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Russische Schattenbilder aus Krieg und Revolution/Die Teuerung

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Ausweisung Russische Schattenbilder aus Krieg und Revolution
von Oskar Grosberg
Das revolutionäre Petersburg
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Die Teuerung

Wenn wir uns Rechenschaft darüber geben wollen, was uns im Laufe des Weltkrieges am meisten in Anspruch genommen, sozusagen im Mittelpunkt des Interesses gestanden hat, so werden wir, wenn wir ehrlich sein wollen, zugeben müssen, daß überall und zu jeder Zeit die Teuerung uns beschäftigt hat. Man mochte, sei es im Salon, oder sonst irgendwo, von einem beliebigen, noch so interessanten Thema, sei es der hohen Politik, der Strategie, der Kunst, der Wissenschaft usw. ausgehen, schließlich landete man doch immer wieder bei der Teuerung und erst dann taute man so recht auf, indem man so vielleicht ganz unbewußt, dem alten Worte: solamen miseris socios habuisse malorum, volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Das mag gewiß klein, oder gar kleinlich, unpatriotisch und selbstisch erscheinen, aber vergessen wir doch nicht, daß einerseits der Krieg bei uns von vornherein allenfalls nur bei den Leuten vom Schlage des zoologischen Patriotismus populär war, während er vom Gros der Bevölkerung als Aventure von höchst zweifelhaftem Ausgang aufgefaßt wurde, und daß andererseits auf der an sich relativ nichtigen Apfelsinenschale der Teuerung das Haus Romanow ausgeglitten und zu Fall gekommen ist und das ganze heilige Rußland in Trümmer zu gehen droht.

Auf eine gewisse Verteuerung der Fabrikate mußte man sich ja im Hinblick auf die ungenügende Entwicklung der russischen Industrie, die zudem noch von der Deckung des Kriegsbedarfs in so hohem Maße in Anspruch genommen [41] wurde, von vornherein gefaßt machen, dafür blieb uns aber der Trost, daß man im unendlich reichen Rußland „natürlich“ nie in die Lage kommen würde, den Hungerriemen fester anziehen zu müssen, wie das in Deutschland gleich bei Beginn des Krieges geschehen war. Die Blätter berichteten denn auch fortwährend von der in Deutschland herrschenden Knappheit, und sie konnten sich nicht genug tun in ätzenden Witzen über das deutsche kk-Brot und andere Surrogate, deren Verwendung sichere Gewähr dafür zu sein schien, daß Deutschland denn doch nicht würde durchhalten können, während Rußland nicht nur selbst schwelgen, sondern von seinem Überflusse auch noch seinen Verbündeten reichlich und überreichlich abgeben würde.

Die Verteuerung der Fabrikate ließ denn auch nicht lange auf sich warten; so lange die Vorräte von eingeführten Waren noch reichten, ließ die Situation sich noch ertragen, wenngleich die Kaufleute die Preise von vornherein nicht unerheblich steigerten, und in der Folge auf dem einmal eingeschlagenen Wege rüstig vorwärts schritten, bis die ersten empörten Notschreie über „die Marodeure hinter der Front“ laut wurden und nun nicht mehr verstummten, wenngleich sie mehrmals die Adresse, an die sie gerichtet wurden, wechseln mußten.

Das Elend ging erst an, als die alten Warenbestände zum Teil aufgebraucht, zum Teil aber von Spekulanten aufgekauft waren, die sie zurückhielten und dann allmählich mit phantastischem Nutzen auf den ausgehungerten Markt warfen, der alles zu jedem Preise gierig aufnahm. Der Krieg brachte es mit sich, daß ganze Warenkategorien vom Markte verschwanden; während jedoch in anderen Ländern die eigene Produktion das weitaus meiste, wenn nicht ganz, so doch wenigstens zum Teil ersetzen konnte, geschah dieses in Rußland nur im allerbescheidensten Maßstabe. Die glorreiche russische Industrie, die bei Beginn des Krieges den Mund so ungeheuer voll genommen und, mit Verlaub, [42] erklärt hatte, daß man des „deutschen Krempels“ gar nicht bedürfe, sondern alles Erforderliche im eigenen Lande und mit eigenen Mitteln herstellen würde, versagte, und sie deckte sich zunächst mit der ärmlichen Ausflucht, daß die Industrie noch immer unter den verderblichen Einwirkungen der „deutschen Vergewaltigung“ stehe, die ihre schwere Hand durch Jahrzehnte auf Rußland habe ruhen lassen, aber schließlich suchte sie gar nicht mehr nach Ausflüchten, sondern sie lieferte ihre außerordentlich minderwertigen Fabrikate ohne jegliche captatio benevolentiae und ließ sich den üblen Shoddy mit Bombenpreisen bezahlen.

