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Schatten des dunklen Ostens/Die Wahrsager

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Die Schatzgräber Schatten des dunklen Ostens von Ferdynand Antoni Ossendowski
Die Wahrsager
Die Hexen
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Die Wahrsager.

Die Wahrsagerei spielt im Leben des russischen Bauern eine wichtige Rolle.

In Tibet und in der Mongolei, den eigentlichen Ländern der Wahrsagekunst, habe ich sie lange nicht so verbreitet gefunden als in Rußland.

Während im Osten die Wahrsagerei den Charakter religiösen Kultes hat, wird sie in Rußland als schwarze Lehre gehandhabt, von dunklen Mächten stammend.

Aus diesem Grunde hält sich die Wahrsagekunst des Russen auch in einsamen, entlegenen Hütten versteckt, nur in späten Stunden, in Gewitter und Sturmnächten, wenn die bösen Mächte walten und schalten, ihr Unwesen treibend.

Es gibt kaum ein zweites Volk, das so wie der Russe dem Glauben an die Wahrsagerei ergeben ist.

Nicht nur die halbwilden und unaufgeklärten Dorfbewohner allein, auch das Bürgertum und die Klasse der Arbeiter, welch letztere durch ihre Führer eine Pseudo-Kultur angenommen haben, ja selbst die höheren und höchsten Gesellschaftsschichten Rußlands lassen sich in den entscheidenden Lebensmomenten durch die Wahrsagerei bestimmen.

Während man im westlichen Europa und in den Vereinigten Staaten Amerikas den da herrschenden Chiromantismus, die Hellseherei und Wahrsagerei aus dem Hang zum Mystizismus erklären kann, ist diese Erscheinung in Rußland ganz Element und Atavismus par excellence.

Die Zigeunerkunst, aus den Karten zu lesen, aus sieben oder dreizehn Sternchen oder Knochen zu prophezeien, hat immer großen Anklang gefunden und wird noch von vielen geschickten und professionellen Wahrsagern gepflegt.

Jedes alte Weib im Dorfe, jeder alte Mann, ja auch die Bäuerinnen der verschiedensten Altersstufen handhaben diese Kunst.

In den Städten ist es nicht anders.

Ich behaupte ruhig, daß in Petersburg und Moskau jede Straße ihren Wahrsager versteckt hält.

Neben den vielen kleinen Wahrsagern, die eine große Klientel und einen ebenso großen Verdienst besaßen, gab es solche von großem Ruf, deren Wohnungen mit den schreiendsten orientalischen Draperien und Teppichen zum Zwecke der Stimmungsmache behängt und auch sonst noch mit ausgestopften Eulen, Schlangen, Eidechsen, Fledermäusen usw. angefüllt waren.

Hier fand sich dann die einfache Frau aus dem Volke, der dicke Fleischhauer, der blasse Arbeiter, die zweideutige Dame und die beste Gesellschaft ein, um geduldig zu warten, bis die Reihe an sie gekommen.

Es war dies eine Manie, eine Krankheit, eine Verirrung, man könnte sagen ein Wahnsinn, wofür die Gründe nur in den Tiefen der russischen Seele zu finden sind.

In Moskau war das sogenannte arabische Wahrsagen aus dem Kaffeesatz in Mode. Im Palais des Grafen Kleinmichel, während des Verfalles von Romanows Dynastie, grübelte man fieberhaft dieser arabischen Wahrsagerei nach.

Man glaubte absolut, aus der Oberfläche des schwarzen, dicken Kaffeesatzes, der bekanntlich schillernde Figuren zeichnet, das Los des Zarenhauses ergründen zu können.

Ein einziges Mal war ich im Kreise von Aristokraten und hohen Beamten Zeuge einer solchen Wahrsagerei.

Eine Lampe mit dichtem, tiefem Schirm erleuchtet nur matt ein Boudoir.

Die bekannte Wahrsagerin „Galesco“, eine Rumänin, prüft lange die Oberfläche des in drei Tassen verteilten Kaffeesatzes.

Manchmal bläst sie leicht in den Inhalt oder bewegt mit dem Fächeln einer langen, schwarzen Feder den Kaffeesatz und dabei flüstert sie immer beschwörend und unverständlich vor sich hin.

Nach langer Zeit fängt sie zu reden an.

Sie spricht, als erkläre sie mühsam eine geheime Schrift.

Nach langer Prüfung schüttet sie den Kaffee in eine weiße, flache Vase um, gibt Kräuter in kleinen Mengen dazu und fängt wieder an zu blasen und den Kaffee mit der schwarzen Feder zu berühren.

Ich beobachtete genau den Kaffee in der Vase und kann beim besten Willen nichts wahrnehmen.

Die geheimnisvollen Manipulationen muten mich als Stimmungsmacherei an.

Bei ihrer Wahrsagerei versteht sie es vortrefflich, den Wünschen ihrer Klienten entgegenzukommen.

Die Prophezeiungen aus Wasser und Blut, die heidnischen Ursprungs, werden in Rußland ebenfalls sehr betrieben.

In der Gegend des Pskower Gouvernements, wo in der Versunkenheit sumpfiger Einöden, dichter Wälder und an den Ufern des großen Flusses mit den zahllosen Sandbänken und des finsteren Pskower Sees die Bauern wie vorsintflutliche Menschen hausen, sind die „Blut- und Wasserpropheten“ am meisten daheim.

Die Pskower Gegend, nur vier Stunden von der Hauptstadt Rußlands entfernt, ist als die typischeste von ganz Rußland anzusehen.

In Baluzje, einem Dorfe dieser Gegend, das umgeben von einem Ring sumpfiger Seen und Flüsse, herrschte die Cholera, Opfer um Opfer fordernd.

