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Schiller’s Beerdigung (1805) und die Aufsuchung seiner Gebeine (1826)

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Autor: Julius Schwabe
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Titel: Schiller’s Beerdigung (1805) und die Aufsuchung seiner Gebeine (1826)
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46–47, S. 668–672, 683–686
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[668]
Schiller's Beerdigung (1805) und die Aufsuchung seiner Gebeine (1826).
Von Dr. Schwabe.[1]

Die Nr. 14 des laufenden Jahrganges der Gartenlaube bringt uns eine Mittheilung aus Goethes Leben; betitelt: „Eine ernste Stunde. Aus dem Leben Goethe’s, mitgetheilt und gezeichnet von einem Zeitgenossen des Dichters.“ Es wird uns darin erzählt, wie Goethe die einundzwanzig Jahre nach Schillers Tode aufgefundenen Ueberreste dieses seines großen Freundes geprüft und für ihre nochmalige Bestattung gesorgt habe. So anziehend der kleine Aufsatz geschrieben ist, so enthält er doch manche Unrichtigkeiten und läßt richtige und interessante Thatsachen unerwähnt. Da ich eine genaue und zuverlässige Kenntniß der bei Schiller’s Beerdigung, sowie bei der Aufsuchung seiner Gebeine concurrirenden Umstände besitze, so fühle ich mich zu einer Mittheilung darüber in Ihrem weitverbreiteten Blatte um so mehr berufen, als die heutige hundertjährige Feier der Geburt unseres geliebten Dichters gewiß das Interesse für jenen Gegenstand bei Ihren Lesern erhöht und belebt. Ausführlicher, als es hier geschehen kann, habe ich dies in einer besondern Schrift (bei Brockhaus) gethan, von der ich jedoch voraussetzen muß, daß sie nur einem kleinen Theile von den Tausenden Ihrer Leser bekannt ist.

Es sei mir gestattet, meine Mittheilungen mit der Beerdigung [669] Schiller’s zu beginnen, die von besonderen, vielfach besprochenen und fast immer falsch beurtheilten Umständen begleitet war. Meiner lieben Vaterstadt Weimar hat man den ungerechten Vorwurf gemacht, daß sie bei der Beerdigung ihres großen Bürgers eine unerklärliche Theilnahmlosigkeit gezeigt habe, weil Schiller bekanntlich in der Stille der Nacht, mit einem nur sehr kleinen Geleite, ohne Grabrede und sonstige Feierlichkeit zur Erde bestattet worden ist. Diese Thatsachen sind richtig, keineswegs aber der daraus gezogene Schluß. Die Kunde von dem so unerwartet eingetretenen Tode Schiller’s erregte in Weimar die allgemeinste, schmerzlichste Bestürzung, die sich sogar überall in den Straßen unter den sich Begegnenden so unverkennbar kund gab, daß diejenigen, zu welchen die Trauernachricht noch nicht gelangt war, sich ängstlich nach der Ursache dieser allgemeinen Bestürzung erkundigten.

Am tiefsten war natürlich die Trauer und der Schmerz in der Familie Schiller’s. Frau von Schiller war in Thränen aufgelöst. Außer ihren Kindern und ihrer damals auf Besuch bei ihr weilenden Schwester, der Frau von Wolzogen, ließ sie Niemanden zu sich in’s Zimmer. Die Sorge für die so peinlichen Vorbereitungen zur Beerdigung hatte sie in die Hände des befreundeten Consistorialrathes Günther gelegt, dabei aber ihren bestimmten Willen ausdrücklich ausgesprochen, daß die Beerdigung ganz in der Stille und ohne alles Gepränge vor sich gehen solle. Wohl wurde in Weimar der Wunsch laut, mit Schiller’s Leichenbegängniß eine der hohen Verehrung, deren der Verstorbene bei seinen Mitbürgern genoß, entsprechende Feier zu verbinden. Dieser Wunsch scheiterte jedoch an dem bestimmt ausgesprochenen Willen der Frau von Schiller. Der glaubwürdigste Zeuge hierfür, Frau von Wolzogen, sagt in ihrem Werke (Schiller’s Leben, II. 307): „Auf verschiedene Anträge zu einer andern Bestattung ging meine Schwester nicht ein.“

So wurden denn dem hierzu beauftragten Consistorialrath Günther die Vorbereitungen zur Beerdigung, dem Willen der Wittwe und den damals in Weimar bestehenden Gebräuchen gemäß, getroffen. Der letzteren möge hier noch kurze Erwähnung geschehen. Zu jener Zeit pflegte man in Weimar die eigentliche Beerdigung der Todten des Nachts in der Stille, ohne Geleite und ohne Grabrede, vorzunehmen und erst am Tage darauf die kirchliche Feier durch Absingen eines Liedes und durch eine priesterliche Trauerrede in der Gottesackerkirche zu begehen. Diese Feier nannte man die Collecte, und ihr wohnten diejenigen bei, welche ihre Theilnahme an dem Todesfall bezeigen wollten. Bei Sterbefällen in den höheren Ständen erboten sich gewöhnlich diejenigen Handwerksmeister, die für das Haus Arbeiten geliefert hatten, das Tragen des Sarges zur letzten Ruhestätte zu übernehmen, wofür sie in dem Sterbehause mit Wein und Kuchen bewirthet wurden. Die etwa noch fehlenden Träger wurden von den Zünften, die der Reihe nach abwechselten, gestellt und hierfür besonders bezahlt. Bei Schiller’s Beerdigung war die Zunft der Schneider an der Reihe.

Am 9. Mai 1805 war Schiller gestorben; in der Nacht vom 11. zum 12. Mai sollte er beerdigt werden.

Mein Vater, der wenige Jahre zuvor die Universität verlassen hatte und als Secretair bei der Landesregierung angestellt worden war, kehrte am Nachmittag des 11. Mai von einer mehrtägigen Geschäftsreise nach Weimar zurück. Hier empfing ihn die erschütternde Nachricht, daß Schiller gestorben sei und in der bevorstehenden Nacht um 12 Uhr ganz in der Stille von Handwerkern zu Grabe getragen werden solle. Mein Vater war ein begeisterter [670] Verehrer Schiller’s; es widerstrebte seinem Gefühl, daß den großen Dichter Männer zur Ruhe tragen sollten, die, so brav und wohlmeinend sie sein mochten, doch wenig oder keine Ahnung von dem Werthe des Dahingeschiedenen hatten. Sie wollten nur den „Herrn Hofrath von Schiller“ begraben, während Deutschland einen seiner größten und geliebtesten Söhne beweinte.

Mein Vater begab sich sofort in das Schiller’sche Haus und ließ die Frau v. Schiller, der er genau bekannt war, bitten, sie einen Augenblick sprechen zu dürfen, wurde jedoch nicht vorgelassen, auch als er wiederholt darum bat, mit dem Zusatze, daß sein Anliegen die Beerdigung ihres Gatten betreffe. Frau v. Schiller ließ ihm sagen, er möge sich an den Consistorialrath Günther wenden, welchem sie alle Anordnungen übertragen habe. Zu diesem eilte nun mein Vater; er eilte, denn die Zeit drängte, da die Beerdigung schon in sechs bis sieben Stunden vor sich gehen sollte.

