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RE:Erythrai 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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einer der zwölf Stadtstaaten des kleinasiat. Ioniens
Band VI,1 (1907) S. 575590
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Erythrai (Ἐρυθραί = Rotstadt, von der dunkel-rötlichen Farbe der innerhalb des Stadtbezirkes von Nr. 1 anstehenden Trachytfelsen; Numerus wie bei Λευκαί). 1) Einer der zwölf (Herod. I 142) Stadtstaaten des kleinasiatischen Ioniens (Ethnikon mehrmals οἱ Ἐρυθραῖοι οἱ ἐν Ἰωνία, E. Curtius Anecd. Delphica nr. 68f. Lebas-Foucart 850f. Ch. Michel Recueil nr. 506f., zum [576] Unterschied von den Ἐρυθραῖοι οἱ ἐπὶ Θερμοπύλαις) an der gut gegliederten, gebirgigen und kupierten (Ἐρυθραίη τρηχείη καὶ ὀρεινή, Vit. Hom. I 18 W.) Westküste um einen Trachytfelsen eines Ausläufers des Mimasmassivs (Strab. XIII 613) am nördlichen Teil des Bogens einer Bucht gegenüber der Ostküste der Insel Chios. Karte von W. Ruge in Petermanns Geogr. Mitt. 1892 T. 17. Die Stadt s. auf dem Plane S. 581f.

1. Literatur (Auswahl). Aus dem Altertum: Ps.-Aristoteles Ἐρυθραίων Πολιτεία, FHG II 163, 195. Hippias von Erythrai, FHG IV 431. Aus neuerer Zeit: K. Buresch (im J. 1891) Die sibyllinische Quellengrotte in E., Athen. Mitt. XVII (1892) 16ff., vgl. Aus Lydien 182. W. Chandler (im J. 1764) Travels in Asia Minor, Lond. 1776, 90ff. J. A. Cramer A Geogr. and Histor. Descr. of Asia Minor, Oxf. 1832 I 347ff. Εὐθύφρων (pseudon.) Ἐρυθραία in Φιλολ. Συνέκδημος I 144–150. H. Gäbler Erythrä, Berl. 1892 (Leipz. Diss.). W. Hamilton (im J. 1836) Researches (II 6ff.), Deutsch von O. Schomburgk, Leipz. 1843 II 7–11. F. Lamprecht De reb. Erythraeorum publicis, Berol. 1871. W. Leake A Tour in Asia Min. 262. Ph. Lebas-Waddington (im J. 1843/4) Voyage dans l’Asie min. A. Philippson (im J. 1905) Ztschr. d. Ges. f. Erdk., Berl. 1905, 413f. R. Pococke Travels III 61. W. Ramsay Hist. Geogr. of Asia Min. 105. W. Ruge Petermanns Geograph. Mitteil. 1892, 229. T. Spratt Transactions of the Royal Geol. Soc. VI 1ff. Ch. Texier (im J. 1835) Asie Min., Par. 1882, 366–569. G. Weber (im J. 1900) Athen. Mitt. XXVI (1901) 103ff. Inschriften: Αrchäol.-epigr. Beitr. aus Österr.-Ungarn I (1877) 112. Bechtel Abh. Gött. Ges. 1887, 115. A. Boeckh M.-Ber. Akad. Berl. 1833, 133. Bull. hell. 1884, 366. 1891, 682. British Museum Inscr. III nr. 418. L. Buresch Athen. Mitt. XVII (1892) 16ff.; Die Grabschrift der erythraeischen Sibylle, Wochenschrift f. kl. Philol. 1891, 1040ff. W. Christ Abh. Akad. Münch. 1866 Ι 242ff. CIG II nr. 3134f. E. Curtius Anecdota Delph. nr. 68. 69. 84ff. Gäbler (s. o.) 125ff. W. Hamilton (s. o.) 226ff. Judeich Athen. Mitt. XV 338. XVI 285. A. Kirchhoff Abh. Akad. Berl. 1863, 265. Kontoleon Rev. Études Gr. 1891, 116. Ph. Lebas-Waddington (s. o.) III nr. 39ff. 1536ff. Ch. Michel Recueil nr. 12. 37. 508. 808. 839. 1222. M.-Ber. Akad. Berl. 1875, 554. Μουσεῖον καὶ Βιβλιοθήκη τῆς ἐν Σμύρνῃ Εὐαγγ. Σχολ. I (1873) 97ff. 128. II 2 (1878), 27ff. 57–59. 60. 62–64. III (1880) 122. 125. 147. V (1884–1885) 19f. G. Weber a. a. O. 117f. (nicht veröffentlichte Ehren- und Grabinschriften). Münzen: Brandis Münz-, Maß- und Gewichtsystem 226. 393. 413. 417. 457. 563. H. Gäbler a. a. O. 51ff. Head HN 498ff. Head-Svoronos Ἱστ. Νομ. 111. F. Imhoof-Blumer Monnaies Grecques 286ff.; Abh. Akad. Münch. 1890, 640ff.; Kleinasiat. Münzen I 62ff. F. Lamprecht (s. o.) 57ff. Schon archaische Elektronmünzen des 6. Jhdts. v. Chr.

2. Lage. Die geographische Lage war für E. nicht besonders günstig. Es fehlte das Hinterland eines größeren Flußtales mit den Vorteilen der Zufuhr und der Verbindung mit dem Festland, wie sie andere griechische Städte in näherer [577] oder weiterer Entfernung, Smyrna, Ephesos, Miletos, in umgekehrter Folge der Zeiten hatten, ja wie sie sogar Pergamon am Kaïkos genoß.

Immerhin haben die Erythraeer ihren Posten wacker behauptet und manchen Strauß mit den Nachbarn glücklich ausgefochten. Bis in die Kaiserzeit gehörte es zu den bedeutenderen Städten Kleinasiens. Die vielen Münzen und die zahlreichen nach vielen Orten verschleppten Inschriften und Skulpturen legen Zeugnis von der einstigen Bedeutung von E. ab. In byzantinischer Zeit wurde ein Kastell auf dem südlichen Teil des Akropolishügels gebaut. Die alte Stadtlage wurde im späten Mittelalter, wie es ja auch z. B. bei Ephesos der Fall war, aufgegeben. Die Einwohner hatten sich von der Küste weggezogen, vielleicht 3 km südlich in eine von Hügelzügen gegen das Meer zu gedeckte Mulde: Ruined Village, Brit. Admiralty chart 1645. So erklärt sich dann die Beibehaltung des antiken Namens. Der neue Ort Λυθρί (türkisch Litrí) ist noch nicht alt. Die Ansiedlung stammt aus dem ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts, aus der Zeit, da die Küste von Seeräubern weniger beunruhigt wurde.

