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Reise auf den Montanvert, zu dem Eismeer, und zu der Quelle des Arveiron in den Savoyer Alpen

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Textdaten
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Autor: Johann Ludwig Völkel
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Titel: Reise auf den Montanvert, zu dem Eismeer, und zu der Quelle des Arveiron in den Savoyer Alpen
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1793, Dritter Band,
S. 3–46
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
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[3]
I.
Reise auf den
Montanvert, zu dem Eismeer,
und zu
der Quelle des Arveiron
in
den Savoyer Alpen.


Den 26sten August 1792.

Es war ein heitrer, stiller Morgen, an dem ich Genf verließ: Die aufgehende Sonne machte jede Rinne am Jura Berge sichtbar, in der die Gewässer von seinem breiten Rücken herabfließen; die reine Luft rückte die weitesten Gegenden dem Auge näher, und täuschte das Urtheil über ihre Entfernung, sie stärkte und ermunterte zum vollen Genusse der Schönheiten der Natur. Der Weg nach den Savoyer Alpen erhebt sich allmählig, und führt zwischen schönen Landgütern und Gärten zum Dorfe Chesne, das halb zum [4] Gebiete von Genf, halb zu Savoyen gehört; ein kleiner Bach, der es durchfließt, scheidet die Schweiz hier von Italien. Die weite Ebene wird nach und nach enger; zur rechten fängt der felsige Saleveberg an, sie einzuschränken, weiter fort zur linken erhebt sich sanft der Berg les Voirons, dessen lange Seite vom Fuße bis zur Höhe bebaut ist. Der spitzige Mole, auf den man gerade zugeht, senkt sich in eckigen Absätzen herab, und tritt vor die Kette der hohen Alpen. Nur der höchste derselben, der Montblanc, ragt mit seinen weißen Gipfeln weit hervor, aber je mehr man fortgeht, desto mehr weicht er hinter die vordern Berge zurück. Die oft sich ändernden Aussichten machen die Reise in dieser, so wie in jeder Berggegend, angenehm, und verkürzen, besonders dem Fußgänger, die Zeit. Zwey Stunden von Genf krümmt sich die Straße um Rebenhügel, und geht an der einen Wand einer Kluft herunter, und über eine schöne Brücke an der andern Seite dieser Kluft wieder herauf. In der Tiefe fließt ein Bergwasser, la Menoge. Das immer engere Thal nähert sich dem Mole, an dessen rechtem Abhange die kleine Stadt Bonneville liegt. Hier kamen wir um zwölf Uhr an, und warteten den Abend zur weitern Reise ab. Die schöne Brücke über die reissende Arve neben der Stadt ist, so [5] wie der ganze Weg, ein Beweiß von der Sorgfalt der Savoyarden um die Bequemlichkeit der Reisenden. Die Straße führt nach keiner Residenz, oder großen Handelsstadt, und ist doch so schön, als nur eine Hauptstraße in Deutschland. Hinter Bonneville läuft der Weg in zwey langen Strecken anderthalb Stunden fort. Die Gebüsche, Wiesen und Felder zu seinen Seiten werden von dem lang sich ausdehnenden Mole, und dem hohen Brezon eingeschlossen. Dann trit man in ein großes Amphitheater. Hohe Gebirge neigen sich langsam in ein reizendes Thal; an ihrem Rücken hängen Dörfer und einzelne Hütten, Weingärten und Wälder, und ihre Gipfel sind dürre Felsen. Jenseits schlängelt sich das sandige Bette der Arve durch die Fläche des Amphitheaters; diesseits durchschneidet sie der mit Bäumen bepflanzte Weg am nahen Fuße der Berge. Die Dämmerung verhüllte schon die Schönheiten des Thals, als wir das Städtgen Cluse am Ende desselben erreichten. Dicht vor dem Thore beugt sich drohend ein Felsen über den Weg her. Die Sehnsucht nach Ruhe kürzte die Abendmahlzeit ab; aber der Lerm naher Gäste nahm einen Theil der wenigen Zeit, die der frühe Aufbruch am folgenden Morgen zum Schlafe verstattete. Von ihnen aufgewekt, hörte ich in der Nacht den Donner eines von den [6] Gletschern herabrollenden Schneeklumpens in den Thälern wiederhallen. Aus dem Cluser Thale, in welches man vorher ganz eingeschlossen zu seyn glaubte, schlüpft der Weg durch eine Felsenenge. Die Sonne röthete schon die erhabenen Gipfel der Berge, und muntre Finken sangen ihr lautes Morgenlied, als wir von Cluse aufbrachen. Rauschend strömte uns die Arve entgegen; sie theilt den schmalen Durchgang durch die Kluft ungerecht mit dem Wanderer, und auch das, was sie ihm übrig läßt, drohen ihre neidischen Wellen ihm zu entreißen. Die hohen, grau und gelb gestreiften Felsen von mancherley Formen drängen sich auf beyden Seiten in den Weg, keine Pflanze haftet an ihren nakten Wänden; manche wölben sich hoch über der Kluft, und verdunkeln den Tag. Einen schauerhaftern, romantischern Ort kann die Phantasie kaum bilden. Er scheint ein großer Kerker zu seyn, den die Natur baute. Es kommt dem Reisenden vor, als wäre er in ungeheure Mauren eingesperrt; er fühlt anfangs hier eben das Unbehagen, aber in weit größerm Maaße, was jede Einschränkung in enge Wände verursacht. Mit Schrecken sieht er unübersteigliche Zacken und Platten von Felsen, und eilt unter den überhangenden Gipfeln derselben hinweg. Aber der Ausgang, so wie der Eingang, ist hinter [7] dem Abhange der ihn umgebenden Berge verstekt, und ein böser Dämon scheint in der hohen Höhle von Balme den Kerker zu bewachen. Und doch verweilte ich gerne in diesem schrecklichen Aufenthalte! Aber wie angenehm wurde nun die Aussicht in ein breiteres Thal, nachdem wir ungefähr eine Stunde von Cluse entfernt waren! welche allmählige Abwechslung fürchterlicher Gestalten und lieblicher Anblicke überraschte mich! Die spitzigen Felsen wichen zur Seite; an den Hügeln, welche sie unterstützten, standen einzelne Häuser, von Fruchtbäumen umschlossen; hier trieb ein Bergwasser das träge Rad einer Mühle, dort rieselte eine starke Quelle aus einer grünen Anhöhe in den Weg. Ein Wasserfall stürzte senkrecht von einem jähen Felsen; ein andrer floß in untergelegten Rinnen auf Mühlenräder. Ueberreste von verfallenen Kirchen oder eingestürzten Wohnungen standen umschattet von Gebüschen. In einer so ununterbrochenen Folge abwechselnder Partieen gieng der Weg bis zum Dorfe Maglan fort. Die berüchtigte und gefährliche Höhle von Balme hatten wir vorher entdekt, und mein Reisegefährte hatte große Lust, in dieselbe hinauf zu steigen. Aber dann hätten wir diesen Tag nicht nach Chamouni kommen können, wo wir doch übernachten mußten. Wir schoben also den Vorsatz, [8] die Höhle zu sehn, zur Rükreise auf. Bey dem genannten Dorfe wird die Natur immer milder. Die Berge links sind zwar noch steil, aber sie treten nicht so kühn als vorher in den Weg, und rechts stehn sie weniger aufrecht. Ueber den sanftern Abhang der leztern breiteten sich grüne Wiesen und gelbe Felder, in den zerstreuten Gruppen von Bäumen verbargen sich kleine Häuser, und an die bebauten Gegenden schlossen sich hohe Tannen, deren finstres Grün die heitre Farbe der Wiesen hob. Ueber den Tannenwäldern glänzte weiser Schnee auf den Höhen, der Vorbote der nahen Alpen. Der gerade Weg ist mit