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Robert Hamerling (Die Gartenlaube 1885)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: Wilhelm Lanser
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Titel: Robert Hamerling
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 141, 147–148
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Robert Hamerling.

Einem von den Zeitungen im vergangenen Sommer veröffentlichten Aufrufe, Robert Hamerling in seinem Geburtsorte ein Denkmal zu setzen, ist alsbald eine Erklärung des Dichters nachgefolgt, es sei lediglich Sache der Nachwelt, zu entscheiden, ob ihm solche Ehre gebühre. Inzwischen werden sich’s die Zeitgenossen nicht nehmen lassen, dem Dichter, wie seither, ihre Huldigung darzubringen und seine Schaffenslust durch das Bewußtsein zu erhöhen, daß er seine Gaben nicht an ein Geschlecht von Verständnißlosen und Undankbaren verschwende. Und wenn Robert Hamerling das häufige Los deutscher Dichter theilt, äußerer Glücksgüter zu entbehren, so haben ihm doch freundlichere Sterne geleuchtet, als seinem Landsmanne Grillparzer, den an seinem Lebensabende Laube für die Oesterreicher und die Deutschen im Reiche erst neu entdecken mußte. Schon um den jungen Dichter sammelte sich in der Heimath eine große Gemeinde von Verehrern; treue Anhänger umgaben ihn auf seinem Krankenlager zu Graz, und gar Vielen ist es eine Herzenspflicht, wenigstens einmal im Jahre nach der Hauptstadt Steiermark zu seinem Besuche zu pilgern.

Robert Hamerling ist am 22. März 1830 zu Kirchberg am Walde in Niederösterreich geboren. Das Häuschen seines Vaters stand bei einem fürstlichen Thiergarten, aus dessen Tanendunkel ein griechischer Tempel hervor schimmerte; der Thiergarten gehörte zu dem schönen Schlosse, in welchem die Familie des entthronten Karl X. von Frankreich ein Asyl gefunden. Zum geheimnißvollen Schauer des deutschen Waldes, der die Kindesseele erfüllen mußte, gesellte sich die Ahnung des hellenischen Schönheitsideals und der erste Eindruck eines gewaltigen Völkerschicksals: drei Elemente, denen wir im späteren Dichten des Jünglings und Mannes immer wieder begegnen sollen.

Schon als siebenjähriger Knabe fand er Trost für die Armuth des Vaterhauses in dichterischem Träumen; sein frühreifes Talent öffnete ihm zuerst die Pforten des nahen Schlosses, dessen junge Bewohnerinnen ihn im Französischen unterrichteten, und verschaffte ihm im neunten Lebensjahre die Aufnahme als Chorknabe im Cisterzienserstifte Zwetl, wo er sich von der Mühsal des Lateinlernens beim Dichten erholte. Ein Gedicht des zwölfjährigen Knaben „Das arme Kind“ rührte die französische Prinzessin Louise, spätere Herzogin von Parma, so, daß sie seine Mutter als eine Glückliche pries und dem jungen Studenten ihre Unterstützung zuwandte.

Mit jugendlichem Selbstvertrauen machte sich Hamerling, nachdem er vom Stifte, mit seinen Eltern, nach Wien übersiedelt war, an die größten Vorwürfe. Noch vor seinem sechzehnten Jahre hatte er ein zweiaktiges Drama „Columbus“, ein fünfaktiges „Die Märtyrer“ und eine Canzone „Eutychia“, sowie eine Menge Sonette und Lieder verfaßt, die später in den Band „Sinnen und Minnen“ aufgenommen wurden. Ein ernster Sinn für die Menschengeschichte, eine an den Schwaben Hölderlin erinnernde Sehnsucht nach Hellas und germanisches Naturgefühl waren schon in dem Jüngling zu einer dichterischen Eigenart zusammengeflossen, die sich in der Folge nur immer bestimmter ausprägen sollte.