Was die Fabrikanten nicht zustande brachten, das besorgten die Spekulanten, die sich wie ein Schwarm von Schmeißfliegen auf die Warenvorräte warfen, diese aufkauften, einlagerten und dann mit enormem Nutzen unter die Leute brachten. Bei diesem Bacchanal der bourgeoisen Marodeure wurden ungezählte Millionen verdient, die zum Teil in Häusern und anderen Liegenschaften festgelegt, zum Teil aber zu weiteren Spekulationen verwendet wurden. Der russische „Kupez“, der von je eine besondere Neigung für menschlich wohl verständlichen, ethisch und volkswirtschaftlich aber keineswegs zu entschuldigenden, leichten Verdienst gehabt hat, zeigte sich in dieser für das Land so enorm schweren Zeit von seiner unvorteilhaftesten Seite. Er konnte seinen Instinkten die Zügel schießen lassen, denn die Regierung, die ihm wohl einen tüchtigen Dämpfer hätte aufsetzen können, verlor, wie immer in schwierigen Situationen, den Kopf und mußte die Dinge gehen lassen, wie sie eben gehen mochten. Es kann freilich nicht verschwiegen werden, daß die enorme Verteuerung der Waren zum Teil durch den gewaltigen, nichts weniger als rationell organisierten Bedarf der Armee, zum Teil aber auch durch die sich bald einstellenden Transportschwierigkeiten verursacht wurde; nicht wenig trugen hierzu ferner die mißglückten Experimente der zarischen Regierung bei, die glaubte, den [43] Verbrauch und den Handel durch polizeiliche Vorschriften regulieren zu können, während ihre verfehlten Maßnahmen nur dazu beitrugen, den herrschenden Wirrwarr zu vergrößern. Wenn die Regierung den Versuch machte, den Preis für irgendeine Ware zu regulieren, so verschwand diese sofort in der Versenkung und war fortan nur noch zu erhöhten Preisen erhältlich.

Ein Kapitel für sich, und zwar ein sehr unerfreuliches, bildeten die Transportschwierigkeiten, die weniger in der Unzulänglichkeit des russischen Eisenbahnnetzes, als in der Verkommenheit der schlecht besoldeten und noch schlechter kontrollierten Eisenbahner zu suchen sind. Da die Bahnen von Militärtransporten sehr stark in Anspruch genommen waren und die Betriebsleitung auf ihnen sich nie durch Zweckmäßigkeit ausgezeichnet hatte, so mußte die Beförderung von Privatfrachten natürlich auf nicht unerhebliche Schwierigkeiten stoßen, die von Leuten, die mit den Landesverhältnissen genügend vertraut waren, ohne weiteres dadurch aus dem Wege geräumt wurden, daß sie das gute Wort von dem guten Schmieren und dem ditto Fahren ins Praktische übersetzten, d. h. die Beamten „schmierten“, was freilich ein Heidengeld kostete, aber doch sicher zum Ziele führte. Dank diesem System kam die Frachtzahlung eigentlich gar nicht mehr in Betracht, — was konnten bescheidene 30 oder 40 Rubel gegenüber Schmiergeldern im Betrage von vielen Hunderten oft sogar tausenden Rubeln pro Waggon bedeuten! Das Unwesen der „Schieber“ war trotz allen strengen und strengsten Vorschriften nicht auszurotten, was sehr verständlich ist, denn Eisenbahner, deren Gage allenfalls 60, oder wenn es hoch kam, 110 Rubel monatlich betrug, konnten in einem Monat spielend einige Tausende verdienen, ohne sonderlich viel zu riskieren, — der Mensch muß eben nur ein wenig Glück haben und sich auf die notorische Nachlässigkeit seiner Vorgesetzten verlassen können, oder aber schlimmsten Falles mit diesen Vorgesetzten Halbpart [44] machen, was den Reiz der Sache natürlich nicht unerheblich herabmindert.

Neben den Eisenbahnern betrieben einen ausgedehnten Waggonschacher die Vertreter verschiedener Kommunalorganisationen, wohl auch hohe Beamte in der Zentralverwaltung, ohne daß es gelungen wäre, mehr als einen oder zwei dieser Schächer der Rechtsprechung zu überliefern. Um so mehr Eisenbahner gelangten dagegen in den Besitz eines erklecklichen Notgroschens, eines netten Häuschens, das natürlich auf den Namen der Gattin oder eines Verwandten angeschafft wurde, oder sonstiger guter Dinge, von denen man in Friedenszeiten allenfalls einmal in guter Stunde sehnsüchtig geträumt hatte. Der Weizen dieser Herren blühte so ausgiebig, daß man beispielsweise den Güterexpeditoren mit kleinen Banknoten schließlich gar nicht nahen durfte.

„Glauben Sie, daß ich keinen Hundertrubelschein gesehen habe?“ herrschte ein solcher einst einen petitionierenden Kaufmann an, worauf dieser zum einsamen Hunderter seelenruhig noch einen fügte.

Der Expeditor warf einen schiefen Blick und zuckte verächtlich die Achseln. Nun tat der Kaufmann den dritten Hunderter auf den Tisch, worauf der Expeditor den ganzen Aufbau mit einem tiefen Seufzer in seine Tischlade fegte und klagte, daß das Publikum ihn zu Tode martere. Damit war dann das Geschäft zu beiderseitiger Zufriedenheit erledigt. Solcher Szenen spielten sich während der Kriegszeit täglich hunderte und tausende im weiten Reiche ab.

Selbstverständlich mußten derartige „Spesen“ die Waren ungeheuer verteuern, nichtsdestoweniger ist jedoch der Löwenanteil der Teuerung bis zur Revolution der gewissenlosen Bewucherung des Publikums seitens einer Schar von ebenso gierigen wie unverzagten Spekulanten zur Last zu legen.