üppigen Wiesen eingefaßt, ihr dichtes kurzes Gras glänzte noch vom Morgenthau, und durch die lichten Wälder zeigte sich hin und wieder die schäumende Arve. Wenn das Geräusche eines Wasserfalls hinter uns schwächer wurde, so kündigte ein andrer vor uns seine Nähe an. Die Bergbewohner nennen ein solches Bergwasser Nant. So viele wir bisher angetroffen hatten, so war doch unser Ohr nicht durch ihr Getöse, noch unser Auge durch ihren Anblick ermüdet. Sie unterschieden sich entweder durch die Höhe und Art des Falles, oder durch die Stärke des Wasserstrahls, oder durch die Oeffnung des Felsen, aus dem sie hervorbrachen. Eine Stunde weit von Maglau ist einer, welcher [9] vorzüglich die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zieht, der Nant d’Arpenaz. Wer sollte glauben, daß er 858 Fuß fast senkrecht herabstürzt? Als ich vom Wege an dieser Cascade herauf sah, mußte ich mich fast zwingen, diese angegebene Höhe nicht zu bezweifeln, da sie von sichern Männern gemessen worden ist. Weil das Auge hier an ungewöhnliche Höhen gewohnt ist, weil ringsumher alle Formen der Berge colossalisch groß sind, und keine niedrige Gegenstände neben ihnen zum Vergleiche stehn, so erscheinen die erhabensten Dinge in verjüngtem Maaßstabe. Der Nant d’Arpenaz bricht aus einem sonderbar gestreiften hohen Felsen hervor; der dünne, milchweise Wasserstreif rinnt eine lange Strecke herab, bis eine Höhlung im Felsen seine Rinne abschneidet; in feinen Staub aufgelöst, erreicht er erst weiter unten wieder die Wand. Den Morgen, als wir ihn zuerst sahn, störte die Stille der Luft seinen Lauf nicht; auf der Rükreise aber wehte der Wind das Staubwasser wie ein weißes Band auf die Seite, und der Felsen war ringsherum genäßt. Vielleicht ist es eben diese Erscheinung, welche den Nant d’Arpenaz bemerkungswürdig macht, oder die ungewöhnlichen bogenförmigen Schichten des Felsen. Mir gefiel ein andrer Wasserfall eine halbe Stunde weit von jenem viel besser. Er ist [10] reicher an Wasser, und der Felsen, aus dem er entspringt, mit schönem Gesträuche belebt. Es war schon 10 Uhr, als die ersten Strahlen der Sonne in die Tiefe des Thals drangen. Beschattet von den Hecken und Bäumen am Wege näherten wir uns der Stadt Sallenche, und erblikten nicht weit von derselben den Montblanc wieder. Die Umrisse seiner Gipfel zeigten sich sehr deutlich, keine Wolke dekte seinen glänzenden Scheitel, und seine weißen Schultern. Er schien aber nicht so hoch zu seyn, als er wirklich ist, weil andre Berge vor ihm seinen Fuß bedekten. Sonst waren die Reisenden genöthigt, in Sallenche einzukehren, oder zu übernachten, und hier die gewöhnlichen Reisewagen mit kleinern Fahrzeugen zu vertauschen. Jezt aber findet man in dem Dorfe St. Martin an der Straße ein schönes, bequemes Wirthshaus, und die hier üblichen chars à banc. Das viele Geld, welches Engländer und andre Fremde seit dreißig Jahren in diese Gegenden bringen, hat die Einwohner des Chamouni-Thals und der Dörfer und Städte am Wege bereichert, und die Wirthe in den Stand gesezt, an die Stelle ihrer engen, niedrigen Wohnungen geräumige Häuser zu setzen, die Zimmer mit Tapeten und schönem Hausgeräthe auszuschmücken, so, daß man in diesem armen gebirgigen Lande mehr Gemächlichkeit, als in den meisten [11] teutschen Landstädten antrift. In St. Martin ruhten wir in einer niedlichen Stube aus, und erquikten uns mit einem guten Thee. Die blendende Schneerinde des erhabensten aller Berge leuchtete mir durch das Fenster, vor dem ich saß, entgegen, ich sah die kältesten Regionen, welche der Winter nie verläßt, nah vor mir, und lebte im heissesten Sommer; die frisch belaubten Bäume, die grünen Wiesen und Gärten um mich her, machten den seltsamsten Contrast mit den unergründlichen Eismassen hinter ihnen. Weil die Hitze im Thale fast erstickend war, so sahn wir uns genöthigt, einen char à banc zu miethen, so unbequem auch dieses Fahrwerk uns vorkam. Es ist aber das Einzige, dessen man sich in den schmalen Wegen hinter Sallenche bedienen kann. Das Brett, auf welchem drey Personen seitwärts sitzen, liegt auf der Axe zwischen den vier kleinen Rädern. Ein Schirm von Leinwand, über vier Stangen ausgespannt, schützt die Sitzenden vor Regen und Sonnenschein, und der schmale Tritt, auf dem man einsteigt, stützt die fast auf die Erde herabhangenden Füße. – Der Weg von St. Martin zu dem nächsten Dorfe läuft durch ein ebenes Thal, in dem die Arve oft große Verwüstungen anrichtet, und dessen größten Theil ihr sandiges Bett einnimmt. An manchen Stellen fließt sie [12] dicht an der Straße her, und diese sind bisweilen so abhängig, daß es gefährlich ist, auf dem Wagen sitzen zu bleiben. Zur linken Hand gränzen abschüssige Hügel, mit Weinstöcken und Obstbäumen bepflanzt, an den Weg. Aus der Höhe sieht das große Dorf Passy in das Thal herab; rechts lehnen sich jenseits der Arve weniger hohe Berge weit zurück, deren abwechselnde Formen und sanftere Umrisse dem Auge gefälliger sind, als die zackigen Felsen der Gegenseite, welche über den bewachsnen Hügeln und dem Dorfe Passy hervorragen. Die so unterhaltende Landschaft tröstete mich über den Verlust, die Höhle des moulins de la Frasse bey Sallenche nicht gesehn, und den Berg, an dem diese Stadt liegt, nicht bestiegen zu haben, von dessen Spitze man die umliegenden Thäler überschauen kann. Wir legten die zwey kleinen Stunden von St. Martin nach Chede in fünf Viertelstunden zurück, und ließen unsern char à banc von hier wieder zurük fahren, weil wir den Fußweg nach Chamonni gehn wollten. Eine kurze Mittagsruhe und eine sparsame Mahlzeit hatte uns zur weitern Reise gestärkt; ein junger Mensch aus dem Dorfe war unser Wegweiser. Neben Chede kamen wir an das Ende des Thals von Sallenche, und an den tiefen Schlund, aus dem die Arve hervorschießt. Fern hörten wir [13] sie fürchterlich toben, die Wellen brachen an den großen Felsenstücken, die ihrem Strome sich entgegensetzten, und das schäumende Wasser erschütterte die hölzerne Brücke, über welche wir gehn mußten. Sein schneller Lauf kühlte die erwärmte Luft ab, und erfrischte uns, einen sehr jähen Hügel zu erklimmen, an dessen hinterm Abhange uns ein schattiger Tannenwald empfieng. Mit jedem Schritte hoffte ich eine berüchtigte Brücke zu entdecken, auf welche mich Bourrit in seiner Beschreibung nach den Alpen aufmerksam gemacht hatte. Allein ich hatte mir die Stelle derselben nicht deutlich genug gemerkt, und unser Führer war zu unwissend, als daß er mir hätte sagen können, was ich auf der Rükreise erfuhr, nehmlich, daß die Arve die Brücke, welche ich suchte, längst weggerissen hatte. Sie hieß die Ziegenbrücke, oder die Brücke für Ziegen (pont aux chevres) weil man so leicht und kühn wie dieses Thier seyn mußte, um sich darüber zu wagen. Denn sie bestand nur aus zwey schmalen Brettern, die von dem Stoße des Wassers stets wankten, und von den in die Höh gesprüzten Tropfen schlüpfrig wurden. An ihrer Stätte steht jezt