„Frau v. Schiller hat mich zu Ihnen gewiesen, als ihrem Bevollmächtigten,“ redete er den geistlichen Herrn an. „So eben von einer Reise zurückgekehrt, höre ich, daß Schiller diese Nacht von Handwerkern zu Grabe getragen werden soll. Gestatten Sie, daß ich dieses heilige Geschäft mit mehreren meiner Freunde vollziehe.“

„Ja, lieber Freund,“ entgegnete Günther trocken, „dazu ist es nun zu spät. Ich habe bereits alle Anordnungen getroffen; die Handwerker, welche die Leiche tragen sollen, sind schon bestellt; daran läßt sich jetzt nichts mehr ändern. Wenn Sie bei Frau von Schiller waren, werden Sie auch erfahren haben, daß die Beerdigung in größter Stille vor sich gehen soll. Sie und Ihre Freunde können ja Ihre Theilnahme an dem Tode des verehrten Mannes bei der „Collecte“, die morgen Nachmittag drei Uhr gehalten werden wird, an den Tag legen.“

„Verzeihen Sie, wenn ich jetzt nichts von der Collecte hören mag, jetzt, wo die Stunde so nahe bevorsteht, in welcher Schiller zu seiner letzten Ruhestätte getragen werden soll. Diese heilige Handlung geht mir näher zu Herzen, als Ihre Collecte. Wollen Sie die Leiche eines Schiller von Leuten tragen lassen, die es vielleicht kaum vom Hörensagen wissen, daß es die Hülle unseres größten Dichters ist, die auf ihren Schultern ruht – während doch eine Anzahl inniger Verehrer des großen Mannes sich erbieten, ihm diese letzte Ehre zu erweisen?“

„Mein junger Freund,“ versetzte Günther, „Ihr Anerbieten verdient allerdings alle Anerkennung; aber, wie gesagt, es ist zu spät, und ich muß bedauern, Ihnen Ihre Bitte abschlagen zu müssen.“

„Herr Consistorialrath,“ sagte mein Vater, immer dringender werdend, „bedenken Sie, was Sie thun, bedenken Sie, was jetzt in Ihre Hand gegeben ist! Verharren Sie nicht bei Ihrer Weigerung, durch welche Sie eine Schmach auf sich, auf Weimar, auf Deutschland laden würden. Was wird man davon sagen, wenn man hört, daß der edelste Dichter, der Liebling der deutschen Nation, von bezahlten, gleichgültigen Leuten zu Grabe getragen worden ist?“

Das schien denn doch Eindruck auf Günther zu machen, und als mein Vater versprach, daß die größte Stille beobachtet werden sollte, auch, daß er für die Bezahlung der bereits bestellten Träger einzustehen sich verbindlich mache, da schienen die engherzigen Bedenklichkeiten Günthers zu schwinden, und er erkundigte sich nur noch, wer denn eigentlich die Männer seien, welche die Leiche tragen wollten.

Mein Vater stand einen Augenblick betroffen, da er für den Moment außer seiner eigenen Person noch Niemanden namentlich nennen konnte. Doch versicherte er, unter seinen Freunden seien Viele, welche gleicher Gesinnung mit ihm seien, und in wenigen Stunden werde er ein Verzeichniß derselben vorlegen.

Günther gab seine Einwilligung und die Handwerker wurden abbestellt.

Mein Vater eilte nun in der Stadt umher und suchte diejenigen unter seinen Bekannten auf, von denen er voraussetzen durfte, daß sie gern seinem Rufe Folge leisten würden. Am Abend ließ er denjenigen, die er nicht angetroffen hatte, ein Circular vorlegen, dessen Original mit den Unterschriften noch in meinen Händen ist.

In der Nacht halb ein Uhr kamen zwanzig junge Männer, theils Staatsdiener, theils Gelehrte und Künstler, in der Wohnung meines Vaters zusammen. Alle waren schwarz gekleidet, mit den damals üblichen Trauerhüten, Flören und Mänteln, für die mein Vater gesorgt hatte, versehen. Ernst und schweigend begaben sie sich nach dem Schiller’schen Hause, wo im Treppenflur der einfache, aber mit Kränzen reich behangene Sarg mit der Hülle des Dichters stand, von zwei daneben gestellten, trüben Kerzen matt beleuchtet. Weinen und Schluchzen klang dumpf durch die verschlossene Thüre eines nahen Zimmers. Geräuschlos traten sie ein, acht von ihnen nahmen die theure Bürde auf die Schultern, und im tiefsten Schweigen bewegte sich der kleine Zug, von zwei Laternen geleitet, durch die völlig menschenleeren Straßen nach dem in der Stadt gelegenen Jacobskirchhof. Kein feierliches Glockengeläute ertönte und keine Trauermusik, nicht einmal ein Geistlicher begleitete die Leiche; aber eine um so feierlichere, tief wehmüthige Stimmung erfüllte die Herzen der Träger und machte sich bei den meisten von ihnen in warmen Thränen Luft. Graue zerrissene Wolken jagten am Himmel hin, den vollen Mond bald länger verhüllend, bald seinen Strahlen auf Augenblicke sich öffnend, so daß der Zug sich bald in tiefem Dunkel, bald in jähem Wechsel von taghellem Lichte übergossen dahin bewegte. – Der Letzte der Leidtragenden, Registrator Irrgang, starb erst vor wenigen Jahren.

Auf dem Kirchhofe angekommen, setzte man den Sarg vor dem gleich rechts vom Eingange befindlichen sogenannten Cassengewölbe nieder, dessen unterirdische Räume den großen Todten aufnehmen sollten. Man nahm das Bahrtuch vom Sarge hinweg, und in demselben Augenblicke trat der schon längere Zeit von Wolken verhüllte Mond aus diesen hervor und beschien mit seinem sanften klaren Lichte auf einige Augenblicke den blumengeschmückten Sarg, nach diesem Abschiedsgruß sich wieder hinter dunkeln Wolken verbergend.

Der Sarg wurde wieder aufgehoben, in das kleine Gewölbe getragen und da durch eine Fallthür von den Todtengräbern in die Gruft hinabgelassen. Mit jenem eigenthümlich schauerlichen Rasseln wurden die Seile unter dem Sarge hinweg wieder herauf gezogen, die Fallthüre niedergelassen und die äußere Thüre des Gewölbes verschlossen. Schweigend wollten die Männer des Trauergeleites sich eben vom Kirchhofe entfernen, als ein die tiefe Stille unterbrechendes lautes Schluchzen ihre Aufmerksamkeit auf eine hohe männliche, in einen Mantel verhüllte Gestalt lenkte, die zwischen den Grabhügeln umherschwankte. Es war dies der Schwager Schiller’s, Herr von Wolzogen, der die Botschaft von Schiller’s Tode in Naumburg erhalten hatte. Er war sofort nach Weimar geeilt und kam gerade noch zur rechten Zeit an, um dem vom Trauerhaus bereits abgegangenen Leichenzuge dicht vor dem Kirchhofe sich noch anzuschließen. Die im Publicum stets lebendige Sucht nach abenteuerlichen, seltsamen Dingen hatte sofort herausgefunden, jene verhüllte Gestalt sei Goethe gewesen, der, obgleich selbst krank, es sich nicht habe versagen können, der Beerdigung seines Freundes beizuwohnen; Andere wollten sogar wissen, es sei der Herzog Karl August gewesen.

