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Schatten des dunklen Ostens/Aus dem Dunkel des russischen Dorfes

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Vorwort Schatten des dunklen Ostens von Ferdynand Antoni Ossendowski
Aus dem Dunkel des russischen Dorfes
Die Schatzgräber
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Aus dem Dunkel des russischen Dorfes.

Rußlands größte Dichter haben die heimatlichen Dörfer besungen, keiner aber hat sie in Wahrheit geschildert.

War ihnen allen das Dorf des eigenen Vaterlandes fremd oder wollten sie es in ihrer Liebe in seiner Düsterkeit und seinem Tiefstand nicht wiedergeben?

Begeben wir uns in ein russisches Dorf, ganz gleich wohin. Ob in der Nähe der Großstadt oder tief drinnen im Urwald, ob irgendwo im Norden der Wolga oder in der Nähe der Kuma, überall finden wir gleichen Tiefstand und gleiche Umnachtung, nur daß die den Kulturzentren entferntesten Dörfer die charakteristischen Merkmale noch krasser entwickelt zeigen.

Diese Ländereien und die des Petersburger Kreises, des Nowgoroder und Pskower Gouvernements kenne ich ebenso genau wie Sibiriens Ansiedlungen.

In jedem Dorfe mit seinen rasch zusammengelehmten oder aus dicken Klötzen gezimmerten Hütten mit Dächern aus Stroh, nimmt das Haus Gottes (die Cerkiew) oder eine Kapelle der orthodoxen Kirche die Hauptstelle ein.

Manchmal ist in Kirchennähe, in irgend einer verlassenen Hütte, auch die Volksschule untergebracht, der die Bauernkinder in der Regel fernbleiben.

Seinen Priester hat das Dorf und seinen Lehrer.

Der erstere sauft und erpreßt der Armut des Dorfes Geschenke für seine Pfarrei, während der letztere zumeist revolutionärer Propagandist, ansonsten aber gleichfalls Säufer ist.

Um diese Dorfrepräsentanten herum, die Glaube und Aufklärung zu vertreten haben, führen Wahrsager, Wundertäter und Hexen ihr dunkles Dasein, auch dunkles Heidentum hat irgendwo in der Nähe seinen Apostel.

Eine traditionelle Schule der Hexenmeister und Wahrsager, die ihnen geheimnisvolle Vorschriften von Generation zu Generation überliefert, hat schon Jahrhunderte überdauert.

Hexen und Hexenmeister sind meist uralte Leute, die sich gar seltsamen Wissens und Könnens rühmen.

Sie behandeln die Krankheiten bei Menschen und Vieh, bannen Hausdämonen, die in Wut geraten, lassen zur Ader, vertreiben aus den Hütten Wanzen, Schwaben und Mäuse, treiben den Teufel aus, finden Pferdediebe auf, rufen die Seelen der Toten, graben nach Schätzen und sagen die Zukunft voraus.

Der Umstand, daß Hexen und Wahrsager ausgezeichnet in der Botanik bewandert sind, läßt den Giftmord wie einen roten, geheimnisvollen Faden durch die finstere Geschichte des russischen Bauerntums laufen.

Einige Praktiken solcher Hexenmeister, wie ich sie aus eigener Erfahrung kenne, seien festgehalten:


Sokolow.

Im Petersburger Gouvernement, neben der Station Wejmarn, liegt das Dorf Manuilowo, in dem vor einem Jahrzehnt Sokolow, der Vater einer vielköpfigen Familie, lebte.

Die Sokolows bildeten den Typus einer stadtnahen Dorffamilie.

Die Tochter, zuerst Stubenmädchen in der Stadt Jamburg, bald beim Diebstahl ertappt und weggejagt, bestritt seither als käufliches Mädchen ohne sonstige Beschäftigung ihr Dasein.

Zwei Söhne, anfangs Fabrikarbeiter, bald der Arbeit überdrüssig, wurden auf den Abweg gedrängt und beteiligten sich an einem Mord, der den einen ins Gefängnis, den anderen nach Sibirien brachte.

Der letztere, aus der Verbannung heimgekehrt, wurde zum Organisator einer Räuberbande, die Weg und Steg im weiten Umkreis unsicher machte und sich die Straflosigkeit bei der Ortspolizei mit einem Teil des Geraubten erkaufte.

Dieser Familie Oberhaupt war Sokolow. Sein Ruf als Zauberer war groß und seine Praxis als Arzt im Umkreis einiger Bezirke bekannt.