3. Die Küste. Heutzutage kann man sich dem Orte Λυθρί zur See auf zwei Fahrstraßen nähern. Die eine führt an dem Eiland Peta vorbei durch einen ziemlich tiefen Sund, die andere zwischen den beiden Inselchen Karadágh und Makroníssi. Die Einbuchtung vor der Ruinenstätte teilt sich in einen nördlichen tiefen und einen südlichen, durch Alluvionen seicht gewordenen Teil. E. selbst sind ganz kleine Klippen vorgelagert. Ein Teil der Küste bei E. wird Athen. VI 259 a Λεόποδον genannt. Dort soll die Leiche des überlisteten und ins Meer geworfenen Knopos angeschwemmt worden sein. Da in dem Bericht Leopodon als Steilküste bezeichnet wird und da die Mörder von Nordwesten oder Westen nach E. ausgefahren sein müssen, ist Leopodon eher im Norden von E. zu suchen, wo allerdings eine Strecke lang auch noch Dünengestade ist. Die Küste, an der E. lag, hat steinige Ufer. Nördlich von der Nordmauer der alten Stadt wird sie auf die Strecke von 2 km sandig.

4. Höhen und Flußläufe. Im Süden und im Osten umsäumen trachytische Höhenzüge die Küstenniederung, die bläulichen Kalksteinboden zur Unterlage hat. Als ein dunkelroter Trachytkegel (daher der Name der Stadt) erhebt sich nahe an der Küste die Akropolishöhe bis zu 87,5 m. Ein nie versiegender Bach, der alte Aleon (Ἀλέων, Dittenberger Syll.2 600, 23. Plin. n. h. V 117. XXXI 14; s. Suppl. I S. 52). fließt im Nordosten durch das ganze Gebiet der Stadt. Seine Quellen mit lauem Wasser befinden sich nahe der Nordostecke der Stadtmauer am ehemaligen Hauptlandtor. In deren Nähe fand Hamilton (8) Ruinen von Aquädukten, Mauern, Terrassen und die Grundmauern von Gebäuden und Tempeln(!), Inschriften, zertrümmerte Marmorsäulen, Architrave, drei große ionische Kapitelle aus rotem Trachyt vor, die jetzt großenteils verschwunden sind. Auf der Terrasse (s. Plan) vermutete derselbe die Stätte des berühmten Heraklestempels. Seitdem sind zum Bau von Λυθρί viele Bausteine weggekommen. Gegen [578] Hamilton vgl. Weber 112. Nördlich von den Aleonquellen, nahe außerhalb der Mauer, sind warme (25,3°) Salzquellen. Auch das Wasser des Aleon enthält schweflige und salzige Bestandteile, und im Altertum hieß es von seinem Wasser, daß sein Genuß die Körper haarig mache. Der Flußgott war auf Bronzemünzen von E. des Antoninus Pius dargestellt, F. Imhoof-Blumer Kleinas. Münzen I 63. H. Kiepert wollte ihn weiter nördlich suchen, aber der Name Ἀλέων, der wohl mit ἀλέα, ἀλεάζω, ἀλεεινός = warm zusammenhängt, weist ihm seine Stelle zu. 330 m nördlich von der Nordmauer von E. ist das Bett eines anderen Flüßchens, des Axos (Ἄξος, s. Bd. II S. 2636f. und Suppl. I S. 52). Der Name hängt vielleicht mit dem kretischen Wort βάξος, ὄαξος, ἄξος = Abhang zusammen. Auch der Gott dieses Flüßchens wurde auf erythraeischen Bronzemünzen des Antoninus Pius dargestellt (F. Imhoof-Blumer a. a. O.). Das Wasser, das er zur Zeit der Regenperiode führt, ist trinkbar.

5. Vom alten Hafen, der im Süden von der Akropolis lag, die ihn gegen die Gewalt der Nordwinde schützte, die gerade zur Zeit der regsten Schiffahrt die herrschenden sind, findet sich noch der Rest eines Dammes. Das Meer ist jetzt im verschlammten Hafen sehr untief. Die Reede von heutzutage befindet sich weiter nördlich, wo auf dem Plan ,Quai‘ angegeben ist. Der Νέος Λιμενοδείκτης von N. Kotsowillis meldet von dieser Reede 509: Ὅρμος Ἐρυθραί · πρὸς τὸν Λεβάντα τοῦ Λιμένας Ἁγ. Παρασκευῆς 7 μίλια εὑρίσκονται 10-11 νησίδες καὶ ὕφαλοί τινες (Hippoi des Altertums) καὶ προς Ἀνατολὰς αὐτῶν ἡ ἀρχαία πόλις Ἐρυθραί. Εἰς τὰ μέρη ταῦτα σπανίως εἰσέρχονται τὰ πλοῖα.

6. An den südlichen Rand des alten Hafens reichte die an der Seeseite jetzt stark zerstörte, feste, zum Teil aus großen Trachytblöcken erbaute alte Stadtmauer. An mehreren Stellen steht sie bis zu 5 m aufrecht. Am ehemaligen Hafen in der südöstlichen Einbuchtung des Hafenrundes ist sie nicht mehr vorhanden. Erst auf der Anhöhe östlich von dem Aquädukt aus später Zeit beginnen die regelmäßigen Schichten von Quadern, die unteren 0,42, die oberen 0,50 m hoch und ansehnlich lang (bis 1,18 m), 0,5 m dick. Die Tiefe der mit Bruchsteinen ausgefüllten Mauer betrug fast 5 m. Wie es bei der Südstrecke der Lysimachischen Stadtmauer von Ephesos der Fall ist, geht der Mauerzug auf dem Kamm des bis zu 50 m ansteigenden langgestreckten Hügels nach Osten. Vor dem Turm, nahe dem Nordostende der Anhöhe (50 m), stehen noch acht Schichten übereinander. Dann greift der Mauerzug nach Südosten über eine Mulde auf einen gleich hohen Hügelzug hinüber. Dort befindet sich in der Mauer eine Strecke, in der jeweils drei Schichten bläulicher Kalksteinblöcke mit je einer Lage dunkelroten Trachyts abwechseln (G. Weber 105; etwas anders W. Hamilton 7). An dieser Stelle sind elf Lagen übereinander noch in situ. Nach einer Strecke von 400 m ist die Stadtmauer in Trachytblöcken in einem Winkel von 125° nach Nordnordwest weiter geführt; sie geht durch die 20 m tiefe Mulde, in der sich das wichtigste alte Landtor der Stadt befand (Chandler, Hamilton), durch das die [579] Straße nach Klazomenai (jetzt ὁ Βουρλᾶς) führte. Die Weststrecke weist zwei Winkelvorsprünge auf, bei deren bedeutenderem westlichen sich größere Ruinen finden (Plan; G. Weber 106). In einem Winkel von 138° biegt der Mauerzug zur rein östlich-westlichen Strecke ein, die vorgelagerte Reste eines Bades (?) aus römischer Zeit und in ihrem Verlauf mehrere vorspringende Winkel, darunter größere Vorsprünge, und eine Art Bastion von rechteckiger Anlage aufweist. Über die ähnliche Anlage der Stadtmauern von Priene und Iasos Wiegand Priene 37. Das Stück zur See hinunter ist übrigens sehr stark zerstört.