Goethe war damals schon längere Zeit körperlich sehr leidend. Ein schmerzhaftes und nicht ungefährliches Uebel, eine Nierenkolik hielt ihn mehrere Tage an’s Bett und wochenlang an’s Zimmer gefesselt. Mit dem ebenfalls kranken Freunde konnte er nur schriftlich, durch kurze Billets, verkehren. Sein Leiden war bereits im Abnehmen begriffen, während sich Schiller’s Krankheit immer gefährlicher gestaltete. Vom 24. April an hörte jener Briefwechsel auf, der eine so große Zierde unserer Literatur geworden ist und von der innigen Freundschaft der beiden großen Männer so erhebendes Zeugniß ablegt. Aus Schiller’s Schweigen und aus den zurückhaltenden Aeußerungen seiner Umgebung merkte Goethe recht wohl, daß er das Schmerzlichste, was ihm damals begegnen konnte, den Verlust des geliebten Freundes, zu fürchten habe. Man hörte ihn Nachts im Bette weinen. Voß, der Sohn des bekannten Dichters, damals Professor in Weimar und Schiller’s wie Goethe's Hausfreund, besuchte Goethen, als dieser den ersten, kurzen Gang in’s Freie in seinem Hausgarten wagte. Er fand ihn langsam und mit thränenerfüllten Augen zwischen den Beeten umher wandelnd. „Lebt Schiller noch?“ war seine erste bange Frage an Voß. „Noch lebt er!“ lautete die mit unsicherer Stimme gegebene, nichts Gutes verheißende Antwort. Goethe bedeckte das Gesicht mit der einen Hand, mit der andern winkte er Voß schweigend, ihn zu verlassen.

Als die Kunde von Schiller’s stillem, schmucklosem Leichenbegängniß die Runde durch die Welt machte, war man schnell mit harten, lieblosen Urtheilen darüber bei der Hand, die besonders [671] auch gegen Goethe gerichtet waren. „Goethe,“ so hieß es z. B. in einem von Archenholz geschriebenen Artikel in der Minerva (Jahrg. 1805, S. 548), „Goethe war der vieljährige vertraute Freund Schiller’s, er war Minister in Weimar, und that nichts zur Verherrlichung von Schiller’s Todtenfeier!“ Man beschuldigte ihn der Theilnahmlosigkeit, des kalten Egoismus. Goethe aber, als man ihm zwei Tage nach Schiller’s Tode die Trauerkunde nicht mehr verheimlichen konnte, verschloß sich in sein Zimmer, vergoß heiße Thränen und klagte, daß ihm die Hälfte seines Daseins entrissen sei.

„Die Selbstsucht sollt’ aus härtrem Stoff bestehen!“

Später äußerte sich Goethe mit wehmüthiger Befriedigung darüber, daß man, dem Willen der Frau von Schiller gemäß, den Freund still und einfach zur Ruhe getragen hatte. „Unangemeldet und ohne Aufsehen zu machen, kam er nach Weimar,“ sagte Goethe, „und ohne Aufsehen zu machen, ist er auch wieder von hinnen gegangen. Die Paraden im Tode sind es nicht, was ich liebe.“

Die sogenannte Collecte, die kirchliche Todtenfeier für Schiller, wurde am folgenden Tage Nachmittags drei Uhr gehalten. Die Nr. 39 des Weimarischen Wochenblattes vom Jahre 1805 bringt darüber folgende officielle Notiz:

Beerdigte bei der Stadtgemeinde.

„Den 12. Mai, des Nachts 1 Uhr, wurde der in seinem 46. Lebensjahre verstorbene Hochwohlgeborene Herr, Herr Dr. Carl (irrig statt Johann Christoph) Friedrich von Schiller, Fürstl. S. Meiningscher Hofrath, mit der ganzen Schule erster Classe, in das Landschaftscassen-Leichengewölbe beigesetzt und Nachmittags 3 Uhr des Vollendeten Todesfeier mit einer Trauerrede von Seiner Hochwürden Magnificenz, dem Herrn Generalsuperintendent Vogt in der St. Jacobskirche begangen, und von Fürstl. Kapelle vor und nach der Rede eine Trauermusik aus Mozart’s Requiem aufgeführt.“

Diese Collecte fand in sehr ergreifender Weise und unter allgemeiner Theilnahme statt, die geräumige Kirche vermochte die Menge der Zuhörer bei weitem nicht zu fassen, sodaß der größte Theil derselben vor den Eingangsthüren dicht gedrängt stand.

Durch jene Beerdigungsanzeige des Weimarischen Wochenblattes wurde Hoffmeister in seinem bekannten Werke über Schiller veranlaßt, zu sagen:

„Alle Schüler der ersten Classe des Gymnasiums gingen dem Sarge voran,“

wobei er sich auf jenen Artikel des Wochenblatts bezieht. Zu diesem Irrthum wurde er veranlaßt durch den Ausdruck „mit der ganzen Schule erster Classe,“ womit man in Weimar, wie in vielen andern Orten, eine der Abstufungen in der Art der kirchlichen Beerdigungsfeier und in den dafür zu entrichtenden kirchlichen Gebühren bezeichnete.



II.

Der Consistorialrath Günther hatte pflichtgemäß dafür gesorgt, daß Schiller auch „standesgemäß“ beerdigt wurde. Schiller war nicht in die Reihe der gewöhnlichen, bürgerlichen Todten gekommen; über seinem Grabe erhob sich kein mit freundlichem Grün und Blumen geschmückter Hügel, sondern ein kleines, düsteres Gebäude stand über der Gruft, in welcher der edle Dichter in Gemeinschaft mit 22 vornehmen, meist adligen Todten, den ewigen Schlaf schlief. Da lagen sie untereinander, die Gebeine von Excellenzen, Geheimräthen, Kammerherren und Hofdamen bis herab zu den Hofräthen, untermischt mit den Trümmern zerfallener Särge. Da lagen sie Alle, meist vergessen und verschollen, und nur der unsterbliche Name Schiller schwebte wie ein Stern über dem kleinen, finsteren Hause. Dieses Haus mit dem darunter befindlichen Grabgewölbe war Eigenthum der sogenannten Landschaftscasse und hieß daher das Cassengewölbe. Es war nur wenige Fuß lang, breit und hoch, von Stein erbaut und mit einem spitz zulaufenden kleinen Schieferdach bedeckt. Der einzige darin befindliche kleine Raum hatte keine Fenster und erhielt seine düstere Beleuchtung nur durch die in der oberen Hälfte aus Eisengittern bestehende Thüre. Der Boden war mit Steinen gepflastert, und in der Mitte befand sich eine große Fallthüre, durch welche die Särge an Seilen hinab in die Gruft gelassen wurden. Auf einer bis zu dieser Fallthüre reichenden alten Leiter konnte man hinab in die von Moder und Verwesung erfüllte Gruft steigen.

Dieses Gewölbe wurde zur Beisetzung von Leichen aus den höheren Ständen, deren Familien kein besonderes Erbbegräbniß besaßen, benutzt. Für jeden solchen Fall war ein schriftlicher Erlaubnißschein des Landschaftscollegiums nöthig, der zwar gratis gegeben wurde, aber für welchen man den ihn ausstellenden Secretair mit zwei, drei Speciesthalern, auch mit einem Louisd’or zu honoriren pflegte. Ueber die im Cassengewölbe beigesetzten Leichen wurde in den Acten des Landschaftscollegiums ein sorgfältiges Register geführt, ein Umstand, der sich später bei der Aufsuchung der Gebeine Schiller’s als sehr wichtig herausstellte.

