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Prinzeß Editha

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Textdaten
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Autor: C. Loewenherz
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Titel: Prinzeß Editha
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 68–71
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[68]
Prinzeß Editha.
Aus meiner Reisemappe von C. Loewenherz.


„Kommen Sie doch und sehen sich meine Sammlung von Originalgemälden an, ich habe die werthvollste in ganz New-York,“ sagte mir der Besitzer dieser Schätze. Wir verabredeten in der Folge dazu den nächsten Tag. – Als ich in die nicht überhelle Mittelhalle des Malerstudio trat, erhob sich aus einem Rococosessel eine Dame, die mir der alte Herr als eine „Damenfreundin“ („befreundete Dame“ wollte er sagen) vorstellte, die er als Kind gekannt habe und die ihn heute, nach Jahren, zum ersten Mal wieder aufgesucht.

Vor Ueberraschung stumm stand ich vor der imponirenden Erscheinung, die mich um volle Kopfeshöhe überragte. Noch nie vorher in meinem Leben war mir ein Bild so vollkommener Schönheit an Form und Farbe, noch die Verkörperung der Majestät und des Adels in solchem Grade begegnet.

Im ersten Moment erinnerte das rundliche, von dichtem kurzgehaltenem Lockenhaar männlich umrahmte Profil, die Modellirung des Kopfes selbst, an das Portrait der berühmten Thiermalerin Rosa Bonheur; aber ein zweiter Blick schon überzeugte mich, daß ich es hier mit einem viel jüngeren, von der Natur auch körperlich viel reicher bedachten Wesen zu thun habe; Bedeutendheit, ja das Gepräge des Ungewöhnlichen war ihrer Art und Weise, dem haltsamen Schnitt der Kleidung selbst nicht abzusprechen und die Gestalt umschwebte ein Hauch von jenem gebietenden und imposanten Etwas, wie wir es, in kindlicher Naivetät, als unbedingtes Kennzeichen königlicher Abstammung erwarten. Das blaue gebietende Auge unter der dunklen Wimper war das einer Maria Theresia, nur in seinem Herrscherblick gemildert durch jenen weichen, selbst träumerischen Schimmer, der auf Seelentiefe schließen läßt. Die üppige Gestalt schien zum Purpur geboren. Die classisch-schönen energisch-geschweiften Lippen erinnerten im Lächeln – in Uebereinstimmung mit der bei ihr nur voller und blühender entwickelten Gesichtsbildung – an den Märtyrer egoistischer Zwecke, den unglücklichen Maximilian, Kaiser von Mexico. Die klare Marmorblässe und die Reinheit des Schnittes an ihnen trug außerdem den Stempel germanischer Abkunft und hoher Vornehmheit. Es war ein prächtiges Machwerk der Schöpfung, eine durchaus einnehmende, ja ich möchte sagen, bezaubernde Persönlichkeit, wie sie die Natur in einer glücklichen Laune und nur allzu selten zu schaffen pflegt.

Das war sie der äußeren Form nach; nach wenigen Augenblicken schon fand ich Gelegenheit, die Biegsamkeit ihres glanzvollen Organs, wie ihren blendenden, beweglich-gewandten Geist zu bewundern, der sich in ihrer durchgebildeten Ausdrucksweise schnell bekundete. Wir plauderten lebhaft angeregt und berührten im Fluge die verschiedensten Themen. Das Feuer einer edlen Begeisterung durchglühte oft ihre Worte, ja ihr ganzes Wesen.

Der Zweck meines Kommens ging darüber verloren, er wurde mir erst in’s Gedächtniß zurückgerufen, als sie im Laufe des Gespräches durchschimmern ließ, daß sie in schönen Wissenschaften und Künsten sich selbst productiv versucht. Da sie endlich auch auf dem Gebiete der Literatur sich schöpferisch erwies, glaubte ich es an der Zeit, ohne Indiscretion sie um Nennung ihres Namens bitten zu dürfen.