Dank den Schiebungen der „Marodeure hinter der Front“ verteuerten die Waren sich im Laufe des Krieges um 500, [45] 600 und gar 1000 Prozent, wobei gleichzeitig die Qualität sich immer mehr verschlechterte. Den Höhepunkt erreichte aber die Aufwärtsbewegung der Preise, als nach der Revolution die Arbeiterschaft selbstherrlich die Löhne bis zur Höhe von Ministergagen hinaufschraubte, und dadurch das vollendete und überbot, was die von ihr so verhaßte „Bourgeoisie“ begonnen hatte.

Wenn man sich mit der Verteuerung von Fabrikaten wohl oder übel abfinden und sie als eines der unvermeidlichen Opfer, die der Krieg von uns verlangte, hinnehmen mußte, so war man jedoch nicht wenig erstaunt, als der steigenden Preisbewegung schließlich auch die Lebensmittel zu folgen begannen. Zuerst ging dieser unliebsame Prozeß allmählich vor sich, dann aber nahm die Steigerung ein immer schnelleres Tempo an, und schließlich erreichte die Preisbildung für Nahrungsmittel dieselbe schwindelnde Höhe, zu der die Fabrikate schon längst gediehen waren. Auch hier versuchte die Regierung einzugreifen, doch erlitten ihre Bemühungen genau dasselbe klägliche Fiasko, das sie bei den Versuchen zur Beeinflussung der Preise für Fabrikate hatte erfahren müssen. Natürlich hatte auch hier die Spekulation ihre unsauberen Finger im Spiele, natürlich spielten auch hier die Transportschwierigkeiten und die hieraus erwachsenden hohen „Spesen“ eine verhängnisvolle Rolle.

Die Fabriken zahlten den Arbeitern so hohe Löhne, daß es für den Bauern keinen Sinn hatte, in schwerer Arbeit der kargen Scholle den Unterhalt abzuringen, während man in den Fabriken oder bei sonstigen, insbesondere aber staatlichen Arbeiten, spielend 10, 15, 30, 50 und mehr Rubel täglich verdienen konnte. Es fand also eine Landflucht in größtem Maßstabe statt. Die Bauern, die ihrem Gewerbe treu blieben, konnten sich natürlich der allgemeinen Warenteuerung nicht entziehen, — was sie brauchten, mußten sie mit schwerem Gelde bezahlen, zudem hatten sie es nur zu bald heraus, daß der Städter, wenn er nicht verhungern [46] wollte, schließlich doch jeden noch so hohen Preis für Nahrungsmittel anlegen mußte.

Der Kreis hatte sich also geschlossen. Das Resultat war, daß man, nachdem man vergeblich nach allerlei Mitteln zur Linderung der Notlage gehascht hatte, doch kleinlaut zugeben mußte, daß im reichen Rußland die bittere Not mit dürrem Finger am Tor pochte, daß man nicht mehr imstande war, die Bevölkerung auskömmlich zu ernähren, geschweige denn die vertragsmäßigen Lieferungen an die Verbündeten auszuführen.




Wie man weiß, gab die herrschende Verteuerung von Lebensmitteln und Fabrikaten den Anlaß zum Sturze der Dynastie Romanow. Die Hungerunruhen in Petersburg fegten den letzten schwächlichen Träger des Hutes des Monomachos von der weltgeschichtlichen Bildfläche, und das vom Joche des Zarismus befreite Volk glaubte nun, den sozialistischen Zukunftsstaat in aller Herrlichkeit aufrichten, vor allen Dingen aber sich zunächst ordentlich satt essen und auch sonst ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Leider enthielt jedoch die Rechnung ein sehr beträchtliches Loch, denn nach der Revolution wurde nicht nur nichts besser, sondern im Gegenteil, viel schlechter. Ebenso wenig wie der zarischen Regierung gelang es der revolutionären das Verpflegungswesen zu ordnen, oder auch nur die Spekulation einzudämmen. Die erträumten Vorzüge des Zukunftsstaates wollten sich perfiderweise durchaus nicht einstellen, wenngleich man die verhaßte Bureaukratie, der man die Schuld an aller Unbill in die Schuhe geschoben hatte, restlos abgeschafft hatte. Es erwies sich, daß die neuen Männer ebenso wenig befähigt waren, der Schwierigkeiten Herr zu werden wie die früheren Machthaber, und in manchem[WS 1] revolutionsheißen Kopfe dämmerte nun leise die Erkenntnis auf, daß man wohl das System wechseln kann, daß aber [47] die Menschen mit allen ihren Unzulänglichkeiten immer und ewig dieselben bleiben.

Unter der Herrschaft der neuen Männer geriet das Transportwesen bald in den Zustand vollständiger Auflösung, und die Produktion des Landes fiel ganz rapid. Wenn vor der Revolution die bourgeoisen Elemente in der Wolle gesessen und die Verbraucher nach Herzenslust bewuchert hatten, so förderte nun die Arbeiterschaft, die sich als Beherrscherin der Situation fühlte, die weitere Verteuerung nicht nur der Fabrikate, sondern auch der landwirtschaftlichen Produkte. Dazu kam denn noch, daß infolge der Unsicherheit der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes, sowie der ungeheuern Beanspruchung der Leistungsfähigkeit der Notenpresse der Rubelkurs sank, was eine weitere Verteuerung nicht nur der Einfuhrwaren, sondern auch der eigenen Produktion nach sich zog.