Wie im Leben die vornehme Welt von der Etiquette vielfach geplagt und beengt wird, so waren auch hier in den Räumen des Todes die im Cassengewölbe beigesetzten vornehmen Todten viel weniger gut daran, als die Schläfer, die draußen unter Gras und Blumen jeder sein eigenes Bett hatten. Im Cassengewölbe herrschte ein gräuliches Durcheinander. Die kleine Gruft faßte nur zwanzig bis fünfundzwanzig ihrer stillen Gäste. Die Särge wurden durch die Fallthüre hinabgelassen, oft ohne daß erst der Raum unten freigemacht worden wäre. So kamen Särge auf Särge zu stehen; durch den Moder und durch das drückende Gewicht der oberen Särge brachen die unteren auseinander, und ihre Trümmer lagen mit den herausgefallenen Gebeinen, mit Resten von Leichenkleidern vermengt. Die Verwesung ging in diesem Gewölbe sehr rasch vor sich, da die Feuchtigkeit bei der abhängigen Lage des Ortes ungehinderten Zutritt hatte. Wenn nun der Raum da unten gefüllt war, was etwa alle dreißig bis vierzig Jahre eintrat, so ordnete das Landschaftscollegium an, daß das Cassengewölbe „aufgeräumt“ werden sollte. Dann wurde in einem Winkel des Kirchhofes eine Grube gegraben, die Gebeine und Sargreste in der Gruft wurden herausgeschaufelt, nach jener Grube transportirt und da wieder mit Erde bedeckt, und damit waren die letzten körperlichen Spuren von dem einstigen Dasein der im Cassengewölbe „standesgemäß“ Beigesetzten für immer verwischt.

Ein und zwanzig Jahre waren seit Schiller’s Beerdigung dahingegangen Es war im März 1826, als mein Vater, der seit sechs Jahren Bürgermeister von Weimar war, vernahm, daß ganz in Kurzem eine Aufräumung in der Todtengruft des Cassengewölbes vorgenommen werden solle, wozu bereits der Befehl vom Landschaftscollegium ertheilt worden sei. Da fiel es ihm schwer auf’s Herz, daß durch diese Aufräumung auch Schiller’s Gebeine spurlos und für alle Zeiten verloren gehen würden. Dies zu verhüten, begab er sich sofort zu dem Präsidenten des Landschaftscollegiums, Weyland, von dem er sich den Zutritt zum Cassengewölbe auswirkte, um darin Nachsuchungen nach Schiller’s Sarg anzustellen. Er sprach dabei seine Absicht aus, die Beisetzung der irdischen Ueberreste Schiller’s in einem auf dem seit acht Jahren angelegten neuen Gottesacker zu errichtenden Grabmonumente zu beantragen. Weyland gab gern seine Einwilligung und beauftragte zwei seiner Subalternen das Cassengewölbe für meinen Vater und diejenigen Personen, welche dieser zuziehen würde, zu öffnen.

Es fanden nun jene Nachforschungen nach Schiller’s Gebeinen statt, welche mit Eifer und Begeisterung begonnen, bald ihrer anscheinend völligen Hoffnungslosigkeit wegen wieder aufgegeben, dann aber wieder aufgenommen und endlich mit dem glücklichsten Erfolge gekrönt wurden.

Auf die Einladung meines Vaters fanden sich mit ihm sein Bruder, der Leibarzt Dr. Schwabe, der Oberbaudirector Coudray und der Kanzlist Rudolph, welcher letztere Schiller’s Bedienter in dessen letzten Lebensjahren gewesen war, nebst dem vom Landescollegium bestellten Inhaber des Schlüssels, Registrator Stötzer, am 13. März 1826 auf dem Kirchhof beim Cassengewölbe ein.

Bevor man in die Gruft hinabstieg, versicherten Rudolph und Stötzer, der Schiller’sche Sarg müsse einer der längsten unter den im Gewölbe befindlichen sein. Sodann wurde aus den mit zur Stelle gebrachten Landschaftscollegial-Acten „über Beisetzung von Leichen im Cassengewölbe“ das Verzeichniß derjenigen Personen vorgelesen, deren Leichen kurz vor und kurz nach Schiller beigesetzt worden waren.

Die Hoffnung, sich auf diese Weise die Nachforschung zu erleichtern, wurde sehr durch die Bemerkung des mit anwesenden Todtengräbers Bilke geschwächt, nach welcher die Särge keineswegs mehr in der Ordnung, in welcher sie beigesetzt waren, standen; namentlich waren sie bei den letzten Beisetzungen sehr durcheinander gestellt worden.

Man stieg nun mit einigen Laternen auf der vorhandenen [672] Leiter hinab in die Todtengruft, wo man die von der Fäulniß noch nicht zerstörten Särge in wilder Unordnung durch- und aufeinander stehen sah. Einer von denen, die zu gleicher Erde standen, schien die übrigen an Länge zu übertreffen. Der Todtengräber und sein Gehülfe sollten die auf demselben stehenden Särge vorsichtig herunterheben, aber sowie sie den Versuch dazu machten, brachen die vom Moder völlig zerfressenen Särge in sich zusammen und bildeten einen Haufen von halbverfaulten Bretern, Moder und menschlichen Gebeinen.

[683] Näher und näher rückte der gefürchtete Tag der Aufräumung des Cassengewölbes; der Gedanke an Schiller’s Gebeine ließ meinem Vater keine Ruhe. Er war im Besitz eines trefflichen Gipsabgusses, welchen der bekannte Bildhauer Klauer am Tage nach Schiller’s Tode von dessen Gesicht genommen und meinem Vater verehrt hatte. Sollte es nicht möglich sein, aus den Schädeln in der Gruft den Schädel Schiller’s durch Vergleichung mit dem vorhandenen Gypsabguß herauszufinden? Dann war doch „das geheime Gefäß, das einst Orakelsprüche gespendet“, wie Goethe in seinem bekannten Gedicht Schiller’s Schädel nennt, „die Schale, die einst so herrlich edlen Kern bewahrte“, der Vernichtung entzogen! Mit Macht wurde mein Vater von diesem Gedanken erfaßt und zu neuem Eifer angetrieben. Dieser von warmer Begeisterung für den Dichter angefachte Eifer überwog sogar einige nicht leichte Bedenken, die sich den wieder aufzunehmenden Nachsuchungen in den Weg stellen wollten. Zu letzteren hatte mein Vater weder als Privatmann, noch als Beamter das Recht. Vom Oberconsistorium, welches als geistliche Oberbehörde das Aufsichtsrecht über den Kirchhof und dessen Grabstätten hatte, war es bereits übel vermerkt worden, daß die ersten Nachsuchungen nach Schiller’s Gebeinen ohne vorher geziemend nachgesuchte Erlaubniß vorgenommen worden waren. Wenn nun das Landschaftscollegium auch jetzt wieder Ja sagte, so [684] konnte es sich doch leicht ereignen, daß das Hochpreisliche Oberconsistorium Nein sagte. Der Behördengang nahm zu jenen Zeiten oft wunderliche, labyrinthische Richtungen, mindestens wäre die Sache durch Competenzfragen etc. in’s ungewisse Weite hinausgeschoben worden. Nun waren dem Todtengräber zum Zwecke der Ausräumung des Cassengewölbes bereits die Schlüssel vom Landschaftscollegium übergeben worden; also die Zeit drängte! Der Todtengräber war als städtischer Diener Untergebener des Bürgermeisters. Diese seine Stellung benutzte mein Vater, allerdings mit einer unzweifelhaften Ueberschreitung seiner Competenz, wegen deren ihm gewiß heutzutage Niemand mehr zürnen wird. Er verpflichtete den Todtengräber Bilke und drei als zuverlässige Männer ihm bekannte Arbeiter zum tiefsten Stillschweigen, und mit ihnen nur von einem treuen Diener begleitet begann er in der Stille der Mitternacht am 19. März 1826 die neuen Forschungen im Reiche der Todten.