eine festere, nicht so gefährliche Brücke. Nicht weit von derselben zeigt sich der 80 Fus hohe Wasserfall der Arve, den Bourris so schön beschrieben [14] hat, daß ich seine Worte hier einrücken will. „Von der Ziegenbrücke an steigt man am hohen Ufer der Arve ungefähr 90 Schritte einen Weg herauf, der Vorsicht erfodert, um nicht in den Abgrund hinunter zu rutschen. Der fürchterliche Lerm des Wassers, der mit jedem Schritte größer wird, kündigt den Ort des Schauspiels an; man kommt hin; welcher Anblick! man sieht den schäumenden Fluß sich in tobenden Wellen 80 Fuß herabstürzen, mit dem Getöse eines fürchterlichen Wetters. Die ungeheuern Felsen, die er durchbricht, und die, zwischen denen er fortfließt, werden davon erschüttert; die Bäume auf denselben bewegen, ängstigen sich. Stücke von untergrabenen Felsen, erschüttert durch den steten Anstoß, fallen zusammen, und ziehn Steinblöcke mit in ihren Fall, welche zerbrechen, und um sie herum sich zerstreuen. Ist man gleich 60 Fuß über dem Toben erhoben, fühlt man sich doch selbst bewegt, und getroffen von dem Wasserstaube, der aus der Tiefe des Abgrunds sich wirbelnd herauf wirft. Man leidet, man bewundert, man möchte sich entfernen, seine Blicke von dieser fürchterlichen Scene wegwenden, und sie werden durch das Große, Erhabene, womit sie begleitet ist, angezogen.“ Hinter dem Tannenwalde schließen Felsen wieder [15] den Weg ein. Der weiche Boden einer schmalen Wiese besänftigte die von den spitzen Steinen bisher gedrükten Fußsohlen; eine bescheidene Quelle floß, verstekt unter dichtem Klee, neben unserm Pfade her, und wir stiegen allmählig ihrem Ursprung entgegen. Auf der mäßigen Anhöhe öffnete sich dann eine schöne Aussicht in ein fruchtbares Thal neben uns. Wir sahn das Dorf Servoz zu unsrer linken, durch welches die Straße geht. Kahle, steinige Berge standen hier wieder empor hinter den bebauten Hügeln. Die breite Arve verrükte die schwachen Gränzen, die lachende Wiesen und dunkles Gebüsche ihr sezten. Der Schatten eines Birkenhains hielt unsre Schritte eine Zeitlang auf, und die Stille hier, welche nur durch das leise Säuseln des Windes, und das ferne Geläute der Kühe unterbrochen wurde, bereitete uns zu dem feyerlichen Anblick vor, der am Ende des Wäldchens unsrer wartete. Nirgends machte die erstaunliche Größe des Montblanc den tiefen Eindruck auf mich, wie hier, nirgends füllte mich die Majestät, der Glanz, in dem er auf einmahl vor mir stand, mit dem Staunen und der Bewunderung, als hier. Alle Berge unsers Landes, auch die höchsten sind Zwerge gegen diesen Riesen. Sein Gipfel ist 2446 Toises oder 14676 franz. Fuß über die Meeresfläche erhaben, und übersieht [16] eine unermeßliche Strecke Landes. Bey hellem Wetter soll man ihn sogar zu Langres in Champagne entdecken können. Zwey andre, nicht völlig so hohe Berge zu seinen Seiten, der Tasul und Dome du Gouté sind seine Brüder, und so wie er, die erstgebohrnen Söhne der Erde, um welche der große Haufen der Alpen als Kinder herumstehn. Auf die kurze Strecke, in welcher wir unsre Blicke von diesem Colosse nicht abwandten, folgte bald eine mäßige Anhöhe, über die der Fußsteig unter den Trümmern eines Schlosses, St. Michel, herlief. Mein Freund kletterte den Berg hinan, um von den Ruinen in die jenseitige Gegend zu sehn. Der Fußpfad lenkte nun allmählig in den Fahrweg ein, den wir von der Höhe schon längst erblikt hatten. Dieser zieht sich am Fuße des hohen Seitengebirges und neben der Arve her, eben und gerade bis an den pont Pelissier. Nicht weit davon vereinigen sich die Wege, und der steilste Aufgang, les Montées genannt, fängt sich zu erheben an, eine der schauerhaftesten Stellen, die ehedem noch fürchterlicher gewesen seyn muß, als die Gefahr zu fallen die Schrecken der Natur vermehrte. Sonst nehmlich war der Weg so schmal, daß die eine Hälfte der Last des ihn betretenden Maulthiers über dem tiefsten Abgrunde hieng, während daß die andre Hälfte den Felsen zur [17] Seite streifte. Nun aber ist dieser durch Pulver zersprengt, mit seinen Trümmern der Weg bestreut, und so breit gemacht worden, daß ein char à banc drüber fahren kann. Hinter den Montées ragt die beschneyte Spitze des Montblanc hervor, man glaubt, die Straße führe zu ihm hin; links sieht man von ihr schwindelnd in den schrecklichsten Abgrund hinab, und die hohen Wände desselben, an welchen Tannen heraufwachsen, sind dem wilden Strome der Arve unübersteigliche Schranken. Begleitet vom dumpfen Schall ihrer brausenden Wellen stiegen wir keichend die steile Höhe. Zwischen den Steinen sproßte das immer grüne Rhododendron, eine auf den Alpen nur einheimische Pflanze; ihre hellrothen Blumen verbreiteten sanften Wohlgeruch. Unerwartete Erdbeeren verführten uns zur mühsamen Ausschweifung vom Wege, aber ihr gewürzreicher Geschmack lohnte die Mühe, und löschte unsern heissen Durst. Wer hätte an der Gränze dieser wilden Gegend die anmuthige Natur gehofft, die uns jetzt entgegen lächelte? Entzückt standen wir vor dem lieblichsten Thal. Unbeschreiblich sind seine Schönheiten, bezaubernd die mannichfaltigen Reitze neben seinen undenkbaren Schrecken. Hier flieht der Winter nicht vor dem Frühling; eine Jahreszeit bietet verträglich der andern die Hand, und alle leben [18] in schwesterlicher Eintracht. Hier ist das Allerheiligste des Tempels der Natur, hier wohnt sie, hier wirkt ihre Allgewalt, verbreitet mit einer Hand Seegen und Freude, mit der andern Verderben und Schrecken. Sie breitete den schönsten bunten Teppich über das Thal, und hüllte die Spitzen der Berge in die Decke des Winters. Sie formte hier stachlichte Felsenreihen, und wölbte die breiten Rücken erhabener Berge. Jene bieten mit ihren scharfen Spitzen dem Himmel Trotz, diese stehn als unerschütterliche Stützen desselben. Tiefe Schneelagen in ihren Spalten gießen Wasserströme herab, welche Bäume wie Halme niederreißen, und Steinblöcke wie Sandkörner fortrollen. Eishaufen erstrecken sich von den hohen Thälern bis in die fruchtbaren Gefilde der Ebene, eingefaßt mit den Trümmern eingestürzter Felsen. Ein hohes Eisgewölbe steht in der Mitte grüner Bäume, und neben Wiesen; aus seinem crystallnen Bogen rauscht der Arveiron hervor, und vereinigt sich mit der Arve. Aber wie wage ich es, mit Worten zu beschreiben, was Farben nicht darzustellen vermögen! Dies sind nur die auffallendsten Eigenheiten des Thals, das Herr de Saussure in folgender Stelle treuer geschildert hat. „Aus der wilden Enge trit man ins Thal von Chamouni, dessen Anblick dagegen unendlich angenehm und lachend ist. [19] Sein Grund ist mit Wiesen bedekt, durch welche der mit kleinen Pallisaden eingefaßte Weg hergeht. Man entdekt allmählig die verschiedenen Gletscher, die in das Thal herabgehn. Sogleich sieht man den von Taconay, aber bald heften sich die Augen auf den des Buissons (oder Bossons), der von der Höhe des nahen Montblanc herabsteigt; sein glänzend weißes Eis steht geformt in hohe Pyramiden