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RE:Auspicium

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Beobachtung des Vogelfluges Vorzeichen aus dem Vogelflug
Band II,2 (1896) S. 25802587
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Auspicium. Das Wort auspicium = avispicium bezeichnet sowohl die zur Erkundung des Götterwillens vorgenommene Beobachtung der Vögel (z. B. Ennius bei Cic. de div. I 107 Remus auspicio se devovet) als das bei dieser Gelegenheit dem Beobachter gewordene Vogelzeichen (auspicium facere wird vom Vogel gesagt Liv. I 34, 9, vgl. Cic. de div. II 80), dann, in beiden Bedeutungen auf alle auguralen Arten der Erkundung des Götterwillens (s. o. S. 2330ff.) übertragen, sowohl jede Art der Einholung göttlicher Zustimmung (z. B. das beim Flussübergange durch Wasserschöpfen und Gebet vollzogene auspicium peremne, Fest. p. 245. 250. 157. Serv. Aen. IX 24; vgl. Cic. de nat. deor. II 9; de div. II 76) als auch jede Art von Götterzeichen (z. B. pedestria auspicia quae dabantur a vulpe lupo serpente ceterisque animalibus quadrupedibus Fest. ep. p. 244), und zwar ebensowohl die – stets günstigen – signa impetrativa (z. B. Naev. frg. 40 Baehr. praetor .. auspicat auspicium prosperum; vgl. die africanische Inschrift CIL VIII 774 Deo loci, ubi auspicium dignitatis tale, municipes Api[senses .. mit Darstellung eines Blitzes) wie die verschiedenen Gattungen von signa oblativa (z. B. caduca auspicia Fest. ep. p. 64, clivia auspicia .. quae aliquid fieri prohibebant ebd., iuges auspicium Cic. de div. II 77, vgl. Serv. Aen. III 537). Es deckt sich also in diesem Sinne auspicium mit augurium; wo aber augurium und auspicium als Bezeichnungen von Handlungen bewusst geschieden werden, bezeichnet augurium die von den Augurn vorgenommenen sacralen Acta, welche Befragung des Götterwillens und Fürbitte für bestimmte Dinge mit einander vereinigten (wie z. B. das augurium salutis, s. o. S. 2327f.), auspicium dagegen die Einholung bezw. Erteilung der göttlichen Zustimmung für staatliche Handlungen durch die Magistrate (Varro de l. l. VII 8 templum locus augurii aut auspicii causa quibusdam conceptis verbis finitus. Cic. de div. I 28 multa auguria, multa auspicia neglegentia collegii amissa plane ac deserta sunt. Liv. XXVI [2581] 41, 18 di immortales .. auguriis auspiciisque ... omnia laeta ac prospera portendunt; auch die Worte des Ennius a. a. O. dant operam simul auspicio augurioque von Romulus und Remus sind so zu verstehen, da beide zugleich Augurn sind); daher wird im technischen Sinne auspicari nur vom Magistrat (ungenau Fest. ep. p. 18 auguraculum ... quod ibi augures publici auspicarentur, wo Varro de l. l. V 47 inaugurare sagt), augurare oder inaugurare nur vom Augur gebraucht (incorrect Suet. Otho 7 in augurando vom Kaiser), wenn auch der allgemeine Sprachgebrauch beide Worte in viel weiterem Sinne (auspicari für jede feierliche Eröffnung, augurare oder augurari [über angebliche Bedeutungsverschiedenheit beider Formen s. Plin. bei Serv. Aen. VII 273] für jede Art von Voraussagung der Zukunft) verwendete und damit die ursprünglichen Grenzen verwischte (z. B. vindemiam auspicari vom flamen Dialis Varro de l. l. VI 16). Spätere Definitionsversuche, wie die bei Serv. Aen. I 398 hoc enim interest inter augurium et auspicium, quod augurium et petitur et certis avibus ostenditur, auspicium qualibet avi demonstratur et non petitur; quod ipsum tamen species augurii est (s. dazu Valeton Mnemos. XVII 419ff.) oder bei Non. p. 429 auspicium et augurium his intellectibus discernuntur, quod sit auspicium avium inspectio et quae ex volatu earum significentur et vocibus, augurium autem rerum omnium coniecturas prudenter ac diligenter ⟨factas⟩ amplectitur, erweisen sich bei Prüfung des lebendigen Sprachgebrauches als willkürlich und verkehrt.