Die Bauern wollten wissen, wer ihnen die Epidemie in ihre gottverlassene Gegend gebracht, und riefen nach dem Wahrsager.

Ein Greis, fast hundertjährig, in einer entlegenen Hütte am Ufer eines Waldsees hausend, wird gefunden.

Ein schwarzes Schaf und einen alten Mühlstein bringt man ihm auf sein Geheiß nach Untergang der Sonne in die Hütte.

In der Nacht, beim ersten Hahnenschrei, führt der Hundertjährige den Bock, an Hals und Hörnern mit Gras und Kräutern geschmückt, aus der Hütte, schneidet ihm die Kehle durch und besprißt den Mühlstein mit des Tieres Blut, macht dabei Feuer an, geheimnisvoll murmelnd.

So wartet er, bis an des Feuers Boden Glut geworden, nimmt sie behutsam aus den Flammen mit den nackten Fingern und wirft sie auf den Mühlstein hin.

Da gerinnt das Blut des Schlachtbockes und verkohlt in kleineren und größeren Klumpen.

Dichter Rauch steigt auf und der Wahrsager, seinen schneeweißen Bart und sein langes Haar sich zerraufend, fängt markerschütternd zu schreien an:

„Gräber seh ich, — im Rauch des Blutes, — den Tod, — den bleichen, fürchterlichen Tod. — Es gehen ihm Leute voran, — ich kann sie nicht kennen, — sie sind nicht aus unserer Gegend, — sie gehen, — immer gehen sie, — und in den Fluß, — in den Brunnen, — in die Ställe, — und in die Kammern des Kornes, — streuen sie die Samen der Krankheit, — die uns nun ermordet, — die uns vernichtet, — alle, — alle, — oh, — ich sehe es, — ich sehe es, — in roten Dünsten und blutigem Rauch, — Blut nur kann den Tod bezwingen, — Blut, — Blut, — Blut.“

In düsterem Schweigen stehen die Bauern und denken nach.

Auch der Wahrsager schweigt, nur die Flammen zischeln, das gebratene Blut knistert, der Wind vom See her wimmert durch das Schilf und der Atem, der schwerziehende Atem der Schweigenden keucht.

Wildenten von weit her schreien jetzt auf. Das Heulen einer verirrten Kuh und das Bellen eines wachenden Hundes wird laut.

Die Juninacht liegt wie eine schwere Decke über der Erde, bereit, alles in Geheimnis zu hüllen.

In meinen Gedanken steigen beim Anblick dieser im roten Schein des Blutfeuers dastehenden Masse Bilder uralter Zeiten auf. Ich sehe an der Stelle dieser Prophetenflammen das Holzbild des Gottes Perkun, schaue in ihren weißen, wallenden Leinengewändern mit den grünen Kränzen am Haupt die Heidenpriester, unter deren geweihten Messern das Blut der Opfertiere fliegt.

Der Bann des Schweigens bricht. Durch die Versammlung der blutrot angehellten Nachtgestalten geht ein Raunen, gellend schwillt es an, wird Donner und hundertstimmiges tierwildes Fluchen.

Wie eine Gewitterwolke wälzt sich der Haufe der Bauern dorfwärts.

Die zur Bannung der Seuche in den Ort geschickten Ärzte, in denen die verzweifelten Russen durch die Weissagung des Hundertjährigen die Fremden erkennen, die den Samen der Cholera verstreut, werden aus ihren Betten geholt, mit Stöcken geschlagen, mit Gabeln gespießt und in dem sumpfigen Fluß erstickt.

Eine gerichtliche Untersuchung wird eingeleitet. Urteile klatschen nieder wie Peitschenschläge und Sibirien ist um einige Verbrecher reicher.

Verbrecher?

Arme Opfer unfaßbaren geistigen Tiefstandes.

*

Nahe bei Petrograd, in der Stadt Gdow, erlebte ich eine Prophezeiung durch Wasser.

Die Wahrsagerin füllt eine Glasschüssel mit Wasser und verlangt ihrer Klientin, die über das Los ihres auf einer Reise verschollenen Mannes Näheres wissen will, den Ehereif ab.

Beschwörend wirft die Wahrsagerin den Ring in die Schüssel, sich tief darüber beugend.

Worte murmelt sie und pustet auf das Wasser, das dann zittert und sich kräuselt.

Lange sehen wir nichts.

Dann ereignet sich Sonderbares.

Im Kreise des Ringes zeigt sich genau ein Fenster, durch das man in ein großes Zimmer blickt.

Die Ausstattung des Raumes wird in allen Einzelheiten sichtbar.

Ein nicht mehr ganz junger Mann mit einem ruhigen Lächeln im Antlitz tritt ein.

Da greift sich ganz plötzlich der Mann an die Brust und stürzt zu Boden.

Über den Sterbenden breitet sich Dunkelheit.

Die Öffnung des Ringes wird wieder klar und läßt den Glasboden erblicken, auf dem der Reif liegt.

Die Wahrsagerin und ihre Klientin stehen blaß und zitternd da.

Verzweifelt schüttelt die Prophetin den Kopf und flüstert:

„Schlimmes Zeichen, — sehr schlimmes Zeichen, — sterben muß er, — ja, — sterben, — nein, — er ist schon gestorben, — tot ist er, — tot, — ganz gewiß, — ganz tot —.“

Die Wahrsagung hat sich erfüllt.

Der nächste Morgen schon brachte ein Telegramm mit der Nachricht, daß der Mann einem Herzschlag erlegen. Er war nach günstiger Erledigung seiner Geschäfte eben im Begriff, die Heimreise anzutreten.

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