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Procop Diwisch

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Textdaten
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Autor: Karl Bornemann
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Titel: Procop Diwisch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 624-627
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[624]
Procop Diwisch.
Ein Beitrag zur Geschichte des Blitzableiters.
Von Karl Bornemann.

Nachdem bis zum sechszehnten Jahrhundert jedes Volk und jedes Zeitalter eigenartige Versuche angestellt hatte, sich vor der vernichtenden Gewalt der Gewitter zu schützen, und nachdem sich alle Mittel fruchtlos erwiesen hatten, blieb es der fortschreitenden Wissenschaft im vorigen Jahrhundert vorbehalten, auch auf diesem Gebiete das lang ersehnte Ziel zu erreichen. Alle früheren Experimente waren mißlungen,[1] weil man eben das Wesen der Wetterwolken nicht erkannte. Nach Aristoteles’ Lehre hielt man den Blitz lange Zeit für eine plötzliche Entzündung brennbarer Stoffe in der Luft. Erst im Jahre 1600 legte der englische Physiker William Gilbert den ersten Grund zur richtigen Erkenntniß des wahren Wesens des Blitzes, sofern er an einer großen Menge von Körpern die Erregung einer neuen Naturkraft – der Elektricität feststellte. Als weitere Förderer der Erkenntniß müssen wir erwähnen den Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke, der die erste, wenn auch noch unvollkommene Elektrisirmaschine herstellte, sowie denn Engländer Wall, der 1708 zuerst eine Aehnlichkeit zwischen dem elektrischen Funken und dem Blitze bemerkte.

Unter denen, welche für die Verbesserung der Elektrisirmaschine hervorragend thätig waren, ist besonders Professor Johann Heinrich Winkler in Leipzig zu nennen. Derselbe behauptet geradezu („Progr. de avertendi fulminis artificio“, Leipzig 1753), daß zwischen dem Leuchten und Prasseln künstlich hervorgerufener Electricität und dem Blitz und Donner gar kein anderer Unterschied bestehe, als derjenige der Größe. Und dieser Naturforscher war es auch, welcher die ersten Vorschläge machte, man möge die Häuser vor dem Blitze durch Metallstangen schützen und solche durch Ketten mit dem Erdreich in Verbindung bringen. Die Wissenschaft war nunmehr reif, das[WS 1] wichtige Erzeugniß zu Tage zu fördern, aber Winkler selbst blieb den Beweis für seine Behauptung schuldig.

Dagegen hatte sich schon seit sieben Jahren der willensstarke und lernbegierige Philadelphiaer Buchdrucker Benjamin Franklin mit Versuchen beschäftigt, welche ein ähnliches Ergebniß lieferten. Schon im Juni 1752 ließ er in Gegenwart seines Sohnes einen großen Papierdrachen mit eiserner Spitze an hänfener Schnur gegen eine Wetterwolke steigen, um sich mit Hilfe desselben zu überzeugen, ob in den Wolken wirklich Electricität vorhanden sei. Sein Versuch gelang, und man nimmt an, daß dabei zum ersten Male mit Vorbedacht Electricität aus den Wolken zur Erde herniedergeleitet wurde, so bezeichnet denn jener Tag einen Wendepunkt in der Geschichte unserer Kenntniß dieser Naturkraft.

