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Rachel-Felix

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Textdaten
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Autor:
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Titel: Rachel-Felix
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 71
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[71] Rachel-Felix. Am 4. Januar starb zu Cannet bei Toulon die gefeiertste Tragödin Frankreichs, Demoiselle Rachel. Die Theater, deren Herrscherin sie seit mehr denn 16 Jahren gewesen, schlossen sich, als sie die Trauerkunde traf: es galt, die größte Schauspielerin des Théatre français noch im Tode zu ehren. Und wahrlich, eine große Schauspielerin ist die Rachel gewesen, eine so eminente Tragödin, daß sie keine Nebenbuhlerin zu sehen gewohnt war, bis zu dem Augenblick, wo die Ristori ihre bisherige Autorität stürzte, und mit dem Glanze ihres Ruhmes den der französischen Künstlerin erbleichen machte. Alle jene Leidenschaften, welche in Rachel’s Brust stets einen Kampf abhielten, ras’ten mächtiger, als das Gift des Neides sie entflammte, und wir können wohl sagen, daß diese wilden Bewegungen in ihrer höchsten Fluth das Leben dieses Weibes knickten.

Und doch, es war eine Fürstin, eine Königin der Kunst, die zu früh verschied! Sonderbar! Als Kind hatte sie keine Heimath, und heut trauert die ganze Kunstwelt um sie, und doch machte viel weniger das wahrhaft Große, als eine tiefe, mächtige Leidenschaft die Rachel zu dieser Celebrität.

Ihr Vater und ihre Mutter gingen Hausiren, bald in Deutschland, bald in Frankreich, bald in der Schweiz. Es war eine jener unglücklichen Judenfamilien, die den Fluch ihres Volkes mit sich herumschleppen, ohne es zu wissen, auch wohl ohne sich darum zu grämen. Auf diesen Streifereien kam die Rachel im Jahre 1820 zur Welt, man weiß nicht wo, ob im Elsaß, in der Schweiz oder in Frankreich. Die gefeierte Künstlerin hatte keine Heimath, wie ihr Volk, keinen Ort, den sie lieben konnte, weil dort ihre Wiege gestanden. Sie war heimathlos und doch hat sie gelebt – und wie gelebt!

Kaum war das Kind der Sprache fähig, so mußte es die Eltern im Broderwerb unterstützen. Während ihre Eltern hausiren gingen, sang sie die Gassenhauer zum Harfenspiel ihrer Schwester, jene vom Elend ausgepreßten, mechanisch abgeleierten Lieder, welche uns in größeren Städten aus dem Munde unglücklicher weißer Sklavinnen entgegentönen. Von Stadt zu Stadt so die Sous zusammensingend, kam die unstäte Judenfamilie 1830 nach Paris; der Alte hausirte, die Mutter handelte, die Kinder sangen vor den Café’s und auf den Boulevards.

Eines Tages traf der gutherzige Choron, ein angesehener Musikdirector in Paris, die junge Rachel singend auf der Straße. Ihre helle Stimme fiel ihm auf; er fragte die Alten, ob er ihr Kind in sein Institut aufnehmen könne, und da die Eltern Ja sagten, so ging die Rachel mit zu Choron, um als Sängerin ausgebildet zu werden. Kurze Zeit jedoch nachher starb der brave Mann und Rachel, kaum mehr als 12 Jahre alt, stand einsamer denn je in diesem großen Paris. Da nahm sich ihrer Pignon Saint-Aulaire an. Er hatte die junge Jüdin bei Choron kennen gelernt, und ein bedeutendes Talent für Declamation in ihr erkannt. Rachel trat demnach als Elevin in sein Institut, um für das Theater ausgebildet zu werden.

Im Jahre 1836 trat Rachel zuerst in dem von Duport für sie speciell geschriebenen Drama „die Vendeerin“ auf. Aller Ehrgeiz der jungen Jüdin trat mit dieser Rolle auf; grausam gedemüthigt, nahm sie ihn wieder mit sich fort: sie hatte keinen Erfolg gehabt. Da kochte es ihr in den Adern vor Zorn, und von da an erschloß sich erst ihrem Blick das Ziel, das zu erreichen sie von nun an alle Energie aufbot.

Im Jahre 1838 gelang es ihr endlich, begünstigt durch einige Vorsprache am Théatre français engagirt zu werden. Ihr Debüt waren die Horatier und Jules Janin, der damals Alles geltende König des Feuilletons, stieß in die Posaune, um den Aufgang eines neuen Gestirns am Himmel der dramatischen Kunst zu verkünden.