7. Die Akropolis des Altertums ist auf den zwei Plateaux des kegelförmigen Hügels zu suchen, der fast in der Mitte des Mauerrings aus hellenistischer Zeit bis zur Höhe von 87,5 m sich erhebt, nach Süden und Osten steil zur Ebene geneigt ist, gerade nach Westen aber in einem Talsporn zur Niederung sich senkt, auf dem das Dorf Λυθρί erbaut worden ist. Am Nordabhang hatten sich die Erythraeer ihr Theater eingeschnitten. Dicht südlich an diesem hatte man aus dessen Steinen in byzantinischer Zeit ein Kastell gebaut, dessen Ruinen W. Hamilton S. 8 d. Ü. erwähnt. Die wenigen erhaltenen Mauerreste um den Fuß des Akropolishügels und am westlichen Abhang, auf dem das Ersteigen des Burghügels möglich ist, lassen ein Vorhandensein einer alten Ringmauer um die Akropolis nicht beweisen (Weber 109). Sie scheint aber bestanden zu haben, da in einer Inschrift des 4. Jhdts. (Μουσ. II 2, 1878, 58 nr. 139. G. Weber 110) der Ausdruck κατασκαφὴ τῆς ἀκροπόλεως doch wohl als Niederlegung der Mauern der Akropolis aufzufassen ist. Der nordwestliche Abhang bis zum Theater ist vielleicht schon in der hellenistischen Zeit in die Akropolisbefestigung einbezogen worden. Hamilton (9) glaubte sogar, die äußere Mauer der Skene des Theaters habe einen Teil der Ringmauer um die Akropolis gebildet oder sei sogar mit ihr in Verbindung gestanden. G. Weber aber ist (109) der Ansicht, daß das Theater außerhalb des unteren Burgrings gelegen hat.

8. Stadtareal und Umfang der Mauer. Das vom mehr als 4 km langen Mauerring umschlossene Stadtareal habe ich mittels eines Corradischen Polarplanimeters auf 130 ha berechnet (Assos 40 ha, Ephesos 345 ha, Priene: Inhalt des kleineren Mauerrings 76 ha 96 a, des größeren 321 ha 47 a, Samos 103 ha Flächeninhalt der eigentlichen Stadtbezirke innerhalb der Ringmauern). Entstanden ist die Stadtmauer erst in hellenistischer Zeit. Während der Perserkriege war E. nicht bedeutend. Zur Seeschlacht von Lade stellte die Stadt nur acht Schiffe, die Prieneer zwölf, die Teïer siebzehn, die Samier sechzig (Herodot.VI 8. Gäbler 10). Die Bauart und die ausgebildete Befestigungskunst weisen auf die Zeit nach Alexander d. Gr., in der auch andere Städte, wie Ephesos, ihre festen Mauerringe um das erweiterte Areal erhalten haben. In einer Inschrift, die noch aus dem 4. Jhdt. v. Chr. stammt (Μουσεῖον II 2, 1878, 63 nr. 148), heißt es in der Praescriptio: ἔφ’ ἱεροποιοῦ Δαμάλαυ τειχῶν ἐπιστάται τῆς ἀντιπλαδῆς τοῦ τείχους. Die Mauer [580] bestand also damals schon, und es mußten Maßregeln ergriffen werden, um die Mauerfäule etwa an den Strecken in der Niederung am Aleon oder im Nordosten, wo nahe an den Mauern 25,3° warme Quellen entspringen, hintanzuhalten oder dem Durchweichen der Mauer an der rechteckigen Bastion der Nordweststrecke, wo nach G. Weber (108) im Altertum möglicherweise ein Kanal durch die Mauer ging, wie es in Pergamon an mehreren Stellen der Fall ist, abzuhelfen (anders wird ἀντιπλάδη [so!] von Weber a. a. O. 110 gefaßt). Wenn bei Hippias von E. (Athen. VI 259 c) von einem Tor und einer Mauer in den Zeiten unmittelbar nach dem Tode des sagenhaften zweiten (ionischen) Gründers Knopos die Rede ist (ἐντὸς τείχους οὐδένα δεχόμενος τῶν δημοτῶν), so kann sich das entweder auf eine ältere Lehmziegel(?)-Mauer oder auf eine Mauer um den Fuß der Akropolisplateaux beziehen.

9. Reste von Gebäuden. Die stattlichsten Ruinen sind noch vom Theater erhalten. Der Zuschauerraum öffnete sich nach Norden. Er war an eine natürliche Ausbuchtung des nördlichen Abhangs der Trachytplateaux der Akropolis angepaßt und der Felsen entsprechend ausgearbeitet. Skene und Proskenion sind nicht mehr vorhanden. Die äußere Skenemauer ist teilweise erhalten. Κερκίδες hatte das Theater 7, διαζώματα 2. Die unteren Treppen in den κερκίδες hatten eine Breite von 0,77 m, die Sitzstufen aus Trachyt, die erhalten sind, sind nur 0,36 m hoch, erforderten also, wenn die Erythraeer nicht ὀκλαδόν den Vorführungen anwohnen wollten, die Auflage von Kissen. Die Orchestra weist in ihrem jetzigen Zustand 19 m Tiefe zu 22 m Länge auf. Mindestens im 2. Jhdt. v. Chr. war es schon gebaut (vgl. eine prieneische Inschrift aus diesem Jahrhundert, Brit. Mus. nr. 418 = Michel Recueil nr. 508 Z. 32).

10. Heiligtümer, Tempel, öffentliche Plätze. Die Quellgrotte der Sibylle Herophile am Ostfuß des Akropolishügels, Buresch Athen. Mitt. XVII (1892) 16f. Das Herakleion (inschriftlich Μουσ. II 2, 1878, 58 nr. 139 τὸ Ἡράκλειον, Μουσ. V 1884/5, 20 nr. 235 Ἡράκλειον), der Tempel des Hauptgottes von E., dessen Idol und Waffen viele erythraeische Münzbilder seit des Augustus Zeit zeigen, hat Hamilton (8) nahe an den Aleonquellen auf der Terrasse (s. Plan) gesucht. Er glaubte die ionischen Kapitelle, die er im Bett des Aleon fand, hätten zum Herakleion gehört. Offenbar lag auf diesem sorgfältig ausgeführten Fundament ein Heiligtum. Denn in den südlichen Felsen sind viele Votivnischen angebracht, auch sonst finden sich Reste von Architekturstücken aus hellenistischer Zeit. G. Weber wendet (112) gegen die Ansicht Hamiltons ein, daß die Trümmer zu jung seien, als daß sie als Reste des alten Tempels des tyrischen Herakles angesehen werden könnten. Er selbst spricht die Vermutung an, daß die Stätte des Herakleions westlich von der Akropolis in einer Niederung an dem Gestade auf alten Trachytmauern zu suchen seien. Dort liegen große Säulentrommeln aus Trachyt ohne Kanelüren von 0,85 m Durchmesser und 0,95 m Höhe. In der Nähe des Dammes, den die Fischer zum Schutz gegen den Westwind aus alten Trümmern [581] [583] zusammengetragen haben, liegt ein Stück eines archaischen ionischen Kapitells aus Trachyt u. a.