Die Einholung der göttlichen Zustimmung durch Auspication war ursprünglich nicht auf das Staatsleben beschränkt, sondern fand auch vor wichtigen Handlungen des Privatlebens statt (Cic. de div. I 28 [= Val. Max. II 1, 1] nihil fere quondam maioris rei nisi auspicato ne privatim quidem gerebatur); die Patricier nahmen dies als ihr Reservatrecht in Anspruch (Liv. VI 41, 6 nobis adeo propria sunt auspicia, ut ... privatim auspicia habeamus, quae isti ne in magistratibus quidem habent), dass aber nach Ausgleich der Ständeunterschiede auch in plebeischen Häusern Auspicationen angestellt wurden, zeigt das Beispiel des alten Cato (domi cum auspicamus, Fragment der Rede de sacrilegio commisso bei Fest. p. 234). Später hat sich die private Auspication, und zwar in verdunkelter Form, nur noch bei der Hochzeit erhalten, bei der bis in die Kaiserzeit hinein die nuptiarum auspices erwähnt werden (Plaut. Cas. 86. Varro bei Serv. Aen. IV 45. Cic. de div. I 28 = Val. Max. II 1, 1. Lucan. II 371. Tac. ann. XI 27. XV 37. Iuven. 10, 336), die damals offenbar nur noch eine Art von Trauzeugen darstellten (qui re omissa nomen tantum tenent Cic. a. a. O.; dote inter auspices consignata Suet. a. a. O.; auspicum verba Tac. ann. XI 27), ursprünglich aber dem die Auspicien einholenden Bräutigam in auspicio (s. o. S. 2336) waren (Varro a. a. O. auspices in nuptiis appellatos ab auspiciis quae [auspici bisque Hss.] a marito et nova nupta per hos auspices captabantur in nuptiis); dass dabei in älterer Zeit wirkliche Beobachtung des Vogelflugs stattfand (Serv. Aen. IV 45 nuptiae enim captatis fiebant auguriis, I 346 nihil nisi captatis faciebant auguriis, [2582] et praecipue nuptias), geht daraus hervor, dass eine Habichtart (aegithus) als prosperrimi augurii nuptialibus negotiis galt (Plin. n. h. X 21); ausserdem wird bezeugt, dass in auspiciis nuptiarum die Tellus angerufen wurde (Serv. Aen. IV 166) und dass der Donner wenigstens für die Confarreation ein hinderndes Oblativzeichen war (quae res dirimit confarreationes Serv. Aen. IV 339); vgl. im allgemeinen A. Rossbach Röm. Ehe 293ff.

Diese private Auspication tritt in historischer Zeit so sehr zurück, dass, wenn von auspicia schlechthin die Rede ist, damit die auspicia populi Romani (Cic. de nat. deor. II 11; de domo 38) gemeint sind, d. h. die Zeichen göttlicher Zustimmung, welche die Gemeinde in Gestalt von auguria impetrativa (s. o. S. 2330f.) für die wichtigeren Handlungen ihres staatlichen Lebens erhält. Die Gesamtheit dieser der Gemeinde erteilten Versicherungen des göttlichen Einverständnisses werden aufgefasst wie eine einheitliche dauernde Garantie, die der Iuppiter Optimus Maximus für Bestand und Wohlergehen der Gemeinde übernimmt, und den diese sich dadurch sichert, dass sie alle für ihre Existenz wesentlichen Acte nur auspicato vornimmt, d. h. nur nachdem die Befragung des göttlichen Willens ein günstiges Ergebnis erzielt und dieses nicht etwa durch vor Beendigung des Actes eingetretene ungünstige auguria oblativa