Von nun an ward Rachel die Celebrität, gegen die kein Tadel möglich, nur Abgötterei erforderlich war. Sie rief die großen französischen Classiker wieder in’s Leben und schuf Gemälde von weiblichen Leidenschaftten, welche mehr und mehr wegen ihrer dämonischen Gewalt Grauen einflößten. Hier allein, in diesem Rasen, in diesem Leben des Hasses, der Rache und der Leidenschaften war ihr wohl und sie spielte nie schöner, als wenn das Entsetzen den Athem von tausend Menschen stocken ließ. Wer je von ihr eine Hermione, eine Phädra oder Adrienne Lecouvreur sah, wird den Eindruck ihres dämonischen Spiels unvergänglich behalten haben. Aber mehr und mehr ward ihr Spiel auch outrirt; als es keine Rollen mehr gab, die dem Grollen und Grimm in ihrer Brust weite Bahnen ließen, da überbot sie sich in der Zeichnung der Leidenschaften und schuf eine Ironie gegen die Kunst und das Stück.

Ihr Spiel war aber durchweg auch der Ausdruck ihres Naturells, ihrer persönlichen Empfindungen und einer tiefgewurzelten Rache gegen die Gesellschaft. Sie liebte es zuerst, das Weib furchtbar mit seinen Leidenschaften darzustellen, weil sie Weib war; aber die echte Weiblichkeit liebte sie nicht und diese war ihr auch nicht eigen. Sie war ferner Jüdin und der Grimm, den das Gefühl bei ihr angehäuft hatte, einem social nicht gleichberechtigten Volke anzugehören, drückte sich gern ihrem Spiele auf. Sie hatte nicht vergessen, was sie einst gewesen und was sie einst gelitten, und die Kunst bot ihr eine Rache dafür. Da sie früher betteln ging, so war sie, außerdem einem nationalen Zuge folgend, gierig nach Geld. Ihr Gehalt wuchs aus 100,000 Francs jährlich und ihre Gastspiele ließ sie sich exorbitant bezahlen. Sie pflegte die fürstliche Einrichtung ihres Hôtel von Zeit zu Zeit zu verauctioniren, weil sie die Sachen über den Einkaufspreis bezahlt erhielt und ihr Ruhm an den ihr gehörenden Dingen mit bezahlt werden mußte. Sie war, weil sie früher verachtet von der Gesellschaft war, herrschsüchtig und tyrannisch. Sie regierte das Théatre français; was sie wollte, das mußte geschehen, oder sie drohte nicht mehr zu spielen. Alle diese Mißbräuche ihres Ruhmes hatten nur den Haß gegen die Gesellschaft zum Grunde, deren Vorurtheilen sie zu trotzen liebte. Ihr Privatleben, ihre beiden Kinder, ihr Charakter gibt davon beredtes Zeugniß.

Dieser unumschränkten Macht als Bühnenkönigin war seither kein bedeutender Feind erwachsen. Aber das Schicksal hatte ihr diese Prüfung nicht erspart. Jules Janin, der sie einst und zuerst gefeiert hatte, protestirte öffentlich gegen das outrirte Spiel der stolzen Tragödin und gegen die wahrhaft übermäßigen Launen, welche sie dem Publicum und dem Théatre français entgelten ließ. Sie war nicht mehr unumschränkte Gebieterin und selbst das Direktorium des Theaters suchte mit Energie den Hochmuth Rachel’s zu brechen. Schwer verletzt durch diese Dinge und gekränkt außerdem von dem erkalteten Sinn eines Publicums, das sie ganz nach Willkür zu beherrschen gewohnt war, griff sie wiederum zu ihrem letzten Mittel und forderte ihre Entlassung. Zu ihrem Aerger erhielt sie dieselbe. Sie verkaufte nun ihre Einrichtung, und ihr Bruder, stets der Vermittler ihrer Gastspiele, ging nach Amerika, um im Voraus die Ankunft der gefeierten Tragödin bekannt zu machen. Noch ehe jedoch Rachel Paris verließ, um über den Ocean mit ihrem Grolle zu gehen, tauchte das neue Gestirn der Ristori auf und das Bewußtsein, jetzt auch noch eine Nebenbuhlerin zu besitzen, woran sie nie gedacht, versetzte ihrem ganzen Leben einen tödtlichen Stoß. Sie wollte selbst sehen, ob die gefeierte Rivalin ihr ebenbürtig sei, und verfolgte das Spiel der Ristori als Medea, derselben Medea, welche sie zu spielen sich zuvor geweigert hatte. Was sie hierbei empfinden mußte, das läßt sich nur begreifen, wenn man Rachel’s Stolz, ihre Souverainetät und ihren Neid gekannt hat.

Die Qual der Eifersucht, der Gedanke, daß sie zu ersetzen sei und entbehrt werden könne, ließ die Unglückliche plötzlich zusammenbrechen. Mit aller Hoffahrt und allen Plänen um Vermehrung ihres Vermögens war es aus; sie floh nach den Ufern des Nils, um dort die Gesundheit wieder zu erhalten. Vergeblich! Ungeheilt und unheilbar kehrte sie nach Frankreich zurück und seit sechs Monaten, wo man ihres Todes schon gewärtig war, zehrten sich ihre wilden Leidenschaften, der Nerv ihres Seins im Todeskampfe auf, bis mit dem Ende ihres Grolls auch das Herz der Künstlerin zu schlagen aufhörte.