Einzeln und ohne Laternen fanden sich die sechs Männer in jener Nacht am Cassengewölbe ein. Mit der äußersten Vorsicht und Stille wurde die Thüre desselben geöffnet und mit einer der dort bereit gehaltenen Laternen stieg einer von den Arbeitern hinab in die Todtengruft, und hier erst wurde die Laterne angezündet, worauf die Anderen nachfolgten und noch einige Lichter anzündeten.

Mein Vater ließ sämmtliche Sargtrümmer auf einen Haufen, auf einen zweiten alle Gebeine, und auf einen dritten Haufen die Schädel sammeln. Daß dies keine kleine Arbeit war, wird man begreifen, wenn man bedenkt, daß es galt, ein Chaos von dreiundzwanzig Begrabenen und deren Särgen zu entwirren. Auch dauerte die Arbeit drei Nächte hindurch, jedesmal von zwölf bis gegen drei Uhr. Mein Vater saß bei diesen Nachforschungen auf einer Sprosse der Leiter, die von der Oberwelt herabführte, und dirigirte von hier aus die Arbeiter. Durch eifriges Tabakrauchen suchte er sich den Aufenthalt in der vom abscheulichsten Moderduft erfüllten Atmosphäre erträglich zu machen.

In der dritten Nacht halb drei Uhr wurden die unterirdischen Arbeiten beendet. Kein Winkel war undurchsucht geblieben, selbst die obere Erdschicht war durchwühlt worden. Das Resultat der Nachsuchungen waren dreiundzwanzig Schädel, die mein Vater in einen Sack packen und in seine Wohnung tragen ließ. Hier wurden sie auf einer Tafel neben einander aufgestellt, und hier war es, wo die Phrenologie (oder Schädellehre), welche damals wie jetzt weniger Bekenner zählte, als sie verdient, einen stillen, aber großen Triumph feierte. Denn wie der Gott unter den Hirten, so hob sich unter den drei und zwanzig Schädeln einer herrlich und mächtig hervor, ausgezeichnet durch Größe und regelmäßige edle Formation. Mein Vater war kein Phrenolog, aber gleichwohl rief er, als er die aufgereihten Schädel überblickte, auf einen derselben zeigend, sofort aus: das muß Schiller’s Schädel sein! Er holte nun den Klauer’schen Gypsabguß herbei und stellte mit dem Schädel vergleichende Messungen an, welche ihm die Ueberzeugung gaben, daß der wirkliche Schiller’sche Schädel gefunden war. Noch einmal aber mußte er sich entschließen, einen nächtlichen Gang in die Gruft des Cassengewölbes zu machen. Derselbe galt der Aufsuchung der zum Schädel gehörigen Kinnlade. Der Schädel wurde mit an Ort und Stelle genommen, und hier die aus den übrigen Gebeinen hervorgesuchten Kinnladen daran gepaßt. Bald fand sich auch eine solche, die genau in die Gelenkflächen des Schädels paßte. Nach Haus zurückgekehrt, versuchte mein Vater, die gefundene Kinnlade den übrigen 22 Schädeln anzupassen; doch der für den Schiller’schen erkannte Schädel war bei der beträchtlichen Größe des Abstandes der beiderseitigen Gelenkflächen der einzige, an welchen diese Kinnlade paßte.

Sehr beweiskräftig für die Echtheit des Schiller’schen Schädels war der Umstand, daß an demselben, wie an der dazu gehörigen Kinnlade die sämmtlichen, wohlerhaltenen und gesunden Zähne noch vorhanden waren, mit Ausnahme eines einzigen fehlenden Zahnes der unteren Reihe. An sämmtlichen übrigen 22 Schädeln waren die Gebisse äußerst schadhaft, an vielen fehlten die Zähne bis auf einzelne Stifte ganz, an anderen waren sie höchst unvollständig und schadhaft. Alle aber, die Schillern persönlich gekannt hatten, erinnerten sich noch wohl, daß derselbe bis zu seinem Tode sich eines vortrefflichen, durchaus gesunden Gebisses erfreut hatte. Nur einen einzigen Zahn hatte sich Schiller, wie sein damaliger Bedienter bekundete, ausziehen lassen, als er in Jena Professor war.

Seine persönliche Ueberzeugung von der Echtheit des kostbaren Fundes genügte meinem Vater nicht. Er lud eine Anzahl Personen, welche Schillern genau gekannt hatten, zu sich ein und führte Jeden einzeln in das Zimmer, in welchem die dreiundzwanzig Schädel auf einer großen Tafel in Reihe und Glied aufgestellt waren. Ohne Ausnahme erklärten Alle nach kurzer Beschauung einen und denselben Schädel für den Schiller’schen.

Die vergleichenden Messungen, welche mein Vater an dem aufgefundenen Schädel und an dem Klauer’schen Gypsabguß vorgenommen hatte, wurden auf sein Ersuchen von den drei angesehensten Aerzten der Stadt wiederholt angestellt, und ergaben das Resultat, daß der Schädel ganz unzweifelhaft derselbe sein müsse, über welchen jener Abguß genommen worden war, während die Maße bei keinem der übrigen zweiundzwanzig Schädel, die sämmtlich viel kleinere Dimensionen zeigten, auch nur annähernd zutrafen.

Endlich möge nicht unerwähnt bleiben, daß mein Vater sich die Acten des Landschaftscollegiums über die Beisetzung von Leichen in das Cassengewölbe zur Durchsicht erbat. Aus denselben ging hervor, daß seit der letzten Ausräumung des Gewölbes dreiundzwanzig Leichen in dasselbe beigesetzt worden waren, welche Zahl mit der der aufgefundenen Schädel übereinstimmte. Schiller’s Schädel mußte also darunter sich befinden.

Nachdem so die Echtheit des Fundes constatirt war, begab sich mein Vater mit demselben zunächst zu Goethe, dem er referirte, wie es ihm gelungen sei, den theuern Ueberrest der Vernichtung zu entziehen. Mit dem lebendigsten Interesse hörte Goethe die Mittheilungen meines Vaters an, und die tiefste Rührung war auf seinen edlen Zügen sichtbar, als er nun den Schädel in die Hand nahm und ihn sinnend betrachtete. „Da, sehen Sie,“ sprach Goethe nach langem Schweigen, „sehen Sie diesen eigenthümlichen horizontalen Streifen an der oberen Zahnreihe. An ihm allein würde ich Schiller’s Schädel aus Tausenden heraus erkannt haben. An keinem Menschen, außer an Schiller, habe ich diese Eigenheit je bemerkt.“

In der That war ein die obere Zahnreihe entlang laufender horizontaler feiner Streif sichtbar, der in der besonderen Structur von Schiller’s, übrigens vortrefflichen, schönen Zähnen seinen Grund hatte.

Goethe dankte meinem Vater in herzlichen Worten und bat ihn, den Schädel zunächst in seiner Verwahrung zu lassen.

Bekanntlich sprach Goethe die poetischen Betrachtungen und Gefühle, welche durch die Auffindung von Schiller’s Schädel in ihm erregt wurden, in jenen trefflichen Terzinen aus, welche die einzigen sind, die er in seiner langen Dichterlaufbahn gemacht oder doch veröffentlicht hat. Man findet dieselben am Schluß von Meisters Wanderjahren, hinter den Aphorismen aus Makariens Tagebuche, mit lateinischen Lettern abgedruckt. Mit dem bittersten Unrecht hat man aus diesem Gedicht den Vorwurf abgeleitet, Goethe habe sich in jenen Versen das Verdienst der Auffindung von Schiller’s Schädel zuzueignen gesucht. In dem Anhang zu meiner Schrift über Schiller’s Beerdigung etc. glaube ich überzeugend dargethan zu haben, daß dieses kleinliche Motiv Goethen bei der Abfassung des Gedichtes ganz fern lag.