Östlich von dieser Ruinenstätte befinden sich andere antike Trümmer, eine Basis aus phokäischem Kalkstein, in deren Mitte ein Schöpfbrunnen aus alter Zeit sich befindet. Dort vermutet Weber (113) die in mehreren Inschriften (z. B. Μουσεῖον κ. Βιβλ. V 29 nr. 235 ἀγορή; I 128 nr. 42: τόπον ἐν τῇ ἀγορᾷ ἐξῆς τῆς στήλης τῆς Βατίττου τοῦ Ἀγαθοκλείους) genannte Agora. Wo das Prytaneion (Μουσεῖον κ. Βιβλ. II 2, 58 nr. 139) lag, ist unbekannt.

Die Lage des Athenaions Ἀθηναίης ναός Μουσεῖον κ. Βιβλ. V 20 Z. 12; Ἀθήναιον Brit. Mus. 100 = Michel Recueil nr. 12 [um 350 v. Chr.]. 102 = Michel Recueil nr. 501. Μουσ. κ. Βιβλ. II 58 nr. 139 und 60 nr. 142) sowie der ναὸς τοῦ Ἀπόλλωνος ἐπὶ θαλάσσῃ (Μουσ. κ. Βιβλ. V 20 nr. 235) sind nicht festzulegen.

Das Athenaion ist vielleicht der bei Paus. VII 5, 4 genannte 'Αθηνᾶς Πολιάδος ναός mit einem großen Holzbild der Göttin, die auf einem θρόνος dargestellt war. Es hielt in jeder Hand (ἑκατέρᾳ τῶν χειρῶν) eine Spindel und trug auf dem Kopf einen πόλος (vgl. Furtwängler bei Roscher Myth. Lex. I 687f.). Aus der technischen Ausführung und aus den Bildern der Chariten und Horen von Endoios aus weißem Stein vor dem Eingang zum Tempel (G. Welcker Kl. Schr. III 516) zog Pausanias den Schluß, daß das hölzerne Sitzbild der Athena von Endoios war.

Ein fanum Veneris super mare mit Leuchtturm, ein Heraklestempel mit einem eisernen Gefäß, in qua conclusa Sibylla dicitur, am Strand wird bei Ampel. VIII 16 an einer Örtlichkeit Argyro (abl.?) erwähnt. E. Rohde (Rh. Mus. XXXII 1877, 638) hat an dessen Stelle Argino oder Erythris vermutet. Der letzteren Konjektur stimmt E. Maass De Sibyll. indic., Berol. 1879, 30, 77 bei. Ich glaube, daß die Überlieferung diese Änderung nicht zuläßt, sondern daß Argyronii zu lesen ist (s. Bd. II S. 802). In der Nähe von Argyronion am vielfach durchfahrenen thrakischen Bosporos befanden sich ein Zeus- und ein Aphroditetempel. Auf E. paßt die Stelle deswegen nicht, weil die Sibyllengrotte von E. nicht dicht am Meer, insbesondere nicht am antiken Hafen lag und weil sie ganz anders beschaffen war (vgl. Athen. Mitt. XVII [1892] 16f.).

Der Rundbau am nordöstlichen Abhang der Akropolis (s. Plan) hat 7,9 m Durchmesser und Mosaikfußboden und war Zisterne (Weber 114).

Die Agora sucht Weber beim jetzigen Dorf Lythri. Da aber bei den kleinasiatischen Städten die Agora möglichst nahe am Hafen gelegen war (s. Ephesos, Chios), so ist sie neben der jetzigen Mündung des Tschai (Aleon) zu suchen.

11. Aquädukte. Hamilton (8) hatte einige Bautrümmer an den Aleonquellen für Reste von Aquädukten angesehen. Weber (114) sagt, die Erythraeer hätten ihr Wasser aus den Hügeln im Osten herbeileiten und es in Tonrohrleitungen in die Stadt und 50 m hoch zum Rundbau (s. o.) schaffen müssen. Auf die Herleitung oder Verteilung von Wasser bezieht sich die Inschrift Moυσεῖον κ. Βιβλ. V (1884/5) 20 nr. 235 = Bull. hell. VIII (1884) 346, auf die sibyllinische Quelle die Inschriften Athen. Mitt. XVII (1892) 16ff. Bezüglich [584] des Stollens am Südabhang des Akropolishügels, aus dem noch die öffentlichen Brunnen der Jetztzeit mit Wasser versorgt werden, läßt es Weber (115) unentschieden, ob er aus antiker oder (wahrscheinlicher) byzantinischer Zeit stammt. In später Zeit war eine Quellwasserleitung aus der Sibyllengrotte am Ostfuß des Akropolishügels in Betrieb gesetzt. Inschrift aus der Zeit des Kaisers Verus Athen. Mitt. XVII (1892) 18. Sicher byzantinisch sind die Überreste des Aquäduktes an der Südwestecke der Stadtmauer.

Die Nekropolis liegt außerhalb des nördlichen Zugs der Stadtmauer.

Die byzantinischen Bauten auf dem Nordplateau des Akropolishügels müssen noch untersucht werden.

12. Gründungslegenden. Die Begründung der ersten Niederlassung in E. scheint von Kreta ausgegangen zu sein. Die Erythraeer führten die Gründung ihrer Stadt auf Kreta zurück und nannten des Namens halber Erythros, einen Sohn des Rhadamanthys von Kreta, Gründer (Diod. V 79. Paus. VII 3, 4. Kaibel Epigr. Gr. 904. Münze: Arch. Zeit. 1869, 103). Als der römische Kaiser Lucius Verus 162 n. Chr. in den Partherkrieg zog, wurde er als νέος Ἐρυθρός gefeiert (Athen. Mitt. XVII 1892, 20). In der Stadt lebten nach Pausanias in friedlicher Eintracht Kreter, Lykier, Karer und Pamphyler. Später gewann Knopos, ein Sohn des Kodros von Athen, mit Leuten aus allen Städten Ioniens die Stadt (Strab. XIV 633), die sogar (Polyaen. VIII 43. Steph. Byz. s. Ἐρυθραί) damals Knopupolis geheißen haben soll. Aelian. v. h. VIII 6 (vgl. Harpokr. s. Ἐρυθραῖοί) berichtet ungenau, E. sei unter den von Neleus gegründeten Städten. Nach Hippias (Athen. VI 259 a) wurde Knopos auf einer Fahrt nach Delphoi hinterlistig ermordet, die Leiche ins Meer geworfen, die dann nach E. an eine Örtlichkeit der Steilküste (ἀκτή) zurückgetrieben wurde, die Leopodon (s. o.) hieß. Die Annahme eines jüngeren Knopos (Lamprecht 18) zurückgewiesen von Gäbler (5f.). Dann wurde (aristokratische) Oligarchie eingeführt, die von Hippotes, dem Bruder des Knopos, wieder gestürzt wurde: τὴν πατρίδα ἠλευθέρωσεν (Athen. VI 259f.).

