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Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Reichenbach im Vogtland

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Reichenbach
Untertitel:
aus: Voigtländischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 5, Seite 201–203
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
Auflage:
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Erscheinungsdatum: o. J. [1859]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: SLUB DresdenCommons
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[201]
Reichenbach[1]


5 Stunden von Plauen an der Sächsisch-Bairischen Eisenbahn, welches seinen Namen vom alten Mannesnamen Reiche oder Ricco entlehnt hat.

Wir finden Reichenbach zuerst als ein sehr ansehnliches Dorf im Jahre 1140 erwähnt, wo der Naumburger Bischof Udo oder Otto, ein Sohn des berühmten Thüringischen Grafen Ludwigs des Springers, die von seinem Vorgänger Wole oder Wolfram von Schwarzenberg massiv gebaute Kirche neu weihte. Udo schenkte dieser Kirche 2 Mühlen an der Gölzsch, übergab das Patronat dem Zeitzer Domprobst und bestimmte, dass die in der Reichenbacher Parochie eben neu entstehenden Kirchen Filiale von dieser Parochie wurden.

Seit dem Jahre 1213 erscheint Reichenbach mit Mylau als eine Pflege, in welcher Mylau die Hauptburg war. Reichenbach als Vasallengut entstand aus einem Vorwerke der Herrschaft Mylau und später entstand das andere aus der hiesigen Deutschordenscommune.

Denn im Jahre 1222 entstand hier ein Comthurhof des Deutschordens als ein Filial des Thüringischen Landcomthur, und für einen Rest desselben konnte man den früheren alterthümlichen und auffallenden Bau in der westlichen Nähe des Gasthauses zum Lamme halten, jedenfalls ist aber der Hof da gewesen, wo jetzt die Wohnung des Oberpfarrers sich befindet.

Dieser Commende wurde sogleich damals die Petri-Paulikirche, in welcher der Zeitzer Domherr Werner amtirte, untergeben. Ferner erhielt sie die Collatur zu Mylau und Plohn, ein Vorwerk nebst Schäferei, die Nutzung an der Flösse auf der Gölzsch, starke Holzung, 3 Teiche etc. Auch kaufte sie 1324 das bis dahin Schönburgische Gut Ceradissawa (jedenfalls Netzschkau) und unterhielt ausser den kämpfenden Rittern auch 4 Priester. Unter den Comthuren sind Rudolph von Mylau 1317, der 1326 verstorbene Sebald Rosenbach als der letzte katholische – und Georg von Röder als letzter Comthur überhaupt aufgezeichnet.

Röder konnte trotz aller Prozesse die Einziehung der Ordensgüter nicht verhindern. Die Gutsherrschaft kaufte später nach Resignation des Comthurs 1532 die Ordensgüter an sich, welche aus dem Heinsdorfer Vorwerk, aus dem Dörfchen Kleinweisensand, einem Theil der Stadt selbst und vielen Censiten in den nahen Dörfern bestanden. Für dieses Zubehör hat das Ordensgericht bis auf die neuesten Zeiten fortbestanden. Es übte die Gerichtsbarkeit über die Ordensleute oder Censiten zu Reichenbach und Oberreichenbach, Unterheinsdorf, Waldkirchen, Pechtelsgrün, Netzschkau und Schneidenbach, auch über Kleinweisensand und 2 Häuser in Netzschkau.

Den Voigten Plauens gehörte Reichenbach mit Mylau 1270 schon und Heinrich der Oberhofrichter des Pleissnerlandes hat sogar in der kleinen Burg zu Reichenbach gewohnt, welche auf dem noch jetzt sogenannten Burgberge gestanden hat, aber schon frühzeitig eingegangen ist.

Die Böhmen eroberten Reichenbach 1336 und 1354 nahm deren König, Kaiser Karl IV. Mylau und Reichenbach dem Voigt Heinrich dem Strengen ab, benutzte ersteres als Jagdschloss, verlieh es nachher Heinrich Reuss von Greiz, kaufte es aber 1367 wieder zurück, bestätigte für Reichenbach den Stadtbrief und legte die fränkisch-meissnische Heerstrasse, die eine Zeit lang durch Hartmannsgrün führte, wieder durch Reichenbach. Es ist dies Hartmannsgrün bei Treuen gewesen, so [202] dass der Hauptzug über Lengenfeld und Hauptmannsgrün nach Greiz gegangen ist.

