Zum Inhalt springen

Richard Strauss

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Paul Bekker
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Richard Strauss
Untertitel:
aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 181 (11.06.1934), S. 4
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Paris
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite



Richard Strauss


Richard Strauss feiert seinen 70. Geburtstag. Ein nicht alltägliches Fest, schon wenn es in voller Rüstigkeit des Geistes und des Körpers begangen werden kann. Ist der Gefeierte ein Künstler, hat er sein Werk über verschiedenste Wechselfälle hinweg zur Vollendung geführt, ist es ihm gelungen, über die Heimat hinaus die Neigung der Welt zu finden und sich zu bewahren – so ist das etwas so Seltenes, dass es jeden Widerspruch zum Verstummen bringt und den Augenblick der Achtung fordert.

Es ist damit nicht der Anlass gegeben, den Musiker Strauss zu würdigen. Das ist oft genug geschehen, wird noch oft genug geschehen. Feste dieser Art sind nicht da für kunstkritische Betrachtungen. Es ist ein menschlicher Gedenktag, so wollen wir von dem Menschen sprechen. Nicht von dem privaten, sondern von dem öffentlichen, also von dem künstlerischen Menschen. Strauss ist heut der für sein Kunstgebiet repräsentative Deutsche. Einerlei, wie man zu seinem Schaffen im Einzelnen oder im Ganzen steht: dass dieses Schaffen die ganze Welt bewegt, dass es überall als eine der stärksten Kräfte der Zeit seit der Jahrhundertwende anerkannt wird, steht ausser Zweifel. Es ist eine der Tatsachen, an denen sich die Vorstellung von dem formt, was als deutscher Geist, deutscher Wille, deutsche Kunst im Bewusstsein der Gegenwart lebendig ist.

Wie stehen wir zu dieser Bekundung des Deutschtums, die uns selbst in sich einbezieht?

Es kann hier nicht darauf ankommen, Gegensätze festzustellen, die garnicht erst der Feststellung bedürfen – noch weniger aber, über alles Schwere und tief Trennende hinweg für diesen einen Tag einen frohen Gratulantenchor anzustimmen. – Was sich heut aufdrängt, umso stärker, je reiner und freier wir die Persönlichkeit des Siebzigjährigen sehen – das ist das innerlich würgende Gefühl der deutschen Tragik, jenes Schicksals, das die geistigen Menschen dieses Volkes zu einer ewigen Halbheit verdammt, ihnen immer nur die Wahl lässt zwischen dem Leben der Einsamkeit, das sich selbst erfüllt, und dem Leben der grossen Welt, das dann zum Diener dieser Welt wird.

Selten kommen überhaupt im Leben einer Nation die Kräfte empor, die vor solche Entscheidungen gestellt werden können, und deren Entscheidungen dann richtunggebend und symptomatisch sind für die gesamte Volksgemeinschaft. Vor der Reichsgründung war der Gegensatz zwischen den geistig und den weltlich gerichteten Kräften des Deutschtums so stark und so selbstverständlich, dass die grossen Geister der Deutschen eigentlich immer der Opposition angehörten. Der Künstler in Deutschland, insonderheit der Musiker, war mehr noch als irgendwo anders ein Fremdling im öffentlichen Leben. Die Besten haben auf den Barrikaden von 1848 gestanden – nicht als Letzter Richard Wagner, dessen spätere Staats- und Königsmystik ganz gewiss nicht ein Umfall, sondern nur eine Metamorphose der grundlegenden Revolutionsideen ist. Mit deutscher Politik im Bismarckstil ist Wagner nie einverstanden gewesen.

Die Reichsgründung brachte in ihrer kulturellen Auswirkung eine merkwürdige Wandlung der Geister hervor. Aus der bisherigen theoretischen Oppositionsstellung sah sich der Künstler plötzlich vor die Möglichkeit praktisch utilitaristischen Handelns gestellt. Es schein ihm, als sei nun der Augenblick gekommen, seine Welt der Träume und Ideen in die andere Welt der Realitäten einzubeziehen, eine auf die andere zu begründen. Es schien so – aber es war eine Täuschung. Eine solche Zusammenfassung des Diesseits und Jenseits wäre möglich gewesen bei der Bereitwilligkeit beider Teile, aufeinander einzugehen, einander zu geben, von einander zu nehmen. Aber die nüchterne Realität jenes Reiches hatte in Wahrheit nicht den mindesten Raum für irgendwelche Zuflüsse und Einwirkungen des Geistes. Alles, was sie ihm gestattete, war die Möglichkeit des Lebens in der Anpassung. Dafür bot sie ihm Schutz, Recht, Gedeihen.

Es gibt unter den deutschen Künstlern der letzten 50 Jahre – gleichviel welchen Gebietes – keinen, der dieses Angebot der Welt mit solcher Freudigkeit und Intensität aufgenommen hat, wie Strauss, keinen, der es mit ähnlichem Elan und ähnlicher Konsequenz durchgeführt hat, keinen, dem es annähernd vergleichbar gelohnt wurde. Ein glückhaftes Leben, von Erfolg zu Erfolg steigend, nicht immer geradlinig, aber nach jedem Abbiegen doch immer wieder aus starker Kraft vorwärts gerichtet, dabei menschlich wachsend zum musikalischen Grandseigneur der Welt – das war das eine Ergebnis. Das andere war die geistige Saturierung, die Aufsaugung aller Scheinkultur dieser Tageswelt, all ihrer Aussenproblematik, all ihrer zeitvertreibenden Stilspielereien in ein Lebenswerk von imposanter Fülle. Was hier fehlt und fehlen muss, liegt offen zutage. Trotzdem ist das Ganze für die heutige Zeit in seiner Geschlossenheit und Reife etwas so seltenes, dass niemand sich der Bewunderung entziehen kann.

Man hat diese Kunst oft wilhelminisch genannt, und zweifellos hat sie vieles aus der verquollenen Endperiode des Kaisertums. Aber sie greift doch tiefer und weiter aus, und man muss ihre Grundlagen zurückführen auf jene robusten Kräfte der Bismarck-Zeit, deren mittelalterlich reaktionäre und retardierende Tendenz eine Zeitlang vom Glanz und der Scheinfülle des Neuen verhüllt wurde. Dass Strauss dann als fast Siebzigjähriger noch Hitlermanne geworden ist, war seiner Vergangenheit und Geistesrichtung nach natürlich. Es war nichts anderes als die letzte Konsequenz aus jener Einordnung in die Realität, an deren Schluss die tragische Selbstvernichtung des deutschen Geistes steht.

Aber vergessen wir nicht: dieser Mann hat die Partituren der „Salome“ und des „Rosenkavaliers“ geschrieben. Sie werden auf lange Zeit hinaus Zeugnis ablegen dafür, welche Möglichkeiten in der deutschen Musik des Zusammenbruches noch lebendig waren und was sie hätte sein können, wenn es gelungen wäre, die Grösse ihrer Begabtheit und ihres Kunstverstandes in die Grösse des Menschentums umzuwerten.