13. Besiedelung. Es ist glaublich, daß E., dessen erste Anfänge mindestens so weit hinaufreichen wie die der übrigen ionischen Städte Kleinasiens, zuerst von Kretern und Angehörigen andrer mit den Kretern harmonierender Völkerschaften besiedelt war. Anzunehmen ist, daß der Burghügel der Mittelpunkt auch der ersten Ansiedlung war, auf den sich in Zeiten der Not die Umwohner zurückziehen konnten. Sein Areal ist nicht groß, um den Fuß gerechnet 14 ha. Wie in so vielen ionischen Städten war eben auch in E. die Bevölkerung gemischt. Der Wortschatz der Inschriften ist durchaus ionisch, Bechtel Dialektinschr. 138. Thrakische (?) Frauen in dem Mythos von dem zur See gekommenen Heraklesbild (Paus. VII 5). Dieser Mythos, mit dem wenig anzufangen ist, da die Abbildung des Heraklesidols auf den Münzen (Furtwängler Roschers Lexik. I 2137) durchaus griechischen Göttertypus zeigt, hat veranlaßt, daß man auch an frühen Verkehr der Phoiniker mit E. dachte (Movers Phöniz. II 2, 146. Duncker Gesch. [585] d. Altert. I2 306). Die Nachricht Strabons (IX 404), E. sei eine Kolonie des Städtchens Erythrai in Boiotien (Nr. 3), ist nicht recht glaubhaft, übrigens widerspricht sich Strabon (XIV 633) selbst, indem er berichtet, Knopos, ein natürlicher Sohn des Kodros, habe E. gegründet.

Mit Recht weisen Lamprecht (14) und Gäbler (5) eine Teilnahme von Boiotern (etwa aus Erythrai in Boiotien) oder von Abanten zurück. Dagegen scheinen Leute aus Euboia mitgekommen zu sein; diese ließen sich auf dem Isthmos nieder, die Chalkideis zwischen Erythrai und Teos (Strab. XIV 644. Paus. VII 5, 12). Besonderheiten im Wortschatz der Erythraeer κατείλια Μόκρωνα, Diogenian-Hesych.