Was sollte nun mit Schiller’s Schädel geschehen? Nach der Absicht meines Vaters, zu welcher die Angehörigen der Schiller’schen Familie ihre Zustimmung gegeben hatten, sollte der kostbare Ueberrest auf dem höchsten Punkte des vor der Stadt neuangelegten Gottesackers der Erde übergeben, und die Stelle, wo dies geschah, durch ein Denkmal bezeichnet werden. Dasselbe würde bei der freien, ansteigenden Lage des Gottesackers nach allen Seiten hin sichtbar gewesen sein, und schon von weitem würde der der Stadt sich nähernde Wanderer die Grabstätte des Lieblingsdichters der Nation haben unterscheiden können. Dieser Plan fand jedoch nicht die Beistimmung des Großherzogs Karl August und Goethe’s. Der Großherzog hatte von der Familie Schiller’s die bekannte schöne Marmorbüste des Dichters, von Dannecker im Jahre 1805 meisterhaft ausgeführt und der Familie des letzteren als Geschenk verehrt, für den Preis von 200 Ducaten angekauft und im großen Saale der Bibliothek, gegenüber der Trippelschen Büste Goethe’s, aufstellen lassen. In dem Postament zur Schillerbüste sollte Schiller’s Schädel feierlich deponirt und hier aufbewahrt werden.

Die Begehung dieser Feierlichkeit verschob man bis zur Ankunft des jüngsten Sohnes Schiller’s, des Appellationsgerichtsassessors Ernst von Schiller aus Köln.

[685] Am Sonntagmorgen des 17. September 1826 versammelten sich im Saale der Bibliothek, außer dem Bibliothekpersonal, auf vorhergegangene Einladung eine Anzahl Staatsdiener, die theils der Schiller’schen Familie nahe gestanden, theils die Leiche des Dichters zu Grabe getragen hatten, oder bei der Auffindung seiner irdischen Ueberreste thätig gewesen waren.

Goethe selbst hatte die Absicht gehabt, dem Actus persönlich beizuwohnen, allein er fühlte sich am Morgen vor der Feier so bewegt, daß er, eine weitere Steigerung seiner Gefühle befürchtend, seinen Sohn, den geheimen Kammerrath von Goethe, mit seiner Stellvertretung beauftragte.

Ernst von Schiller eröffnete die Feier mit einer kurzen Rede, in welcher er zunächst meinem Vater dankte für den unermüdlichen Eifer bei der Aufsuchung der irdischen Ueberreste seines Vaters. Dann erklärte er sein und seiner Familie vollkommenes Einverständniß mit der Idee des Großherzogs, den Schädel Schillers nicht wieder der Verwesung zu übergeben, sondern ihn hier, auf der großherzoglichen Bibliothek, für die Nachwelt aufzubewahren. Er übergab ihn hierauf dem seinen Vater repräsentirenden geheimen Kammerrath von Goethe.

Dieser dankte der Schiller’schen Familie im Namen seines Vaters, welchen er zugleich wegen seiner Abwesenheit entschuldigte. Möge der schöne Eingang dieser Rede hier wörtlich Platz finden, wobei ich bemerke, daß sowohl Ernst v. Schiller’s, wie des Kammerraths von Goethe Rede von Goethe dem Vater verfaßt und nebst der darauf folgenden Rede des Kanzlers von Müller ihrem ganzen interessanten Inhalte nach in meinem oben erwähnten Schriftchen mitgetheilt sind.

„Die erste Pflicht,“ so begann Goethe’s Rede, „welche ich heute zu erfüllen habe, ist die, meinen Vater zu entschuldigen, daß er diesem feierlichen, hochwichtigen Acte nicht selbst beiwohnen kann. Es war früher sein fester Wille, dieses zu thun, doch am heutigen Morgen wurden in ihm alle die Gefühle mächtig rege, welche jene Vergangenheit vorüberführten, wo er mit seinem geliebten, unvergeßlichen Freunde, Friedrich von Schiller, die schönsten Tage verlebt, auch manche Trauer erduldet hatte – einem Freunde und Zeitgenossen, dessen früher Tod einen Riß in das Leben meines Vaters brachte, welchen weder Zeit noch Mitwelt zu heilen im Stande war.“

Im weitern Verlaufe der Rede hieß es, der Schädel Schiller’s solle in dem Postament der Dannecker’schen Büste unter Verschluß gelegt werden, und „nur solchen Personen die Anschauung des Verwahrten verstattet sein, von denen man mit Gewißheit voraussetzen könne, daß nicht Neugierde ihre Schritte leite, sondern das Gefühl, die Erkenntniß dessen, was jener große Mann für Deutschland, für Europa, ja für die ganze cultivirte Welt geleistet hat.“

Der feierliche Actus wurde mit den erhebenden Worten der Weihe geschlossen, welche der geistvolle Kanzler von Müller sprach.

Die Verwahrung von Schiller’s Schädel auf der Bibliothek erfuhr die verschiedenartigste Beurtheilung. Während man sich einerseits freute, daß der kostbare Ueberrest der Vernichtung entzogen war und bleiben sollte, sprach man sich andererseits sehr mißbilligend darüber aus, daß Schiller’s Schädel, statt wie andere christliche Gebeine in der Erde zu verwesen, auf der Bibliothek mit anderen Raritäten aufbewahrt werden sollte. So erklärte der Generalsuperintendent Röhr in einem die zeitherige Ruhestätte Schiller’s, das Cassengewölbe, betreffenden Aktenstücke unter anderm: „Ob und was mit der Schiller’schen Leiche geschehen ist, davon weiß ich als Oberpfarrer und Superintendent hiesiger Stadt officiell bis auf diesen Tag (October 1826) – nichts. Nur von der Schädel-Ceremonie auf der Bibliothek habe ich in öffentlichen Blättern gelesen, und mich in Leipzig in einer großen Gesellschaft geistreicher Männer fragen lassen müssen: „Wie das gesittete Weimar mit seinen großen Geistern so huronenmäßig verfahren könne?“ Ich hatte darauf keine Antwort, konnte aber die Frage nicht unangemessen finden.“

Den Beweis, wie entgegengesetzt seine Bemühungen zur Auffindung von Schiller’s Schädel beurtheilt wurFetter Textden, erfuhr mein Vater an seiner Person dadurch, daß ihm vom Oberconsistorium ein gemessener Verweis zuging, während ihm der Großherzog Karl August im October desselben Jahres seinen Hausorden verlieh.


III.

In Goethe war indeß der Gedanke lebendig geworden, zu dem aufgefundenen Schädel auch die übrigen noch vorhandenen Ueberreste Schiller’s der Vernichtung zu entziehen. Als guter Osteolog wußte er, daß es möglich ist, aus einem Haufen menschlicher Gebeine die zusammengehörigen herauszufinden.

Bereits einige Tage nach der Feier der Niederlegung von Schiller’s Schädel auf der Bibliothek ließ er den Prosector an der anatomischen Anstalt, Dr. Schröter, und den Museumschreiber Färber, welcher Letztere früher Schiller’s Diener gewesen war, von Jena nach Weimar kommen, um von ihnen die Aufsuchung von Schiller’s Gebeinen vornehmen zu lassen. Diese beiden Männer begaben sich mit dem Schädel in die Gruft des Cassengewölbes, und es gelang ihnen bald, das zu dem Schädel gehörige Knochengerüst, wenn auch nicht ganz vollständig, doch nur mit Ausnahme weniger Theile des Skelets, aufzufinden und zusammen zu fügen. Unter dem 30. September 1826 überreichten sie das schriftliche Verzeichniß der aufgefundenen und der fehlenden Theile.

