Zum Inhalt springen

Raubtiere als Beschützer ihrer Herren

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Raubtiere als Beschützer ihrer Herren
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1913, Bd. 12, S. 215–219
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1913
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[215] Raubtiere als Beschützer ihrer Herren. – Die Anhänglichkeit mancher Raubtiere an ihre Dresseure und Herren ist bisweilen geradezu bewundernswert. In den Tropen, besonders in Südafrika, hat der Reisende häufig Gelegenheit, Mitglieder der Familie der großen Katzen als zahme Hausgenossen anzustaunen. So werden auf den Burenfarmen in Transvaal vielfach Leoparden an starken, eisernen Halsbändern wie Hofhunde gehalten.

Unlängst brachte eine englische Zeitung einen Bericht von einem Vorkommnis, das die Treue und Anhänglichkeit dieser sonst meist als heimtückisch verschrienen Raubtiere aufs beste dartut. Auf der Farm des Buren van Hoeften, die am Zandflusse dicht an der Grenze des Matabelelandes liegt, fand sich eines Tages eine Schar von acht Schwarzen ein, die Pulver und Blei einhandeln wollten. Da van Hoeften mit seinen beiden Knechten gerade einen Transport Getreide nach dem nahen Städtchen brachte, wollte seine Frau, die mit ihren halbwüchsigen Kindern und zwei farbigen Dienerinnen ohne jeden männlichen Schutz zurückgeblieben war, die zu dem übel berüchtigten Stamme der Matabele gehörigen Schwarzen möglichst schnell wieder los werden und händigte ihnen daher das Verlangte trotz der dürftigen Bezahlung, die in schlechtgegerbten Tierfellen bestand, ohne Widerrede aus.

Anscheinend wußten die Matabele aber, daß van Hoeften und seine Leute nicht anwesend waren und auch erst nach einigen Tagen zurückerwartet wurden. Sie zeigten sich immer [216] zudringlicher und frecher, verlangten schließlich sogar, die Farmerfrau solle ihnen auch die an der Wand hängenden Schußwaffen „eintauschen“.

Da einige der schwarzen Spitzbuben inzwischen bereits ihnen nützlich scheinende Gegenstände einfach hatten verschwinden lassen, suchte die resolute Frau die gefährliche Gesellschaft durch die Drohung, sie habe bereits ihren Mann vom Felde herbeiholen lassen, zu vertreiben. Aber die Kerle fühlten sich offenbar ganz sicher und dachten nicht daran, das Feld zu räumen. Sie hatten bereits die Gewehre von der Wand genommen, sich übergehängt und begannen eben nach den nötigen Patronen zu suchen, als der Farmerfrau ein rettender Gedanke kam.

Leise flüsterte sie ihrem Ältesten, einem zwölfjährigen Jungen, einige Worte zu. Dieser eilte nach dem Wirtschaftshofe, wo in einem Verschlage zwei zahme, ausgewachsene Leoparden gehalten wurden. Der Knabe nahm die beiden gelben Katzen an die Kette und lief mit ihnen ins Haus zurück.

Die schwarze Bande war gerade dabei, den in dem großen Wohnraum stehenden Schreibtisch aufzubrechen, da erschien Frau van Hoeften in der Tür, gefolgt von den beiden Leoparden, die sie seinerzeit mit der Flasche großgezogen hatte, und die daher ihrem leisesten Winke gehorchten. Ein Zuruf, und die gelben Körper schnellten durch die Luft – zwei Schreie, ein Angstgebrüll, splitternde Fensterscheiben. Zwei der Matabele lagen am Boden, die anderen hatten sich durch die Fenster schleunigst davongemacht. –

Die meiste Gelegenheit, das Anhänglichkeitsgefühl mancher Raubtiere zu erproben, ist aber wohl berufsmäßigen Tierbändigern gegeben. Diese wissen denn auch allerlei ebenso aufregende wie rührende Erlebnisse zu berichten.

So hatte einmal der Menageriebesitzer Helfort einen ihm als völlig zahm angepriesenen Bären gekauft und in einem aus zwei Abteilungen bestehenden Raubtierwagen untergebracht. In der anderen Abteilung befand sich eine dressierte Hyäne. Der Bär fing nun sofort an, die die beiden Abteilungen trennende Schiebetür mit Zähnen und Krallen zu bearbeiten, um sich zu der von ihm gewitterten Hyäne einen Zugang zu verschaffen. [217] Am nächsten Morgen war das Loch bereits so groß, daß der Bär den Kopf bequem hindurchstecken konnte. Als durch das angstvolle Heulen der Hyäne das Menageriepersonal aufmerksam geworden war, begab sich Helfort in den Käfig des Bären, um diesen anderswo unterzubringen. In demselben Augenblick aber stürzte sich der Bär auf ihn und warf ihn zu Boden. Von dem zu Hilfe eilenden Personal wurde das wütende Tier von außen mit Eisengabeln und Stangen bearbeitet, ohne daß es gelang, es von seinem Opfer abzubringen. Da zwängte sich die Hyäne, die von dem Menageriebesitzer dressiert war und mit großer Liebe an ihm hing, durch die Öffnung in der Schiebetür hindurch und stürzte sich wütend auf den Angreifer ihres Herrn. Wirklich ließ der Bär von Helfort ab und wandte sich gegen die Hyäne, die er dann auch mit wenigen Bissen abtat. Inzwischen gelang es den Leuten aber, ihren Direktor in Sicherheit zu bringen.