14. Chronik der Stadt. Bei Plinius (n. h. VII 207) findet sich die Notiz, die Erythraeer hätten zuerst Zweidecker gebaut. Die chiischen Tyrannen Amphyklos und Polyteknos auf Seite der Meuchelmörder des Knopos (Hippias bei Athen. s. o.). Außer den Chiern waren vielleicht um diese Zeit die Naxier einmal den Erythraeern feind. Der sagenhafte Krieg der Milesier und Erythraeer (letztere unter Diognetos, Parth. erot. 18. Plut. mul. virt. 17 = Polyaen. VIII 36); s. Bd. V S. 784. Später Kampf der Chier mit den Erythraeern um Leukonia auf Chios, Plut. mul. virt. 3. Polyaen. VIII 66. Auf die Könige, die wie die Basilidai von Ephesos aus dem Geschlecht des Kodros gestammt haben sollen, folgte die Oligarchie der Basilidai (Aristot. pol. VIII 1305 b ἐν τοῖς ἀρχαίοις χρόνοις), die auf das Wohl der Stadt bedacht war (s. Bd. III S. 96f.). Als später die demokratische Richtung überwog, trat an die Stelle der Basilidai Demokratie (Aristot. a. a. O.). In die Epoche der Kolonisationen fällt die Beteiligung der Erythraeer an der Gründung der Stadt Parion am Hellespontos (Strab. XIII 588). Die Gründung der kleinen Orte auf der erythraeischen Halbinsel, die in den attischen Tributlisten genannt werden: Βουθεῖα (att. Tributlisten) oder Βουθία (Steph. Byz.). Ἐλαιοῦς (s. Bd. V S. 2226), Πολίχνα (vielleicht ein anderes als das klazomenische, Labahn De reb. Clazom. 1875, 9), Πτελεόν. Σιδοῦς (Σιδοῦσσα Thuc. VIII 24. Steph. Byz. und Σίδουσα Strab. XIV 645. Steph. Byz.) sowie von Κορύνα (Mela 189. Plin. n. h. V 117), Κυβελία, Ὑπόκρημνος (Strab. XIV 644. 645) geht vielleicht wie die des Gemeinwesens der Chalkideis (s. Chalkis Bd. III S. 2090) auf frühere Zeiten zurück. Kroisos, der ganz Ionien eroberte, hat jedenfalls auch E. sich tributpflichtig gemacht, ebenso wie Kyros von Persien durch Harpagos. An dem Aufstand der Ioner gegen die Perser waren die Erythraeer mit acht Schiffen beteiligt (Herod. VI 8). Nach 479, dem Sieg bei Mykale, trat auch E. in den Bund mit den griechischen Staaten unter Leitung Spartas, dann 477 in den attisch-delischen Bund unter Athens Führung (Thuc. I 94–96. Aristot. πολ. Ἀθ. 23f. Plut. Arist. 23; Cim. 6. Diod. XI 44). Die Stadt zahlte 450: 8 Talente (IG I 230), 444: 7 Talente (IG I 236), 428: 8 Talente (IG I 256). In der Zeit der Blüte Kimons von Athen zwischen 464 und 457 hatten die Erythraeer alle vier Jahre Rinder zu den Panathenaeen nach Athen zu schicken. Sie waren gehalten, 121 Buleuten durch das Bohnenlos zu wählen, die wenigstens [586] 30 Jahre alt waren. Die ἐπίσκοποι und der φρούραρχος der Athener mußte der Buleutenauslosung vorsitzen. 450 Konstitution IG I 9. 423 vom spartanischen Feldherrn Alkidas belagert, s. Bd. I S. 1539. 413 fielen zuerst von den Bundesgenossen die Chier und Erythraeer ab (Thuc. VIII 14, 2) und schlossen sich an Sparta an. 412 ein peloponnesisches Geschwader im Hafen. 394 traten sie nach dem Sieg des Atheners Konon bei Knidos wieder auf die Seite der Athener (Diod. XIV 84). Dem Konon wurden hervorragende Ehrungen (Standbild) zuerkannt (Le Bas-Waddington III 39). 365 athenerfreundlich (IG II 53. Wilhelm Herm. XXIV 917f.). Die Inschrift, in der die Ehrungen (etwa zwischen 357–355, vgl. Judeich Kleinas. Stud. 244) für Maussollos und Artemisia von Karien verzeichnet sind (Rev. Arch. XIII 1856, 5 nr. III = Le Bas-Waddington III nr. 40), zeigt großen Wohlstand in E. Die Ringmauer bestand im 3. Jhdt. (Μουσ. II 2 [1878] nr. 148). Ein Grund für die Ehrung des karischen Königs bei Gäbler 13. Über die Zeit Judeich Kleinas. Stud. 244. Mit Hermias, dem Dynasten von Atarneus, der der Perserherrschaft feindlich gesinnt war, und dessen Bundesgenossen schloß E. um die Mitte des 4. Jhdts. ein Schutz- und Trutzbündnis (Le Bas-Waddington V nr. 1536 a = Michel Recueil nr. 12). Unter Alexander d. Gr. war E. αὐτόνομος καὶ ἀφορολόγητος (E. Curtius Μ.-Ber. Akad. Berl. 1875, 554 Z. 23f. = Michel Recueil nr. 37). Bekannt ist der Plan des Makedonerkönigs, die erythraeische Chersones durchstechen zu lassen, so daß eine Umschiffung der Μέλαινα Ἄκρα nicht mehr nötig gewesen wäre (Plin. n. h. V 116. Paus. II 1, 5). Über die Strecke, in der der Kanal hätte geführt werden müssen, ist Meinungsverschiedenheit. Droysen (Hellen. I 202) meint, es sei beabsichtigt gewesen, von Klazomenai bis Teos den Kanal zu führen. Ihm schlossen sich Lamprecht (a. a. O. 6), Scheffler De rebus Teiorum (Leipz. 1882) 24f. und Gäbler (15) an. Labahn De reb. Clazom. 15, 53 bestritt die Ansicht Droysens. Die Städte Ioniens feierten zu Ehren Alexanders d. Gr. auf der erythraeischen Chersones die Ἀλεξάνδρεια (Strab. XIV 644). 315 war E. auf der Seite des Antigonos Monophthalmos, des Satrapen von Großphrygien, wurde von Seleukos belagert und von Ptolemaios, dem Neffen des Antigonos, der mit einer Flotte kam, befreit. Damals hatte E. jedenfalls die jetzigen Mauern. Auch jetzt noch war E. αὐτόνομος und ἀφορολόγητος (E. Curtius M.-Ber. Akad. Berl. 1875. 554 Z. 23f. = Michel Recueil nr. 37). 302 konnte Prepelaos, der Feldherr des Lysimachos, E. nicht erobern, bloß das Gebiet der Stadt verheeren (Diod. XX 107, 5). Im Besitz des Antigonos Anc. Gr. Inscr. 452. Hicks Gr. Hist. Inscr. 150, in dem des Lysimachos um 286 (Head-Svoronos Ἱστ. Νομ. II 112 und Inschr.). Vielleicht trat 287 E. auf die Seite des Demetrios Poliorketes (Gäbler 20). Zu Ehren des Seleukos I. Nikator wurden in E. 281 die Σελεύκεια veranstaltet (Lenschau De reb. Prienens. 177, 2). Autonom war E. unter Seleukos nicht (Droysen Hellen. III 1, 254, 1). Um 274 beloben die Erythraeer, die damals dem Ptolemaios untertan waren, ihre neun Strategen, daß sie durch rechtzeitige Beschaffung von Brandschatzungsgeldern [587] die Galaterscharen des Leonnorios ferngehalten hätten (Le Bas-Waddington III nr. 1536. Brit. Mus. III 35. Michel Recueil nr. 504). Mit Hilfe der Galater machte sich E. selbständig, und Antiochos I. bestätigte ihm die Autonomie (Michel Recueil nr. 37). S. Bd. I S. 2456. 276 scheint E. von einer ägyptischen Flotte eingenommen und von Ägyptiern besetzt worden zu sein (Gäbler 29). Um 250 werden wiederum die damaligen neun Strategen belobt (Hamilton II 226 = Michel Recueil nr. 504). 201 flüchtete Attalos von Pergamon nach E. (Polyb. XVI 6, 5). 191 schloß sich E. an die Römer an (Liv. XXXVII 8, 5) und stellte Schiffe zur rhodischen Flotte (eb. II) im Krieg gegen Antiochos III. von Syrien. E. wurde von den Römern mit Freiheit und Unabhängigkeit und dem Gebiet von Teos belohnt (Liv. XXXVII 27ff.). Um die Mitte des 2. Jhdts. freundschaftliches Verhältnis zwischen Tenedos und E. (Christ S.-Ber. Akad. Münch. 1866 I 252. Michel Recueil nr. 355) und Mytilene und E. (Kenner S.-Ber. Akad. Wien LXXI 1872, 335f. Michel a. a. O. nr. 357). Die Erythraeer werden in dem letzteren Dekrete συγγενεῖς καὶ φίλοι genannt.

Als 133 das pergamenische Reich und ein großer Teil von Westkleinasien zur römischen Provinz Asia gemacht wurde, ist E. vielleicht nicht sofort der Freiheit beraubt worden. Bis 129 war es immer noch selbständig (Appian. bell. civ. V 4). Verres nahm als Legat des Cn. Dolabella (s. Bd. IV S. 1297f.) gewaltsam die schönsten Statuen aus der Stadt mit. 76 werden P. Gabinius, M. Otacilius und L. Valerius von Rom nach E. zur Sammlung von Sibyllinischen Versen geschickt. Durch Umfragen sammeln sie deren 1000, Varro und Fenestella bei Lact. inst. div. I 6, 11. 14; de ira dei 22, 5f. Dion. Hal. IV 62, 6.

E. prägte zwar noch Bronzemünzen in der römischen Kaiserzeit, aber seine Bedeutung büßte es allmählich ein. Ehrungen des Kaisers L. Aurelius Verus (νέος 'Ερυθρός Athen. Mitt. XVII [1892] 20) 162 n. Chr. bei seiner Anwesenheit in E. Bei Hierokles (660, 14) Σατρώτη corr. Ramsay Asia Min. 105 Ἐρυθραί, in den Notitiae Episcopatuum (ebd. Taf. nach 104) unter den Städten der Provincia Asia genannt. In byzantinischer Zeit wird ein Teil des Akropolishügels befestigt. Von den Marschrouten der Kreuzfahrer war es abgelegen. In einem Breve des Patriarchen Germanos (Rev. Etud. Gr. VII [1894] 80 Z. 29) der spätere Name Erythra.