wieder aufgehoben worden ist. Träger der durch diese auspicia gegebenen göttlichen Garantie sind die Magistrate, von denen es darum heisst auspicia a populo accepta habent (Cic. de div. II 76) und deren volle Macht in der Doppelbezeichnung auspicium imperiumque (ductu auspicio imperioque eius Achaia capta CIL I 541 = VI 33l; auspicio imperio felicitate ductuque eius Liv. XL 52, 5; ductu imperio auspicio suo Plaut. Amph. 196; auspicium et imperium Curt. V 9, 4; imperium auspiciumque Liv. XXII 30, 4. XXVIII 27, 4. XXIX 27, 2. XLI 28, 8 u. a.) zum Ausdrucke kommt. In der Regel gehen diese auspicia durch die immer wieder auspicato erfolgende Neubestellung der Beamten vom Vorgänger auf den Nachfolger über, wird aber diese Continuität durch aussergewöhnliche Vorkommnisse unterbrochen, so kehren die auspicia zu ihrem ursprünglichen Inhaber, zur Gemeinde, zurück, und zwar auf Grund der Voraussetzung, dass die ursprüngliche Gemeinde nur patricisch gewesen sei, an die patres d. h. den patricischen Teil des Senates (auspicia ad patres redeunt Cic. ad Brut. I 5, 4; vgl. Liv. I 32, 1. Cic. de leg. III 9 auspicia patrum sunto), der durch Bestellung eines Interrex (s. d.) für die renovatio auspiciorum (Liv. V 52, 9; vgl. 31, 7. VI 5. 6) sorgt. Der einzelne Beamte empfängt die auspicia beim Amtsantritt und legt sie zugleich mit dem Amte nieder (auspicia ponere Cic. nat. deor. II 9); von Feldherren wird mehrfach erwähnt, dass sie ad auspicia repetenda nach Rom zurückkehren (vom Dictator L. Papirius Cursor Liv. VIII 30, 2. 32, 4. CIL I² p. 192 elog. VIII; andere Beispiele Liv. X 3, 6. XXIII 19, 3. 36, 10), wobei es sich aber nicht um eine Erneuerung des ihnen als Magistrat zukommenden A. handelte, sondern um Wiederholung der Auszugsauspicien, deren Rechtsgültiglkeit nachträglich aus irgend einem [2583] Grunde zweifelhaft geworden war (deutlich namentlich im Falle des L. Papirius Cursor, der incertis auspiciis in den Krieg zieht, Liv. VIII 30, 1); vgl. Mommsen Staatsr. I 96. Wer nicht Magistrat ist, kann keine auspicia (publica) haben (de caelo auspicari ius nemini est praeter magistratum Varro bei Non. p. 92; die Stellung der Promagistrate ist trotz Mommsen a. a. O. 88, 5 nicht ganz klar), daher erkämpft der nichtmagistratische Officier seine Siege nicht unter seinen, sondern desjenigen Magistrates Auspicien, dem die Oberleitung zusteht, auch wenn dieser nicht anwesend ist; infolge dessen wird zwischen ductus (thatsächliche Führung) und auspicia streng geschieden (z. B. Tac. ann. II 41 ductu Germanici, auspiciis Tiberii. Suet. Aug. 21 domuit partim ductu partim auspiciis suis, vgl. Mon. Anc. 1, 24. Vellei. II 39, 1. Curt. VI 3, 2. Hor. c. I 7, 27 Teucro duce et auspice Teucro). Das Auseinanderfallen beider wird zur Regel, seitdem Sulla die Provincialverwaltung von der Magistratur abtrennte (daher Cic. de div. II 76 bella a proconsulibus et propraetoribus administrantur, qui auspicia non habent), und in der Kaiserzeit, wo die Legaten des Kaisers die Kriege führen.