Das Bewegungsjahr 1848 rief Robert Hamerling aus seinem stillen Stübchen auf die Straße und in Volksversammlungen, wo er voll glühender Begeisterung die frohe Botschaft von einem durch die Freiheit verjüngten Oesterreich vernahm. Es war ihm heiliger Ernst mit dem Waffentragen in der Akademischen Legion und er legte Säbel und Gewehr erst nieder, als in den Oktobertagen die Kroaten Windischgrätz’s schon die Herren Wiens geworden waren und die Häuser der Hauptstadt nach Legionären durchspürten. Der Dichter mag heute vielleicht den Freiheitstraum seiner Jugend belächeln, aber dem Ideal eines einigen deutschen Vaterlandes, an welches er damals glauben lernte, opfert er auch heute noch in unerschütterter Treue. Mitten in seinen sprachlichen, philosophischen und medicinischen Studien, die er im Frieden einer dumpfen politischen Reaktion wieder aufnahm, trug er sich mit dem Plane eines nationalen Dramas „Hermann“. Dem Sehnen nach hellenischer Gefühls- und Gedankenwelt that er Genüge in einem damals von ihm verfaßten Märchen „Atlantis“, und in einem Musenalmanach vom Jahre 1852 trat er zum ersten Mal als Lyriker mit drei Liedern vor die Oeffentlichkeit.

Ein nur zu kurzer Sonnenschein des Glückes leuchtete ihm, als er ein Stipendium und die Erlaubniß erhielt, zuerst im Theresianum und akademischen Gymnasium zu Wien, dann zu Graz Unterrichtsstunden zu geben, neben denen er sorgenfrei seiner Muse leben konnte. Allein die Pflicht, für seine betagten Eltern zu sorgen, zwang ihn wieder, von dem freien Dichterleben Abschied zu nehmen; er mußte die Lehramtsprüfung ablegen, um 1855 eine Professur am Gymnasium zu Triest antreten zu können, eine Thätigkeit, die sein Gemüth doppelt belastete, da jetzt zuerst die Krankheitserscheinungen sich einstellten, die ihn fortan nie ganz verließen.

Dennoch schwang er sich damals zu dem „Sangesgruß von der Adria“ auf, einer lyrischen Dichtung, die ihm reiches Lob von den berufensten Kritikern eintrug und die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Lehrer lenkte, der da an der Grenze deutschen Wesens so neue und kühne Weisen erschallen ließ. Von Triest ging er mehr als einmal nach Venedig hinüber, welches damals noch im Besitze Oesterreichs war, und schuf dort jenes lyrische Epos „Venus im Exil“, in welchem er mit aller sinnlichen Gluth, aber mit einer noch etwas unsicheren Gestaltungskraft die Göttin der Schönheit preist. Seine erste Sammlung lyrischer Gedichte „Sinnen und Minnen“, in denen noch, wie er selber sagt, eine allzu subjektive Richtung der Lyrik vorherrscht, gab er 1859 heraus. Der Donner von Solferino und der Verlust der Lombardei konnte ihn, wie es scheint, in seinem dichterischen Träumen nicht beirren. Und doch war Hamerling ein Mann von ausgesprochenem historischen Gefühl! Diesem letzteren und seiner deutschen Vaterlandsliebe lieh er freilich drei Jahre später einen nur um so begeisterteren Ausdruck in seiner Canzone „Germanenzug“, den man nicht unpassend den Fries zu einem großen epischen Wandgemälde genannt hat, der vorzugsweise durch die Darstellung der Idee in lebensvoller und frappirender Gruppirung Eindruck macht. Ueber sein etwa um dieselbe Zeit erschienenes herrliches „Schwanenlied der Romantik“ hat Robert Hamerling selbst einmal geschrieben: „Meine Dichtung singt nicht etwa in Hölderlin’s und Schiller’s Art ausschließlich dem untergegangenen Lebens– und Schönheitsideale der Griechen, sondern allen dahin geschwundenen Blüthenzeitaltern des Menschheitslebens eine Threnodie; zugleich wendet sie sich in die Zukunft mit prophetischen Nachtgesichten, die nichts sein wollen als eine ins poetische Gewand der Prophetie gekleidete Warnung an das Zeitalter, das schöpferische Leben des Herzens und der Phantasie hinter dem naturbezwingenden, aber auch entseelenden Leben des Verstandes nicht allzuviel zurücktreten zu lassen.“