Ich erinnere mich, wie man einmal nach Manuilowo aus dem Gdower Bezirk eine ganze Reihe Kranker brachte, unter ihnen Bauchtyphuskranke, Aussätzige und Syphilitiker.

Die Heilung wird vorgenommen.

In ein Faß voll heißen Wassers steckt man den Aussätzigen, der dicht mit Tüchern bedeckt ist. Nun wirft Sokolow Kräuter aller Art in das Wasser, magische Beschwörungsformeln vor sich hermurmelnd. Die Worte „Nostradamus“ und „Schugan“ sind immerfort in dem Gemurmel zu hören.

Seltsame Zeichen macht Sokolow mit Teer an die Außenseiten des Fasses, dann beräuchert er es mit dem Qualm verbrannter Gräser und Kräuter.

Nach einer Stunde wird der Aussätzige ohnmächtig aus dem Faß gezogen, rot wie ein gekochter Krebs, mit Augen starr und glasig und mit Wunden an Mund, Nase und Händen, die noch fürchterlicher geworden, als sie schon gewesen.

Wieder zum Leben erwacht, läßt der Zauberer den Kranken aus dem Faßwasser ein großes Glas leer trinken, nimmt seinen Kopf zwischen die beiden Hände, starrt ihn lange mit unheimlichem Blicke an und gebietet mit ernster und feierlicher Stimme:

„Geh’ — geh’ fort, — Schugan der Krankheit! — Der Schwarze befiehlt es, der Schwarze will es, — geh’, — geh’, — geh’ von dannen!“

Ob diese Kur dem Aussätzigen geholfen? Es ist mir unbekannt geblieben.

Ich weiß nur, daß die russische Regierung wegen der raschen Verbreitung des Aussatzes in den Bezirken Jamburg und Gdow ein Spital errichten mußte.

Den Typhus heilte man in einer nicht minder seltsamen Art.

Die sich in Fieber und Schüttelfrost wälzenden Kranken werden für Minuten nackt in den Schnee gelegt und darauf fest in frische Tücher eingeschnürt.

Der so präparierte Patient muß nun heißes Schwarzbrot essen, das mit dem Pulver gedörrter Schwaben gemischt ist.

Dann werden dem Kranken unter allerlei Beschwörungen dreizehn stark erhitzte, mit seltsamen Zeichen beschriebene Ziegel, einer nach dem anderen der Reihe nach auf den Bauch gelegt.

Galt auch diese Kur Sokolows als zuverlässig, so kann ich nur sagen, daß in dem hier beschriebenen Fall der Patient an Peritonitis gestorben und daß ein gewisser Dr. Abramytschew, Professor der Ärzteakademie in Petersburg, die Umtriebe Sokolows den Behörden anzeigte.

Das Protokoll ist dann aber irgendwo in der Bezirkskanzlei verschwunden, da die Polizei, wie es sich herausstellte, des Zauberers Hilfe oft selbst in Anspruch nahm.

Den Syphilitiker heilte Sokolow ebenfalls auf seine sonderbare Weise.

Der Kranke wird in einen Haufen Pferdemist, wie man ihn in den Stall geworfen, hineingesteckt.

Sieben Stäbchen von verschiedener Länge mit daran hängenden Fetzen, auf denen Zeichen und unverständliche Worte, wie: Prys, Tacznj, Habdyk, geschrieben sind, werden darin eingegraben.

Vieh wurde von Sokolow durch Beräucherung mit Gräsern, durch Pulver aus gebrannten Haaren, getrockneten Fröschen oder Fledermäusen und Salben aus Dachs- und Rattenfett geheilt. Auch bei den Tierheilungen fehlten nicht die geheimnisvollen Beschwörungen.


Der Dämon im Haar.

Im Pskower Gouvernement, im Bezirke von Ostrau, wurde ich Zeuge, wie eine seltsame Krankheit bei Weibern und Tieren geheilt wird.

Schweife und Mähnen der Pferde wie auch die Zöpfe der Frauen verwickeln sich manchmal so stark, daß sie keineswegs mehr durchzukämmen sind.

Der Medizin ist es bekannt, daß diese Erscheinung durch einen Wasseralgen entsteht, der in den Wassern sumpfiger Gegenden aufzutreten pflegt.

Die Diagnose des Dorfzauberers aber ist anders. Er behauptet, daß ein böser Hausdämon, aus irgend einem Grunde ärgerlich gemacht, die Zöpfe der Frauen und die Mähnen und Schweife der Pferde in der Nacht verflicht, boshaft verwirrt und verwickelt.