Von dem Sessel, in den sie zurückgesunken lehnte, erhob sie sich schnell und stolz; auf dem schönen Munde zitterte ein selbstbewußtes Lächeln, als sie mit ihrer klaren Stimme einfach erwiderte:

„Prinzeß Editha.“

Die zu Tage liegende Absicht der Ueberraschung ging leider für mich verloren. Mir wurde heiß und kalt. Wer war Prinzeß Editha? diese Prinzeß Editha der Republik? die mich mit ihrer fürstlichen Gönnerschaft begnadet, die mich, die Unbekannte, durch ihre huldvolle Leutseligkeit zur eigenen Höhe emporgehoben hatte und die jetzt so stolzbewußt und siegesgewiß wiederholen konnte: „Ja, Prinzeß Editha, das haben Sie wohl nicht erwartet?“

Ich marterte vergeblich mein Hirn – der Gothaer Almanach hatte niemals darin recht haften wollen. Meine Unwissenheit aber offen einzugestehen, schämte ich mich doch. Ich muß dazumal gründlich albern ausgesehen haben. Der alte Gemäldehändler kam glücklicherweise meiner Verlegenheit zu Hülfe.

„Die Dame ist erst von Europa herübergekommen,“ entschuldigte [70] er mich; „ahne ich doch selbst durch Ihre heutigen Mittheilungen erst, daß die Tochter meines ehemaligen Freundes nur dessen Adoptivkind, daß sie und die berühmte Prinzeß Editha ein und dieselbe Person sind, die durch die hiesigen Zeitungsberichte bei unserm Publicum ein so allgemeines Interesse erweckte, das natürlich noch nicht bis über den Ocean gedrungen sein kann.“

„O, ich war im vorigen Jahre selbst in Europa,“ fiel sie ihm lebhaft in’s Wort. „Ich habe dort, freilich erst nach harten Kämpfen durch Feststellung meiner Geburtspapiere, mich bei meiner Familie eingeführt, in erster Linie bei Ihrem jungen König von Baiern. Erkennen Sie mich denn nicht an der Aehnlichkeit mit meiner verstorbenen Cousine, der Königin Stephanie?“ wandte sie sich huldvoll mir wieder zu.

Meine peinliche Verwirrung stieg, mit ihr aber auch meine weibliche Neugier, dies Räthsel geklärt zu sehen. Wer in der Welt konnte denn diese unbekannte Prinzeß nur sein, die sich jetzt gar die Angehörige der frühverstorbenen jungen Königin von Portugal nannte?

Ich wagte dreist die Bitte um Aufklärung und erhielt sie, nur war die Erwiderung kurz und stolz:

„Mein Vater war der Exkönig Ludwig von Baiern, meine Mutter seine Gemahlin (sie betonte dies Wort) Gräfin Landsfeld, die, zur Zeit der bairischen Unruhen, ihren Neidern und Feinden das Feld räumen, ja im Interesse ihres durch diese gefährdeten Lebens hierherüber fliehen mußte.“

Die Tochter Lola Montez’! Unwillkürlich rückte ich meinen Stuhl behutsam fort und dann wieder heran. Das brennende Verlangen, mehr über das dunkle Lebensende Derjenigen zu erfahren, die in Elend und Jammer ihr glänzendes Dasein im Hospital von Wards-Island beschlossen hat, überwand das Vorurtheil. Meine Bitte veranlaßte die Tochter der Unglücklichen, mir über die eigenen ungewöhnlichen Lebensschicksale mitzutheilen, was ich hier kurzgefaßt wiedergebe.