Eine entscheidende Wendung im Leben und Dichten Robert Hamerling’s bezeichnet sein 1865 erschienener „Ahasverus in Rom“. Nachdem er mit seinem „Germanenzuge“ einen ersten [148] Schritt auf der Bahn der Epik gewagt, bekundet er nunmehr seine volle Meisterschaft in dieser Dichtart. Jahre lang hatte er schon den Plan des Ahasverus im Kopfe herumgetragen und bis in seine Einzelnheiten ausgebucht. Daher bei aller scheinbaren Willkür, die mit dem gewaltigen Stoffe nur zu spielen scheint, die wohldurchdachte Ordnung in der Komposition, daher bei aller Ueppigkeit der Schilderung, bei allem Reichthum und Glanze der Bilder die zielbewußte Strenge, womit die dramatisch belebte Handlung fortgeleitet wird, und daher die kräftige Zeichnung der Charaktere. Wenn wir davon absehen, daß Robert Hamerling aus Rücksichten des Geschmacks abstoßende Züge aus den Berichten eines Tacitus und Suetonius mildern mußte, so müssen wir gestehen, daß wir kein zugleich großartigeres und getreueres Gemälde des römischen Kaiserreichs in seiner Entartung kennen, als dasjenige, welches im Ahasverus vor uns aufgerollt ist. Man hat vom Standpunkte der Moral bedauern wollen, daß der Dichter nicht der Predigt des Genusses die Religion der Entsagung, den Gräueln der Bacchanalien die Feier der christlichen Geheimnisse, dem goldenen Hause Nero’s die Kirche der Katakomben, der Poppäa, Agrippina und Actäa christliche Märtyrerinnen jungfräulicher Keuschheit, endlich dem heidnischen Genußriesen Nero statt des schwachen und verbrecherischen Kain-Ahasverus die christlichen Glaubens- und Tugendriesen Petrus und Paulus gegenüber gestellt habe. Allein der Dichter hat nur von einem souveränen Rechte Gebrauch gemacht, das erste Christenthum blos episodenhaft zu behandeln, nachdem er einmal seinen Ahasver als den ewigen Menschen, nicht blos als den Juden von Jerusalem aufgefaßt, der gegen den Messias trotzt. „Götter kommen und schwinden – ewig wandert Ahasver“. Diesem Vertreter der Menschheit ist das titanisch sich aufbäumende Individuum, der ewigen Todessehnsucht des Unsterblichen der unendliche Lebensdrang des Sterblichen in Nero gegenüber gestellt, und damit allerdings, was der Dichter mit klarem Bewußtsein anstrebte, Grund und Boden für ein wirkliches Epos gewonnen.

Dem durchschlagenden Erfolge seines „Ahasverus in Rom“ dankte Robert Hamerling auch eine Besserung in seinen äußern Lebensverhältnissen. Sein durch Kränklichkeit begründetes Gesuch um Entlassung aus dem Lehramte wurde bewilligt und ihm zugleich von einer ihm persönlich fern stehenden Bewundererin seines Ahasver ein Betrag zugewendet, der ihm über die augenblicklichen Schwierigkeiten der Lage hinweg half. Der Dichter konnte sich jetzt in das liebliche Graz zurückziehen und von nun ganz den Musen leben. Sein leider vielfach durch Krankheit getrübtes Leben theilt sich fortan noch ausschließlicher als seither nach den Stationen ein, die den Namen von seinen Werken tragen.