in der Mitte von Tannenwäldern. Endlich sieht man von weitem den großen Gletscher des Bois, der im Heruntersteigen sich gegen das Thal von Chamouni krümmt; man unterscheidet seine Eismauern unter den stachlichten Felsen. Diese majestätischen Gletscher, getrennt durch große Wälder, gekrönt mit Granitfelsen von erstaunlicher Höhe, welche die Form großer Obelisken haben, und mit Eis und Schnee hin und wieder bedekt sind, zeigen eins der größten und seltensten Schauspiele, das man sich nur denken kann. Die reine und frische Luft, die man athmet, so verschieden von der erstickenden in den Thälern von Sallenche und Servoz, der schöne Anbau des Thals, die niedlichen Anger, geben an einem schönen Tage die Idee einer neuen Welt, einer Art von irdischem Paradiese, das eine wohlthätige Gottheit in den Umfang dieser Berge eingeschlossen hat. [20] Der Weg, der allenthalben schön und bequem ist, verstattet es, sich angenehmen Träumen, und süßen, mannichfaltigen und neuen Gedanken zu überlassen, die sich in Menge dem Geiste darbieten. Manchmal unterbrechen große, dem Donner gleiche, und so wie dieser, fortrollende Schläge den Traum, und verrathen, wenn man ihre Ursache kennt, wie groß die Eismassen sind, deren Herabfall ein solches Getöse hervorbringt. Die Größe der Gegenstände macht die Entfernung betrügerisch. Bey dem Eintritt in das Thal glaubt man in weniger als einer halben Stunde an das andre Ende zu kommen, und man braucht zwey Stunden, um nach Prieuré oder Chamouni zu gehn, das nicht einmal die Hälfte der Länge des Thals ist.“ Diese richtige Beschreibung las ich im Thale selbst, wo sie gewiß gemacht ist. Aber wie verschieden war der Eindruck, den sie vorher auf meinem Zimmer in Genf auf mich machte, von dem, den die Gegenstände, gegen welche ich sie nun verglich, mir einprägten! Diesmal widerfuhr mir, was mir selten oder gar nicht in meinem Leben begegnet ist. Alles, was sehr angepriesen wird, entspricht selten der gemachten Erwartung, und die gerühmte Sache bleibt hinter der vorgefaßten Vorstellung zurück. Nur hier übertrift die Natur die reichste Phantasie – [21] Leider mißgönnte uns die einbrechende Dämmerung die helle Aussicht in die Ferne, und die herannahende Nacht zwang uns, die Schritte zu verdoppeln, um zeitig nach Chamouni zu kommen, und die nöthigen Anstalten zur Reise auf den Montanvert zu machen. Der helle Abend gewährte noch einige ungewöhnliche Erscheinungen. Die Strahlen der hinter die Berge gesunkenen Sonne waren nicht gelb oder roth, wie sie sich in unserm Lande zeigen, sondern ausserordentlich weiß, und breiteten sich wie lichte Streifen über den blauen Himmel. Die dünnen einzelnen Wolken sahen einem feinen durchsichtigen Gewebe ähnlich, durch welches die Sterne mit ungleich größerm Glanze als in unsern Gegenden schimmerten. Um halb acht kamen wir in Chamouni an. Die Menge von Fremden hatte alle gute Zimmer des Wirthshauses eingenommen, so, daß wir diesen Abend mit der schlechtern Wohnstube vorlieb nehmen mußten. Vom gedeckten Tische eilten wir sogleich zur Ruhe, denn wir hatten den mühsamsten Gang noch vor uns. In der Nacht erweckte mich wieder der Donner einer Lavine oder Avalanche, und gegen Morgen der heftige Sturm des Windes. Unser Guide oder Wegweiser, den wir des Abends vorher bestellt hatten, fand sich mit Anbruch des Tages ein. Seitdem die Reisen in [22] die Gletscher Mode geworden sind, geben sich viele Bauern des Thals, besonders die von Chamouni, mit dem Geschäfte ab, Fremde auf die Berge zu begleiten. Aber nicht alle sind der Wege gleich kundig; einige haben sich durch ihre Kühnheit, Erfahrung und Gefälligkeit einen vorzüglichen Ruf erworben. Munterkeit und Anerbietung ihrer Dienste ist allen eigen, aber auch eben so sehr Eigennutz und Geldbegierde. Um nicht an einen unwissenden zu gerathen, hatte ich mir die Namen der besten aufgezeichnet. Schon hinter Cluse begegnete uns einer, und bot sich zum Führer an; er trug ein silbernes Blech mit dem englischen Wappen, welches ihm der Herzog von Gloucester geschenkt hatte. Vor Chamouni fragten uns mehrere, ob sie uns begleiten sollten, von welchen wir einen, dessen Namen wir kannten, wählten. Schade, daß diese gutherzigen Menschen, durch die reichliche Belohnung verdorben, und durch die Engländer besonders an eine Lebensart gewöhnt werden, die sie vorher nicht kannten. Ehe wir von Prieuré aufbrachen, aßen wir ein köstliches Produkt des Thals, den süßesten Honig, welcher weit und breit berühmt ist. Der Honig vom Berge Hymettus bey Athen, und von Hybla in Sicilien, den die alten Dichter so loben, und mit dessen Geschmacke sie den Kuß geliebter [23] Mädchen vergleichen, kann nicht köstlicher geschmeckt haben, als der von Chamouni. Unsern Guide ließen wir Wein, Brod, Schinken und Braten tragen, zur Mahlzeit für uns auf dem Montanvert, und nun wanderten wir aus. Der Himmel war ganz wolkenrein, der Wind hatte sich gelegt. Der dicke Morgenthau beugte die Grasstengel der Wiese nieder, über welche wir zum Fuße des Montanvert giengen. Der Weg auf diesen Berg ist nicht ausserordentlich steil; er steigt allmählig an der Seite desselben herauf, und man kann sogar die Hälfte auf Mauleseln zurücklegen. Umgewehte Tannen- und Lerchenbäume lagen hin und wieder ausgestreckt. Dann unterbrachen Felder, bepflanzt mit Hafer und Kartoffeln, den niedrigen Wald. Man nennt diese Stelle an planart; von ihr übersah ich das lange Thal, und alle Krümmungen der Arve, aber die Höhe verkleinerte schon die Häuser zu niedrigen Hütten. Unser Guide rieth uns, oft Halt zu machen, uns umzudrehn, und Athem zu schöpfen. Dies, sagte er, thut Herr von Saussure oft, der alle Jahre die Gletscher besucht; und wirklich ist es nöthig, den Lungen eine kurze Ruhe zu gönnen, welche durch das ununterbrochene Steigen in der ungewohnten reinen Luft sehr angestrengt werden. Die meisten Wegweiser sterben daher an Seitenstichen und Lungen-Krankheiten. [24] Hinter dem Planart geht man wieder zwischen Tannen fort. Große Stücke zertrümmerter Felsen vertreten bisweilen die Stelle der Stufen, aber der weiteste Schritt reicht kaum an sie hin. Alsdann bietet der Führer hülfreich die Hand, und der lange, mit Eisen beschlagene Stab, den man bey diesen Bergreisen mitnimmt, hebt und stüzt den Körper. Nicht weniger beschwerlich machen die entblösten Baumwurzeln den Weg. Je höher man kommt, desto jäher wird der Pfad, desto stärker wurde der Wind. In sein Brausen hallte das stärkere Geräusche der Gletscherwasser mit ein. Nur die Hoffnung, bald an das Eismeer zu gelangen, erleichterte die sich mehrenden Beschwerlichkeiten, und der wiederholte Rückblick in das tiefere Thal machte das Einförmige des Wegs erträglich. Jezt, nachdem wir ungefähr drey Stunden gegangen waren, sahn wir die ersten lebendigen Geschöpfe, Ziegen, welche den Berg herankletterten. Hier hatte ich Gelegenheit, die Kühnheit dieser Thiere zu bewundern, denen kein Ort unwegsam ist. Ganz unerschrocken standen