Aus Franklin’s handschriftlichen Mittheilungen geht hervor, daß er seine Ideen und Erfahrungen schon im Jahre 1747 oder 1748 durch P. Collinson und Dr. Mitchell der „Royal Society“ in London vorgelegt, daß dieselben jedoch von den gelehrten Mitgliedern dieser Gesellschaft in öffentlicher Sitzung belacht worden sind. Ein Dr. Fothergill allein erkannte den Werth von Franklin’s Angaben und veröffentlichte sie auf den Rath eines Redacteurs Cave als Flugschrift, welche fünf Auflagen erlebte. Der große französische Naturforscher Graf von Buffon veranlaßte die Uebersetzung der Abhandlung in die französische Sprache durch Dalibard. Dieser Mann war es, der gemeinsam mit de Lor an Marly noch vor Franklin selbst, aber auf dessen Vorschlag hin, den Versuch machte, „den Blitz aus den Wolken zu ziehen“. Nun nahm auch die „Royal Society“ Franklin’s alte Berichte nochmals in Verhandlung, ernannte den Amerikaner zu ihrem Mitgliede und sandte ihm mit schmeichelhaften Ausdrücken die goldene Medaille für das Jahr 1753, nachdem auch in England ein Herr Canton sich überzeugt hatte, „daß man mittelst einer zugespitzten Eisenstange sich einen Blitz aus den Wolken verschaffen könne“. Franklin’s eigene Aussage ergiebt also, daß weder er, noch Dalibard und de Lor in Frankreich, noch Canton in England einen wirklichen Blitzableiter errichtet hatte mit der Absicht, ein Gebäude oder irgend einen andern Gegenstand vor dem Blitze zu schützen. Noch hatte man keine Wetterstange mit der Erde verbunden, konnte also einen directen Nutzen nicht von diesem Experimente erwarten. Die aufgerichteten Eisenstangen waren isolirt (das heißt auf schlechten eletrischen Leitern befestigt) und nur am unteren Ende mit Glöckchen oder Leydener Flaschen verbunden, um an diesen das Vorhandensein der elektrischen Materie zu beobachten. Das Ganze erscheint uns in seiner nachmaligen häufigen Wiederholung als eine lebensgefährliche Spielerei, zum mindesten als ein sehr unüberlegtes Wagniß, welchem denn auch wirklich der Professor Richmann in St. Petersburg zum Opfer fiel, da er es wohl verstand, den Blitz bis in sein Zimmer, aber nicht wieder aus demselben hinauszuführen; er wurde am 6. August beim Experimentiren vom Blitzstrahle getödtet.

Ueber diesen Unglücksfall las ein anderer Naturforscher, der Pfarrer Procopius Diwisch zu Brenditz in Mähren, einen Bericht in der „Prager Zeitung“. Sofort schrieb er eine Abhandlung über das Ereigniß, in welcher er nachwies, warum die eisernen Stangen, welche der Professor Richmann benutzt hatte, ebenso unnütz wie gefährlich seien, und im Anschlusse an diese Erklärung schilderte er eingehend einen Apparat, welcher fähig wäre, die atmosphärische Elektricität anzuziehen und gefahrlos in die Erde zu leiten. Diese Darlegung seiner Ideen reichte Diwisch an die Akademie der Wissenschaften zu Berlin durch deren damaligen Director Euler, einen bedeutenden Physiker und Mathematiker, ein, wurde aber niemals einer Antwort gewürdigt, obwohl Euler mehrere Jahre später in einer 1761 erschienenen Schrift auf Diwisch’s Abhandlung Bezug nahm. Dennoch war Diwisch seiner Sache so sicher, daß er nunmehr auf eigene Faust an die Ausführung seines großen Apparates ging und denselben bereits am 15. Juni 1754 in der Nähe seiner Pfarrwohnung errichtete. Erst im Jahre 1760 wurde in Philadelphia nach Benjamin Franklin’s Angabe ein feststehender, mit der Erde verbundener Blitzableiter auf dem Hause des Kaufmanns West aufgerichtet, und diesen hält man jetzt allgemein für die erste Wetterstange, welche gen Himmel ragte.

Vor einem Jahre ist die meisterhafte und lehrreiche Selbstbiographie Benjamin Franklin’s in neuer deutscher Uebersetzung [625] unter der Aegide Berthold Auerbach’s und Friedrich Kapp’s erschienen und dem deutschen Publicum geboten worden. Sie wird unzweifelhaft dazu beitragen, den Ruhm des großen amerikanischen Staatsmannes und Erfinders noch zu vermehren, aber sie giebt uns auch Veranlassung, das Gedächtniß an jenen Mann aufzufrischen der die Erfindung des Blitzableiters in Europa gleichzeitig mit Franklin oder wahrscheinlich noch früher gemacht hat, und dem die Ehre der Erfindung nicht minder zukommt, da sie ihm nicht durch Zufall und Glück, sondern als reife Frucht langjähriger Studien und unermüdlichen Forschens in den Schooß fiel. Franklin fand in seinen Landsleuten ein empfängliches Publicum, in Nordamerika einen dankbaren Boden für seine Bestrebungen. Nicht so Diwisch, dessen Leistungen fast spurlos verschwunden sind.