Mit der fortschreitenden Verteilung der Staatsgewalt auf eine Mehrzahl von Magistraturen musste auch eine Teilung der auspicia in der Weise statfinden, dass jede Magistratur an ihnen in dem Masse teil hatte, wie sie zur Vornahme der Staatsgeschäfte befugt war (omnes magistratus auspicium iudiciumque habento Cic. de leg. III 10); ausgeschlossen waren nur die Sondermagistrate der Plebs, während bei den übrigen Magistraten die persönliche Standeszugehörigkeit zu Patriciat oder Plebs bedeutungslos war. Wie die Amtsgewalt, so haben auch die auspicia ihre Abstufungen, über die der Augur Messala bei Gell. XIII 15, 4 Auskunft giebt: patriciorum auspicia in duas sunt divisa potestates. maxima sunt consulum praetorum censorum, neque tamen eorum omnium inter se eadem aut eiusdem potestatis, ideo quod collegae non sunt censores consulum aut praetorum, praetores consulum sunt. ideo neque consules aut praetores censoribus neque censores consulibus aut praetoribus turbant aut retinent auspicia; at censores inter se, rursus praetores consulesque inter se et vitiant et obtinent ... reliquorum magistratuum minora sunt auspicia; innerhalb des Kreises der auspicia maxima sind die des Praetors geringer als die des Consuls (Val. Max. II 8, 2). Diese Rangordnung, in welche sich die sonstigen ausserordentlichen und stellvertretenden Gewalten ohne Schwierigkeit einordnen lassen, bezeichnet nicht eine Verschiedenheit der von den verschiedenen Gewalten zu befragenden Himmelszeichen, sondern eine Abstufung der magistratischen Machtfülle, die insbesondre darin zum Ausdrucke kommt, dass die Wahl eines Trägers höherer auspicia nicht durch einen Träger niederer geleitet werden kann (Messala a. a. O.), weil eben die Fortpflanzung der auspicia stets nur in dem Grade erfolgen kann, in dem der die Neuwahl leitende Magistrat sie selbst besitzt. Einer Collision der auspicia ist dadurch vorgebeugt, dass jeder Magistrat die spectio (Cic. Phil. II 81. Varro de l. l. VI 82), d. h. das Recht signa impetrativa einzuholen, nur für die in sein Amtsbereich [2584] einschlagenden Handlungen besitzt; wo zur Vornahme der gleichen Handlung an sich mehrere Beamte berechtigt sind, regelt sich die Stellung ihrer auspicia nach den Grundsätzen, nach denen die Vornahme der Handlungen selbst dem einen oder dem andern zufällt (Turnus, Losung, freie Vereinbarung, Cooperation, s. Mommsen a. a. O. I 35ff.). Wenn ein Magistrat eine Amtshandlung vorzunehmen hat, für die seine auspicia nicht ausreichen, so kann eine Entlehnung derselben von dem Träger entsprechend höherer Auspicien statfinden; so erbittet der Quaestor, um die Centuriatcomitien zum Criminalprocess zusammenberufen zu können, die Auspicien vom Consul oder Praetor (Varro de l. l. VI 91 aut ad consulem aut ad praetorem mittas auspicium petitum), und vielleicht ist auch dem Pontifex maximus, von dessen eigenen Auspicien nichts bekannt ist, durch eine derartige Entlehnung die Leitung der comitia calata ermöglicht worden (anders Mommsen a. a. O. 89). Nicht getroffen wird durch die Rangfolge der auspicia das allen Magistraten, auch denen der Plebs, zustehende Recht der obnuntiatio (s. d.), d. h. der rechtsverbindlichen Meldung entgegenstehender Zeichen, die der Meldende entweder bei der Einholung von Impetrativauspicien für eine Amtshandlung seiner Competenz erhalten oder als auguria oblativa beobachtet hatte oder beobachtet haben wollte; dies Recht war sogar in der Hand der Volkstribunen am mächtigsten, weil ihnen gegenüber die Consuln kein Verbotsrecht hatten, während sie den minores magistratus kraft ihres imperium für einen bestimmten Tag untersagen konnten ne quis magistratus minor de caelo servasse velit (Gell. XIII 15, 1; vgl. Cic. Sest. 129), wodurch die Obnuntiation unmöglich wurde.