sie auf den glättesten, abhängigsten Felsenstücken, manche machten diese sogar muthwillig zu ihrem Kampfplatze. Wir drehten uns nun rechts um den Rücken des Bergs. Die Bäume hörten auf, das Thal schwand aus unserm Gesichte, ein weicher Rasenplatz, [25] welcher eigentlich der Montanvert heißt, war das Ziel, dem wir uns näherten, wiewohl heftige Windstöße die lezten Tritte erschwerten, und der schreckliche Anblick des Dru uns vom Fortgehn abzuhalten schien. Der Montanvert ist 428 Toises, 2568 franz. Fuß über das Thal von Chamouni erhaben; diese Höhe hatten wir in 31/4 Stunden erstiegen. Zuerst fanden wir eine einsame Hütte, bewohnt von einem Savoyarden. Höher als diese, steht noch eine an dem Platze, wo die beste Uebersicht des Eismeers ist. Ein Engländer Blair ließ sie von rohen, unbeworfenen Steinen bauen zum Schutze für Regen und Wind, und zum Ruhort für ermüdete Wandrer. Wir setzten uns darinnen nieder, nachdem wir eine Zeitlang vor derselben in das Eisthal hinab gesehn hatten. In die Bänke und den Tisch, so wie in die Pfosten und Balken waren unzählige Nahmen von Menschen aus allen Nationen eingeschnitten. Unser Eßvorrath wurde nun ausgepackt, und mit dem größten Appetit verzehrt. Eine schmakhaftere Mahlzeit hatte ich nie gehalten, und es kam noch ein Desert wie herbeygezaubert dazu. Wer denkt in dieser Wildniß, an dieser Gränze des ewigen Winters, an Kirschen? Eben der Savoyard brachte uns einen Teller voll aus seiner Hütte. Mag die Gewinnsucht immerhin die Ursache dieser Ueberraschung seyn, wir vergaßen [26] gern die eigennützige Absicht über unsrer Freude; und ist dieser Mensch gleich kein Eremit, der seine Früchte mit dem Verirrten um den bloßen Dank theilt, so liebten wir ihn doch als einen wohlthätigen Genius dieser Einöde. Man muß von Blair’s Hütte einen ziemlich jähen Weg herabsteigen, um das Eismeer in der Nähe zu sehn. Ohne alle Gefahr kann man sogar an den mit Sand und Kieseln eingefaßten Rand desselben sich stellen; aber auf die gefrornen Wellen zu treten, erfordert große Vorsicht, und der Uebergang zum jenseitigen Ufer ist höchst gefährlich, oft unmöglich. Herr von Saussure unternahm es einmal, aber mit Gefahr seines Lebens. „Bey meiner ersten Reise, sagt er, wagte ich es einmal, über das Eismeer zu gehn; es war beynahe nicht möglich, auf die dem Montanvert gegenüber liegende Seite zu kommen; ich sezte über die Spalten, die nicht sehr breit waren, aber es zeigten sich sehr tiefe Eisthäler, in welche ich hinunter schurren mußte, um hernach wieder mit der äußersten Anstrengung herauf zu klimmen; ein andermal mußte ich, um über die breiten Schlünde zu setzen, wie ein Seiltänzer auf den sehr schmalen Kanten, einhergehn. Der gute Pierre Simon, mein erster Wegweiser auf den hohen Alpen, bereute es, daß er mich diesen Weg [27] hatte unternehmen lassen, er lief hin und her, suchte die wenigst gefährlichen Stellen, haute Tritte in das Eis, reichte mir die Hand, wenn es möglich war, und gab mir zu gleicher Zeit die ersten Lehren in der Kunst, denn es ist eine Kunst, seine Füße gehörig zu stellen, dem Körper die rechte Lage zu geben, und sich mit dem Stocke zu helfen. Ich kam hinüber ohne weitern Schaden, als einige Contusionen, die ich bey dem Herunterrutschen empfangen hatte. Pierre Simon schurrte stehend herab, den Körper zurückgebeugt und gestüzt auf seinen beschlagenen Stab. So erreichte er die Tiefe, ohne sich im geringsten verletzt zu haben.“ Mein dreister Gefährte gieng mit dem Guide auf das Meer, ich blieb auf einem Felsenstück sitzen, und prägte mir indessen das Bild dieser Scene unauslöschlich ein. Welches Zauberspiel steht da vor meinen Augen! Neben mir links trozt eine stolze Felsenpyramide, die aiguille de Dru mit ihren zackigen Nachbarn; von ihren schroffen Wänden rinnen Schneewasser herab. Rechts steht der eben so hohe spitze Charmoz, vor mir eine mit Wolken bedekte Reihe ähnlicher Pyramiden, le tour du Geant, le grand und le petit Jorasse. Die weiten Spalten zwischen denselben ebnet der Schnee, und umschlossen von dieser Kette liegt in der Tiefe das Eismeer. Seine Oberfläche [28] glänzt von zerrinnendem Schnee, aber zehn Sonnen vermögen nicht, es ganz zu schmelzen. Einzig ist dieser Anblick, unvergleichbar dem, der ihn sieht, undenkbar dem, der ihn nicht sieht. Es ist, als wenn die Natur hier mit sich selbst in unaufhörlichem Streite läge, Kräfte gegen Kräfte sezte, jede wirken und keine die andre besiegen ließe. Die Strahlen der Sonne brennen hier stärker, weil sie in dem Thal, wie in einem Brennpunkt zusammengezogen werden, und doch lacht der undurchdringliche kalte Eishaufe ihrer Hitze. Die von den Felsen herabfließenden Wasser untergraben ihn, und vereinen sich mit der Sonnenwärme, die dicke Masse zu verringern, aber sie bleibt unauflöslich. Unabsehliche Schlünde öffnen sich zwischen breiten Schneehügeln, und in den kleinern Rinnen der Thäler fließen Bäche. Durchsichtige blaue Eispyramiden erheben sich am Ende des Thals, so weit ich es sehn kann. Denn nur der kleinste Theil ist vom Montanvert sichtbar, doch eine mehr als drey Stunden lange Strecke. Indem ich dies auf der Stelle aufzeichnete, kam mein Freund zurück, und brachte mir ein Stück Eis mit; es war so rein, wie der hellste Crystall, und löschte meinen Durst. Wie wohlthuend sind die einzelnen grünen Flecken an den grauen Felsen für die vom Glanze des Schnees geblendeten Augen! [29] Ich glaube es gern, daß ein Engländer auf der Reise zum Montblanc blind wurde, und sein Gesicht erst einige Tage nachher wieder erhielt – Erstaunlicher aber als jene Eispyramiden sind die ungeheuern Felsenspitzen, welche das Eismeer einschliessen. Der Dru und andre sind zugespitzt, wie Nadeln, weswegen sie auch aiguilles heißen. Jener ist 1800 Toises oder 10800 Fuß hoch, und der Charmoz übertrift ihn noch. – Unser Rückweg vom Eismeer führte uns wieder bey Blair’s Hütte vorbey; wir konnten nicht umhin, sie noch einmal zu besuchen, und wir wunderten uns, sie noch leer zu finden, da doch Fremde genug in Chamouni waren. Ein Engländer war der erste, der bey dem Herabgehen uns begegnete. Etwas weiter stießen wir auf zwey andre, welche sehr ermüdet zu seyn schienen. Der letzte fragte mich: eh bien, Monsieur, vaut il la peine de monter si haut? Der Weg, den wir nun zu nehmen hatten, trennte sich bald von dem nach Prieuré; wir wollten nämlich zur Quelle des Arveiron. Von Chamouni aus kann man dahin auf ebener Straße kommen; vom Montanvert aber führt nur ein Fußsteig dahin, und dieser ist sehr abschüßig, steinigt und ganz unbeschattet. Man nennt ihn la Felia. Der Gletscher des Bois, welcher eigentlich der Abfluß des Eismeers ins Thal ist, lag uns zur Rechten. [30] Jetzt leisteten uns die langen Stöcke gute Dienste; ja anfangs hätte ich ohne den meinigen gar nicht fortkommen können. Ich that keinen Schritt, ohne erst seinen Stachel fest in den Erdboden vor mir oder neben mir eingestoßen zu haben, und dann ließ ich mich