Wer kennt heutzutage den Namen Diwisch? – Kein Conversationslexicon nennt ihn, und doch ist kaum ein Jahrhundert verstrichen, seit man den Träger dieses Namens mit den unsterblichen Göttern verglich in dem Distichon:

„Non laudate Jovem, gentes!
Quid vester Apollo?
Iste magis Deus est fulminis atque soni.“

(„Was rühmt Jupiter ihr ? was prahlet ihr noch mit Apollo? Er ist der größere Gott des Blitzes sowohl, als der Töne.“)


Die Behauptung, daß Diwisch schon vor Franklin einen Blitzableiter errichtet habe, ist keineswegs neu; sie läßt sich bereits im Jahre 1777 bei den böhmischen Historiographen Franz Martin Pelzel nachweisen. Daß Diwisch das Mögliche gethan, seine Erfindung und seine Erfahrungen dem allgemeinen Besten zugänglich zu machen, möge eine Skizze seines Lebens zeigen, welche in der Hauptsache den Aufzeichnungen eben jenes Pelzel zu verdanken ist.

Procop Diwisch.

In der östliche Ecke Böhmens, im Königsgrätzer Kreise, liegt das Städtchen Senftenberg, böhmisch Ziamberg genannt, wo Procopius Diwisch am 1. August 1696 geboren wurde. Er empfing auf dem Jesuiten-Gymnasium zu Znaim in Mähren seine Ausbildung, und diese an der Südgrenze der Markgrafschaft Mähren, hoch über dem Ufer der waldumrauschten und weinumrankten Thaja gelegene Stadt blieb der Mittelpunkt für sein ganzes ferneres Leben und hat sicher durch seine Lage nicht wenig Einfluß auf die Neigung und das Studium des Jünglings geübt. Die heftigen Gewitter, die sich gerade in dieser Gegend und namentlich an der hochgelegenen Kreuzherren-Ordenspropstei Pöltenberg angesichts der Stadt brechen und entladen, müssen auch auf ihn Eindruck gemacht haben, und der Gedanke liegt nahe, daß sie ihm frühzeitig Veranlassung wurden, sich mit dem Wesen des Blitzes zu beschäftigen.

Wenige Minuten südöstlich von Znaim, dort, wo die große Reichsstraße von Prag nach Wien die Thaja überschreitet, liegen die palastartigen Gebäude des ehemaligen Prämonstratenser-Klosters Bruck. Dieses Stift war mit allen Hülfsmitteln der Gelehrsamkeit durch die der Wissenschaft vielfach förderliche Prämonstratenser reichlich ausgestattet worden. Hier fand der junge Diwisch, nach dem Austritte aus dem Gymnasium Aufnahme und später Ermunterung und Erlaubniß zum Eintritt in den Orden, legte 1720 die ersten Gelübde ab und wurde nach abermals sechs Jahren zum Priester geweiht.

Aus dem Schüler ward schnell ein tüchtiger Lehrer, man übertrug ihm das Lehramt der naturwissenschaftlichen und philosophischen Fächer. Nach Ablauf eines Jahres erhielt Diwisch den Auftrag, Theologie zu dociren, und auch diese Aufgabe erfüllte er so sehr zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, daß man ihm rieth, sich durch Erwerbung der Doctorwürde für höhere Ehrenstellen vorzubereiten. Und wirklich ward er auf Grund seiner Dissertation „Tractus de Dei unitate sub inscriptione A et O“ zu Salzburg am 5. August 1733 mit dem Doctorhute geschmückt.

Wie all die reichen Klöster, besaß auch die Abtei Bruck eine Anzahl Dörfer, in welchen sie die Seelsorge wahrzunehmen hatte. Die Ordensgeistlichen wurden daher einer nach dem andern für gewisse Zeit zur Verrichtung der geistlichen Amtsgeschäfte in die Pfarreien eingesetzt, und auch unsern Diwisch traf das Loos. Er erhielt die Pfarrstelle zu Brenditz. Nachdem er eine Zeitlang während des ersten schlesischen Krieges die Verwaltung des nahen Klosters Bruck, dessen Prior von Friedrich dem Großen in Haft genommen worden, in dieser schwierigen Kriegslage glücklich geführt hatte, kehrte er zu der liebgewordenen Pfarre zurück. Er hat dieselbe bis zu seinem Tode innegehabt.