Der vorherigen Befragung des Götterwillens durch Einholung der auguria impetrativa unterlagen alle wichtigeren Staatshandlung der Gemeinde in der Stadt und im Felde (Liv. I 36, 6 ut nihil belli domique nisi auspicato gereretur, concilia populi, summa rerum, ubi aves non admisissent, dirimerentur. VI 41, 4 auspiciis bello ac pace, domi militiaeque ommia geri quis ignoret). Eine dem Gegensatz von imperium domi und imperium militiae entsprechende Scheidung von auspicia urbane und auspicia bellica wird nicht bezeugt durch Cic. de div. II 77 avium divinatio .. ad urbanas res retenta videtur, a bellicis esse sublata, denn diese Äusserung weist nur auf die Thatsache hin, dass bei der Einholung der Auspicien im Felde aus Gründen der Bequemlichkeit das Tripudium die umständliche und zeitraubende Beobachtung des Vogelfluges verdrängt hatte, ebenso wie an derselben Stelle die verschollenen Zeichen ex acuminibus als ein auspicium militare bezeichnet werden, weil diese Art der Erkundung des Götterwillens ihrer ganzen Natur nach nur im Felde zur Anwendung kommen konnte; es handelt sich also hier nur um die Form der Auspication, nicht um verschieden geartete auspicia. Dagegen bezeichnen die augures populi Romani qui libros de auspiciis scripserunt bei Gell. XIII 14, 1 das Pomerium als finem urbani auspicii (ebenso Varro de l. l. V 143 eoque auspicia urbana finiuntur), d. h. als die Grenzlinie, innerhalb der allein die an den städtischen [2585] Boden gebundenen Staatshandlungen auspicato vorgenommen werden konnten; ob aber diese Grenze – ebenso die weitere des ager effatus (s. o. S. 2339) – eine Verschiedenheit der auspicia bedingte, muss dahingestellt bleiben. Bezeugt ist nun die Einholung der Auspicien und damit auch ihre Notwendigkeit – denn dass sie im Ermessen des Magistrats gestanden hätte, ist ganz ausgeschlossen – insbesondere für die Einberufung des Senates (Mommsen Staatsr. III 934f.), für die Ernennung von Beamten (so des interrex Liv. VI 41, 6; des Dictators Liv. VIII 23, 14f. Cic. de leg. III 9 u. a.), für den Amtsantritt (Dion. Hal. II 5), für den Auszug zum Kriege (Liv. XXI 63, 9; vgl. XXII 1, 5–7. Fest. p. 241), für die Eröffnung der Schlacht (Zeugnisse bei Mommsen a. a. O. I 81, 5), insbesondere aber für alle Comitien der patricischen oder der patricisch–plebeischen Gemeinde (nicht für die Sonderversammlungen der Plebs)‚ gleichviel ob sich die Beschlussfassung auf Beamtenwahl, Gesetzgebung oder Ausübung der Volksgerichtsbarkeit erstreckte (z. B. Liv. V 52, 15. Varro de l. l. VI 91; vgl. Valeton Mnemos. XVIII 219ff.). Die für diese Handlungen erlangten günstigen Impetrativzeichen werden aufgehoben, wenn vor Abschluss der Handlung ungünstige Oblativauspicien vom leitenden Magistrat beobachtet oder ihm in rechtsgültig bindender Form – d. h. durch nuntiatio des Augurs (s. o. S. 2335) oder obnuntiatio eines Magistrats – gemeldet werden; wie aber die Volkstribunen, obwohl der spectio entbehrend, doch das ius obnuntiandi zweifellos besessen haben, so hat man entsprechend auch die concilia plebis, obwohl sie inauspicato stattfanden, der Obnuntiation unterworfen (concilia eigens erwähnt Cic. de leg. II 31; in Vatin. 18; p. red. in sen. 11; vgl. Liv. I 36, 6).

