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RE:Vinnius 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Asina, Bekannter des Dichters Horatius
Band IX A,1 (1961) S. 150151
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1) Vinnius Asina, ein Bekannter des Dichters Horatius; vgl. epist I 13, 2 und 8. – Name. Zum latinischen Gentilnamen Vinnius vgl. W. Schulze Eigennamen 425. In einigen Hss. heißt der Adressat in der Überschrift der Epistel (ed. F. Klingner p. 265) abweichend V. Asellus, bei Porphyrio V. Asella, in den Schol. bei Ps.-Acro V. Fronto. Asina ist durch Macrob. Sat I 6, 29 als Beiname der Comelier gesichert.

Der Brief ist der Form nach an einen Boten gerichtet, der dem Augustus mehrere versiegelte Rollen mit Horazens Dichtungen (carmina v. 17) überbringen soll. Der Kaiser befindet sich infolge einer Erkrankung nicht in Rom, doch nicht weit davon entfernt, denn die übertriebene Schilderung von den Schwierigkeiten des Weges (v. 10) über Berge, Ströme und Moräste ist wohl ebenso dichterische Erfindung wie der ganze Brief und dessen Nachsendung an den Boten. Die Worte sind nicht auf diesen, sondern auf den Kaiser berechnet und sollen verhüten, daß er die Überreichung als Zudringlichkeit auffaßt. In einer Reihe witziger Wendungen wird daher dem Boten eingeschärft, sich zurückzuhalten, abzuwarten, ob Augustus gesund und guter Laune sei (v. 3), und das Paket zunächst nur an Ort und Stelle abzulegen (v. 12). Doch all dies ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern hat nur den Zweck, den Kaiser zu erheitern und gleichzeitig der Ehrerbietung Ausdruck zu geben, die den Absender gegen den Empfänger erfüllt. Das geht ziemlich stark auf Kosten des Boten, denn dieser wird dabei fast so hingestellt, als ob er sein Vätererbe, den Zunamen ,Eselin' (Asina, v. 8) wirklich verdiene; vgl. v. 4–9. 12–16.

Horaz hat dem Boten, den er nur als Briefträger ansah, nicht verraten, was auf den volumina (v. 2) geschrieben war. Früher hatte man nicht den geringsten Zweifel, daß es sich dabei um die ersten drei Bücher der Oden handle. Erst Krüger Komment.10 (1882) 232 meinte, dies lasse sich nicht mit Bestimmtheit angeben. Krüger-Hoppe Komm.16 (1920) 64 nennt es dagegen ,immerhin wahrscheinlich‘, daß unsere Epistel der Überreichung eben des Buches dienen sollte, in dem sie steht. Er sucht eine Stütze dafür in dem Umstand, daß der vorangehende Brief (I 12) mit einer Huldigung für Augustus schließt, die durch dessen jüngste Erfolge begründet wird (v. 26–28). Allein die Erzeugnisse der Musa pedestris, wie Horaz die Episteln ebenso wie die Satiren bezeichnet (vgl. epist II 1, 250f.), können von ihm selbst nicht an anderer Stelle carmina genannt worden sein: hat er doch dieses Wort ausdrücklich für seine italische Form der hellenischen Lyrik in Anspruch genommen (carm. III 30, 13. IV 3, 12; s. auch G. A. Koch Vollst. Wörterb. zu Horat. Sat. 2. A. (1879) 78f. s. v. carmen. Endlich konnte die Überreichung des ersten Epistelbuches den Kaiser sogar verletzen, weil er darin nicht ein einziges Mal angeredet ist, [151] Maecenas aber dreimal: 1, 1ff. 7, 1ff. 19, 1. Oftmals sah sich der Kaiser in den drei Odenbüchern gefeiert, während Maecenas freilich eine noch höhere Zahl der Widmungen erreichte. Erst an der Spitze des zweiten Epistelbuches tritt der Kaiser wieder auf – die ziemlich verspätete Quittung für die gute Aufnahme des Botenbriefes. Kießling und Heinze Komm.4 (1914) 112 waren daher völlig im Recht, daß sie unter Berufung auf v. 17 zu der früheren Auslegung zurückkehrten.

Hinsichtlich der Person des Boten sind die Meinungen gleichfalls geteilt. Krüger a. O. 232 sieht in ihm einen Landmann auf dem Gute des Horaz oder in dessen Nähe, also einen Menschen, dem man die Verstöße gegen den Anstand sehr wohl zutrauen kann, vor denen er gewarnt wird; doch habe der Dichter diese Mahnungen im Grunde weniger an den Boten gerichtet als an seine Freunde und Verehrer, die er damit indirekt vor jeder aufdringlichen Empfehlung seiner Werke bei den Machthabern abzuhalten suchte. Hoppe nennt in seiner Neubearbeitung des Krügerschen Kommentars den Boten einen Kurier des Augustus, macht ihn also zu einem Staats- und Hofbeamten, dem solche Erinnerungen und deren öftere Wiederholung (v. 1) entbehrlich scheinen mußten. Bei Kießling-Heinze gehört er zum engeren Kreise der Hofgesellschaft; dadurch werden alle diese Vorschriften noch deutlicher zu einem Scherz, der den Kaiser zu erheitern bestimmt ist. Morris Horace, the epistles, New York 1911, 83 erklärt ihn, ohne auf Stellung und Beruf einzugehen, für einen gemeinsamen Freund von Kaiser und Dichter, der den Auftrag zweifellos mit Stolz auf die ihm damit erwiesene Ehre übernommen hat. Das stimmt mit der eben erwähnten Deutung überein: die Freundschaft des Boten mit Horaz ist die Gewähr, daß er den Scherz nicht übelnimmt; was den Kaiser anlangt, so war er nach Morris damals – im Anfang seiner Regierung, als er noch die Wiederherstellung der Republik in Erwägung zog, Suet. Aug. 28 – noch nicht eine so große und alle anderen überragende Persönlichkeit, daß es Horaz nötig gehabt hätte, sich ihm nur mit ängstlicher Vorsicht zu nähern. – In einer späteren Veröffentlichung (Yale Class. Stud. II 79ff.) sucht Morris darzutun, daß es sich bei den in Horaz’ erstem Epistelbuche erwähnten Personen und Begebenheiten meistens nicht um wirkliche Anspielungen in Freundschaftsbriefen handle, sondern darum, daß der Dichter diesen persönlichen Eindruck willentlich hervorgerufen habe, eben weil er sich der kunstvollen Epistelform bediente.

Schrifttum. Außer den erwähnten Kommentaren vgl. Prosop. Rom. III 438 nr. 452. E. P. Morris The form of the epistle in Horace, Yale Class. Stud. vol. II New Haven 1931 p. 79–114.