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RE:Timotheos 24

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Ailuros Bischof von Alexandrien 457-460 u. 475-477
Band VI A,2 (1937) S. 13551357
GND: 102408572
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24) Ailuros, Bischof von Alexandrien, 8. März 457 bis 460. Ende 475 bis 31. Juli 477. (Über den Beinamen Αἲλουρος = Wiesel, d. i. der Schmächtige, vgl. Lebon Monophysisme 16, 4). T. war Bischof der Dioskorospartei, d. h. der Monophysiten, und Gegner der Beschlüsse des Konzils von Chalkedon. Die Geschichte des T. ist zuletzt von E. Schwartz umfassend dargestellt worden (aus der früheren Literatur ist besonders J. Lebon Le monophysisme sévérien, Löwen 1909,16ff. 93ff. herauszuheben) und in die Reichsgeschichte einbezogen worden, so daß hier nur die wichtigsten Daten gegeben werden. Nach dem Tode des Kaisers Marcian (27. Januar 457) gelang es der Partei der Gegner des chalkedonischen Konzils in Alexandrien durch nicht geringen Terror wieder Einfluß zu gewinnen und gestützt auf die Massen des Mobs und der Mönche T. als Gegenbischof gegen den Chalkedonensier Proterios auf den Thron des hl. Markos zu erheben. 20 Tage danach ward Proterios am Gründonnerstag 457 in der Kirche ermordet, wodurch zwar T. vorerst das Heft in die Hand bekam, aber sein Leben lang sich gegen den Verdacht des Mordes verteidigen mußte. Die nächsten Jahre wurde ein dogmatischer Federkrieg geführt, in den vornehmlich der Papst Leo I. von Rom eingriff (vgl. E. Caspar Gesch. d. Papsttums I 552ff.). Die Unentschlossenheit der kaiserlichen Politik in der Frage der Anerkennung des Chalkedonense gab T. die Möglichkeit, sich länger zu behaupten. Zur Verteidigung seiner dogmatischen Position, die mit den kirchenpolitischen Interessen, d. h. mit dem Streben nach Unabhängigkeit von dem Konstantinopler Stuhl zusammenfiel, verfaßte T. eine Reihe polemischer Schriften (nr. 1). Im J. 460 ließ Kaiser Leo den renitenten Patriarchen aus seiner Stadt entfernen und befahl ihm, sich nach Konstantinopel zu begeben. Neuerliche Verhandlungen zwischen den Parteien und dem Kaiser brachten keine Übereinstimmung und kein Ergebnis. Die Folge war die Verbannung des T. nach Gangra, wohin auch schon Dioskur deportiert worden war. Hier war T. vier weitere Jahre unermüdlich für die Vertretung seiner Sache tätig (Schriften nr. 2-6), was ihm eine Denunziation des Bischofs von Gangra eintrug. Die Folge war eine Deportation nach Cherson, 464 (vgl. Schwartz Publizistische Sammlungen zum acacianischen Schisma, Abh. Akad. München, Phil.-hist. Abt. N. F. X [1934] 178, 2). Hier in Cherson entstanden in der langen Zeit der Verbannung seine zwei größeren Werke gegen die Chalkedonische Synode und gegen den Tomos Leos (nr. 7-9). Als nach dem Tode Leos I. um die Wende des J. 474/75 unter Basiliskos die Aktion gegen den Emporkömmling Zenon den Isaurier einsetzte, war die Stunde der T.-Partei in Alexandrien gekommen. Man forderte in Konstantinopel die Rückberufung des T. (Schwartz Publ. Sammlungen 185f.). Man ließ T. nach Konstantinopel kommen, und dort fanden große Kundgebungen der alexandrinischen Massen für ihn statt, infolge davon und infolge energischer Interventionen am Hofe wurde T. wieder in [1356] Alexandrien eingesetzt. Vorerst mußte T. aber das von Basiliskos erlassene Enkyklion, das das Nicaenum und Constantinopolitanum als alleinige Glaubensnormen anerkannte, aber das Chalkedonense und den Tomos Leos verurteilte, unterschreiben. T. begab sich sofort danach von Konstantinopel hinweg. Er verhandelte in Ephesus mit dem dortigen Bischof Paulus. Es trat in Ephesus eine Synode zusammen, auf der die alte, seit Timotheos I. und Theophilos I. verfolgte alexandrinische Politik einen kurzen Triumph erlebte. Man anathematisierte die Beschlüsse der zweiten Session des Chalkedonense, wo Konstantinopel als dem neuen Rom das Recht zugesprochen worden war, die Metropoliten der asianischen, thrakischen und pontischen Diözese zu ordinieren. Man ging in Ephesus so weit, die Restauration der von Dioskur zuletzt ohne Erfolg betriebenen Politik durchzuführen, indem man das Ephesenum von 449 ausdrücklich anerkannte. Man erreichte dies, indem man einige Einschübe in das Enzyklikon machte (vgl. Schwartz Codex Vatic. 1431, Abh. Akad. München, Phil.-hist. Kl. XXII 65. 134, einige Berichtigungen: Publ. Sammlungen 186, 4). In Alexandrien zog T. darauf als Triumphator ein, der chalkedonische Timotheos Salophakialos (s. d.) mußte fliehen. T. versuchte nun eine Reichssynode für seine Interessen in Bewegung zu setzen; aber mit dem Zusammenbruch der Herrschaft des Basiliskos um die Mitte 476 war auch das Schicksal der alexandrinischen Politik besiegelt, und T. verstarb schon bald darauf am 31. Juli 477.