Unter solchen Umständen ist es verständlich, daß im ganzen Lande das Wehklagen nicht verstummte, denn man gab aus wie ein Fürst und lebte nichts weniger als fürstlich. Wie sollte man Debet und Kredit in Einklang bringen, wenn die Lebensführung sich um mindestens 600 bis 700 Prozent verteuert hatte, während die Einnahmen sich im besten Falle verdoppelt hatten. Unzählige waren aber nicht einmal in dieser relativ günstigen Lage, sondern hatten mit ihren Friedenseinnahmen, oder gar mit einer erheblichen Verringerung dieser hauszuhalten.

Das war nun eine Kunst, die man sich um so schwerer aneignen konnte, als man im allgemeinen an einen, wenn nicht gerade breiten, so doch ungemein behaglichen Lebenszuschnitt gewöhnt war und sich, was des Leibes Notdurft und Nahrung anlangt, keinerlei Beschränkungen aufzuerlegen gewöhnt war. Man hatte ja auch vor dem Kriege weidlich über der Zeiten schwere Not geklagt, — viele [48] lernen ja klagen, ohne zu leiden, das erfordert nun einmal, sozusagen, der Anstand, aber man hatte doch täglich, wenn auch nicht das berühmte Huhn Heinrichs IV., so doch ein anständiges Stück Rindfleisch im Topfe und sein Schnäpschen nebst nachfolgendem Bier oder Wein, je nach Geschmack und Gewöhnung, gehabt.

Wenn man bei uns zu Lande nichts anderes gehabt hatte, so war man doch immer satt gewesen, und nun hieß es mit einem Mal, daß Schmalhans Küchenmeister werden sollte oder vielmehr bereits geworden war, ehe man sich dessen versehen hatte!

Von unserem Tische verschwanden eines nach dem andern die guten Dinge, die selbst dem bescheidener situierten Bürgersmanne zugänglich gewesen waren, wie etwa das saftige Roastbeef, der sonntägliche Schweine- bzw. Kalbsbraten, die Butter, die Fische, das Geflügel und Wild, vor allen Dingen aber die kleinen und pikanten hors d’oeuvres, die Pastetchen und Piroggchen, die gesalzenen, verzuckerten, gepfefferten und gesäuerten Kinkerlitzchen, an deren Stelle neben den ehrlichen und bekömmlichen Grützen allerlei Fettsurrogate, wie Pflanzenöle, Pferdetalg und horribile dictu, auch das Pferdefleisch trat, das sich bald Bahn brach und entweder offen oder in verschämter Verhüllung in unsere Mägen courbettierte.

Wer vermochte es, sich noch ein Stück Käse, eine ordentliche Rauchwurst, einen Schinken, einen Gänsebraten oder einen geräucherten Lachs zu leisten? Einen Zehner frischer Eier, einen Apfel, ein Gericht Pilze, ein Pfund Butter oder einen Hasenbraten zu erschwingen? Unsere Tafel wurde ganz infam mager und schütter, und man sah sich gezwungen, die Qualität durch die Quantität zu ersetzen und seinen Gaumen mit aller Energie zur Ruhe zu verweisen. Man mußte nolens volens auf die landesübliche Geselligkeit mit der den Mittelpunkt derselben bildenden obligaten Abfütterung auf breitester Basis, verzichten. Herrgott, worauf [49] mußte man schließlich nicht verzichten, wenn man nicht Spekulant oder Arbeiter war! Es dauerte nicht lange, da ertappte man sich dabei, wie man seinen Gästen, so lange man solche an seinem Tische noch zu sehen in der Lage war, die Bissen am Munde abzählte, oder bei ähnlichen Gedankengängen, die einem vor Jahr und Tag einen Schauer des Ekels vor der eigenen Kleinlichkeit über den Rücken gejagt hätten.

Aber es half alles nichts, man mußte eben daran glauben und sich für die noch zu erwartenden schlimmeren Zeitläufte trainieren. Man begann zunächst mit dem, was einem in jahrelanger Übung lieb geworden, vielleicht unentbehrlich geschienen, aber nun doch abgeschafft werden mußte. Die starken Getränke, die in unserem Ausgabe-Budget immerhin einen anständigen Posten ausgemacht hatten, mußte man sich, wie in einem anderen Kapitel berichtet worden ist, in erster Linie abgewöhnen, denn einerseits waren sie nicht vorhanden, andererseits aber wurden sie, da sie eigentlich doch vorhanden waren, — sie hatten sich der sog. „Greifbarkeit“ entzogen und lagerten in still verborgenen Spekulantenkellern, — unsinnig teuer. Unverbesserliche Sumpfhühner, die in den ersten zwei Kriegsjahren für eine Flasche Schnaps oder eine Flasche Portwein noch 7, 8 oder auch 10 Rubel anlegen konnten, sahen sich bald aufs Trockene gesetzt, denn schließlich zahlte man für die eben genannten Getränke 50, 60 und gar 100 Rubel. Da mußte sich denn auch der wütendste Durst bescheiden, und den Weinberg, in dem man so wacker gearbeitet, den neugebackenen Kriegsmillionären, oder aber den Herren Arbeitern, die 60 und 70 Rubel pro Tag verdienten, überlassen, oder sich zu den zweifelhaften Produkten des Hausbrandes bekehren, die übrigens schließlich auch mit etwa 20 Rubel pro Flasche bewertet wurden. Diese Wandlung konnten freilich nur die ganz Ausgepichten mitmachen, denn die normal begabte Zunge und nicht minder [50] das Riechorgan wandten sich mit Grauen von dem Duft und Geschmack dieses Gesöffs.