Die Pflichten eines Seelsorgers sind in dem kleinen Orte nicht beschwerlich, und so konnte Diwisch bei seinem bewundernswerthen Eifer in langen Jahren die vielseitigsten und eingehendsten Forschungen vornehmen. Man weiß, daß er schon im Jahre 1727 oder 1728 selbstständig experimentirte, daß er sich seit 1740, das ist seit seiner Zurückgezogenheit in Brenditz speciell mit der Erforschung der Elektricität beschäftigt hat, und man muß annehmen, daß er an gründlicher Kenntniß auf diesem Gebiete die meisten Zeitgenossen überragte. Dafür spricht auch, daß Kaiser Franz der Erste, der Gemahl der Maria Theresia, Diwisch nach Wien einlud. 1750 veranlaßte ihn der gelehrte Jesuitenpater Franz, seinen Experimenten mit der Elektrisirmaschine beizuwohnen, und wirklich erregte die Kunst des Paters das Interesse seiner Zuschauer, da er es vermochte, förmliche Ströme von Feuer aus verschiedenen Gegenständen zu locken. Plötzlich wurden die Experimente durch eine geheimnißvolle Einwirkung unseres Diwisch unterbrochen, und Pater Franz war nicht mehr im Stande, seinen Conductoren auch nur den kleinsten Funken zu entlocken. Diwisch hatte sich auf die Experimente wohl vorbereitet und in die Stirnhaare seiner Perrücke zahlreiche sehr spitzige stählerne Stifte verborgen, welche er den geladenen Körpern entgegenhielt, indem er sich den Anschein gab, als wolle er die Apparate aufmerksam betrachten. Der Jesuit war geschlagen.

Die Aehnlichkeit des electrischen Funkens mit dem Blitze war für Diwisch unzweifelhaft. Versuche, wie der vorstehende, mußten ihn auf den Gedanken bringen, ob das Experiment nicht auch dem Himmel gegenüber ausführbar sei, aber er hatte nicht die Absicht, wie es später Franklin that, einen einzelnen zufällig niedergehenden Blitz aufzufangen, sondern er trug sich mit der weit umfassenderen und später (ohne Erfolg) in den vermeintlichen Hagelableitern nachgeahmten Idee, ein ganzes herannahendes Gewitter im freien Felde, wo es keinen Schaden anrichten könnte, förmlich aufzulösen. Verweilen wir einen Augenblick bei den Grundbedingungen, welche für die Wirksamkeit von Wetterstangen in Betracht kommen!

Die freie Elektricität hat wie ein Gas, dessen Theilchen sich gegenseitig abstoßen, das Bestreben, den Körper, auf dem sie sich [626] befindet, zu verlassen; sie flieht noch außen und ist deshalb nur bei kugelförmigen Körpern gleichmäßig auf der Oberfläche angehäuft. Besitzt ein Körper jedoch Ecken, Kanten oder Spitzen, so sammelt sie sich an diesen in größeren Massen. Daher kommt es also, daß, wenn die Oberfläche der Erde mit Elektricität gefüllt ist, sich in den Spitzen der Bäume, Thürme, Häuser und Schiffsmasten am allermeisten Elektricität anhäuft, welche zuweilen als feurige Ausströmung (St. Elmsfeuer) sichtbar wird. Dies findet jedoch nur statt, wenn die Wolken aus noch nicht völlig klargestellten Ursachen mit entgegengesetzter Elektricität gefüllt sind denn man nimmt zweierlei Arten, positive und negative Elektricität an, die sich gegenseitig anziehen und zur Neutralität ausgleichen wie sich, um ein gröberes Beispiel zu wählen, Säure und Lauge gegenseitig abstumpfen, oder besser, Eis und kochendes Wasser eine Mitteltemperatur hervorbringen. Es kann ebensowohl der Fall sein, daß Erde und Wolken gleichzeitig positiv elektrisch, oder negativ elektrisch, oder auch gar nicht elektrisch sind; in diesen drei Fällen ist dann natürlich keine Ausgleichung, also kein Gewitter möglich, und daher ist es ungefährlich, sich mitten in einer blitzenden Wolke, z. B. bei Bergbesteigungen, zu befinden. Denn der Blitz ist das Ausgleichungsmittel zwischen den verschiedenartigen Elektricitäten; er tritt ein, wenn die zahlreichen Spitzen der Erdoberfläche nicht mehr auf ruhigem Wege und allmählich diesen Ausgleich vollziehen können, wenn die Spannung der vorhandenen Elektricität so groß ist, daß sie einer gewaltmäßigen und plötzlichen Ausgleichung bedarf. Es sei hier daran erinnert, daß die Blitze nicht nur vom Himmel zur Erde, sondern auch gelegentlich von der Erde zum Himmel hinauf zucken und daß noch viel häufiger sich Blitze von einer Wolke zur andern bewegen.

