre sehr zu wünschen, daß die Schule sich zu einer kurzen Aeußerung über die charakteristischen Eigenschaften ihrer Schüler: z. B. „vorlaut und empfindlich“, „bescheiden, aber nicht lebhaft genug“, herbeiließe. Einige Anstalten sind in diesen: Punkte mit einen: nachahmungswerthen Beispiele vorangegangen.

Wer über das Wechselverhältniß, in welchem Haus und Schule stehen oder stehen sollten, seine Meinung ausspricht, der kommt [593] leicht in die Versuchung eines Kindes, dem der Wunschzettel zur Weihnachtsbescheerung unter den Händen länger und immer länger geräth. Die Leser und vielleicht noch mehr die Leserinnen würden kaum in Verlegenheit kommen, wenn die Aufforderung an sie gerichtet würde, die obigen Bemerkungen auf Grund ihrer eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu ergänzen und zu vervollständigen. Allein das Gegebene möge genügen, um hauptsächlich einen Gedanken in möglichst helle Beleuchtung zu setzen, der zu guter Letzt mit um so größerer Unbefangenheit ausgesprochen werden möge, als er Vielen die amtlich oder privatim mit Schulen zu thun haben, nicht fremd und unsympathisch sein wird.

Durch unsere Zeit geht das Bestreben, für die Bildung der Jugend nicht weniger als Alles von der Schule zu erwarten. Diese in allen Tonarten wiederholte Verherrlichung der allein selig machenden Schule hat eine frappante Aehnlichkeit mit dem auf politischem Gebiete gegenwärtig stärker als je hervortretenden Bemühen, alles Heil des Volkes ausschließlich vom Staate zu begehren. Der Staat soll nicht nur die Sicherheit des Lebens und Eigenthums verbürgen, nicht nur die Unabhängigkeit des Vaterlandes schützen und den öffentlichen Verkehr vermitteln, sondern er soll womöglich auch das Versicherungswesen in die Hand nehmen, die wirthschaftlichen Angelegenheiten vom grünen Tisch aus regeln und jedem Bürger die Richtschnur seiner religiösen Ueberzeugungen vorschreiben. In ähnlicher Weise soll die Schule nicht blos auf Verbreitung nützlicher Kenntnisse und Fertigkeiten bedacht sein, sondern auch das ganze Erziehungswerk als ihr Monopol in Anspruch nehmen, den Unmündigen das eigene Denken ersparen und durch ihren alles beherrschenden Einfluß das gesammte Volksleben nach Gefallen lenken. Wenn diese Bestrebungen die Oberhand gewännen, so würden wir bald zu einer Schulallmacht gelangen, die nicht weniger bedenklich wäre, als die von bekannter Seite sehnlichst herbeigewünschte Staatsallmacht. Insbesondere würde dadurch die erziehende Mitwirkung des Hauses in beklagenswerther Weise beeinträchtigt werden. Schlimm genug, daß durch die socialen Zustände der Gegenwart das Haus ohnehin einen Theil seiner pädagogischen Macht eingebüßt hat! Ihm den Rest seiner Befugnisse schmälern, hieße die Wurzeln des nationalen Wohles an einer ihrer empfindlichsten Stellen beschädigen. Welche Schule, und sei sie die vortrefflichste, will sich anheischig machen, das Haus zu ersetzen, das Haus mit seiner Vatertreue und seiner Mutterliebe, seiner wohlthuenden Wärme, seinen heiligen Ueberlieferungen, seiner unbeschreiblichen Poesie, seiner Hingebung der Einzelnen an das Ganze und seiner Fürsorge des Ganzen für die Einzelnen? Was will die Schule leisten ohne die hülfreiche Unterstützung des Hauses? [594] Darum sollte sie sich wohl hüten, durch pietätlose Ausdehnung ihrer Macht auf die Competenzen des Hauses und willkürliche Uebergriffe in das Recht der Familie die freudige Mitwirkung der häuslichen Factoren zur leiblichen, geistigen und sittlichen Ausbildung der Jugend zu verscherzen und muthwillig den Haß auf sich zu laden, den jede Tyrannei unweigerlich nach sich zieht.

Wer die Bildersprache liebt, der mag das nahe Verhältniß, in welchem die Schule zum Hause und das Haus zur Schule steht, mit einer glücklichen Ehe vergleichen, in welcher die Schule die Rolle des ernsten, strengen, weitschauenden Vaters, das Haus die der milden, zärtlichen, selbstverleugnenden Mutter vertritt; beiden soll gleichermaßen das Wohl ihrer gemeinsamen Pflegebefohlenen am Herzen liegen, das Wohl der Stütze unseres Alters, der Hoffnung unseres Todes: das Wohl unserer Kinder.



  1. Wir gedenken der wiederholt von uns zur Sprache gebrachten Frage der Ueberbürdung der Schüler demnächst in einer ausführlichen Darlegung aus fachmännischer Feder abermals näher zu treten. Man vergleiche übrigens unseren Artikel „Schule und Nervosität“ in Nr. 1 dieses Jahrgangs!
    D. Red.