Trotz alledem kann die Abwesenheit des in schweren Kriegsläuften doppelt willkommenen Sorgenbrechers nicht als das größte der Übel eingeschätzt werden, — der Schuh drückte uns an ganz anderen Stellen bei weitem schmerzhafter und ausdauernder. Gewiß, so mancher trinkfeste und zechfreudige Gesell mag mehr als einmal geseufzt haben, daß es unter sotanen Umständen keine Lust sei, zu leben, aber wie vielen hat die notgedrungene Enthaltsamkeit von Leberanschoppungen, Magenbeschwerden und anderen Gebresten des allzu sündigen und genießfreudigen Leibes verholfen, und das ist immerhin hoch zu bewerten. Auch der ethische Gewinn ist nicht zu verachten gewesen, denn so manche Stunde, die man früher in der „anregenden“ Kneipenatmosphäre verbracht hatte, wurde nun der Familie oder den Büchern gewidmet, für die der Berufsmensch im allgemeinen so entsetzlich wenig Zeit übrig hatte, daß sie oft vom Vater auf den Sohn unaufgeschnitten übergingen und ihren Kreislauf in demselben Zustande beim Antiquar beschlossen.

Nein, das war der Übel größtes gewißlich nicht!

Dieses nistete sich dort ein, wo die züchtige Hausfrau mit Umsicht und Sparsamkeit waltet, stets darauf bedacht, die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen und den bekannten Weg zum Herzen des Gatten wohl geebnet und gangbar zu erhalten, und dabei dennoch etwelche Ersparnisse für den schwarzen Tag oder für die im Laufe des Jahres fälligen geburtstaglichen und sonstigen Überraschungen zu machen, d. h. im Küchendepartement und in den verwandten hauswirtschaftlichen Branchen.

Welche Mühe kostete es, den Hausstand im gewohnten Geleise zu erhalten, aber schließlich ging das selbst bei heißestem Bemühen und größter Geschicklichkeit und Erfahrung doch nicht mehr, denn alle noch so fein gesponnenen [51] Berechnungen und Kalkulationen wurden von der brutalen Wirklichkeit rauh über den Haufen geworfen. Man schränkte sich zunächst ein, verzichtete auf alles, was in Speise, Trank und Kleidung an Luxus grenzte und überflüssig erschien, verzichtete schließlich auf Notwendiges und zuletzt auf Unumgängliches. Aber auch dann wollte es nicht langen. Die Kluft zwischen Einnahmen und Ausgaben ließ sich in ungezählten Hausständen nicht mehr überbrücken und klaffte immer tiefer, um schließlich so manche vor dem Kriege auskömmlich situierte Familie wirtschaftlich zu verschlingen.

Die wesentliche Rolle spielte hier natürlich die enorme Verteuerung der Lebensmittel, die für manche Artikel in das Phantastische stieg, während andere vollständig aus dem Verkehr verschwanden. Den Genußmitteln, wie Schokolade, Konfekt, feinem Gebäck und anderen guten Dingen dieser Kategorie weinte man nur wenige Tränen nach, denn sie ließen sich mehr oder weniger leicht entbehren. Bedenklicher war es schon, als der Zucker knapp wurde und schließlich mit Gold aufgewogen werden mußte. Der ganze Jammer der Zeit und der völlig verfahrenen wirtschaftlichen Verhältnisse packte uns erst dann an, als es an Fleisch, an Butter und anderen Fettstoffen, sowie am täglichen Brote zu mangeln begann und Frau Sorge immer lauter an die Tür pochte.

Langsam und unabweislich veränderte sich der Lebenszuschnitt im großen und einst so reichen Rußland; die „breitwürfigen“ russischen Naturen lernten, unter der harten Faust eiserner Notwendigkeit, sich bescheiden. O, wie bescheiden! Das Land, in dem dereinst Milch und Honig geflossen war, und in dem man im allgemeinen ein Schlaraffendasein geführt hatte, wurde dürr und steril wie die Kühe Pharaos Zweiten Aufgebots, und die Suppentöpfe des Landes wurden immer wässeriger. Nach den Kuchen und Konditorwaren verschwand allmählich auch das Weißbrot; es wurde [52] durch knappe Rationen scheußlich gebackenen Roggenbrotes ersetzt, und man mußte froh sein, daß man diese Atzung, die man früher kaum seinem Hunde vorgesetzt hätte, weil man eben besseres gehabt hatte, nach stundenlangem Harren vor den Brotläden nach Hause tragen durfte. Es verschwanden Fleisch und Butter, deren Preise zu einer Höhe gediehen, die nur noch von Millionären und Kassendefraudanten erklommen werden konnte. Es verschwanden Fische, Eier, Käse und Milch. Alle diese Produkte verschwanden, und sie tauchten wieder auf, nachdem sie eine immer wieder erneute Preishäutung durchgemacht hatten. Währenddessen las man in den Leitungen fortwährend von Riesenvorräten, die da und dort verfault waren, weil es an Arbeitshänden gemangelt hatte, weil man keine Tonnen hatte, weil gestreikt worden war, oder weil die Eisenbahnen immer wieder versagten.