Im Jahre 1422 wurde Reichenbach mit an Friedrich den Streitbaren verpfändet und der Egersche Vertrag von 1459 sicherte dem Kurhause den Besitz der Pflege, welche jedoch bis 1779 böhmisches Hauptlehn geblieben ist.

Nach der Mühlberger Schlacht 1547 belieh Kaiser Ferdinand seinen berühmten Kanzler, den meisnischen Burggrafen Heinrich V., damaligen Fürsten von Plauen, mit Reichenbach. Doch kam der Ort von dessen erblosen Sohn Heinrich VII. vertragsmässig 1569 wieder an die Wettiner, jedoch Albertinische Linie: Alles dies gilt natürlich bloss bezüglich der Hoheitsrechte.

Den Gutsbesitz von Mylau mit Reichenbach behaupteten schon damals die Herren von Metzsch, die man zuerst als Pächter und Amtshauptleute der Pflege Mylau mit Reichenbach findet. Sie sollen aus Graubündten stammen, wo sie eine Herrschaft besassen, deren Burg der Metzscenberg bei Chur gekrönt.

Ein Arnold von Metzsch ist 1209 bis 1221 wörtlich Bischof von Chur gewesen; und dieses Geschlecht hat das Truchsessenamt bei dem bischöflichen Hofe erblich bekleidet.

Hans von Metzsch, welcher 1454 Amtmann von Mylau war, soll Reichenbach schon besessen haben. Konrad von Metzsch war Kurfürstlicher Rath und Ritter, auch Amtshauptmann 1458 zu Mylau und 1466 zu Voigtsberg; die Brüder Konrad und Hans und Petzoldt erhielten 1466 das vom Meissnischen Burggrafen Heinrich verwirkte Lehn Grässlitz in Böhmen.

Hans wurde 1478 der erste Hofrichter zu Wittenberg und Kaspar diente 1495 dem Kurfürsten als Hofmarschall und als Gesandter am Kaiserhofe. Berühmt ist der burggräflich Meisnische Rath Joseph Levinus geworden, welcher von 1508 bis 1571 lebte und der eifrigste Beförderer der Reformation im Voigtlande war. Ein zweiter Konrad starb 1526. Von Bedeutung ist der dritte, Doctor und Geheimerath beim Baireuther Markgrafen, den er 1442 auf dem Reichstage vertrat.

Der Kurfürstl. Geheimerath Friedrich war 1635 unter den Commissarien zur Uebernahme der Lausitzen, übernahm 1636 die Güter, die zuvor ein Heinrich besessen, war des H. R. R. Pfennigmeister, in Sachsen von mächtigem Einflusse und starb 1655 als Oberconsistorialpräsident. Von den oben gedachten Joseph Levinus erhielt dessen ältester Sohn Abraham Reichenbach und Friesen. Ihm folgte 1590 unter seinen 3 Söhnen ein 2ter Abraham, diesem 1610 sein jüngster Bruder Hans Dietrich, welcher 1633 von den Kaiserlichen verjagt starb.

Nun erhielt unter dessen 4 Söhnen die Hauptgüter Friedrich, welcher 1687 als Obersteuereinnehmer und Kirchenvisitator starb. Dessen Sohn Adam Friedrich lebte 1654 bis 1702 und 1729 war der Kammer- und Assistenzrath Karl der Gutsherr. Die späteren Besitzer bis auf die neueste Zeit sind schon in diesem Album bei der Beschreibung von Friesen erwähnt.

Seit der Besitzzeit der Herren von Metzsch ist Friesen mit Reichenbach combinirt gewesen, hatte aber stets sein besonderes Gerichtshaus.

Für die schriftsässigen Orte des Voigtlandes wurde 1682 das Amt und 1697 die geistliche Inspection von Zwickau nach Reichenbach verlegt, wo nun diese bis 1720, jenes bis 1742 bestand.

Das heutige Gerichtsamt zum Zwickauer Bezirksgericht resortirend wurde am 2. Juni 1855, eröffnet, nachdem die Herrschaft zuvor ihre vierfache Gerichtsbarkeit aufgegeben hatte.