langsam an ihm herab. Nur ein einzigesmal glitschte ich im Anfang aus, und rutschte einige Schritte den Berg herab. Bald aber lernte ich auch ohne die Hülfe des Stabes über die großen und kleinen Steine schreiten, und meinen Fuß feststellen, obgleich mit weit größerer Anstrengung als das Heraufsteigen gekostet hatte. Die Kniee wurden gelähmt, und gleichsam eingeschnitten. Den ganzen Tag über hatten wir gewünscht, einen der großen Eis- oder Schneeklumpen fallen zu sehn, welche hier avalanches, in der deutschen Schweiz Lavinen heißen, und deren Donner ich die Nacht vorher gehört hatte. Beynahe wäre dieser Wunsch mir gewährt worden. Es fiel eine kleine Lavine nahe bey uns vom Gletscher des Bois, leider aber entrißen mir die Tannen an der Seite desselben den Anblick desselben; ich sah nur noch den Staub, der hinter ihm aufstieg. Das Frühjahr ist die Zeit, wo die größten und meisten herabrollen; manche vergraben bisweilen ganze Dörfer, die am Fuße der Gletscher liegen. – Nun stand ich wieder vor einem neuen Wunder der Natur. [31] Alle Obelisken und Pyramiden, welche unter den Händen von hunderttausend Menschen ehmals in Aegypten langsam aufwuchsen, alle Wasserfälle, welche die Kunst der Natur mühsam nachäfft, sind ein Kinderspiel gegen diese Granit Spitzen, gegen diese Felsenmauern, gegen diese schäumenden Catarrhacten. Ehrfurchtsvoll erhebe ich meine Blicke zu deinem erhabensten Werke, o Natur, das mein Auge nicht umfassen kann. Nachdem wir zum Fuße des Montanvert, unversehrt zwar aber ganz erschöpft, herabgekommen waren, mußten wir erst einen großen Umweg nehmen, um über die Brücke des Arveiron, an dem andern Ufer desselben zu seiner Quelle zu gelangen. Ein Tannenwäldchen deckte uns eine kleine Weile vor den Strahlen der Mittagssonne, der wir den ganzen Weg herunter blosgestellt waren. Ungeheure Granitblöcke liegen vor dem Eisgewölbe, der Quelle des Arveiron, her; ihre Menge ist so groß, daß man eine Stadt daraus bauen könnte; es sind die Trümmer eingestürzter Felsen, vom vordringenden Eise des Gletschers des Bois bis hieher getrieben. Wir sprangen, auf unsre Stöcke gestützt, von einem zum andern, und setzten uns vor der Quelle nieder. Unvergeßlicher Anblick! Hier erhebt sich der Dru in seiner größten Majestät zwischen dem Montanvert und Bochard empor, 8532 Fuß erhaben über uns. Breite Felsenwände [32] sind seine Base, vor welche die Eisthürme auf dem Rücken des Bois hervortreten; an der Seite des Bochard streckt sich das Eis Stundenlang ins Thal herab, und neben dem Montanvert stürzen mehrere Wasserfälle 1000 Fuß über Steine herunter. Ein andrer Theil des Schneewassers lauft tief unter dem Gletscher her, und bricht am Ende desselben ungestüm aus einem beynahe regelmäßigen Eisbogen vor, der hundert Fuß hoch und eben so breit ist. Dicke Eismassen stehn umher. Bewundernswürdig ist das Farbenspiel ihrer Ecken und in ihren Rissen. – Wir sahn hier den Weg am Berge, den wir herabgestiegen waren, und freuten uns noch einmal, daß wir ihn so glücklich zurückgelegt hatten, denn von hier sah er noch gefährlicher und steiler als in der Nähe aus. Bourrit erzählt: er habe Fremde am Montanvert getroffen, welche erbittert auf ihre Führer waren, daß sie den Weg vor ihren Füßen nicht eben machen konnten. Andre, welche von den kleinen Wolken, die am Berge herstreifen, eingehüllt wurden, verlangten, die Guides sollten sie von ihnen abnehmen. So lächerlich dergleichen Zumuthungen waren, so thöricht war die Tollkühnheit eines Engländers, der sein Maulthier in das Eisgewölbe mit Gewalt trieb; er wäre beynahe mit dem Thiere um das Leben gekommen. Daß das Neue und Erhabene [33] den Gegenstände den Muth erhöht und ungewöhnliche Kühnheit giebt, die durch Klugheit zurückgehalten werden muß, dies habe ich an mir selbst bemerkt. Auch Damen sollen hier ihre natürliche Furchtsamkeit abgelegt, sich auf das Eis gewagt haben, und von Felsen auf Felsen gesprungen seyn. Das Eisgewölbe, welches besonders die Augen auf sich heftet, ist weder immer dauernd, noch an Größe und Breite stets gleich, es ändert auch manchmal seinen Platz. Im Winter verschwindet es oft ganz, der Arveiron ist alsdann ganz klein, und schleicht nur unter dem Eise hervor, im Sommer aber schwillt er an, bricht sich einen Weg durch die entstandenen Eisritzen, und bildet die bogenförmige Oeffnung.

Erquickt durch die kühlende Luft an der Quelle giengen wir nun auf gerader und ebener Straße nach Chamouni zurück. Der angenehmste Spaziergang im schönen Thale endigte die heutige mühselige Reise; er allein hätte uns hinlänglich für die ertragene Arbeit und Hitze belohnt. Schade war es, daß jetzt der Montblanc seinen Scheitel in den Wolken verbarg. Wir waren nun von halb 6 Uhr Morgens bis gegen 3 in steter Bewegung gewesen, die Ruhe war uns daher angelegener, als das Essen, wie wir nach Prienré zurückkamen, und wir beschlossen, nur eine Mahlzeit an diesem Tage zu [34] halten; und dann uns recht lange auszuruhn. Während dem wir im großen Versammlungszimmer des Wirthshauses Thee tranken, kamen zwey Engländerinnen vom Montanvert, die gar nicht ermüdet zu seyn schienen. – Es war noch dämmericht im Thale als wir den 29ten aus Chamouni auswanderten; bald aber beleuchtete die Sonne die obersten Bergspitzen, und ihre Strahlen belebten die todte Farbe des Schnees mit feurigem Morgenglanze. Der Tag zeigte mir neue Schönheiten des Thals, welche auf der Herreise die Nacht verdunkelt hatte. Bey Chamouni steht man ungefähr in der Mitte zwischen den zwey Gletschern des Bois und Bossons. Jener ist breiter und höher als dieser, in der Ferne aber ist dieser Unterschied nicht sehr bemerklich. Ihre weiße Farbe sticht seltsam gegen das dunkle Grün des hohen Berges zwischen ihnen ab, und der kahle Felsen la Bletiere über diesem macht einen neuen Contrast, einen größern aber dieser finstre Anblick mit dem saftigen Grün der Wiesen, welche die Farbe des Frühlings tragen, und mit den gelben Saaten, welche den Herbst verkündigen. In jenen lagen hin und wieder ungeheure Steine, welche nicht von den Felsen herabgestürzt, sondern auf die Oberfläche des Thals hingerollt waren. Denn ihr Gewicht, verstärkt durch den hohen Fall, würde sie sonst tiefer in den Boden eingedrückt haben. Vielleicht [35] sind sie vor Jahrtausenden vom Meere, als es noch Thäler und Höhen bedekte, hieher gewälzt. Dieser Gedanke flößte mir Ehrfurcht gegen diese Reste der Urwelt ein. Auf einige hatte der Wind nach und nach so viele Erde zusammen getragen, daß der Landmann Kohl darauf pflanzen konnte; ein andrer Stein, sah ich, war zur Seitenwand eines Hauses genutzt. Nicht ohne mühsame Ueberwindung unsrer Neugierde giengen wir jetzt am Gletscher Bossons vorbey, der eine halbe Stunde vom Wege unter dem Montblanc liegt. Wir hätten sogern auch diesen höchst merkwürdigen Eishaufen in der Nähe gesehn, aber wir durften keine Stunde verlieren, wenn wir um 3 oder 4 bey der Höhle von Balme eintreffen wollten. „In der Ferne, sagt Bourrit, stellt der Bossons die Ruinen einer Stadt vor: man sieht da Thürme, Pyramiden, Obelisken, die einen aufrecht, die andern gesenkt. Wenn die Sonne ihre Strahlen auf sie schießt, macht der blendende Glanz ihre Weiße und Durchsichtigkeit noch prächtiger. Dann scheinen sie Thürme vom reinsten Alabaster zu seyn, und das schönste Porcellan weicht ihrer blaulichen Farbe, die sich mit dem Glanz der Sonne mischt. Und diese Gegenstände sind nicht klein, diese Thürme, diese Obelisken sind 80 bis 100 Fuß hoch. Kaum kann dies die Einbildung faßen; [36] man begreift auf den ersten Blick nicht, wie sich diese Dinge gebildet haben, wie sie sich mitten im lachendsten Thal bey Wohnungen und Saatfeldern erhalten. Man sieht sie ununterbrochen vom Montblanc herabsteigen, man bemerkt ungeheure Spalten, gleichseitige Mauern zwischen ihnen, unzugängliche Ebenen mit Trümmern beladen; ein Theil hat den Schein von Regelmäßigkeit, der andre ist ein unförmlicher Haufen von unzähligen Stacheln und Spitzen.