Man lebte schließlich in einem Lande, in dem alles vorhanden war, während man gleichzeitig nichts hatte. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß wir bald alle Breitwürfigkeit aufgeben und zuschauen mußten, wie wir uns durch das feindliche Leben schlagen mochten. Das fiel uns höllisch schwer, soweit es sich nicht um Leute handelte, die sich ererbten oder mehr oder weniger wohl erworbenen Besitzes erfreuen durften.

Infolge der kärglichen Nahrung, die vielfach den Charakter des Halbhungers annahm, wurden die Taillen der Leute, die Cäsar gern um sich gehabt hätte, schlank, wie die Kerzen. Leute, die alljährlich nach Karlsbad gepilgert waren mit dem Stoßseufzerlein auf der Lippe: o, schmölze doch dies allzu feste Fleisch! sahen sich der Mühe enthoben, die überschüssigen Fettpolsterungen mit heilsamen Wässern gewaltsam zu entfernen, — sie schwanden wie die Höcker der Schiffe der Wüste nach langer Wanderung, und die Schneider hatten alle Hände voll zu tun, die Bein- und sonstigen Gehäuse der zunehmenden Verdürrung anzupassen.

[53] Leider äußerten sich die Folgen der andauernden Unterernährung auch in erhöhter Sterblichkeit, namentlich der Kinder und älterer Menschen, die vielfach auf die ihnen bekömmliche Nahrung verzichten mußten. Welche Folgen die Unterernährung für die heranwachsende Jugend gehabt haben wird, muß ja erst die Zukunft erweisen, — leicht haben es die armen Jungen und Mädel mit ihrem gesegneten, nie in vollem Umfange befriedigten Appetit gewiß nicht gehabt, und man muß annehmen, daß der Krieg eine physisch minderwertige Generation gezeitigt haben wird.

Am schwersten wurde der gebildete Mittelstand heimgesucht, an dem der Goldregen, den der Krieg entfesselt hatte, vorüberging, ohne seine Fluren zu benetzen; er allein hatte das Nachsehen, denn nie hatte der Kopfarbeiter weniger gegolten als gerade während des Weltkrieges.

Zu der Teuerung der Lebensmittel gesellte sich der Wohnungswucher, die enorme Verteuerung des Heizmaterials, der Bekleidung und anderer Bedürfnisse. Währenddessen wurde die Steuerschraube immer kräftiger angezogen, denn der Staat brauchte Milliarden um Milliarden, nicht nur zum Kriegführen, sondern auch um den wachsenden Appetit der Soldaten, Arbeiter und Beamten zu befriedigen, wenngleich die Leistungsfähigkeit dieser Herren in demselben Maße abnahm, wie ihre Ansprüche an den Staatssäckel stiegen.

Während diese guten Leute herrlich und in Freuden lebten, mußte der Bürgersmann sich nach der immer kürzer werdenden Decke strecken. Er nährte sich nicht nur schlecht, sondern kleidete sich noch schlechter, denn der Shoddy, den die vaterländische Manufaktur lieferte, wurde immer teuerer, bis er schließlich ganz aus dem Bereiche des für Durchschnittstaschen Zugänglichen entschwand.

Man unterzog die vorhandene Garderobe einer Prüfung auf Herz und Nieren, und siehe da, es ließ sich so manches wenden, so manches flicken, so manches aufputzen oder [54] kombinieren. Die Schneider, deren Brotkorb auch in die Höhe geschnellt war, erwiesen sich als nachsinnliche und erfindungsreiche Männer, — sie brachten mitunter aus ruinösen Gewandungen wahre Wunderwerke zustande, die wahrscheinlich wohl nicht den Beifall eines geaichten Dandys errungen hätten, aber doch ihren Zweck erfüllten und unsere dürre Blöße ausreichend bedeckten.

Schlimmer als um Kleider, stand es um Stiefel, die rar, teuer und miserabel wurden. Es gab eine Zeit, in der begeisterte Patrioten, die sich zu allen, auch den schwersten Opfern bereit erklärt hatten, den nationalen Bastschuh zu Ehren bringen wollten; in der Tat sah man auch auf den Straßen hin und wieder einen Narren, der zum steifen Filzhut Bastschuhe trug, aber viele Nachahmer fanden diese impulsiven Herren, die bald wieder von der Bildfläche verschwanden, nicht. Man kehrte reuig zum Lederstiefel und zu seinen Surrogaten, als da sind Zeugschuh, Gummi- und Linoleumsohlen usw. zurück. Auch hier fand der Erfindungs- und Kombinationsgeist unserer Schuster ein unabsehbares Feld zur Betätigung; sie bewährten sich als Schuh- Macher und Poet dazu, indem sie phantasievolle Werke aus geborstenen Zeugen verschwundener Pracht dichteten.