„Wie Ihnen mein würdiger Freund hier (sie deutete dabei auf den Gemäldehändler) bereits mitgetheilt, wurde ich im Hause des Professor S. in New-York als dessen Kind erzogen. (Sie nannte mir den Namen des Mannes, der in seinem hochgeachteten Sohne in der neuen Welt fortlebt; aus Rücksicht für diesen verschweige ich deshalb den Namen.) Ich war meinen übrigen Geschwistern zwar sowohl körperlich als geistig durchaus unähnlich, aber die ungeminderte Liebe meiner Adoptiveltern zu mir, der Heimathlosen, ließ nie den Gedanken aufkommen, daß etwas Anderes als meine außerordentliche Begabung oder meine ungewöhnliche Natur den Grund zu der Abschweifung von dem schablonenhaften Familientypus tragen könne. Mein Vater starb, dies änderte nichts in den persönlichen Beziehungen, nur wollte es mich bedünken, als wäre sein letzter Abschied von mir weniger innig, weniger schmerzlich gewesen, im Vergleich zur übrigen Familie, aber auch dieses wußte ich dadurch zu beschönigen, daß mein rebellischer, immer nach dem Hohen strebender Sinn ihm mehr zu schaffen gemacht als der solid-häusliche meiner Schwestern, und daß er sich durch seinen Tod gewissermaßen von einer schweren Verantwortung befreit sah. – Ich wuchs heran. Meine Familie – die wenigstens, die ich als solche zu betrachten gelernt – hatte, durch Umstände bedingt, New-York verlassen und mich zur weiteren Ausbildung in einem Institut zurückgelassen. Dort führte mir ein Ungefähr in Gestalt eines katholischen Geistlichen, der einen europäischen Prinzen auf seinen überseeischen Reisen begleitet, die Offenbarung meiner hohen Geburt entgegen. Der Priester stand bei meinem Anblick frappirt. ‚Wer sind Sie?‘ stammelte er betroffen, und als ich ihm auf sein Verlangen meine harmlosen Jugenderinnerungen vorplauderte, schüttelte er zweifelnd sein Haupt. Ich unterlasse es für heute, Sie mit den nun folgenden Mittheilungen des sehr unterrichteten Mannes zu ermüden.

Doch ‚Prinzeß Editha‘! begrüßte er mich zum ersten Male mit meinem rechtmäßigen Namen und übergab mir vertrauensvoll meine Geburtsatteste, die er als Beichtiger meiner verstorbenen Mutter aus deren Händen beim Verscheiden mit der Bitte empfangen, Nachforschungen nach ihrem Kinde anzustellen, das sie bei ihrem herumirrenden Nomadenleben in den Händen französischer Emigranten in New-York zurückgelassen. Krankheit und Tod hatten sie überrascht, ehe sie ihr Kind reclamiren konnte. Der Geistliche hatte vergeblich nach der französischen Emigrantenfamilie geforscht, die in der großen Weltstadt vielleicht verschollen oder längst verkommen war. Mit den Papieren hatte er sich später zurück nach Europa begeben, und jetzt – nach einer Reihe von Jahren – zum ersten Male abermals amerikanischen Boden betreten.

In höchster Erregung flog ich zu meiner Mutter und drang auf Bestätigung der Muthmaßung, die bei dem Geistlichen durch die frappante Aehnlichkeit mit meiner erlauchten Familie hervorgerufen war. Diese ward zur unumstößlichen Gewißheit, da wir nun ihre Angaben denen des Priesters, Daten, Namen und Thatsachen gegenüberstellten.

Der Professor S., der edelste humanste Mensch, dessen mildthätiger Sinn ihn häufig als Retter und Tröster in die Hütten fremdländischer, der Landessprache und Sitte unkundiger Armen führte, hatte auf einem dieser Besuche bei französischen Emigranten einen Säugling gefunden, mit dem dieselben sich keinen Rath wußten im eigenen Elend und bei dem Wunsche der Rückkehr in die Heimath. Das Kind war nicht ihr eigenes; es war ihnen von einer kranken flüchtigen Frau für kurze Aufbewahrung übergeben – diese Frau hatte sich einfach Lola genannt. Aber die vorbehaltene Frist war abgelaufen, das Kostgeld nicht erneuert, die Frau – die eine vornehme Dame zu sein schien – war nicht zurückgekehrt, und die guten Leute verspürten keine Lust, durch den kleinen Fremdling Last und Kosten der Ueberfahrt zu vergrößern. Mit gewohntem Samaritersinn nahm der Professor sich des hülflosen kleinen Geschöpfes an; er brachte es in sein eigenes Haus; er ließ es wie sein eigenes Kind erziehen, und nur Motive edelster Art veranlaßten ihn, den Fremdling über seine dunkle Herstammung ohne Ahnung zu erhalten. Die Macht der Gewohnheit that schließlich das ihrige, ihn den übrigen Kindern als Blutsverwandte und dadurch den Schleier des Geheimnisses für lange ungelüftet zu lassen.