“ Das Schneewasser dieses Gletschers nimmt die Arve auf, es heißt Nant des Bossons. Solcher Nants fallen noch 5 in diesen Fluß, ehe man das Thal verläßt. Das steinige Bett des einen war jetzt trocken, die andern waren kleine Bäche, durch die wir trocknen Fußes gehen konnten. Aber im Frühjahre sind sie Ströme, und selbst im Sommer schwellen sie manchmal von dem Regen in den Bergen so plötzlich an, daß der Durchgang höchst gefährlich ist. Fürchterlich große Wellen rollen dann über die Steine, und reißen große Bäume und Felsenstücke mit sich fort. Vorzüglich wild ist der Nant de Grias bey Ouches, in dessen Höhlungen noch entwurzelte Tannenstämme lagen. So erschreckt hier allenthalben die Natur durch Bilder der Verheerung, und ergötzt wieder durch Zeichen ihrer Güte, aber am Ende des Thals scheinen die [37] letztern ganz aufzuhören. Die ganze Montées herab, an welche wir jetzt kamen, ist der eingeschränkte Blick in den Abgrund der Arve gerichtet, und auf dem pont Pelissier ist die Aussicht in denselben am fürchterlichsten. Aber nun traten wieder heitere Gegenstände vor das Auge. Wir folgten von hier der Landstraße am Ufer des Flußes her, der freyen Lauf hier gewonnen hat. Bey dem Eingange in einen Felsen in der Nähe von Servoz machten wir diesen Morgen den ersten Halt. Die Neugierde trieb meinen Gefährten in das dunkle Gewölbe zu gehn; ich folgte ihm, aber nicht weiter als 50 Schritte, denn die Finsterniß und das herabtriefende Wasser trieb mich zurück. Ich hatte ihn gebeten, mir von Zeit zu Zeit zuzurufen, und seine Stimme erschallte mehrmals dumpf in der langen Felsenhalle. Auf einmal hörte ich keinen Laut mehr, ich schriee, er antwortete nicht. Was konnte ich anders denken, als daß er sich verirrt hätte, oder gar in ein Loch gefallen wäre. Schon wollte ich ins Dorf eilen, Leute und Lichter holen, als ich ihn heranschreiten hörte. Er lachte über meine voreilige Furcht, und wir setzten unsern Weg fort. In dem Dorfe Servoz erfuhren wir, daß diese Höhle nicht natürlich sey, sondern, daß man sie, um Kupfer zu graben, in den Felsen gemacht habe. Damit [38] wir nicht abermals zwey merkwürdige Plätze zwischen Servoz und Chede übergehn möchten, nemlich den lac de Chede und den pont aux chevres, von dem ich noch nicht wußte, daß er weggerissen wäre, riefen wir einen Knaben in Servoz, uns an den lac zu führen. Er wußte mehr, als wir hinter ihm suchten. Sein Vetter, der Pfarr des Dorfs, sagte er, lehre ihn lateinisch, weil er ein Mönch werden wollte. Wir machten mit ihm gleich eine Probe, und ließen ihn decliniren. Unter der Schulübung, dergleichen wohl hier noch keine angestellt worden war, stiegen wir einen steilen Hügel hinan. Der Nant noir brach das Examen ab. Er ist der breiteste, den ich auf der ganzen Reise angetroffen habe, sein Fall ist sehr abschüßig und folglich sehr heftig, sein Bett voll großer Steine. Von der Höhe, auf der wir jetzt standen, übersahn wir das ganze Thal von Sallenche. Ein lauteres Getöse meldete den nahen Wasserfall der Arve, den ich oben mit Bourrit’s Worten beschrieben habe; kleinere Bergströme vermehrten es. Mit Furcht nahten wir uns dem Abgrunde. Am jenseitigen Ufer hebt sich ein bewachsner Felsen, und hinter ihm der Montblanc. Ich mußte den Kopf senken, um in die Tiefe zu sehn, und ihn wieder aufwärts richten zum Gipfel dieses Riesenbergs. Hinweg von dieser Schreckenvollen [39] Szene zu einer sanftern Natur! Wie der Seele die Ruhe nach dem Sturme der Leidenschaft wohlthätig ist, so erfreulich ist der Anblick des stillen Cheder Sees nach dem Anstaunen des unruhigen Wassersturzes. Nur wenige Schritte bringen vom lermenden Strome zu einer murmelnden Quelle. Ihr helles Wasser rieselt über grüne Wiesen, und sammelt sich in einem Teiche, dessen Ufer mit fettem Grase eingefaßt sind. Bäume stehn einzeln und in kleinen Haufen um ihn her, und spiegeln sich auf seiner grünen unbewegten Fläche. Nichts stört hier die aufsteigenden Wünsche, nichts die süßen Träume, in welche die Stille an diesem See versenkt. Denn die niedrigen Hügel, die ihn umschließen, machen das Rauschen der Arve weniger hörbar, an welches das Ohr ohnehin schon gewöhnt ist. Hier war mir unaussprechlich wohl; von keinem Orte schied ich so ungern, und ich dankte dem Herrn Bourrit, daß er ihn zuerst den Reisenden bekannt machte. „Das Wasser des Teichs ist hell, sagt er, das glänzende Grün der Ufer mahlt sich darinnen mit zarterer Farbe, die Bäume verdoppeln sich darinnen, und die versilberten Gipfel des Montblanc zeigen sich mit unbeschreiblichen Schönheiten. Dieser verschiedene Anblick, das Erfrischende des Orts, die Stille, welche nur durch Zephyre unterbrochen wird, [40] die die leichten Blätter bewegen, verbreiten eine Ruhe, Heiterkeit, ein Wohlseyn in der Seele, das nicht auszudrücken ist. Man wünscht hier, seinen Lauf endigen zu können, hier zu bleiben, den Ort mit allem was man hat, was einem am liebsten ist, zu verschönern.