Und es war sonderbar, je teuerer und seltener das Leder in dem Staate wurde, in dem das meiste Horn- und sonstige Ledervieh herumläuft, um so mehr Leder wurde für Damenschuhwerk, das man eigentlich schon „Chaussure“ nennen muß, verschwendet; je kürzer die Röckchen, um so höher die Stiefelchen! Es ging in dieser Beziehung genau ebenso wie mit den Lebensmitteln, — je teuerer diese wurden, um so aufdringlicher wirkten die Delikatessen, die sich in den Schaufenstern blähten und dem hungrigen das Wasser im Munde zusammenlaufen machten. Man hatte kein Brot, aber es gab Leute, die 12 Rubel für eine Birne zahlten und 50 Rubel für ein Pfund Malossol anlegen konnten, ohne daß sie mit der Wimper dazu zuckten.

[55] Ein Kapitel für sich bildete der üppig ins Kraut schießende Wohnungswucher, dem man sich auf keine Weise entziehen konnte, weil die größeren Zentren von Zuzüglern, insbesondere den Flüchtlingen aus den evakuierten Gouvernements überfüllt waren, während die Bautätigkeit im Laufe des Krieges vollständig zum Stillstand gelangt war, — man war also auf Gnade und Ungnade in die Hände der Hausbesitzer geliefert, die die Situation weidlich ausnutzten und die Mietpreise zu fabelhafter Höhe schraubten. Freilich suchten diese Harpyen ihr Tun durch die schweren Lasten, die sie angeblich zu tragen hatten, zu entschuldigen, aber sie vergaßen ganz, daß diese Lasten durch den enormen Wertzuwachs ihres Besitzes mehr als wett gemacht wurden.

Kurzum, man wurde von allen Seiten gezwickt und gezwackt, ohne daß man imstande gewesen wäre, sich gegen die von überall her andringenden Ansprüche zu wehren. Das Resultat war für den gebildeten Mittelstand, wie gesagt, ein überaus trauriges. Man aß schlecht, trank Wasser, schlechten und teueren Tee, greuliche Kaffeesurrogate, rauchte entsetzlichen Tabak, der mit Gold aufgewogen werden mußte, kleidete sich schäbig, und war trotz alledem nicht nur genötigt, seine Ersparnisse anzugreifen und sie restlos zu verbrauchen, sondern bald ging es auch an das Versilbern von Schmuck und anderen Wertgegenständen, und doch kamen viele um das Ende nicht herum, — sie verarmten in der hoffnungslosesten Weise, nachdem sie sich tapfer gegen die eindringende Not gewehrt hatten, so lange eben die Fonds ausgereicht hatten.

Der Einzelne durchlebte genau dasselbe, was dem Staate beschieden war: die vollständige Aufzehrung der angesammelten Vorräte und den wirtschaftlichen Zusammenbruch, oder doch die wirtschaftliche Schwächung auf Generationen hinaus. Man lebte von dem und mit dem, was man in besseren Zeiten angeschafft hatte; wenn man damit zu Ende war, dann begann das Darben und das Sichbehelfen. [56] An Anschaffungen und Ergänzungen des Abganges notwendiger Einrichtungsgegenstände konnte man natürlich nicht denken, und so gelangte man dann schließlich in die Situation des Studenten, der von der Mama wohl ausstaffiert die Hochschule bezieht und von dort mit Pfeife, Zahnbürste und zwei Papierkragen wieder heimkehrt.

Nicht nur alles, was Luxus hieß, lag hinter uns in wesenlosem Scheine, sondern wir hatten auch auf den bescheidensten Komfort verzichten müssen. Man drückte sich in den Wohnungen zusammen, man heizte sparsam und schränkte die Zahl der Dienstboten, die hohe Löhne beanspruchten und einen unangemessen gesegneten Appetit entwickelten, auf das äußerste ein. Zarte Mädchenhände schwangen Besen und Staubtuch, oder sie tauchten in den Waschbottich, gleich der königlichen Nausikaa, denn der Messer der menschlichen Kultur, die Seife, war teuer geworden, o, wie teuer, und die Waschermädel beanspruchten für ihre Dienste allzuviel.

In dieser Zeit der Einschränkungen und Entbehrungen erkannten wir, wie unendlich viel Dinge der moderne Mensch glaubte bedürfen zu müssen, um sich auf der Höhe der Zivilisation zu fühlen, und wie wenig er eigentlich bedarf, um dennoch nicht aus dem Leime zu gehen.

Toilettenseife, wenn angängig englische, ist gewiß eine gute Sache, namentlich wenn man eine empfindliche Haut hat, aber wenn das Pfund ganz gemeiner Küchenseife anderthalb Rubel kostet, dann steigt sie in der Wertschätzung der Mitwelt und die allerempfindlichste Haut muß sich an sie gewöhnen.