Eine Superintendentur hat auch wieder von 1837 bis 1847 hier bestanden. Jetzt ist Reichenbach Sitz einer Königl. Eisenbahnverwaltung, eines Ober-Steuer-Controleurs, eines Unter-Steueramts, eines Postamts mit Posthalterei und eines öconomischen Specialvereins. Für den Amtsbezirk sind der jetzige Gutsherr und Herr Franz Ludwig Golle auf Mylau die Friedensrichter.

Ausserdem besteht hier ein städtisches Aichamt, ein Waisenhaus (1743 von Siegfried Ackermann errichtet), eine Sonntagsschule, ein Verein für Naturkunde, ein Frauenverein mit Strick- und Nähschule, Kinderbeschäftigungs- und Kleinkinderbewahranstalt, seit 1847 eine Sparcasse, ein Männergesangverein. Einige Zeit bestand seit 1849 eine besondere Realschule, die aber dadurch überflüssig wurde, dass man in die Bürgerschule zugleich Realclassen aufnahm.

An der Collatur der Geistlichen und Schulstellen hat neben dem Gutsherrn schon längst (wenigstens 140 Jahre) der Stadtrath Antheil, wie er denn auch früher die freiwillige Gerichtsbarkeit übte.

Der Oberpfarrer gilt gewissermassen noch als Inhaber der Comthurrechte [203] und vergiebt als solcher die Pfarr- und Schulstellen zu Plohn, wogegen ihm das Patronatrecht zu Netzschkau, Waldkirchen zu Mylau an dasige Grundherrn im 30jährigen Kriege entkommen sein soll.

Reich ist der Ort an milden Stiftungen, wozu unter anderen auch 6 Aluminate im Leipziger Universitätsconvict gehören.

Uebrigens ruhen auf dem Orte und seinen bedeutenden, 1092 Acker, eines an sich mässig fruchtbaren, aber wohlangebauten Bodens begreifenden Flur 79383 Steuereinheiten.

Davon gehören an 290 Acker mit 3154 Steuereinheiten und einer starken Obstplantage der Commun; hiervon liegen an 36 Acker in der Oberreichenbacher, 101/3 in der Neumarker Flur.

Die Schicksale des Ortes anlangend, so ist Reichenbach hart von Feuer und Schwert geprüft worden. So wurde der Ort 1430 durch die Hussiten eingeäschert, 1547 durch die Spanier, ferner zu Lectare 1613, im August 1632 durch Holk, dann am 19. April 1681, wo 135 und am 20. August 1720, wo 520 Häuser und 88 gefüllte Scheunen und am 20. Mai 1773, wo 173 Häuser abbrannten. Der Brand am 2. Juni 1833 endlich verzehrte 310 Häuser, machte noch über 30 unbewohnbar, brachte mindestens 70000 Thlr. Schaden, bewirkte aber auch die Verschönerung der Stadt.

Mehre Häuser, namentlich das Rathhaus, wo Concerte abgehalten werden, gleichen Palästen.

Reichenbach ist ausserdem noch der Geburtsort vieler berühmter Männer, wie z. B. des sächsischen Geschichtsschreiber Hofrath Glafei, des Archäologen Hofrath Böttiger, des trefflichen Homileten Dr. Kruse, Generalsuperintendenten zu Weimar, des Dresdner, jetzt Rostocker Musik-Director Hünerfürst, und des zu seiner Zeit vielversprechenden, aber zu früh verstorbenen Studenten Teichmann.

Um die Schauspielerin Neuber streiten sich Zwickau und Reichenbach.

Zum Schlusse können wir nicht umhin noch der höchst gelungenen, 1856 vollendeten Renovation der Hauptkirche und ihrer Silbermannschen Orgel zu gedenken, welche beide nun zu den ruhmwürdigsten im Lande gehören.

Diese Kirche besitzt noch eine Urkunde von 1271, worinnen dem Deutschorden das Patronat hier bestätigt wird und worinnen der noch jetzt blühenden Linie der Plauischen Voigte der Namen Reuss beigeschrieben ist.

M. G.     




  1. Zur Vervollständigung des Werkes gehören auch diejenigen Güter, die kein Gebäude oder nur sehr geringe haben, und es werden daher diese Orte, welche Rittergutsqualität ohne Wohnungen haben, erscheinen, jedoch nur mit dem geschichtlichen Text ohne Bilder und so wird dann ein ganz complettes Exemplar vom Voigtlande vorliegen und mit dem noch hinzuzugebenden Supplement-Band vollendet sein.