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Sagen vom Thurmberg bei Wolfartsweier

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Sagen vom Thurmberg bei Wolfartsweier
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 372–375
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Originaltitel:
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Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung:
Die Quelle in Mones Anzeiger: ULB Düsseldorf
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[372]
Sagen vom Thurmberge bei Wolfartsweier.

1. Auf diesem Berge hat vor Zeiten eine Burg gestanden, von der jetzt nur noch der Graben und einiges Gemäuer übrig ist. Darin hausten, als die Thalgegend umher noch eine weite Wasserfläche war[1] Seeräuber, deren Abkömmlinge Ritter wurden. – Von der Burg ging übers Gebirge eine gute Fahrstraße nach dem Durlacher Thurmberg; ihre Spur heißt heute noch der Rutschenweg.

2. In dem Gewölbe unter den Schloßruinen liegt ein großer Schatz verborgen, wegen dessen alle sieben Jahre, wenn die Maiblumen blühn, eine weiße Jungfrau dort erscheint. Ihre rabenschwarzen Locken sind gewöhnlich in zwei lange Zöpfe geflochten; das schneeweiße Gewand umschließt ein goldener Gürtel, an der Seite hängt ihr ein Gebund Schlüssel[2] und in der Hand trägt sie einen Strauß Maiblumen. Gewöhnlich erscheint sie unschuldigen Kindern, und sie winkte einst deren einem vom Graben her, zu ihr herüberzukommen. Das Kind lief aber voll [373] Schrecken heim und erzählte dies, worauf es gleich seinen Vater hinführen mußte; allein die Jungfrau ließ sich nicht mehr blicken.

3. Wie schon manche Andere, sahen eines Mittags auch die zwei kleinen Mädchen des Gänsehirten die weiße Jungfrau herunter an den Bach kommen, sich daselbst kämmen und die Zöpfe flechten, Hände und Gesicht waschen und dann wieder auf den Schloßberg gehen. Dasselbe bemerkten sie auch am folgenden Mittag, und obgleich ihnen zu Hause scharf eingeprägt worden war, die Jungfrau beim Wiedersehen anzureden, unterließen sie’s aus Zaghaftigleit dennoch. Am dritten Tag’ erblickten sie die Jungfrau nicht mehr, fanden aber aus einem Steine mitten im Bach eine frischgebratene Leberwurst, die sie sich köstlich schmecken ließen.

4. Zwei Männer aus Grünwettersbach sahen eines Tages die Jungfrau einen Kübel voll Wasser, den sie am Bache gefüllt hatte, den Berg hinauftragen. An dem Kübel waren zwei breite Reife von lauterem Golde.

5. Nach Wolfartsweier kam einmal ein fahrender Schüler und sagte, daß in dem Gewölbe des Schloßberges sieben Kisten voll Gold lägen. Dieselben mit ihm herausgraben, sprach er den Leuten dringend zu, indem er ihnen bemerkte, daß alle Knochen und Scherben, welche zum Vorschein kommen würden, lauter Geld seyen. Weil aber damals nur wenige und reiche Bauern im Orte waren, wollte sich keiner derselben mit dem Schüler einlassen, und der Schatz blieb ungehoben. Lange Zeit nachher wurde in einer Adventsnacht, man weiß nicht von Wem? eine der Kisten gewonnen.[3]

[374] 6. Zwei Buben, welche bei Tag auf dem Berg ein Steinplättchen aufhoben, sahen darunter viele kleine weiße Perlen liegen. Ohne davon zu nehmen, eilten sie nach Haus und erzählten es ihrer Mutter, von der sie gleich wieder fortgeschickt wurden, um die Perlen zu holen. Sie fanden aber keine einzige mehr auf dem Platze.

6. Ebenfalls bei Tage sah ein kleines Mädchen auf dem Berg einen dreifüßigen Kupferhafen stehen, der funkelneu und voll wimmelnder Roßkäfer war. Sie berichtete dies alsbald ihren Aeltern, die wohl merkten, daß die Käfer einen Schatz vorstellten, und daher mit ihr auf den Berg eilten, allein weder Hafen nach Käfer mehr fanden.

7. Ein Mann, welcher da, wo das Schloß gestanden, sein Gabholz fällte, hörte mehrmals aus dem Boden rufen: „Hau’ dich nicht!“ und übertrug deßwegen am andern Tag die Arbeit einem Taglöhner. Hierüber verspottete ihn ein Dritter, der auch sein Loosholz machte, hieb sich aber unversehens so tief in den Fuß, daß ihm das Lachen auf lange Zeit verging.

8. Auf demselben Platze sah ein anderer Mann im Boden einen Spalt entstehen, woraus ein so starker und köstlicher Weingeruch drang, daß der Mann, welcher ihn gierig einsog, davon ganz betäubt wurde und einschlief. Als er nach einiger Zeit erwachte, war der Spalt verschwunden. Gleich darunter am Graben sind schon von den Schweinen eiserne Faßreife herausgewühlt worden.

9. Um eilf Uhr in der Christnacht hörte einst der Waldhüter, als er das Gehölz des Berges durchstreifte, vom Gipfel herein schweres Gerassel. Mit gespanntem Gewehr kauert’ er nieder und erwartete das Getöse, welches immer näher und endlich hart über und an ihm vorbeikam, ohne daß er etwas zu sehen oder zu fühlen bekam.[4]

10. Bei der Burg reitet zuweilen Mittags zwischen Eilf und Zwölf auf einem Schimmel ein weißer Mann, der seinen [375] Kopf unterm Arme trägt;[5] eine helle Flamme schwebt manchmal in der Nacht den Berg hinauf, auch wird öfters dort von unsichtbaren Händen mit Steinen nach den Vorübergehenden geworfen.[6]

(Siehe Mone’s „Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit.“ Jahrgang 1839.)

  1. Vergl. mit Nr. 2 der Sagen vom Durlacher Thurmberg.
  2. [373] Wenn die weiße Frau in mehreren Sagen mit dem Monat Mai, mit Mai- oder anderen Blumen in Verbindung gebracht wird, so könnte sie wohl eine dunkle Erinnerung an die alte Göttin Wunna seyn, und der Schlüsselbund wäre von der Göttin Ostar entlehnt, da diese dem Monat April entspricht, welcher den Namen von aperiere, scil. terram, (erschließen, nämlich die Erde) haben soll.
    (Mone).     
  3. In diesen Sagen, wie in ähnlichen, ist der fahrende Schüler zur Hebung des Schatzes bestimmt, muß aber menschliche Beihülfe haben.
  4. Gehört auch zu den Sagen vom wilden Heere.
  5. Kommt an andern Orten auch vor, z. B. am Mückenlocher Wald bei Wimmersbach.
  6. Das unsichtbare Steinwerfen scheint mit zu den Sagen vom Elfenwurf zu gehören. Siehe Mone’s „Untersuchungen zur teutschen Heldensage.“ S. 148.