Was kann es erfrischenderes geben, als eine tägliche Abreibung mit gutem Kölnischem Wasser, natürlich vom allerechtesten Johann Maria Farina, aber wenn die allerunechteste Apothekerfechsung mit 15 Rubel pro Pfund bezahlt werden muß, dann überläßt man das Feld dem braven [57] Vaterlandsverteidiger, der das gute Kölnische Wasser zu innerlichen Einreibungen benutzt, und man konstatiert mit Staunen, daß eine Abreibung mit kaltem Wasser genau dieselben Dienste tut.

Und so ist es uns mit unzähligen anderen Dingen gegangen, die uns so wertvoll, so unumgänglich geschienen, und über die wir dennoch hinübergekommen sind, ohne sonderlichen Schaden an Leib oder Seele zu nehmen.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß die erschreckende Verelendung des Mittelstandes ganz gewiß nicht den Umfang erreicht hätte, zu dem sie tatsächlich gediehen ist, wenn die Prinzipale vieler Angestellten ein Einsehen gehabt und ihre Leute besser, d. h. den Kriegsläuften entsprechend, entlohnt hätten. Natürlich waren viele Geschäfte nicht in der Lage, ihre Angestellten wesentlich oder auch nur unwesentlich aufzubessern, da sie selbst schwer mit der Ungunst der Zeiten zu kämpfen hatten, aber sehr viele, namentlich kleinere Betriebe, die trotzdem oder gerade deshalb, vortreffliche Umsätze erzielten, hielten es wohl für nötig, über die schwere Not der Zeiten zu klagen, womöglich die Gehälter gleich bei Kriegsausbruch zu kürzen, aber in Aufbesserungen ihres Personals nur dann zu willigen, wenn ihnen das Messer sozusagen an die Kehle gesetzt wurde. Das ist aber seitens der Vertreter des gebildeten Mittelstandes nur selten getan worden, und man konnte vielfach den absonderlichen Zustand erleben, daß in einem und demselben Betriebe die organisierten einfachen Arbeiter weit besser bezahlt wurden, als gebildete Bureaubeamte.

Unter solchen Umständen mußte der Mittelstand sich eben bescheiden und seine Bedürfnisse über die Linie des Äußersten hinaus einschränken. Leider beschränkten sich diese Kürzungen des Lebenszuschnittes nicht nur auf die Entbehrung von Dienstboten, auf die weitestgehende Vereinfachung von Kleidung und Nahrung usw., sondern vielfach auch auf kulturelle Bedürfnisse. Wieviele Familien haben auf den [58] Besuch von Theatern und Konzerten, sowie auf den Ankauf von Büchern, oder gar auf das Abonnement einer gleichfalls zu erklecklicher Teuerung gediehenen Zeitung verzichten müssen, wieviele Kinder sind gezwungen gewesen, den Schulbesuch aufzugeben, weil man das Schulgeld und die teueren Lehrmittel nicht mehr aufzubringen vermochte!

Der gebildete Mittelstand, die Vertreter der sogenannten freien Berufe, die städtischen und zum Teil auch die Staatsbeamten, sowie die Angestellten privater Unternehmungen sind in dem ungeheueren Wechsel der Dinge, der sich während des Krieges vollzogen hat, der ruhende Pol, weil dem Gehalt die Anpassungsfähigkeit und Beweglichkeit des Arbeitslohnes abgeht. Das schreiende Mißverhältnis, das zwischen den starren Einnahmen und den um viele hunderte Prozent gestiegenen Ausgaben bestand, hat zu dem Hinabgleiten des Mittelstandes geführt, dem man nicht teilnahmlos zuschauen kann, denn es ist klar, der Mittelstand wird sich nach Friedensschluß in völlig veränderte Verhältnisse gestellt sehen, in eine Stellung zu den anderen Volkskreisen, die tief unter seinem früheren Niveau liegt.

Der Krieg hat den Mittelstand Rußlands an den Rand des wirtschaftlichen Verderbens gebracht und ihn auf Generationen hinaus wirtschaftlich geschwächt. Was das für das Land, in dem kulturelle Elemente so überaus dünn gesäet sind, obwohl gerade nach diesen ein schreiendes Bedürfnis besteht, bedeutet, braucht wohl nicht erst ausdrücklich hervorgehoben zu werden.

Man darf jedoch nicht verkennen, daß diese Zeit, die so großes Elend über uns gebracht hat, schließlich doch nicht ganz ohne Segen gewesen ist, — sie hat uns gelehrt, uns zu bescheiden, uns mit wenigem zu begnügen, zu erkennen, daß man nicht über seine Mittel hinaus zu leben braucht, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft angesehen zu werden. Der Krieg hat ferner unsere Jugend gelehrt, mit [59] anzugreifen und nicht erst um jeder Lappalie willen nach dem Dienstboten zu schellen. Sie hat uns von vielem unnützen Ballast, vielem Dünkel und Bagatellen befreit, sie hat uns ernster und fester gemacht. Und das werden wir sehr gut gebrauchen können, denn die satten und übersatten Zeiten sind dahin für immer, — sie kehren nie wieder, oder sie werden erst dann wieder eintreten, wenn wir, die diese große, schwere und fürchterliche Zeit miterlebt und miterlitten haben, nur noch schattenhaft in der Erinnerung unserer Nachfahren leben werden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: manchen