Fig a.

Man darf aber nicht glauben, daß Franklin und Diwisch oder irgend einer ihrer Zeitgenossen die Gesetze und Verhältnisse vollständig gekannt hätten, welche wir im Vorhergehenden kurz angedeutet haben, denn erst Du Fay entdeckte 1773 den wichtigen und merkwürdigen Unterschied, welchen wir mit positiver und negativer Elektricität bezeichnen. In der That ist die Kenntniß dieser feinen Unterschiede durchaus nicht zur Construction eines Blitzableiters nöthig. Fußen wir auf dem Stande der Wissenschaft, welchen unsere beiden Forscher, Diwisch und Franklin, ziemlich gleichmäßig einnahmen, und versuchen wir uns klar zu machen, was sie anstrebten.

Beide kannten nur eine Elektricität, die ihnen bald an irdischen Dingen, bald in den Gewitterwolken erschien. Wie Dimisch seiner Zeit aus dem geladenen Conductor der Elektrisirmaschine mit den stählernen Spitzen in seiner Perrücke die elektrischen Funken aufsog, so baute er nun einen Apparat, der die atmosphärische Elektricität anziehen und unbemerkt zu der seiner Meinung nach unparteiischen Erde leiten sollte, der aber im schlimmsten Falle auch fähig sein müsse, einen leibhaftigen Blitz ohne Gefahr für die Nachbarschaft bis in das Erdreich zu bringen. Die entgegengesetzte Thätigteit, welche einen nicht minder wichtigen Bestandtheil der Wirksamkeit aller Blitzableiter bildet, nämlich das Ausströmen der Erdelektricität, verrichteten Diwisch’s und Franklin’s Blitzableiter nun ebenfalls unablässig, ohne daß ihnen diese Function von ihren Herren und Meistern speciell aufgetragen worden wäre.

Sehen wir uns nun einmal Diwisch’s Wettermaschine auf Grund der erhalten gebliebenen Zeichnungen an!

Ein Gerüst (Fig. a), anfänglich 48 Fuß, als dies unzureichend erschien 130 Fuß hoch, trug eine Eisenstange von 1½ Zoll Stärke, welche in einer Spitze endigte. Unterhalb dieser Spitze sind drei Flügel von Blech befestigt, die vom Winde bewegbar sind und nur dazu dienen, die Vögel zu verscheuchen. In der Mitte der Hauptstange gehen starke eiserne Arme nach vier Seiten, auf denen wieder je eine Querstange horizontal ruht. Dadurch entstehen zwölf wagerechte Enden, welche auf schuhhohen Stäben blecherne Kästchen tragen. Ein solcher Kasten (Fig. b) ist einen Fuß lang, mit Eisenfeilspähnen angefüllt und mit einem hölzernen, durchlöcherten Deckel (Fig. c) geschlossen. In jedem der Löcher dieses Deckels steckt ein Spieß, wie er bei Fig. d in natürlicher Größe gezeichnet ist. Dieser kleine Spieß von etwa Haarnadelstärke wird durch ein pfropfenartiges Holz im Deckel befestigt und ragt mit seinem unteren Theile bis in die Eisenfeilspähne. Fig. e zeigt ein vollständig in Ordnung befindliches Kästchen, wie deren zwölf an dem Apparat angebracht sind. Der Balken, auf welchem die Hauptstange ruht, ist der Dauerhaftigkeit wegen mit Eisen beschlagen, die eiserne Stange selbst aber, theils zur Leitung des Blitzes, theils zur Handhabung der ganzen beweglichen Maschinerie, durch Ketten mit der Erde verbunden. Dieses also war der erste Blitzableiter, von Procop Diwisch erfunden und „Wetterleiter oder Conducteur“ genannt.