Die Bändigerin H. erzählt folgendes: „Ich arbeitete bis vor einigen Jahren mit einer Gruppe von Löwen und bengalischen Tigern. Trotzdem ich meine Tiere mit großer Liebe behandelte, war mir eine Tigerin nicht gerade sonderlich gut gewogen. Sie machte auch kein Hehl aus ihrer Abneigung mir gegenüber. Eines Abends versagte aus irgend einem Grunde plötzlich das Licht, und der Zirkus war ganz unerwartet in undurchdringliche Finsternis gehüllt. Ich lag eben auf der Schaukel, vor mir und hinter mir je ein Tiger und über mir auf zwei Säulen stehend ein Löwe. Die Tiger, durch die plötzliche Dunkelheit unruhig geworden, sprangen mit einem Satz ab, ich tat dasselbe und versuchte, mich rückwärts tastend, meinen Rücken an dem die Manege einfassenden Gitter zu decken. Kaum dort angelangt, sah ich auch schon zwei glühende Augen auf mich zukommen. Die Lage war nicht gerade angenehm, zumal ich nicht die geringste Waffe in der Hand hatte, denn die Peitsche legte ich stets beiseite, wenn ich die Schaukel bestieg. Da rief ich meinen Lieblingslöwen Faust herbei, der mir schon manche Probe seiner Anhänglichkeit gegeben hatte. Mit einem Sprung war er unten, stellte sich dicht vor mich, und sich in die Höhe richtend, verabfolgte er der sich anschleichenden [218] Tigerin ein paar derartige Ohrfeigen, daß ihr die Lust zu jedem weiteren Angriff verging. Es waren kaum ein paar Minuten verflossen, bis das Licht wieder eingeschaltet wurde; aber diese Minuten erschienen mir wie eine kleine Ewigkeit. Nachher konnte ich meine Vorführungen ruhig beenden. Die Tigerin war wieder ganz brav geworden. In Zukunft war ich aber doch vorsichtiger und trug stets einen geladenen Revolver in der Kleidertasche. Denn wir Bändiger lassen es das Publikum ungern merken, daß unsere vierbeinigen Schüler doch nicht so ganz ungefährlich sind, wie es dem Laien scheint.“

Tiger sind überhaupt die Schmerzenskinder der Bändiger. Hinrichson führte vor wenigen Jahren regelmäßig zum Schluß seines Dressuraktes einen mächtigen bengalischen Tiger namens Nero vor, dessen furchtbare Wildheit er trotz aller Versuche nur so weit hatte brechen können, daß er die zähnefletschende Bestie unter atemloser, banger Stille des Publikums einmal vor sich her um den Manegenkäfig trieb, und dies unter ganz ungewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln. Zu letzteren gehörte auch, daß Hinrichson zu seinem Schutz stets seinen Lieblingslöwen Pascha im Käfig behielt, während die anderen Raubtiere vorher in ihre Transportbehälter zurückgetrieben wurden. Pascha saß dann regelmäßig auf einer der Holzsäulen, die mit den anderen Dressurgerätschaften in der Mitte der Manege auf einem Haufen zusammengerückt wurden.

Bei einer Vorstellung in Petersburg war es, wo Hinrichson beinahe ein böses Schicksal ereilt hätte. Wie immer schloß Hinrichson seine Nummer mit der Vorführung des Tigers Nero. Eine nervöse Dame brach beim Anblick der fauchenden und sich ungewöhnlich wild gebärdenden Bestie, die gerade ihren schlechten Tag hatte, plötzlich in Schreikrämpfe aus. Durch diese gellenden Töne wurde der Tiger offenbar zur höchsten Wut gereizt. Er duckte sich zum Sprunge zusammen und hätte den Bändiger sicher niedergeworfen und zerfleischt, wenn dieser nicht in der Erkenntnis, daß er die Gewalt über das Tier völlig verloren hatte, sich blitzschnell hinter die aufgestellten Gerätschaften geflüchtet haben würde. In demselben Augenblick sprang auch schon der Löwe Pascha, ohne daß sein [219] Herr ihn durch einen Zuruf anzutreiben brauchte, von seinem Sitz in die Manege hinab und fiel über den Tiger her. Merkwürdigerweise setzte der Tiger sich fast gar nicht zur Wehr, vielleicht geblendet durch den scharfen Wasserstrahl, den man jetzt unaufhörlich auf seinen Kopf richtete. Jedenfalls gelang es dem Bändiger und seinen Leuten, die sich mit langen, brennenden Fackeln bewaffnet hatten, sehr schnell, die Raubtiere zu trennen und den Tiger in seinen Käfig zurückzutreiben.

Hinrichson hat noch an demselben Abend sich zu einem Reporter dahin geäußert, daß er bei jener Vorstellung für sein Leben zum ersten Male wirklich ernstlich gefürchtet habe, und daß er ohne Paschas Eingreifen sicher verloren gewesen wäre. Er ist dann auch nie wieder mit Nero öffentlich aufgetreten, den ihm zwei Monate später der Petersburger zoologische Garten abkaufte.

W. K.