Zu des Dämons Beschwichtigung ist die Darbringung eines Opfers notwendig.

Eine alte verlassene Hütte wird gewählt und stark ausgeheizt, weil der Teufel Wärme braucht.

Hinter dem Ofen, wo nach des Zauberers Behauptung der Teufel zu ruhen beliebt, werden für ihn Schaffelle und Fetzen gebreitet.

Am Fußboden wird mit dem Blute eines schwarzen Hahnes ein Kreis gezeichnet, in welchem man Honig, Milch, Salz und Grütze zum Gastmahl für den „Schwarzen“ bereitstellt.

In die so vorbereitete Hütte führt man nun um Mitternacht, mit gebundenen Händen und aufgelöstem Haar, ein junges Mädchen im Alter von 14—15 Jahren.

Mit dem Haar des armen Opfers soll der Dämon nun sein Spiel treiben, damit er anderes Haar künftighin in Ruhe läßt.

Nach so einer Versöhnungsnacht mit dem Teufel verfällt das preisgegebene Mädchen meistens in Wahnsinn oder Hysterie und bleibt sein ganzes Leben lang anormal.

Diese armen Wahnsinnigen genießen aber stets des Dorfes größte Hochachtung, denn sie haben ja den Dämon gesehen, mit ihm geschmaust und ihn mit Schnaps bewirtet.


Der Schwabenfänger.

Auch Städte wie Petersburg, Odessa, Moskau, Kiew und Charkow sind von Hexenmeistern heimgesucht.

Natürlich sind es hier die ärmsten Schichten der Städte, die den Zauberern Zuspruch geben. Aber auch in die Paläste verirrt sich dann und wann einer.

Ich erinnere mich an das Jahr 1897.

Damals unterrichtete ich die Kinder eines hohen Beamten, der im schönen Palast des Fürsten Leuchtenberg, eines Verwandten der kaiserlichen Familie, seine Wohnung innehatte.

Eines Tages teilte mir mein Zögling mit, daß sich in der Küche und im Speisesaal die Schwaben derart vermehrt hätten, daß man nach einem Zauberer gerufen, damit er sie vertreibe.

Da der Zauberer gerade bei der Arbeit war, ging ich, mir das Schauspiel anzusehen.

Der Schwabenfänger, ein altes, kleines, zerlumptes Männlein, hat eben einen Käfer gefangen, sieht sich das Tierchen von allen Seiten gar aufmerksam an, hebt es ganz nah zu seinem Mund und flüstert ihm etwas zu, wobei das Wort „Ig“ öfters zu hören ist.

Nach einigen Minuten der Beschwörung nimmt er aus seiner Tasche ein Stück Kreide, macht auf dem Rücken des Küchenschwaben ein Zeichen und läßt ihn los.

Das Tier verschwindet im Nu in den Ritzen der Kredenz.

Der Zauberer empfängt einen Silberrubel als Honorar.

Am Tage darauf weiß mir mein Schüler mitzuteilen, daß die Köchin hoch und heilig schwört, der vom Zauberer gezeichnete Schwabe hat aus allen Ritzen und Winkeln seine Sippschaft in großen Mengen gesammelt und ist mit ihr aus dem Palais Leuchtenberg in die weite Welt ausgewandert.

Sie hat geschworen, daß sie es mit ihren eigenen Augen gesehen.


Der Teufel in der Badestube.

Als ich im Jahre 1920 durch Sibirien wanderte, war ich genötigt, in einem kleinen Dorfe zu übernachten. Von einem langen Ritt ermüdet, vom Kopf bis zu den Füßen verstaubt, erbat ich mir von meinem Wirt als erstes die Benützung der Badestube.

„Frau“, bemerkte der Wirt, „laß aber unseren Gast nicht allein in die Badestube gehen. Ich schicke um Maxim, damit er unseren Gast begleitet“.

„Ich brauche wirklich keine Hilfe“, protestierte ich lebhaft.

„Herr, es geht wirklich nicht, es kann Ihnen etwas Böses ohne unseren Zauberer zustoßen“, sagt der Wirt mit ernster Stimme.

„Warum?“ ist meine erstaunte Frage.