Fig b.

Fig c.

Fig e.

Ueber die erste Aufrichtung seiner Maschine (15. Juni 1754) berichtet unser Naturforscher „Um zwei Uhr nach Mittag stieg von Norden ein Gewitter empor, und wie es gegen die Maschine gekommen, sah man ganz weiße und dünne Streife, die sich gegen dieselbe richteten. Nach einigen Minuten lagerte sich über das Geräthe eine weiße feine Wolke, und das Gewitter nahm augenscheinlich ab und breitete sich gegen Aufgang aus. Am 17. dieses Monats schwang sich wiederum von allen Seiten des Horizonts ein Gewitter in die Höhe, von welchem weiße Wolkenstrahlen, wie ein Schleier oder wie weiße Wolle sich gegen und über die Maschine richteten.“ (An diesem Tage ließ Diwisch Mittags zwölf Uhr den Leiter herunternehmen, um zu sehen, wie sich nun das Gewitter verhalten würde.) „Sobald er auf der Erde lag, veränderten die weißen Wolken ihre Farbe und Lage: sie verfinsterten sich und zogen sich gegen die entlegeneren schwarzen Wolken das Gewitter stieg höher, und es blitzte und donnerte immer stärker.

Fig d.

(Nach etwa dreiviertel Stunde ließ Diwisch die Maschine wieder in die Höhe ziehen; er leitete selbst die eisernen Ketten, die von oben zur Erde gingen.) „Kaum stand sie ausgerichtet, so löste sich ein heftiger Blitz mit einem starken Knall über der selben auf; die Wolken zerrissen sich, und gerade über der Stange wurde man eine lichte Oeffnung in den Wolken gewahr, die acht Zoll im Durchschnitte zu haben schien (?). Das Wetter wurde nun zu Brenditz ganz stille, obwohl sich in der Nähe noch schwaches Blitzen und Donnern äußerte. Ungefähr nach drei Minuten stund gegen [627] Mitternacht etwa im 20. Grade eine große graue Wolke, die sich ganz niedrig herabließ und der Maschine eilends näherte. Sie theilte sich aber, wovon ein Stück zurück in der Nähe bliebe das andere vereinigte sich mit einer gegen Mittag beinahe im 50. Grade stehenden Wolke, nachdem sie gegen einander ein wenig geblitzet hatten. Dann blieben beide über Brenditz stille stehen und lösten sich in einen sanften Regen auf.“

Mag diese Schilderung immerhin mit Voreingenommenheit von dem für seine Erfindung begeisterten Manne niedergeschrieben sein, sie muß in der Hauptsache auf Richtigkeit beruhen, denn der Pfarrer Diwisch war nicht der einzige Zeuge dieser Vorgänge und hätte nicht wagen dürfen, Phantasiegebilde zu Papier zu bringen, sie an Dr. Scrinci, den damaligen Professor der Experimentalphysik an der Prager Universität, abzuschicken und durch dessen Vermittelung im nämlichen Jahre in der „Deutschen Prager Zeitung“ zu veröffentlichen.

Es ist fast überflüssig die Unterschiede zu erwähnen, welche zwischen Diwisch’s und Franklin’s Erfindung bestehen, da heutzutage Jedermann einen Blitzableiter nach Franklin’s Theorie kennt. Die modernen Blitzableiter bestehen aus einer einfachen zugespitzten Eisenstange, welche gelegentlich noch mit einigen Seitenspitzen versehen ist. Derartige Stangen ruhen in einem schlechten Leiter, z. B. Holz; dagegen ist die Stange selbst nicht durch Ketten, sondern durch eiserne Bänder oder geflochtenen Kupferdraht mit der Erde verbunden und möglichst tief in feuchtes Erdreich oder noch besser in einen Brunnen, Wasserbassin u. dergl. geleitet. Da derartige Stangen auf den Umkreis ihrer eigenen doppelten Höhe, nach anderen Angaben sogar bis achtzig Fuß weit wirken, sind sie, wenn in genügender Anzahl auf den Gebäuden angebracht, für den Schutz ausreichend. Man geht neuerdings sogar so weit, daß man am Blitzableiter die Fangstange ganz wegläßt, weil man ihre Wirkung für unbedeutend hält; man glaubt, es genüge zum Schutze eines Gebäudes, wenn alle hervorragenden und alle Metalltheile, die Ecken und Spitzen des Daches und die Dachrinnen durch ein Kupferdrahnetz unter sich mit der Erde verbunden sind.