“ Aus dem lac fließt ein kleiner Bach neben dem Wege herab, der nun wieder bergab läuft. Vergebens lief ich umher, und suchte noch immer die Ziegenbrücke. Die verschiedenen Seitengänge, die ich gemacht hatte, rückten schon den Mittag nah herbey. Es war bald 11 Uhr, als wir nach Chede kamen, und wir hatten noch 4 volle Stunden bis zur Höhle de Balme. Die Hitze drückte ausserordentlich, nicht der leiseste Hauch eines Windes bewegte die Luft; zu Fuße weiter zu gehn war uns unmöglich. Wir mietheten also einen kleinen Wagen der uns in 3 Stunden in die Gegend von Balme brachte. O hätte ich die Höhle doch nicht gesehn, hätte ich doch das bezaubernde Bild des Sees, das so lebhaft vor mir stand, nicht durch ein grauenvolles verdrängt! Meinen Gefährten aber plagte die Lust, in die Höhle zu steigen. Auf der Landstraße sieht man in den Schichten eines nakten Felsen, dessen sich vorbeugende Unterlage mit Gesträuchen bewachsen ist, zwey dunkle Löcher, das eine hat die Form der Oeffnung eines Backofens, [41] und scheint von unten auch nicht viel größer zu seyn. Und doch könnte bequem ein mäßiger Heuwagen hinein fahren. In dem andern steht ein ziemlich hoher Kirschbaum, den man im Wege für ein niedriges Gesträuch hält. So sehr verkleinert die Höhe von 1200 Fuß beydes. Auch scheint von unten gar kein Zugang in die Höhle zu seyn. In dem Dorfe Balme findet man die nöthigen Wegweiser. Wir nahmen diesmal zwey, einen jungen Burschen und einen Mann. Jener trug Lichter, Stricke, Feuerzeug und unsre Ueberröcke. Erwartungsvoll traten wir die Reise in das Feenschloß an. Der Weg war zwar gleich Anfangs jäh und steinigt, doch stiegen wir ihn ohne Anstoß. Der alte Guide gieng vor meinem Freunde, der junge vor mir her. So lange wir zwischen dem Gebüsche giengen, war der Pfad nicht viel schlimmer als auf dem Montanvert, nur daß er mit lauter kleinen Steinen bestreut war, auf welchen man leicht ausschurren konnte. Wir hatten etwa eine halbe Stunde, noch nicht die Hälfte des Wegs, zurükgelegt, als wir an Stellen kamen, wo viel Uebung und große Vorsicht nöthig war. Die Büsche, an die man sich im Nothfall halten konnte, hörten auf, der schmälere steinigte Pfad wurde abschüßiger. „Il va bientôt mieux, sagte mein Führer, um mir Muth zu machen, j’y ai [42] conduit des dames, qui ne montoient pas si bien que vous.“ Aber er log, oder der Weg kam ihm nicht so schlimm vor, weil er mehr Berge zu steigen, als in der Ebene zu gehn, gewohnt war. Schon war eine Stunde verstrichen, und der Eingang der Höhle war noch fern, der Weg besserte sich nicht. Das lange Thal lag unter uns, wie eine Landkarte ausgebreitet. Die Häuser des Dorfs schienen keine menschliche Wohnungen zu seyn, die Bäume nur Stauden. Dagegen hatte sich das Loch der Höhle so erweitert, daß ich es nur an der Form wieder erkannte. Der noch übrige Zwischenraum war ein Probestück für geübte Gemsenjäger. Unser alter Führer war wirklich einer dieser kühnen Menschen, von denen manche sich die Fußsohlen aufritzen, daß das Blut den Fuß an den glatten Felsen anklebe. – Ohne die zwey Leitern, welche hier befestigt waren, würde der Zutritt zur Höhle den wenigsten Fremden möglich seyn. Wie die erste Leiter erstiegen war, hatten wir ungefähr noch 20 Schritte zu gehn, auf einem so schmalen Pfade, daß man kaum zwey Füße neben einander stellen konnte. Dann kamen wir an die zweyte Leiter, die aber nicht völlig an die Schwelle der Höhle reichte. Das Felsenstück nämlich, welches gleichsam die Schwelle des Höhlenthors macht, hängt vor, und [43] ragt so weit über den Platz, auf dem der Fuß der Leiter steht, herüber, daß diese nicht so lang gemacht werden konnte, um bis in die Höhle zu reichen. Mein Guide kletterte von der obersten Stufe an dem Felsen herauf, und befestigte einen Strick an dem Aste einer kleinen Buche, die vor der Höhle steht, und an diesem Seile zogen wir uns nach einander herauf. Entkräftet standen wir nun in dem Bogengewölbe, zogen unsre Ueberröcke an, und ruhten eine Weile. Dann schlug der Guide Feuer und zündete die Lichter an. Ich war aber noch nicht abgekühlt genug, um mit meinem Freunde die dunkle Reise anzutreten, und ließ ihn voraus gehn. Gelagert auf dürren Grashalmen im Vorhof der Höhle, las ich die vielen an die Steine mit Kohlen geschriebenen Namen, und die weite Aussicht in das schöne Thal von Cluse war noch meine einzige Entschädigung für die überstandne Mühe, mit der ich beynahe zufrieden gewesen wäre, wenn nicht mein Guide mich mit Bitten bestürmt hätte, wenigstens eine kleine Strecke ihm zu folgen. Die Lichter sicherten unsre Tritte vor Gefahren, und erhellten den weisen Tropfstein, der den erhaltenen Schein in den finstern Gang zurükwarf. Ich gestehe gern, daß ich nicht ohne Schauer meinem Wegweiser nachgieng, und seine Erzählungen von bösen Geistern [44] anhörte; indem aber kamen die andern schon zurück, und ich kehrte mit ihnen um, ohne das tiefe Loch in der Mitte der Höhle gesehn zu haben, wo man ehmals Schätze suchte. Saussure war vermuthlich der erste Fremde, der diese Höhle besuchte. In seinen Reisen erzählt er, wo und wie er zuerst von ihr hörte. Ein Schäfer, der ihn auf den Berg Vergy führte, wollte ihm beweisen, daß ehmals Feen oder Hexen viel Gewalt über dies Land gehabt hätten, und berief sich unter andern auf eine Grotte, die sie selbst in den Felsen gemacht haben sollten. Er hatte sie nicht besucht; Saussure erkundigte sich also in Cluse nach einem Führer dahin, und fand einen alten Mann, der vor langer Zeit mit 11 andern dort einen Schatz hatte heben wollen. Der abenteuerliche Bericht von seiner Unternehmung war folgender: Schon vor seiner Zeit, sagte er, hätten sich Leute an Stricken in das Loch hinabgelassen; wenn sie aber eine Strecke herab gefahren wären, sey ein schwarzer Bock gekommen, und habe sie in die Beine gebissen. Natürlich war das niemand anders, als der Teufel. Um ihn zu verjagen, nahmen die zwölf Helden von Cluse Reliquien und geweyhte Kerzen mit, legten eine Stange quer über die Oeffnung, und die einen 6 ließen die andern 6 an Stricken herab. Durch Hülfe der heiligen Waffen [45] erreichten sie glücklich den Grund, fanden aber nichts als Kiesel, Gemsenknochen und zwey kupferne Armbänder. Der Spott ihrer Mitbürger war ihr Lohn. Die Höhle hat mehrere gewölbte Gänge; der längste ist bald breit und hoch, bald aber so niedrig und schmal, daß man sich ganz zusammenkrümmen und kriechen muß; 640 Schritte vom Eingange an wird er so enge, daß man nicht weiter fortgehn kann. In einen der engen Seitenwege kroch einst ein Engländer auf Händen und Füßen, aber er kam nicht so leicht heraus, wie er hineingekommen war. Die Steine der Oeffnung giengen so spitz zu, wie die Drahtspitzen des Lochs einer Mausefalle. Er zog seine Kleider aus, allein das war nicht genug, ein Theil seiner Schultern blieb an den Steinen hängen. Wenn mich doch eine gutmüthige Fee den Felsen sanft herabließe, dachte ich, als die andern vor mir an den Stricken herunter fuhren! Ich mußte aber ohne den Beystand den Rückweg anfangen, und, so gefährlich er auch war, so erreichten wir doch, ohne einmal auszugleiten, das Dorf, und bald darauf Cluse. Ein Bett war das erste, wonach wir uns umsahn. Der feurige Glanz an den Häusern gegen uns über, und der Lärm auf der Straße rief uns bald wieder ans Fenster. Wir sahn eine Menge Kinder um ein Feuer herumstehn, und [46] Hanfstengel hinein werfen, während daß Weiber und Mädchen vor den Thüren saßen, und Hanf zupften. Jezt bemerkte ich auch, was mir vorher entgangen war, daß viele und schwere Steine alle Dächer von Cluse drückten. Wenn diese nicht aufgelegt werden, hebt der starke Wind ganze Dächer ab, oder entblößt sie von Ziegeln – Von den 9 Stunden, die wir noch zurück zu legen hatten, giengen wir 4 bis Bouneville zu Fuße, die übrigen ließen wir uns fahren, und langten, zufrieden mit dem unverändert schönen Wetter, und erfüllt mit den erhabensten Naturbildern, den 30sten in Genf an.