„Ja, Sie müssen wissen, Herr, daß in unserer Badestube der Teufel seinen Wohnsitz hat“, erklärt der Bauer ernst. „Vorgestern hat er ein altes Mütterchen von der Ofenbank gestoßen, sie stieß dabei an den Kessel mit heißem Wasser, verbrühte sich und starb.“

Man läßt mich keineswegs allein nach der Badestube, ich muß auf Maxim warten, einen riesigen Bauer mit zerwühlten grauen Haaren und einem weißen Patriarchenbart.

Vor der Badestube, die am Rande eines Gemüsegartens gelegen, bleibt Maxim stehen und ruft:

„Teufel, — schwarzer Teufel, — groß oder klein, — traurig oder lustig, — da bin ich, — da bin ich.“

Wir treten ein.

Rauchig, dunstig und heiß ist es in der Stube. Wir zünden eine Pechpfanne an, in ihrem Scheine sehe ich die verschiedensten Gegenstände in ihren Umrissen auftauchen. Das riesenhafte Massiv eines russischen Ofens, zwei einfache Holzbänke, Bottiche mit heißem und kaltem Wasser und ein Haufen von Steinen, wie man sie zur Dampferzeugung benützt, werden sichtbar.

Das unsichere, flackernde Licht der Pechpfanne huscht hie und da über den Boden hin, an der Holzdecke und an den Wänden entlang, manchmal vom Widerschein des bewegten Wassers in den Bottichen heller aufleuchtend.

Endlich nimmt Maxim, nachdem er sich ausgezogen, eine Art Besen aus trockenen Gräsern, taucht ihn in das heiße Wasser und, sich in den dunkelsten Winkel der Stube setzend, fängt er mit einem Unsichtbaren zu reden an, seine Unterredung mit Ausrufen, wie „A kysch“, — „A kysch“ unterbrechend. Auch höre ich, wie er den Unsichtbaren mit dem Besen schlägt.

Im Winkel des Maxim wimmelt es natürlich von großen und hellen, zittrigen Wesen. Zu diesen spricht er, auf sie schlägt er ein, der alte Zauberer, der nicht wissen will, daß es Schatten sind, die das flackernde Licht der Pechpfanne wirft und welche rasch und blitzhaft wie Mäuse, fast unsichtbar hin und her huschen.

„Na also, jetzt kommen sie nicht“, sagt endlich der Alte mit beruhigender Stimme.

Sie kamen auch nicht, denn ich konnte mich in aller Ruhe gründlich reinigen.


Der Pferdedieb.

Die Vorliebe zum Pferdediebstahl ist ein Merkmal des russischen Volkes. Ganz gewiß ist es ein atavistisches Überbleibsel der Vorfahren, der mongolischen Nomaden oder finnischen Heiden.

Zu bemerken ist auch, daß das in den russischen Gerichten geübte Strafrecht bei Verhandlungen über Pferdediebstähle meistens recht zweifelhaft zu treffen pflegte.

Der Pferdediebstahl ist eine alte Besonderheit des Stammes.

Alle Nomaden, sogar die gottesfürchtigsten und absolut ehrlichen Mongolen aus Chalchi sind Pferdediebe.

Dieser Diebstahl ähnelt einer Art Raubrittertum und wird als ein Beweis von Geschicklichkeit und Mut angesehen. Bei einem solchen Unternehmen ist der Pferdedieb gezwungen, nur auf sich allein zu bauen, da er das Recht und alles, was ihn sonst an das Leben bindet, mit Füßen tritt.

Das mongolische Recht aus den Steppen der Wolga und das der Indianer Nordamerikas betonen ausdrücklich den Pferdediebstahl als besonders schweres Verbrechen.

Die Ausübung dieses Strafrechtes ist dunkel. Es bleibt dem Beschädigten anheimgestellt, in beliebiger Weise sein Pferd zurückzuerobern und selbst den Dieb zu bestrafen.

So geschieht es zumeist, daß der beim Pferdediebstahl Ertappte in geradezu grauenhafter Weise unter der Lynchjustiz der Empörten zugrunde geht, während die Behörden dieses unbefugte Standgericht aus Gewohnheitsrecht stillschweigend anerkennen, ohne besonders gegen diese Gesetzesverletzung einzugreifen.

Gelingt es dem Bestohlenen nicht selbst, des Diebes habhaft zu werden, so geht man zum Zauberer, dem „Koniewik“, der sich für die Auffindung von Pferdedieben spezialisiert hat.

In der Nacht kommt der Bestohlene zum Zauberer und bringt Hafer, Mist und den Zaum des gestohlenen Tieres mit.