Goethe war über die glückliche Erreichung seiner Absicht sehr erfreut.

Die aufgefundenen Ueberreste Schiller’s wurden in einen blau ausgeschlagenen Sarg gelegt, und blieben auf der Bibliothek in Verwahrung. Der Schädel kam wieder in das Fußgestell der Dannecker’schen Büste.

Indem ich mich dem Schluß dieses Aufsatzes nahe, erfaßt mich ein schmerzliches Bedauern, welches gewiß auch die meisten meiner Leser theilen werden, daß das, was ich nun noch mitzutheilen habe, nur eine herrliche Idee blieb, ohne, wie so vieles Schöne im Leben, zur Ausführung zu kommen.

Wenige Monate nach den eben geschilderten Vorgängen erließ der Großherzog Karl August folgendes merkwürdige Rescript an die Landesdirection:

„An die Landesdirection zu Weimar.

Wir Karl August, Großherzog etc. etc.

Es ist Uns der Gedanke und Vorschlag hinterbracht worden, daß für Unsern wirklichen Geh. Rath und Staatsminister von Goethe, Ezcellenz, und für den verstorbenen Hofrath von Schiller ein Denkmal errichtet werden möge, in welchem die irdischen Ueberreste des Letzteren und dereinst auch des Ersteren beigesetzt werden könnten, daß hierzu aber ein mehr geeigneter Platz nicht aufzufinden sei, als der obere Theil des an den neuen Gottesacker vor dem Frauenthor stoßenden, dem hiesigen Stadtrath eigenthümlich zustehenden Grundstückes, welches ohnehin früher oder später zu dem nicht hinlänglich geräumigen Gottesacker beizuziehen sein würde. Da Wir der Ausführung eines solchen Gedankens nicht entgegen sein wollen, so weisen Wir Unsere Landesdirection gnädigst an, jenes zu einer Centralbaumschule eingerichtete Grundstück dem hiesigen Stadtrath zurückzugeben und das dafür bisher aus dem Polizeifonds gezahlte Pachtgeld wieder einzuziehen, damit der erforderliche Platz zu jenem Denkmal davon abgetreten, der übrige Theil künftig, so weit nöthig, zu dem Gottesacker mit gezogen werden könne.

Es wird hiernach darauf Bedacht genommen werden müssen, die Baumschule, deren gegenwärtige, durch die Thätigkeit und Einsicht des Sccretairs Wangemann bewirkte gute Verfassung Uns angerühmt worden, auf einen andern Platz zu versetzen, und Wir sind nicht abgeneigt, hierzu selbst die Hand zu bieten, wenn sich unter den von Unserer Disposition abhängenden Grundstücken ein dazu passendes vorfindet, welches entbehrt werden kann.

Wir glauben übrigens erwarten zu dürfen, daß der Stadtrath mit Rücksicht auf den Zweck der Verwendung für den zur Errichtung des Denkmals zu überlassenden Theil jenes Grundstückes um so weniger eine Entschädigung in Anspruch nehmen werde, als Wir dagegen die Kapelle der auf dem Gottesacker erbauten Fürstengruft zu dem Gebrauch bei städtischen Leichenbegängnissen eingeräumt, und der Stadt dadurch einen außerdem nicht zu vermeidenden, beträchtlichen Aufwand erspart haben.

Daran geschieht Unser Wille etc. etc.
Weimar, den 6. Februar 1827.

Karl August, 

Großherzog zu Sachsen.

C. W. Frhr. v. Fritsch.“

Dieses höchste Reskript wurde von der Landesdirection dem Stadtrathe zu Weimar abschriftlich zugefertigt. Mein Vater, als Vorsitzender des letzteren, hielt in voller Rathsversammlung darüber Vortrag, und sprach dann in einem Berichte vom 8. März 1827 die freudige Bereitwilligkeit der Väter der Stadt aus, auf die landesfürstlichen [686] Propositionen einzugehen. Die Aufkündigung des Pachtes über den oberen Theil des Gottesackers, der bisher zur Centralbaumschule benutzt worden war, wurde angenommen, „dergestalt, daß unter den vorliegenden Umständen das Pachtverhältniß sofort als aufgelöst erscheine.“ Weiter heißt es in diesem Berichte am Schlusse:

„Sonach überlassen wir den höchsten Punkt des uns eigenthümlich zugehörigen Gottesackers für immer zu dem zu errichtenden Goethe-Schiller’schen Denkmal, und werden demnächst mit Zuziehung Sachverständiger Sorge tragen, daß die nächsten Umgebungen desselben durch zu fertigende Gartenanlagen und Anpflanzungen, soweit solche immer zum Ganzen des Gottesackers passend erscheinen, verschönert und stets in einem der Würde des Denkmals angemessenen Zustande erhalten werden.“

Es ist bekannt, daß Goethe den Gedanken, welcher in seiner Vaterstadt Frankfurt auftauchte, ihm, während er noch lebte, ein Denkmal zu errichten, fast wie eine Beleidigung zurückwies. Hier aber war es etwas ganz Anderes. Hier galt es nicht, eine jener Ovationen anzunehmen, denen Goethe stets abhold war. Aber nach dem Tode mit dem geliebten Freunde in gemeinschaftlicher Ruhestätte vereint zu sein, das war ein Gedanke, den Goethe freudig erfaßte. Auch mochte er sich wohl mit edlem Selbstbewußtsein, doch fern von kleinlicher Eitelkeit, die wahrlich seine Schwäche nie war, sagen, daß seine und Schiller’s vereinigte Grabstätte dereinst eines der herrlichsten Nationaldenkmäler sein werde.

Goethe war bereits mit der Schiller’schen Familie, deren Zustimmung ihm bereits gewiß war, über jenen Plan in Rapport getreten, und theilte mit großer Befriedigung den Bericht des Stadtrathes in wörtlicher Abschrift dem Appellationsgerichtsassessor Ernst v. Schiller in den letzten Tagen des März mit. Mit dem Oberbaudirector Coudray gemeinschaftlich arbeitete er eine Zeichnung zu dem zu errichtenden Grabdenkmal aus. Dasselbe war in sehr einfacher, doch würdiger Gestalt projectirt und sollte die von außen sichtbaren, dicht nebeneinander stehenden Sarkophage der beiden großen Dichter enthalten.

Die beiden höchstgebietenden Männer des Landes, der Großherzog und Goethe, wünschten lebhaft die Ausführung jener trefflichen Idee – ja es liegt nahe zu glauben, daß sie die Urheber derselben waren; das Pachtverhältniß des Stadtrathes mit der Baumschule war in bester Form von der competenten Oberbehörde, der Landesdirection, gekündigt, und der Eigenthümer des für das Monument ausersehenen Platzes, der Stadtrath, war dem allen mit der größten Bereitwilligkeit entgegengekommen. Es stand also der Ausführung nichts, gar nichts mehr im Wege, als eine unbedeutende Kleinigkeit – einige Dutzend zur Centralbaumschule gehörige Obstbaumstämmchen!