Über die für die Befragung des göttlichen Willens und die Auffassung der gesandten Götterzeichen massgebenden Grundsätze des ius augurale ist oben unter Augures gehandelt worden, hier bleibt nur das Verfahren des Magistrats bei der Auspication kurz zu erörtern. Die Auspicien müssen eingeholt werden vor der Handlung, auf die sie sich beziehen, und zwar am selben Tage, d. h. Auspication und Vollzug der Handlung müssen zwischen einer Mitternacht und der nächstfolgenden liegen (Gell. III 2, 10 = Macrob. sat. I 3, 7. Censor. 23, 4); gewöhnlich erfolgt die Einholung in den ersten Stunden nach Mitternacht (Fest. p. 347f. Liv. X 40, 2. Dion. Hal. XI 20). Ebenso müssen der Ort der Auspication und der Handlung zusammenfallen: die Auspicien für die Comitien werden am Orte der bevorstehenden Versammlung, insbesondere auf dem Comitium (bezw. auf den rostra) oder im Marsfelde eingeholt, die für Senatssitzungen von der Curie (oder dem für die betreffende Sitzung bestimmten templum) aus, die für die Schlacht im Lager vor dem Ausrücken, die zum Auszuge ins Feld auf dem Capitol (Fest. p. 241; es geschieht darum dort, weil dort die votorum nuncupatio stattfand [Liv. XXI 63, 9]; fälschlich denkt man gewöhnlich an das auguraculum [s. d.] in arce, welches nur für Kulthandlungen der Augurn, nicht für die Auspication der Magistrate diente), ebenda wahrscheinlich auch die für den Amtsantritt und die Beamtenernennung. Damit ist von selbst die [2586] Bestimmung gegeben, dass – abgesehen von der Einholung der Auspicien durch den Feldherrn vor der Schlacht – die Auspication stets in agro Romano angestellt werden musste (daher wird von Varro de l. l. V 33 die Einteilung in ager Romanus Gabinus peregrinus hosticus incertus, s. oben Bd. I S. 780ff., nach den augures publici mitgeteilt); wenn die Sachlage es erforderte, dass die Ernennung eines Dictators ausserhalb Roms im Lager stattfand, so hatte das keine Schwierigkeiten, wenn man sich in agro Romano befand (Liv. XXVII 29, 5; nach Liv. III 20, 6 ging im J. 294 = 460 sogar das Gerücht augures iussos adesse ad Regillum lacum locumque inaugurari, quo auspicato cum populo agi posset); befand man sich aber in solo peregrino, wo das unstatthaft war (Liv. XXVII 5, 15), so half man sich mit einer Rechtsfiction, indem man ein Stück Land ankaufte und zum ager Romanus machte (Cass. Dio XLI 43. Serv. Aen. II 178, der aber wohl irrtümlich diesen Brauch auf das auspicia repetere, d. h. die Wiederholung der Auszugsauspicien, bezieht, die wohl nie anderswo als auf dem Capitol stattfinden konnte). Alle Örtlichkeiten, an denen die Auspication vorgenommen wurde, mussten inaugurierte templa sein (vgl. Valeton Mnemos XXIII 24ff.), d. h. loca effata ac liberata (s. o. S. 2338), wie dies für die rostra (Cic. Vatin. 24. Liv. VIII 14, 12), die Praesidentenempore der comitia centuriata (Varro de l. l. VI 91. Val. Max. IV 5, 3; vgl. Cic. pro Rab. perd. 11), die Sitzungslocale des Senates (Gell. XIV 7, 7; vgl. Mommsen Staatsr. III 926f.) und das Capitolium (Liv. V 54, 7; wahrscheinlich bezieht sich darauf auch die Erwähnung eines templum bei Liv. XLV 12, 9) ausdrücklich bezeugt ist, und auch im Lager befindet sich in unmittelbarer Verbindung mit dem Feldherrnzelte ein augurale oder auguratorium (s. d. Nr. 2; von einem templum im Lager spricht Liv. XLI 18, 8). Herstellung und Beaufsichtigung dieser templa ist Aufgabe der Augurn, den Act der Auspication dagegen nimmt stets nur der Magistrat mit den von ihm herangezogenen Gehülfen vor. Ursprünglich galt (abgesehen von dem früh verschollenen auspicium militare ex acuminibus, s. o. S. 2333) als einziges augurium impetrativum der Vogelflug (daher die noch nachher gebräuchlichen Wendungen ave sinistra, ubi aves admisissent u. a. für jede Art günstigen Zeichens), auf den daher das ganze Ritual gestellt ist. Der Beamte erhebt sich nach Mitternacht