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RE:Leon 25

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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von Pella, Autor eines Werkes über griechische Götter
Band XII,2 (1925) S. 20122014
GND: 102397104
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25) Leon von Pella. Literatur: Susemihl Gesch. der griech. Literatur in der Alexandrinerzeit I 315f. Reitzenstein Zwei religionsgeschichtl. Fragen 22. 90. Otto Priester und Tempel im hellenist. Ägypten I 28. 2. II 217. 265, 1. Wendland Die hellenistisch-römische Ku1tur 2, 3. 12l. Jacoby o. Bd. VI S. 968f. VII S. 2759.

Wir wissen von L., dessen Heimat allein an einer Stelle (Arnob. IV 29) Pella genannt wird, im ganzen ziemlich wenig – zählt doch die allerdings nicht vollständige Sammlung seiner Fragmente in den FHG II 331f. nur 6 Stücke – können uns aber gleichwohl ein nicht ganz undeutliches Bild von diesem für die Geschichte des griechischen Rationalismus nicht unwichtigen Schriftsteller machen. L. gehört zunächst unmittelbar, wohin ihn u. a. auch Wendland a. a. O. gestellt hat, an die Seite des Hekataios von Teos und des Euhemeros, ja, wie es gelungen ist, diesen als abhängig von jenem zu erweisen, so scheint es jetzt auch sicher, daß Hekataios’ Werk durch L.s Vorgang beeinflußt ist (Jacoby 968); dieser würde demnach bald nach Alexander dem Großen geschrieben haben. – Augustin nennt ihn dreimal einen ägyptischen Priester (de civ. dei VIII 5. XII 11; de cons. evang. I 33), aber mit; Recht hat Otto a. a. O. I 29 A. 217. 2 dieser Nachricht jede Daseinsberechtigung abgesprochen: wie sollte auch gerade ein Grieche Alexander den Großen ⟨in Heliopolis⟩ in die Geheimnisse der ägyptischen Religion eingeweiht haben (Augustin. a. a. O. VIII 5 illa. . . quae Alexander Macedo scribit ad matrem sibi a magno antistite sacrorum Aegyptiorum [2013] quodam Leone patefacta; vgl. Athenag. suppl. 28)? Es liegt vielmehr die Annahme nahe, daß L.‚ um seinem theologischen Tendenzbau größere Festigkeit zu geben, durch die Fiktion seines Oberpriestertums seine Offenbarungen zu legitimieren suchte – L. schrieb also ein Werk über die ägyptischen Götter (Clemens Alex. Strom. I 21 p 68, 18f. Stähl.: Λέων ... ὁ τὰ περὶ τῶν κατ’ Αἴγυπτον θεῶν πραγματευσάμενος; Hygin. astr. II 20: Leon, qui res Aegyptias conscripsit) in mehreren Büchern (Schol. Apoll. Rhod. IV 262 ἐν πρώτωι πρὸς τὴν μητέρα: das Zitat ist, wie man sieht, verstümmelt) und zwar (vgl. o. und Augustin a. a O. VIII 27) in Form eines Briefes Alexanders des Großen an seine Mutter, der auch selbständig, ohne L.s Namen, genannt wird (Athenag. a. a. O. Tertullian. de pallio 3. Minuc. Felix 21, 3. Augustin. a. a. O. XII 11); der Verfasser wird sich dabei irgendwie in einer kurzen Einleitung selbst genannt und darüber ausgewiesen haben, wie er Kunde von jenem Briefe erhalten. Adresse und Thema des Briefes lehnten sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit raffinierter Schlauheit an das wohl auch schon apokryphe Schreiben des großen Königs an Olympias an, von dem Plut. Alex. 27 Nachricht gibt: αὐτὸς δὲ Ἀλέξανδρος ἐν ἐπιστολῆι πρὸς τὴν μητέρα φησὶ γενονέναι τινὰς αὐτῶι μαντείας ἀπορρήτους, ἃς αὐτὸς ἐπανελθὼν φράσει πρὸς μόνην ἐκείνην (über seinen Besuch beim Ammonorakel): vgl. Kärst Philol. LI 612. Wie dem auch sei, L.s Buch verfolgte eine religiös politische Tendenz: Alexander teilte hier seiner Mutter mit, die ägyptischen Priester, bezw. L. hätten ihm aus Furcht vor seiner Macht aus heiligen Schriften Offenbarungen über das ursprünglich menschliche Wesen ihrer Götter gemacht (Minuc. Felix a. a. O. Augustin. a. a. O. VIII 5. XII 11). Es war also ein ἱερὸς λόγος (Reitzenstein), gewiß nicht ohne die Absicht, den Griechen ‚diese Form des Gottkönigtums nahezubringen‘ (Jacoby a. a. O.). Diese Götter, die bei L. nach dem Vorbilde der ägyptischen Königsgeschichte ganze Dynastien bildeten (Reitzenstein) – so nannte der Fabulist den Hephaistos als den ersten König Ägyptens und danach erst Zeus’ Geschlecht (Minuc. Felix a. a. O. ∼ Hekataios bei Diodor. I l3, 3) – erschienen im Verfolg älterer rationalistischer Ideen geradeso wie bei Hekataios als Erfinder aller menschlichen Nahrung und Notdurft: Osiris-Dionysos als der große Kulturschöpfer des Landes, dem Ammon seine Erfindung der Schafzucht vorlegt (Hygin. a. a. O. Tertull. a. a. O.), in ähnlicher Weise, wie der platonische Theut seine τέχναι dem Könige Thamus (Phaidr. 274 e) wies, ein Motiv, das später wieder Hekataios und Euhemeros weiter ausführten (Diod. I 15, 4. Ennius bei Lactant. div. inst. I 11, 36). So erscheint ferner die mit Demeter identifizierte Isis (= Herodot II 59. 156) als die Schöpferin des Getreidebaus (Tertull. de cor. 7); darum trägt sie denn auch den Ährenkranz wie Ammon die Widderhörner (letztere Erklärung hat kein Analogon in den sonstigen mannigfachen antiken Versuchen, diese Erscheinungsform Ammons zu deuten: Pietschmann o. Bd. I S. 1855). Natürlich erklärt L. die Ägypter für das Urvolk (Schol. [2014] Apoll. a. a. O. = Hekataios bei Diod. I 10, 1) und stellte im Anschlusse daran ziemlich phantasievolle Berechnungen über das Alter der anderen Kulturvölker auf (Augustin. a. a. O. XII 11; hier nennt er auch Belos wie Euhemeros: Diodor. V 1, 10; vgl. Reitzenstein a. O. A. 1). – Die Schrift machte, wie bemerkt, starken Eindruck und fand bedeutsam Nachfolge; namentlich gewannen später ⟨die Juden (vgl. die Nachwirkung des Euhemeros in den Oracula Sibyllina III 110ff., dazu die Briefform bei Aristeas und die eingestreuten Briefe bei Eupolemos) und⟩ die Christen, deren römische Apologeten L. durch Varro kennen lernen mochten (vgl. Jacoby o. Bd. VII S. 956), in dem Buche eine starke Waffe gegen die heidnischen Götter, und noch Augustin ruft triumphierend aus (de cons. evang. I 33): numquid et Leo ille sacerdos Aeyyptius poeta vel academicus fuit qui istorum deorum originem . . . ita prodidit, ut eos homines fuisse declaret. Hie und da freilich hat ein Apologet L. nur unter den vielberufenen ἄθεοι der Heiden genannt, ohne von ihm nähere Kunde zu besitzen (Tatian. orat. 27. Arnob. a. a. Ο.).