Noch einige Wochen, und auch meine treue Pflegemutter starb. Ich wollte den Schutz des gastlichen Hauses – so warm man mir ihn aufdrang – nicht länger für mich beanspruchen, ich, die ich an ein stolzes Geschlecht gerechtere Ansprüche als diesen zu machen hatte. Das Blut in mir, das sich, zum Kummer meines Adoptivvaters, so oft schon zur Unzeit in mir geregt, das stolze Blut meiner Vorväter machte jetzt sich geltend. Ich wollte keine Almosen annehmen, und deßhalb nutzte ich, die Tocher eines entthronten Königs, zum ersten Male die in mir waltenden Kräfte zum eigenen Frommen und Nutzen, denn diese Königstochter war ja völlig mittellos.

Die Zeitungsredactionen rissen sich bald um meine Gedichte und Essais. Man bezahlte sie gut; aber dies Alles reichte doch eben nur aus, um das Leben zu fristen, für meinen großen Plan aber noch keineswegs.

Ich ging zum österreichischen Consul, legte ihm meine Papiere, meine Wünsche vor und erhielt von ihm als Darlehn eine ausreichende Geldsumme, um damit die Reise nach Europa bestreiten zu können.

Von dieser Reise kehrte ich, so sehr ich sie auch durch landschaftliche und Kunststudien genossen, doch nur halb befriedigt zurück. Ludwig von Baiern empfing mich zwar gütig, nachdem ich mit halber Gewalt mir den Weg zu ihm gebahnt und tapfer für dieses Ziel gekämpft; aber er gab mir doch einen nicht mißzuverstehenden Wink, daß er verjährte Dinge ungern aufgerüttelt sähe, daß er überdies von einer Gemahlin – er betonte es stark – einer Gemahlin seines Verwandten nie etwas geahnt oder erfahren habe. Damit war ich zu Gnaden entlassen. Meine Großmutter mütterlicher Seite in Schottland übergab mir unsere sehr kostbaren Familienpretiosen und sagte mir ein bestimmtes Jahrgeld zu; aber auch ihr schien es erwünscht, an verklungene Zeiten durch meine Person nicht ferner erinnert zu werden.

Ernüchtert und betrogen in meinen hochfliegenden Erwartungen, kehrte ich heim, in das Land wenigstens, das ich als mein Heim betrachten gelernt habe; aber den Glauben an künftige Größe, das sichere Vorgefühl, daß ich zu solcher noch bestimmt bin, kann mir Nichts mehr rauben!“

Die Prinzessin schwieg; ihre leuchtenden Augen waren wie im Seherblick in die Ferne gerichtet. Dann hub sie abermals lebhafter an:

„Von diesem Zeitpunkte beginnt mit meiner Selbstständigkeit – auch meine Unglückszeit. Ich trat von nun ab mit allen Ansprüchen meines Namens auf; wer fände da in Neidern nicht [71] falsche Freunde! Ich lebte fortan meinen eigenen Ideen und Principien. Ich schnitt mein köstliches Haar zu diesen kurzen Wellen, weil es mir ein Raub an der köstlichen Zeit bedünken wollte, die die Frauen bei diesem unnöthigen Putz vergeuden; ich wählte dies schmucklos schlichte Kleid, wie Sie sehen, damit in Beseitigung lästigen Flittertands bei männlicher Arbeit nicht wieder Minuten verloren gingen; ich beschränkte mich auf den Gebrauch dieses Männerhutes, um den Spiegel entbehren und jedem Wetter trotzen zu können. Ich warf meinem ganzen verwöhnten vergötterten Geschlecht, das mir wie Puppen oder Schooßhündchen des stärkeren durch eigene Indolenz erscheinen will, den Fehdehandschuh in’s Gesicht, indem ich öffentlich vom Katheder aus in Steinway-Hall die Nutzlosigkeit ihres Daseins, ihre Hohlheit, ihre Oberflächlichkeit angriff. Natürlich stand ich bald vereinzelt in meiner Ausnahmsstellung da, fand Widersacher und Freunde, wurde von den verschiedenen Organen der Tagespresse entweder in den Himmel gehoben oder in den Koth getreten, vertheidigt oder heftig angegriffen.