Nun feierte die chalkedonische Partei ihre Triumphe (Schwartz Cod. Vatic. gr. 1431 S. 135; Publ. Sammlungen 189). T. ist der letzte Vertreter der traditionellen Politik der alexandrinischen Patriarchen. Zäh und energisch mit allen Mitteln, die schon früher angewandt worden waren, verfolgte er sein Ziel und wußte, was eben das Interessanteste an der alexandrinischen Politik ist, eine starre Dogmatik mit dem Massenwillen der Proletarier und Mönche zu vereinen.

Erhaltene Schriften:

1. Libellus an Kaiser Leo, als Antwort auf den ihm übersandten sog. 2. Tomos Leos, etwa 457. Erhalten in syrischer Übersetzung in Cod. Mus. Brit. Add. 12156f. 62 a-63 a, publiziert Patr. or, 13, 241ff. und bei Zacharias Rhetor IV 6; CSCO Script. syri Ser. III t. t. 5 Textus p. 175; Versio p. 121, 35ff. Anecd. syr. ed. Lang III 139, 20ff. Michael Syrus ed. Chabot II 126. Vgl. Schwartz Cod. Vatic. gr. 1431 S. 128.

2. Brief nach Konstantinopel. Nur erhalten in syrischer Übersetzung Cod. Mus. Brit. Add. 12156f. 29 b. über die weitere Überlieferung vgl. Schwartz Cod. Vatic. gr. 1431 S. 120 zu f. 29b. Geschrieben aus Gangra, also zwischen 460-464.

3. Brief nach Alexandrien wegen der Umtriebe zweier Eutychianer, nur syrisch erhalten in Cod. Mus. Brit. 12156f. 32a (vgl. Schwartz Cod. Vatic. gr. 1431 S. 121).

4. Brief an die Ägypter, nur syrisch erhalten in Cod. Mus. Brit. Add. 12156 f. 34 a, vgl. Schwartz S. 122.

5. Brief aus Gangra an den Diakon Faustin, ebd. f. 35 a, Schwartz S. 122.

[1357] 6. Brief aus Cherson an den Presbyter Klaudian, ebd. f. 35 b.

7. Ἐξέτασις καὶ λύσις κατὰ τοῦ ὅρου τοῦ ἐν Χαλκηδόνι ὥστε εἰδέναι τοὺς ἐντυγχάνοντας αὐτῇ ὄτι οὐδὲν ἄλλο προσέταξεν ἡ ἐν Χαλκηδόνι σύνοδος ἢ τὰς μιαρὰς τοῦ Νεστορίου διδασκαλίας κρατεῖν καὶ κηρύσσεσθαι. Aus Cherson. Nur syrisch erhalten in Cod. Mus. Brit. 12156 f. 39 b-61 a, gedruckt, Patr. or. 13, 218-236. Vgl. Sehwartz Cod. Vatic. gr. 1431 S. 122. 129.

8. Widerlegung der auf der Synode zu Chalkedon festgesetzten Lehre. Vollständig erhalten nur in armenischer Übersetzung, Ausgabe: Timotheus Aelurus, Widerlegung der auf der Synode zu Chalkedon festgesetzten Lehre. Armenischer Text, hrsg. von Karapet Ter-Mekerttschian und Erwand Ter-Minassiantz. Lpz. 1908. Ausführliche Analyse des Inhaltes bei Schwartz Cod. Vatic. gr. 1431 S. 98ff. Eine syrische Epitome ist erhalten, die ein gelehrter Redaktor wahrscheinlich vor Severus von Antiochien hergestellt hat. Vgl. Schwartz Cod. Vatic. gr. 1431 S. 117. 129. Einiges ist davon gedruckt Patr. or. 13, 202-217. Neue Bruchstücke dieses syrischen Textes hat veröffentlicht Axel Moberg On some syriac fragments of the book of Timotheos Ailuros against the synod of Chalcedon with two facsimiles. Lund 1928. Über den Text der Zitate aus den Ephesenischen Akten vgl. Conc. Ephesen. ed. Schwartz I 2 p. VI.

9. Gebet für die reuigen dyophysitisch gesinnten Kleriker, die von T. wieder zugelassen wurden. Syrisch Cod. Mus. Brit. Add. 12156 f. 61 a. b, gedruckt Patr. or. 13, 236-239.

10. In den Plerophorien des Iohannes von Mayuma (Patr. or. 8, 76f.) sind Bruchstücke einer Kirchengeschichte des T. erhalten, von der Crum behauptet, koptische Reste gefunden zu haben. Vgl. Lebon Monophysisme sévérien 107.

Literatur. Außer Schwartz und Lebon vgl. Bardenhewer IV 79ff. und J. Rucker Cyrillus von Alexandrien und Timotheus Aelurus in der alten armenischen Christenheit, in Handes amsoreah, Monatsschrift für armenische Philologie LI (1927) 699ff. J. Lebon Version arménienne et version syriaque de Timothée Élure ebd. 714ff.