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RE:Thespis 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Thespis von Ikaria, früher attischer Tragödiendichter und -schauspieler
Band VI A,1 (1936) S. 6264
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Thespis. 1) Sohn des Θέμων (Kopflose Hεrme Not. d. scav. 1902, 111) aus dem attischen Demos Ikaria (Suid. s. Θέσπις), führte als erster in Athen (Charon von Lampsakos im Schol. Hermog. ed. Rabe Rh. Mus. LXIII 150) beim Agon der großen Dionysien zwischen 536 und 533 eine Tragödie auf (Marm. Par. ep. 48, vgl. Jacoby z. d. St. 172); der Kampfpreis soll ein Bock gewesen sein, was aber aus dem Namen der Tragödie erschlossen sein wird, s. Euseb. Kan. ol. 47, 2 = 591/90 (48, 1 Arm): τοῖς ἄγωνιζομένοις παρ’ Ἕλλησι τράγος ἔδίδοτο ἀφ’ οὗ καὶ τραγικοὶ ἐκλήθησαν; vgl. dazu Schol. Plat. Rep. 394 c mit Plut. de cupid. div. 8 p. 527 d. Es ist selbstverständlich und wird auch von der antiken Literaturgeschichte angenommen, daß der staatlichen Sanktion der Tragödie private Aufführungen vorausgingen. Deshalb ist die Anekdote bei Plut. Sol. 29, welche T. τοῦ πράγματος ... οὔπω εἰς ἅμιλλαν ἐναγώνιον ἐξηγμένου mit dem greisen Solon zusammentreffen läßt, was etwa in die ersten Jahre nach der peisistratischen Usurpation führen würde, nicht nur chronologisch unanstössig, sondern der historischen Lage durchaus entsprechend. Daß T. selbst Schauspieler war (Plut. a. O.) und den Chor auch im Tanze unterwies (Athen. I 22 a), ist natürlich und gilt für alle frühen Chordichter (ὥσπερ ἔθος ἦν τοῖς παλαιοῖς; Plut. a. O.). Außer durch Charon [63] von Lampsakos wird T. zuerst erwähnt von Aristophanes (vesp. 1479), der ihn zu den altmodischen Dichtern rechnet. Das Schol. z. d. St. will einen Kitharoden T., nicht den Tragiker genannt sehen, mit Unrecht, wie die Gegenüberstellung τοὺς τραγῳδοὺς ... τοὺς νῦν v. 1480f. zeigt. An der Geschichtlichkeit der Person kann bei so alter Bezeugung kein Zweifel sein (v. Wilamowitz Einl. i. d. gr. Trag. 86), denn seine Lieder sind damals noch gesungen worden (Aristoph. a. O.). Er scheint das in Korinth – man beachte das frühe Entstehen einer literarischen Komödie in der korinthischen Kolonie Syrakus – schon rudimentär entwickelte Drama in Athen eingebürgert und zur Blüte gebracht zu haben (vgl. Howald Die gr. Trag. 26ff. Pohlenz Die gr. Trag. 1ff. v. Blumenthal Aischyl. 40f.). Soviel etwa wissen wir historisch von T. Die weiteren Nachrichten gehen auf die peripathetische Konstruktion der Literaturgeschichte zurück. Wenn man Themistios or. XXVI 316 d glauben darf (s. Ed. Fraenkel Philol. LXXXVI N. F. XL [1930] 9), hat Aristoteles dem T. die Erfindung von πρόλογος und ῥῆσις, wohl auch die Einführung des ersten Schauspielers überhaupt (Diog. Laert. III 56, vgl. Aristot. de arte poet. 1449 a. 15) zugeschrieben. Nach Suid. s. Θέσπις, der am ersten auf Chamaileon περὶ Θέσπιδος (Phot. Suid. οὐδὲν πρὸς τὸν Διόνυσον) zurückgehen wird, hat er zuerst geschminkt agiert, später linnene Masken eingeführt (Diomedes CGF I 57, 134 Kaib.: nondum personis a Thespide repertis). Für die berühmte Karrenfabel ist Horat. de arte poet. 275 - also wohl Chamaileon vermittelt durch Neoptolemos von Parion, über den zuletzt O. Immisch Horazens Ep. ü. d. Dichtkunst 8ff. – unser einziger Zeuge, doch hat sie vielleicht auch Dioskurides Anth. Pal. VII 410/11 vor Augen gehabt. Sie beruht wohl auf Verwechslung mit den σκώμματα ἐξ ἁμάξης oder dem carrus navalis.

An Dramentiteln nennt Suid. Ἆθλα Πελίου ἢ Φόρβας. Phorbas ist als Figur für uns verschollen, gemeint ist wohl der Sohn des Lapithes, Vater des Ἀκτωρ (Paus. V 1, 11) und des Αὐγείας (Apollod. II 88), über dessen Rolle an den ἆθλα ἐπὶ Πελίᾳ – so ist wohl auch bei Suidas zu lesen – nichts bekannt ist. Der Dramentitel Ἆθλα (oder Ἆθλοι) kehrt bei Achaios FTG 746 wieder. Weiter nennt Suid. Ἱερεῖς (vgl. die Ἱέρειαι des Aischylos), Ἠίθεοι (man denkt an Bakchylides XVI) und aus dem dionysischen Kreise Πενθεύς, doch waren diese Dramen vermutlich Fälschungen des Herakleides Pontikos, der nach Aristoxenos bei Diog. Laert. V 92 dem T. Dramen untergeschoben hat. Aus ihnen werden die Fragmente 1–3 (FTG 832f.) stammen. während frg. 4 offenbar eine Fälschung der Kaiserzeit ist. In den Katalogen der Alexandriner waren die Falsa nicht aufgeführt (Christ-Schmid I⁶ 281, 4), aber die Römer glaubten noch Echtes zu besitzen (Horat. epist. II 1, 163).

In dem Streit um den Beginn der Tragödie wird T. bald als ihr Urheber (T. tragoediae primus inventor Euanthius CGF I 62. 23 Kaib. und die griechischen Belege 77), bald als zweiter oder gar elfter Nachfolger des Epigenes von Sikyon (Schmid-Stählin Griech. Literaturgesch. I [64] 632, 2) bezeichnet. Zuerst tritt uns dieser Streit bei (Platon) Minos 321 a entgegen: ἡ δὲ τραγῳδία ἐστὶν παλαιὸν ἐνθάδε, οὐχ ὡς οἴονται ἀπὸ Θέσπιδος ἀρξαμένη οὐδ’ ἀπὸ Φρυνίχου ἀλλ’ εἰ θέλεις ἐννοῆσαι, πάνυ παλαιὸν αὐτὸ εὑρήσεις ὂν τῆσδε τῆς πόλεως εὕρημα

Die wichtigsten Zeugnisse über T. sind abgedruckt bei v. Wilamowitz Aeschyli tragoediae ed. mai. 14. 17ff., die neueste Literatur verarbeitet bei F. Gagliuolo Riv. indo-gr.-it. XIII (1929) 1-14.