Voll frohen Eifers wollte mein Vater die nöthigen Vorarbeiten an dem für das Grabdenkmal bestimmten Platze beginnen lassen. Unter Berufung auf die geschehene und angenommene Pachtkündigung bat mein Vater wiederholt darum, daß man die dort stehenden, einen Theil der Landesbaumschule bildenden Baumstämmchen hinwegnehmen möge. Es ward ihm endlich erwidert, die Verpflanzung jener Stämmchen könne ihres Gedeihens wegen erst im Spätherbst vorgenommen werden. Vergebens wies er darauf hin, daß der Gegenstand viel zu kleinlich sei, um einer so großen Sache hindernd in den Weg gestellt werden zu dürfen. Man wollte nicht! Und wir wollen nicht verschweigen, warum man nicht wollte.

Ungeachtet seines wahrhaft biederen und wohlwollenden Charakters besaß Goethe, der allerdings weder Zeit noch Lust dazu hatte, den zahllosen Anforderungen, die an seine Person gemacht wurden, zu entsprechen, und sich deshalb besonders in seinen späteren Lebensjahren in die bekannte vornehme Abgeschlossenheit zurückzog, Goethe, sage ich, besaß in Weimar zahlreiche Feinde. Die Wichtigste Persönlichkeit unter denselben war die geliebte Freundin Karl Augusts, die von ihm zur Frau von Heygendorf erhobene Demoiselle Jagemann. Ob es von Seiten dieser sonst höchst liebenswürdigen, doch der Intrigue nicht abgeneigten Frau Eifersucht wegen des Einflusses, den Goethe auf seinen Jugendfreund, den Großherzog, ausübte, oder irgend ein anderer Grund war, der ihre Abneigung gegen Goethe veranlaßt hatte – wir wissen es nicht. Schon im Jahre 1817 hatte sie es, gegen Goethe’s mit Entrüstung ausgesprochenen Willen, beim Großherzoge durchgesetzt, daß auf der Weimarischen Bühne der bekannte Pudel als der Hund des Aubry auftrat, wodurch sich Goethe trotz aller Bitten und Vorstellungen der großherzoglichen Familie bewogen fand, die von ihm so lange Jahre hindurch geführte Direktion des Theaters auf der Stelle niederzulegen. Als nun zehn Jahre später die Idee bekannt wurde, daß für Goethe und Schiller ein gemeinschaftliches Grabdenkmal errichtet werden sollte, erklärte es Frau von Heygendorf für eine Entwürdigung des Andenkens Schiller’s, des Letzteren sterbliche Ueberreste zu einer Huldigung Goethe’s benutzen zu wollen! Die Geliebte des Fürsten besaß ihren eigenen kleinen Hof, dem sich zurechnen zu dürfen gar mancher hohe Staatsbeamte als eine große Ehre schätzte. So wurde es der Frau von Heygendorf leicht, es dahin zu bringen, daß die Räumung der Landesbaumschule und somit die für die Errichtung des Denkmales nöthigen Vorarbeiten den ganzen Sommer 1827 hindurch verzögert wurden, und endlich brachte sie es durch ihren Einfluß auf den Großherzog dahin, daß der ganze Plan aufgegeben wurde. Ihre Absichten fördernd war der Umstand, daß gerade zu dieser Zeit der König Ludwig von Baiern Weimar besuchte und sich mit großer Befremdung darüber aussprach, daß man Schiller’s Gebeine auf der großherzoglichen Bibliothek aufbewahre. Gewiß erfuhr der edle Ludwig nichts von jenem bereits dem Scheitern sich nahenden Plane, sonst würde er ohne Zweifel dafür bemüht gewesen sein, denselben wieder in gutes Fahrwasser zu bringen.

Im October 1827 richtete der Großherzog das nachstehende Handbillet an Goethe:

24. 9. 27.

„Hier einige Autographen für die Sammlung. – Es wird so verschiedentlich über die Aufbewahrung der Schiller’schen Relicten (seines Kopfes und Skelets) auf hiesiger Bibliothek hin und her geurtheilt, und meistens wohl mißbilligt, daß ich es für rathsam halten möchte, selbige in dem Kasten, in welchem sie liegen, inclusive des Hauptes, von welchem vorher noch ein Abguß zu nehmen wäre, in die Familiengruft einstweilen setzen und aufheben zu lassen, welche ich für mein Geschlecht auf dem hiesigen neuen Friedhofe habe bauen lassen, bis daß Schiller’s Familie einmal ein anderes darüber disponirt. So Du hiermit einstimmst, so werde ich dem Hofmarschallamte die Anweisung geben, Schiller’s Ueberbleibsel unter seinem Beschluß bei meinen Ahnen zu nehmen.

Karl August.“

Goethe äußerte in seiner bei allem, was ihn persönlich betraf, milden und ruhigen Weise nicht die geringste Empfindlichkeit darüber, daß der ihm theuer gewordene Plan so ohne Weiteres wieder aufgegeben wurde. Er ordnete sofort an, daß die Gebeine Schiller’s nebst dem Schädel in einem dauerhaften und schön gearbeiteten Sarkophag niedergelegt wurden. Am 16. December 1827 Morgens 6 Uhr wurden Schiller’s sterbliche Reste in Gegenwart der höchsten Hofchargen und mehrerer Staatsdiener feierlich in der großherzoglichen Gruft beigesetzt. Ein halbes Jahr darauf folgte ihm der edle Karl August nach, und seit dem 26. März 1832 ruht auch Goethe neben den Beiden, die seine geliebtesten Freunde auf Erden waren.

So ruhen denn Schiller und Goethe, die unsterblichen Lieblinge des deutschen Volkes, in derselben Gruft mit ihrem fürstlichen Freund und Beschützer und dessen Ahnen. Beide waren bürgerlichem Blute entsprossen; daß sie aber als Fürsten im Reiche der Geister anerkannt wurden, bezeugt ihre Ruhestätte. Diese ihre Ruhestätte legt auch ehrendes Zeugniß ab für die edle Gesinnung des weimarischen Fürstenhauses, und wir freuen uns dessen. Noch mehr aber würden wir uns freuen, wenn sie, die für das Licht Geborenen, wieder hervorkämen aus dem nächtlichen Düster der Fürstengruft an das Licht des Tages; wenn die Stätte, wo Schiller und Goethe ruhen, an deren Andenken sich die Liebe und Verehrung des ganzen deutschen, hier doch einmal einigen Volkes für alle Zeiten knüpft, diesem Volke zugängig gemacht würde.

Die Centralbaumschule ist längst – seit dem Jahre 1834 – vom Gottesacker verlegt, die vor zweiunddreißig Jahren auserlesene Stelle ist frei, und Goethe hat in Weimar keinen Feind mehr, der es ihm mißgönnte, mit Schiller ein gemeinsames Grab zu besitzen. Sollte es zu spät sein, die große Idee, für welche einst Karl August und Goethe, wenn nicht begeistert, doch eingenommen waren, nun doch noch in’s Leben zu rufen und das Vaterland mit einer Stätte geistiger Erhebung zu schmücken, wie sie in seinen weiten Gauen so hehr und herrlich nicht zu finden ist?




  1. Unter allen Berichterstattern über den letzten Gang und die sterblichen Reste unsern großen Dichters ist unbedingt Herr Dr. Schwabe die einzige authentische Autorität. Sein Vater war es, der Deutschland von der großen Schmach rettete, den Liebling der Nation von bezahlten Miethlingen, zu Grabe getragen zu sehen, und den mündlichen und schriftlichen Mittheilungen dieses wackern Mannes ist auch die obige Schilderung entnommen, für die uns die Leser der Gartenlaube sicher dankbar sein werden.
    D. Red.