Im Waldaier Bezirke, im Gouvernement Nowgorod, wurde ich selbst Zeuge solchen Umtriebes.

Um zehn Uhr abends kommen wir mit dem Bestohlenen zum Zauberer, an seine Tür klopfend. Noch bei geschlossener Türe befiehlt der Zauberer dem Bauer, Hafer an der Außenseite der Hütte in jede Ecke zu streuen und mit dem Zaum des verschwundenen Pferdes an das einzige Fenster der Hütte, das nach Osten blickt, anzuschlagen.

Es geschieht; das Fenster wird hell und wir dürfen eintreten.

Schwül und stickig ist der niedere, trüb erhellte Raum.

Im Ofen, der aus roh zusammengefügten, geborstenen Steinen gefügt ist, raucht ein Pechkien.

Der blutige Feuerschein beleuchtet unruhig die Decke des Raumes, von der die Zäume, die Schweife und Häute von Pferden zwischen getrockneten Kräutern und schwarzen gefüllten Beuteln niederhängen.

Der Zauberer, ein kleines graues Männlein, mit offenem Munde, der schwarze, verfaulte Zähne zeigt, und mit schielenden, starren Augen, kauert beim Ofen.

Mit forschenden Augen schaut er mich ängstlich an, nimmt dann dem Bauer den Zaum des gestohlenen Pferdes ab, untersucht ihn genau, beschnuppert ihn wie ein Hund, versucht mit den Zähnen des Riemens Härte und hebt spontan ein furchtbares Geheul an.

„Sie haben es fortgeführt, — das Pferd, — und treiben es — weit, — weit von hier fort. — Das Pferd ist gut, — das Pferd ist gut, — mit Schaum ganz bedeckt, — heim will es, — heim, — wie es wiehert, — treu, — treu, — da, — da, — hast guten Hafer, — la, — la — lala — la, — Pferdchen komm, —komm, — komm her.“

Während er so heult, wirft er Hafer in des Feuers Glut und schaut voll Aufmerksamkeit in die blauen und goldenen Flammenzungen, die wie Schlangen sich über der Glut Schnörkeln.

Plötzlich springt er auf, reißt von der Decke die Gräser und schwarzen Beutel ab und wirft sie in die Glut.

Wie sie sich in der Glut dehnen und krümmen, die dürren Stengel und Blüten, ehe sie in helle Flammen ausbrechen.

Nun wirft er noch den mitgebrachten Pferdemist des Bauers nach, daß es zischt und dick aufqualmt.

Über den Qualm gebeugt, abgerissen, flüstert er:

„Das Pferd, — das Pferd, — ein großer Weg, — eine Straße, — drei Hütten, — eine verbrannte Fichte, — eine Wiese, — ein Heuschober, — ein hoher, dünner Mann führt das Pferd, — sein Kopf ist geschoren, — auf der Stirne eine Narbe, — er hinkt, — hinkt, — hinkt.“

„Ich kenne ihn, — ich kenne ihn“, schreit jetzt der bestohlene Bauer auf. „Es ist Kusma, der Zigeuner aus Nieschetilow. Er entgeht mir nicht.“

Mit diesen Worten stürzt er aus der Hütte.

Ich gehe nach Hause und erfahre nach Tagen:

Seine zwei Söhne und seinen Schwiegersohn hat sich der Bauer mitgenommen, den Zigeuner überfallen und ihn gefesselt in das Dorf geschleppt.

In unbarmherzigem Volksgericht wird er geschlagen, die Knochen bricht man ihm, die Haare reißt man ihm vom Kopf, um ein Geständnis und das Versteck des Pferdes zu erfahren.

Hoch und heilig schwört Kusma, das Pferd nicht zu haben.

Niemand schenkt ihm Glauben.

Neuerlich wirft sich die Meute über den Armen her, ihn mit den ausgesuchtesten Grausamkeiten quälend, bis sich ein gnädiger Henker findet und ihm die Heugabel in den Bauch stößt.

Auf leerem Felde wird der Leichnam beerdigt und ein Pfahl wird auf seinem Grabe errichtet.

Der Pfahl ist das Emblem des alten Rechtes der „goldenen Horde“, das da gebietet, den Dieb an den Pfahl zu binden.

Solche Exekution ist aber den Bauern zu zeitraubend und umständlich, darum halten sie den Pfahl nur noch als Warnungszeichen aufrecht.

Fäuste und Heugabeln entsprechen den Bauernwildlingen mehr als Henkersgerät.

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