Während Robert Hamerling für die Dichtung, die uns auf den Boden des alten Roms versetzt, den uns anheimelnden erzählenden Vers von vier Hebungen und Senkungen gewählt hatte, erzählt er uns nun, gleichsam um seinem jungen Stoff antike Würde zu verleihen, in allerdings ungewöhnlich biegsamen und klangvollen Hexametern die „seltsamste, deutsamste aller Geschichten, die auf germanischer Erde geschah’n“, die Geschichte des Johann von Leyden. „Der König von Sion“, an plastischer Gestaltungskraft und Reinheit der epischen Behandlung das Schreckensgemälde des Ahasver noch übertreffend, theilt mit letzterem den Charakterzug, daß das Endliche, Zufällige der geschilderten geschichtlichen Erscheinung, ohne gewaltsames „Hineingeheimnissen“, in die Sphäre des Unvergänglichen, immer Wiederkehrenden empor gehoben erscheint. Man hat mit Recht aufmerksam gemacht, daß niemals in unserer Gegenwart die Kluft zwischen dem Hochsinne geist- und gemüthvoller Volksführer, jene verhängnißvolle Kluft zwischen der selbstlosen Idealität solcher begeisterter Männer und der platten Selbstsucht und Rohheit scheinbar ihnen anhängender und zujauchzender Massen so ergreifend geschildert worden ist als in diesem Epos, in welchem sich Hamerling als echter, mitfühlender und mitstrebender Sohn seiner Zeit erweist.

Als echter Sohn seines Volkes begrüßte er auch jubelnd das neu erstandene Deutsche Reich und setzte er, mit dem Uebermuth und Witz eines Aristophanes, dem in dem großen Kriegsjahre von 1870 endgültig beseitigten Jammer der Kleinstaaterei und der Uneinigkeit der deutschen Stämme in seinem 1872 erschienenen zweiaktigen Lustspiele „Teut“ das verdiente Denkmal. Zürnend erhebt er von Zeit zu Zeit seine gewaltige Stimme, um die Abtrünnlinge zu züchtigen, die in den gegenwärtigen nationalen Kämpfen Oesterreichs dem Deutschthum nicht die Treue bewahren, und mit der göttlichen Zuversicht eines Sehers spricht er denjenigen Muth zu, welche, ermattet vom jahrelangen Ringen, an der Zukunft Oesterreichs und des Deutschthums in Oesterreich verzweifeln möchten.

Der Unerquicklichkeit der öffentlichen Zustände, die ihn umgaben, entrann Robert Hamerling, indem er sich in seine zweite Heimath, nach Hellas, flüchtete: mit dem dreibändigen Romane „Aspasia“ vollendete er den Kreis jener Inspirationen, die ihn von seiner Kindheit an durchs Leben begleitet hatten. In der That würde uns das Charakter- und Lebensbild Hamerling’s unfertig scheinen, wenn er nicht auch dem Hellenenthum, wie dem Römerthum und Germanenthum ein vollwerthiges dichterisches Angebinde dargebracht, wenn er uns nicht auch noch auf die Akropolis geführt hätte, nachdem er uns in Nero’s goldenes Haus und in die Wälder Germaniens geführt. Es ist das Athen des Perikles, Sophokles, Phidias und der Aspasia, welches der Dichter vor uns erstehen läßt, und es ist die Blüthe edelsten Menschenthums, welche wir hier im Spiegel poetischer Verklärung schauen dürfen.

Als ob der Dichter endgültig dem Dichten abgeschworen hätte, hat er sein letztes Werk „Prosa“ genannt. Wir aber wollen auf die Fülle kleinerer Aufsätze, die Hamerling hier zusammengestellt, das Vertrauen gründen, daß er Allem, was unsere Zeit bewegt, seine Theilnahme zu schenken fortfahren und sich daraus den Stoff zu einem großen Zeitgemälde zurechtlegen werde, welches zu schaffen er vor Anderen berufen wäre. Wilhelm Lanser.