Das große Problem war nun gelöst, da es aber galt, die erprobte Erfindung zum Nutzen der Menschheit zu verbreiten, erinnerte sich Diwisch seines Gönners, des Kaisers Franz, und hoffte von ihm Unterstützung zu dem Vorhaben, in verschiedenen Gegenden des Reiches derartige Wetterleiter aufzurichten. Allein die Wiener Gelehrten, welche der Kaiser um ihr Urtheil befrug, erklärten, sie könnten die Möglichkeit eines Erfolges und den Nutzen eines solchen Geräthes nicht einsehen. Wie Diwisch schon früher in Berlin und Franklin einige Jahre vorher in London, so traf auch hier die Kühnheit eines selbstgebildeten Geistes mit den eingewurzelten Vorurtheilen einer engherzigen und kurzsichtigen Coterie zusammen und mußte unterliegen.

Das hätte aber gewiß unseren thatkräftigen Gelehrten nicht gehindert, seine Ideen durchzusetzen und der Welt zugänglich zu machen, wenn nicht ein anderes Ereigniß seine schönsten Hoffnungen zertrümmert hätte. Der zweite Sommer nach Aufrichtung des Blitzableiters war ein außerordentlich trockener, und die mißvergnügten Bauern der Umgebung von Brenditz schrieben die eingetretene Dürre der zauberischen Wirkung der geheimnißvollen Maschine zu. Die Dummheit siegte über den Respect vor dem geistlichen Herrn. An einem verabredeten Tage rotteten sich die tollsten Köpfe, von weit und breit zusammen, zogen nach Brenditz, rissen den ganzen Apparat nieder und zerstörten ihn. Was vermochte der einzelne Mann gegen die aufgebrachte Bande? Er mußte machtlos geschehen lassen, was geschah, und als der Befehl seiner geistlichen Oberen zur Verhütung weiterer Unruhen und Uebelstände ihn an der Wiederaufrichtung seines Werkes hinderte, da endigte die äußere Thätigkeit des schwer gekränkten Mannes auf dem Gebiete der Elektricitätslehre.

Daß der einsame Denker nach solchen Erfahrungen etwas verschlossen und mürrisch gegen seine Umgebung wurde, ist natürlich. Es schien lange Zeit, als ob er seine Studien aufgegeben habe, aber Diwisch hatte das Bedürfniß zu schaffen und zu grübeln, und sein ruheloser Geist warf sich nun auf ein weniger gefahrvolles, aber um so angenehmeres Gebiet. Eine Idee, welche den Physiker schon vor seinen Experimenten mit dem Blitzableiter beschäftigt hatte, kam nun zur Ausführung.

Es war ein musikalischer Apparat, welcher in sich alle denkbaren Blas- und Saiteninstrumente vereinigen sollte, eine Maschinerie, welche fähig sein müßte, wie die Orgel, mit Händen und Füßen von einem einzigen Manne dirigirt zu werden und doch ein vollständiges Orchester zu ersetzen. Diwisch’s Plan gelang; er nannte sein Instrument mit 130 Mutationen Denisd’or und hatte die Freude, mit demselben so viel Anerkennung zu erwerben, daß Prinz Heinrich von Preußen dem Erfinder eine bedeutende Summe dafür bot. Allein während der Unterhandlungen endigte das Leben unseres strebsamen Gelehrten und seine gesammte Hinterlassenschaft fiel dem Kloster Bruck zu, wo das große Instrument noch eine Reihe von Jahren durch einen eigens angestellten Künstler in Thätigkeit gehalten wurde.

Merkwürdig, daß sich auch in diesem letzten Lebensabschnitte Anklänge an Franklin’s Leben und Streben vorfinden! Auch Franklin beschäftigte sich mit der Tonkunst, indem er die Glasharmonika verbesserte. Ein von ihm gefertigtes und der unglücklichen Königin Maria Antoinette gewidmetes Instrument wird jetzt noch gezeigt.