in tiefer Stille von seinem Lager (Fest. p. 348 ⟨silentio surgere ait⟩ dici, ubi qui post mediam ⟨noclem auspic⟩andi causa ex lectulo suo si⟨lens surr⟩exit. Liv. VIII 23, 15 cum consul oriens de nocte silentio diceret dictatorem) und nimmt in dem auf dem Auspicationsplatze aufgeschlagenen tabernaculum oder templum minus, einem nur nach einer Seite hin geöffneten Zelte (Fest. p. 157; vgl. Serv. Aen. IV 200), Platz; diese Caerimonie des tabernaculum capere giebt dem ganzen Acte in der Weise den Namen, dass tabernaculum vitio captum (Cic. de nat. deor. II 11; de div. I 33 = Val. Max. I 1, 3. Liv. IV 7, 3. Serv. Aen. II 178) der Ausdruck für das Misslingen der ganzen Caerimonie, gleichviel aus welchem Grunde, ist (Valeton Mnemos. XVIII 243ff.). [2587] Er sitzt auf einer solida sella (Fest. p. 347. 348), damit nicht ein Knarren des Sessels das silentium (Cic. de div. II 71. Fest. p. 348. 351), welches unbedingtes Erfordernis für eine günstige Auspication ist, unterbreche; nachdem er ein Gebet gesprochen und die legum dictio (s. o. S. 2331) formuliert, sitzt er unbeweglich (Serv. Aen. VI 197 ad captanda auguria post preces immobiles vel sedere vel stare consueverant; sedere als Terminus dafür Serv. Aen. IX 4. Plut. Marc. 5 u. a.) und erwartet die Zeichen, die er entweder innerhalb des ihm von der Thür des Tabernaculum aus vorliegenden Gesichtsfeldes erblickt, oder die ihm sein Assistent (qui in auspicio est) meldet, d. h. nicht der Augur‚ sondern ein sachkundiger (peritus Cic. de div. II 71), wohl meist aus dem Kreise der Apparitoren (Dion. Hal. II 6 τῶν παρόντων τινὲς ὀρνιθοσκόπων μισθὸν ἐκ τοῦ δημοσίου φερόμενοι)‚ später gewöhnlich der pullarius (Cic. de div. II 74). Die Bedeutung dieser Gehülfen ist in demselben Masse gestiegen, in welchem die Beobachtung des Vogelfluges durch die viel bequemeren Methoden der Blitzschau (in der Stadt) und des Tripudium (im Felde) verdrängt wurde; Cicero giebt die beim Tripudium übliche Formel der Frage und Antwort zwischen Auspicant und Assistent (de div. II 71: dicito si silentium esse videbitur – silentium esse videtur; dicito si pascentur – pascuntur), und später ist die thatsächliche Autorität des Pullarius immer eine recht grosse gewesen (Valeton Mnemos. XVIII 412). Zuletzt scheinen ihnen die Magistrate das Aussehen nach Zeichen und die Meldung als blosse Formsache ganz überlassen zu haben (Cic. de div. II 74), und vielleicht sind auch teilweise die Augurn an Stelle der Magistrate getreten (s. o. S. 2337). Nichteintreten der erbetenen signa impetrativa oder der Vorfall irgend einer Störung durch dirae macht eine Wiederholung des Auspicationsactes nötig, die wohl stets erst am nächsten Tage stattfand (Liv. IX 38, 15 ei legem curiatam de imperio ferenti triste omen diem diffidit. 39, 1 dictator postero die auspiciis repetitis pertulit legem; für den Blitz als für Comitien ungünstiges Oblativzeichen steht fest, dass er den ganzen Tag vitios machte, Cass. Dio XXXVIII 13); diese repititio auspiciorum (vgl. auch Tac. ann. III 19) ist von der ebenso benannten Erneuerung der Auszugsauspicien, zu deren Vornahme der Feldherr nach Rom zurückkehren muss (s. o. S. 2582f.), wohl zu unterscheiden. Dass in Ciceros Zeit die ganze Lehre von den Auspicien stark im Verfalle war, ist oft genug bezeugt (Cic. de leg. II 33; de div. I 25. II 70; de nat. deor. II 9); an die Stelle ihrer Einholung ist in immer weiterem Umfange die Befragung des Götterwillens durch Opfer und Eingeweideschau getreten, z. B. bei Senatssitzungen (Mommsen Staatsr. III 935, 2), wie überhaupt die Haruspicin die Auguraldisciplin zurückdrängt.

Litteratur: Graevius Thesaurus V 324ff. Rubino Unters. üb. röm. Verfassung 34ff. Mommsen Röm. Staatsr. I² 73–114. Bouché–Leclercq bei Daremberg–Saglio Dictionn. I 580ff. I. M. J. Valeton Mnemos. XVII 275ff. 418ff. XVIII 208ff. 406ff. XIX 75ff. 229ff.