15. Staatseinrichtungen. Auf die Könige war die Oligarchie der Basilidai gefolgt, die durch die Demokratie abgelöst wurde (Aristot. pol. VIII 1305 b). Die Athener modifizierten in der Zeit ihrer Hegemonie die Verfassung (s. Chronik 464–457). Zur Zeit ihrer Autonomie unter Alexander d. Gr. und Antigonos bis 301 lag die Staatshoheit ebenso wie auch später bei βουλή und δῆμος (zuweilen in Inschriften nur δῆμος genannt, Le Bas-Waddington nr. 1536). Unter Antiochos II. Theos (261–246) war die Stadt wieder autonom. Beamte mit in späteren Zeiten auf vier Monate beschränkter (Le Bas-Waddington nr. 1536) Amtsdauer: neun Strategen, πρυτάνεις (ein πρυτανεῖον mit Speisung [σίτησις] [588] verdienter Männer Μουσ. II 2, 58 nr. 139), ἐξετασταί (Rev. Arch. XXXIII 109), sechs ἐπιστάται τῶν δικαστῶν (Le Bas-Waddington nr. 1539), ἀγορανόμοι (ebd. nr. 1541).

Der Demos beschloß in der Zeit der Demokratie über Krieg und Frieden, über die Verabschiedung von Gesetzesanträgen, über die Beamtenwahlen (zur Zeit athenischer Vormacht Bohnenlos), über die Ehrungen, über die Aufstellung eines Richters auf ein Jahr (Μουσ. II 2, 1878, 62 nr. 147). Die βουλή, eingeführt durch Kimon von Athen, hatte Gutachten (γνώμαί) vor den δῆμος zu bringen gemeinsam mit den Strategen und den Exetasten. Den Vorsitz in der βουλή hatten die πρύτανεις. An Beamten in späterer Zeit werden noch ἀγορανόμοι und εἰρηνάργαι genannt (Athen. Mitt. XVII 1892, 33).

16. Gottesdienstliches. An der Spitze des ganzen Kultwesens steht der eponyme ἱεροποιός, der wie alle andern Beamten des Staatsdienstes sein Amt am ersten Tage des Ἀρτεμισιών (21. März?) antritt. Er ist der oberste Opferpriester des Staats.

In E. gab es sehr viele ἱερητεῖαι, und von nicht vielen anderen griechischen Staaten können wir so vollständige Listen der dort verehrten Götter aufstellen. Im folgenden sind die nicht in der Inschrift Μουσ. I (1875) nr. 108 = Michel nr. 839 sich findenden Gottheiten mit einem Sternchen bezeichnet. Es gab Priester für: 1) Die Ἀβλαβίαι, vielleicht – Erinyen (Bd. I S. 102); 2) Ἀγαθὴ Τύχη; 3) *Αθηνᾶ Πολιάς, Paus. VII 5, 9; 4) Ἀθηνᾶ Νίκη; 5) Ἀθηνᾶ ...?; 6) *Ἀθηνᾶ Φημία; 7) Ἀθηνᾶ Ἀρεία; 8) Ἀθηνᾶ Ἀποτροπαία; 9) ποταμός Ἀλέων; 10) Ἀπόλλων Δήλιος; 11) Ἀπόλλων Ἐναγώνιος; 12) Ἀπόλλων Καυκασεύς; 13) Ἀπόλλων ἐν Κοίλοις; 14) Ἀπόλλων Λύκειος; 15) Ἀπόλλων ἐν Σαβηρίδαις; 16) *”Αρτεμις Στροφαία, gefeiert mit ἑορτή und πανήγυρις Hipp. Erythr. FHG IV 431 a. Von einem Bild der Artemis in E. berichtet Polemon (FHG III 146 frg. 90), daß es gefesselt gehalten werde, weil die Rede gehe, es bliebe nicht am Platz, sondern wandle oft anderswohin; 17) Ἄρτεμις Φωσφόρος, eine karische Göttin, v. Wilamowitz Herakles2 I 3, 6; 18) Ἄρτεμις Καυκασίς; 19) Ἀφροδίτη ἡ ἐν Ἐμβάτῳ; 20) Ἀφροδίτη Πάνδημος; 21) Ἀφροδίτη Πυθόχρηστος; 22) Ἀχιλλεύς, Θέτις, Νηρεΐδες; 23) Βασιλεὺς Ἀλέξανδρος. Ein ihm geweihter Hain im Gebiet der Chalkideer Strab. XIV 644, in dem von allen Ionern die Ἀλεξάνδρεια gefeiert wurden, wohl an dem vom makedonischen König begonnenen Kanal s. Strab. Geogr. ed. C. Müller Tab. X; 24) Γῆ; 25) * Δημήτηρ Θεσμοφόρος (Athen. Mitt. XVII 1892, 18 an der Quellgrotte der Sibylla); 26) Δημήτηρ ἐγ Κολωναῖς; 27) Δημήτηρ und Δημήτηρ Κόρη; 28) Δημήτηρ und Κόρη Πυθόχρηστος; 29) Διόνυσος; 30) Διόνυσος Βακχεύς; 31) Διόνυσος Πυθόχρηστος; 32) Διόσκοροι; 33) Εἰρήνη; 34) Ἐνυώ und Ἐνυάλιος; 35) Ἑρμῆς Ἀγοραῖος; 36) Ἑρμῆς Πύλιος Ἁρματεύς; 37)‘Εστία Βουλαία; 38) Ἐστία Τεμενία; 39) Ζεὺς Ἀποτρόπαιος und Ἀθηνᾶ 'Αποτροπαία; 40) Ζεὺς Βασιλεύς; 41) Ζεὺς Ἐλευθέριος; 42) Ζεὺς Φήμιος und Ἀθηνᾶ Φημία; 43) Ἥρα Τελεία; 44) Ἡρακλῆς; 45) θεοὶ Προκύκλιοι; 45 a) *Isis; Drexler Num. Ztschr. XXI(1889) 94f.; 46) Κόρη Σώτειρα; 47) Κορύβαντες Ἀνδρεῖοι; 48) Κορύβαντες [589] Ἀνδρεῖοι καὶ Κορύβαντες Θάλειοι; 49) Κορύβαντες Εὐφρονίειοι καὶ Κορύβαντες Θάλειοι, Ziebarth Vereinsw. 52; 50) Μήτηρ Μεγάλη, die auch an der Ἄκρα Μέλαινα (Städtchen Κυβελία, Strab. XIV 645. Steph. Byz. Κυβελεία, verehrt wurde); 51) * Νύμφη ... Athen. Mitt. XVII (1892) 20; 52) Ποσειδῶν Φυτάλμιος; 53) .... Ἐπίμαχος. Dazu kommen Weihungen an mehrere römische Kaiser.

Über die Tempel s. o. unter 10. Über die Sibylle Herophile Heracl. Pont. FHG II 197. Paus. X 12, 7. Clemens Alex. strom. I 139, 48. Schol. Aristoph. av. 962. Lactant. div. inst. I 6 (die fünfte Sibylle die erythraeische). Vgl. dazu K. Buresch Athen. Mitt. VII (1892) 24ff. Über die spätere Sibylle Athenaïs Strab. XIV 645. XVII 814.