Während Franklin’s Ideen, verschwenderisch ausgestreut als Samen in der jungfräulichen Erde nordamerikanischer Unabhängigkeit und Bürgerfreiheit, aufsproßten und gediehen und noch heute im Herzen und Andenken aller Culturvölker leben, scheint ein unabwendbares Verhängniß auf Diwisch’s Thätigkeit geruht zu haben. Die furchtbare Macht der „todten Hand“ übertrug ihre lähmende Wirkung auf ihre Angehörigen. In seinem Sterbejahre veröffentlichte Diwisch bei Cotta in Tübingen „Die längst verlangte Theorie von der meteorologischen Elektricität“ (1765, 8°), von welcher Schrift eine zweite Auflage erschien (Frankfurt 1768, 8°) herausgegeben von Friedrich Christoph Oettinger, württembergischem Superintendenten. Ein größeres Werk, welches Diwisch über die Elektricität schrieb, ist nicht vollendet worden, scheint aber nach Privatmittheilungen des Herrn Custos Trapp wenigstens teilweise im mährischen Landesmuseum zu Brünn erhalten zu sein.

Im letzten Jahre hat endlich lobenswerter Bürgerstolz dafür gesorgt, daß unseres Erfinders Name nicht mehr in Vergessenheit gerathe; die Stadt Znaim hat einem öffentlichen Platze den Namen Diwisch-Platz gegeben. Hoffentlich wird auch noch die Zeit kommen, daß man Diwisch’s Grabhügel auf dem Friedhofe zu Brenditz wieder durch eine einfache Tafel kenntlich macht und vor der Zerstörung schützt.

Der Ruhm Franklin’s wird nicht geschmälert durch die Thatsache, daß auf diesem einen Gebiete vor ihm ein Anderer ähnliche Bahnen gewandelt. Zu allen Zeiten wird mit der Erfindung des Blitzableiters auch der Name Benjamin Franklin genannt werden. Aber andererseits sollte man einen Mann nicht vergessen, der sein ganzes Leben dem großartigen Gedanken weihte, die Schrecknisse des Gewitters zu mildern und die zerstörende Kraft des Blitzstrahles aufzuheben. Möchten zuvörderst die deutschen und österreichischen Fachmänner die Bestrebungen des vergessenen mährischen Gelehrten würdigen! Dann erst können wir erwarten, daß andere Nationen die Verdienste des bescheidenen Prämonstratensers Procop Diwisch neidlos anerkennen.

  1. Die Forschungen unserer Aegyptologen haben in den letzten Jahren die früher oft wiederholte Behauptung, daß die Priester der klassischen Völker den Blitzableiter gekannt und für Cultuszwecke benützt hätten, zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit erhoben. An mehreren ägyptischen Tempeln, nämlich zu Edsu, Dendera und Medinet-Abu, haben Johannes Dümichen und später Burgsch Inschriften aufgefunden, welche besagen, daß die hohen, an den Thorpfeilern befindlichen und die Zinnen überragenden Flaggenmaste mit Kupfer beschlagen und an der oberen Spitze vergoldet gewesen seien, „um das aus der Höhe kommende Ungewitter zu brechen“. Man kann bei diesen dreißig bis vierzig Meter hohen kupferbeschlagenen Holzmasten, deren Abbildung man z. B. in Meyer’s „Conversations-Lexikon“ (Art. Baukunst), oder in Lübke’s „Geschichte der Architektur“ findet, den Inschriften zufolge kaum an etwas anderes als an Blitzableiter denken, und es ist interessant, daß die eine Inschrift den König Ramses den Dritten, den Rhampsinit des Herodot, als denjenigen bezeichnet, der (dreizehnhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung) diese kupferbeschlagenen, an der Spitze vergoldeten Stangen aufgerichtet habe, welche, wie eine andere Inschrift andeutet, das Gebäude vor dem Ungewitter schützen sollten, wie die daneben abgebildeten Göttinnen Isis und Nephtis den Osiris schützten, der freilich dennoch von der bösen Gottheit der Ungewitter (Typhon) erschlagen wurde. Wörtlich mitgetheilt findet man diese Inschriften in J. Dümichen’s „Baugeschichte des Dendera-Tempels“ (Straßburg 1877)
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: was