17. Monate. Ἀνθεστηριών (Februar–März), Ἀρτεμισιών (März–April), Ποσιδεών (Dezember–Januar), Ληναιών (Januar–Februar), Πάνημος.

18. Produkte. Besitz und Erwerb. Im Meeressund um E. gab es (wohl in dessen südlichem Teil) vilissimi curalii genus (Plin. n. h. XXXII 21). Der Fisch αἰγιαλῖτις, der mit der τρίγλα verwandt ist, fand sich in trefflicher Güte an den Küsten (Athen. VII 325 e). Vom Wein (Archestr. Athen. III 112 b) in den φερεστάφυλοι Ἐρυθραί findet sich bei Athen. I 32 b die Notiz von der Mischung eines σκληρός und εὔοσμος (dem herakleotischen) und eines μαλακός und ἄοσμος (dem erythraeischen). Κλιβανίτης ἄρτος Athen. III 112 b. Die erythraeischen Schafe Plin. n. h. VIII 191 heißen kaum nach dem Namen E. so, sondern nach ihrer Farbe. Töpfereiwaren bei Plin. n. h. XXXV 161. Athen. XI 475 c. Notiz bei Plin. n. h. VII 207, daß die Erythraeer als die ersten Zweidecker gebaut haben.

19. Das Gebiet von E. heißt Ἐρυθραίη (s. S. 591, 9ff.). Die Umgebung der Stadt konnte die nötigen Lebensmittel selbst nicht herbeischaffen. Daher haben die Erythraeer jedenfalls sehr früh die Gegenden im Osten in Besitz genommen. Nachbarstaaten waren Klazomenai (Grenzstein mit Ζεὺς Ὀλύμπιος, Michel 808) und Teos.

In mehreren Inschriften und Schriftstellen werden uns Fluß-, Orts-, Hafen- und Flurnamen überliefert, deren Lagen wir nicht feststellen können. Sie seien hier in alphabetischer Reihe aufgezählt. Die geographischen Namen, die nicht in der Inschrift Μουσ. V (1884–1885) nr. 235 genannt sind, haben ein Sternchen: 1) *Ἄργεννον Ἄκρον (s. d., Kiepert FOA IX); 2) *Βάτοι (Dickicht), Geburtsort der Sibylla, Suid. s. v.; 3) Βουθεῖα, attische Tributlisten; 4) *Ἐλαιοῦς, s. Bd. V S. 2226f.; 5 a) *Ἔμβατον oder Ἔμβατα, s. Bd. V S. 2485f.; 5 b) ὁ Ἐρυθρᾶς λιμήν s. d.; 6) θέρμαι, Kiepert FOA IX; 7) Ἵπποι. ebd. IX; 8) *Kaσύστης, ebd. IX: 9) Καύκασα (?). vgl. Ἀπόλλων Καυκασεύς, Ἄρτεμις Καυκασίς, Michel Recueil nr. 839 und den Art. Chios Bd. III S. 2293; 10) Κεχγρεὺς ποταμός, vgl. Kenchrios bei Ephesos; 11) *Κισσοῦς, Kiepert FOA IX; 12) *Κισσώτας, im Korykosgebirg, Berg oder Bach, Paus. X 12, 7. Buresch Athen. Mitt. XVII (1892) 19, vgl. Κισσοῦς Geburtsort der erythraeischen Sibylle; 13) Κλεαί; 14) Κοῖλα, s. auch auf Chios Bd. III S. 2293, vgl. oben Ἀπόλλων ἐν Κοίλοις; 15) Koλωναί, Strab. XIII 589. Michel Recueil nr. 839, [590] vgl. oben Δημήτηρ ἐγ Κολωναῖς; 16) Κορύνη, Kiepert FOA IX; 17) Κυβελία, vgl. Hecat. frg. 214. Strab. XIV 645; 18) *Κωρύκειον Ἄκρον, am Hafen; 19) *Κώρυκος, Gebirge; 19 a) *Λευκωνία auf Chios vorübergehend, s. Bd. III S. 2293; 20) Μαλυείη; 21) *Μέλαινα Ἄκρα; 22) *Μίμας) 23) *Πολίχνα, attische Tributlisten, Gäbler 7; 24) Πρινεύς (= Eichenort), Hoffmann 46; 25) *Πτελεόν, attische Tributlisten, Gäbler 7; 26) Σαβηρίδαι, vgl. oben Ἀπόλλων ἐν Σαβηρίδαις; 27) *Σιδοῦς, attische Tributlisten, Gäbler 7, vgl. Σιδοῦσσα, Hecat. frg. 217. Kiepert FOA IX; 28) Τέμενος, vgl. Ἑστία Τεμενία Michel Recueil nr, 839 A p. 694; 29) *Ὑπόκρημνος, Kiepert ebd. IX: 30) *χώρα Χαλκίς, Paus. VII 5, 12. W. Ruge Petermanns Geogr. Mitt. 1892, 229, s. Bd. III S. 2090 Nr. 10. Außer den von Kiepert verzeichneten Namen von Gebirgen, Vorgebirgen und Wohnorten könnte die Lage der übrigen nur durch neue Inschriftenfunde bestimmt werden. Als jetzt bestehende Örtlichkeiten kämen in Betracht: Reïs deré, Seïtünlér (zwischen Klazomenai und E.; Grenzstein: Διὸς 'Ολυμπίου, Judeich Athen. Mitt. XVI [1891] 286 nr. 5), Meli, an der Nordseite des Golfs von E. (ebd. 287 nr. 7).

Die Grenze zwischen den Gebieten von E., Klazomenai und Teos ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Die vorübergehende Besitznahme des teïschen Gebiets Liv. XXXVII 27ff. Der erythraeische Teil der Chersonesos, die Chios gegenüber sich in den Sund von Chios hinein erstreckt, ist gebirgig und felsig (vgl. Vita Homer. I 18). Im Norden ist der Mimas, an dessen südlichen Ausläufern E. lag, im Süden der Korykos. Dazwischen sind einige fruchtbare Täler. Im Sommer 1904 durchzog A. Philippson (Ztschr. Ges. Erdk. Berl. 1905. 413) die ganze Halbinsel, von dem die Ἐρυθραίη einen westlichen Teil bildet. ,Der nordwestliche Ausläufer, jetzt Karaburnú (= Schwarzvorgebirge) zeigt an seiner Westseite fossilleere Grauwacken und Schiefer, dessen Hauptgebirg sowie ein Teil der Hügel zwischen ihm und dem Kisildagh (= Rotgebirg) mächtige mesozoische Kalke, die Rudisten enthalten; die westlichen Schiefer liegen unter diesen Kalken. In der Mitte der Halbinsel liegen Andesitmassen und fruchtbare Neogenhügel. Die Küstengliederung ist sehr reich.