Zu meinen freien Vorträgen drängte man sich; über Nacht war ich eine berühmte Persönlichkeit geworden. Den Huldigungen der tonangebenden Salonhelden begegnete ich mit der Verachtung, die sie verdienten; einigen Unverschämten hatte ich sogar die Thür zu weisen, zu denen sich der sogenannte Prinz Eric zählt. In diese Zeit fällt meine Bekanntschaft mit den bekannten Frauenbanquiers in Wallstreet, und diese Freundschaft, der ich mich in Anerkennung weiblicher Energie und Tüchtigkeit mit all’ dem mir innewohnenden Vertrauen hingab, ward Veranlassung meines spätern Mißgeschicks. Bei Gelegenheit einer kurzen Reise übergab ich der Firma, ohne jede Bescheinigung, meine Juwelen und eine beträchtliche Summe zur Aufbewahrung. Bei meiner Rückkehr leugnete sie den Empfang desselben ab. Ich schweige über das moralische Leiden, das diese neue Täuschung in meiner Seele hervorrief. Nach langem Kampfe schritt ich gerichtlich gegen diese ehemaligen Freunde vor, um mein Eigenthum zu reclamiren. Ich erreichte nur, daß Jene nun mich selbst als Schwindlerin denuncirten, die auf erborgten Namen hier Betrügereien trieb.

Man warf die Tochter eines Königs, ein Opfer elender Cabalen und Machinationen, in das Gefängniß!“ –

Sie schwieg – wir Alle – denn tief erschüttert war ich ihrem hinreißenden Vortrage gefolgt, den sie mimisch lebhaft unterstützte.

„Die Untersuchungshaft dauerte lange,“ nahm sie den Faden der Erzählung wieder auf, „jedes Kind hier würde Ihnen sagen können, wie sie sich in den Zeitungen meinethalben herumgestritten. – Ich kam endlich frei, und im nächsten Monate muß sich mein Proceß entscheiden, den nur die elende Handhabe der hiesigen Justiz zu Gunsten meiner Angreifer beenden könnte.“ –

Wir, die Prinzeß und ich, traten gemeinsam später auf die Straße hinaus. Dort bot sie mir in liebenswürdiger Zuvorkommenheit die Benutzung ihrer Logen in den verschiedenen Theatern und endlich ein Billet zu ihren eigenen Vorträgen an. Ich nahm das Anerbieten höflich dankend unter der Bedingung an, daß sie persönlich Ueberbringerin der Karten werden wolle, wobei ich ihr die meine überreichte, die meine Adresse enthielt. Wir tauchten alsdann in das Gewühl der Weltstadt, das aus den Broadway all’ seine Wogen mündet. Das befremdliche Starren der Passirenden, das nur theilweise durch die eigenartige Tracht meiner Begleiterin gerechtfertigt schien, ja endlich gar das vielsagende unzweideutige Lächeln auf manchem Gesichte berührte mich peinlich; es verletzte das weibliche Tactgefühl, das die allgemeine Aufmerksamkeit ungern auf sich hingelenkt sieht, und erleichtert athmete ich auf, als meine Begleiterin sich an der nächsten Querstraße verabschiedete.

„Ich komme bald zu Ihnen,“ waren ihre letzten Worte. Mit diesen kam mir der gelinde Zweifel, ob meine Einladung nicht etwa übereilt gewesen. So lange ich mich unter der Einwirkung ihrer eindringlichen Stimme befunden, war sie für mich unstreitig nur die Märtyrerin ihres Verhängnisses; jetzt wollte mir, beim Lichte nüchterner Ueberlegung betrachtet, das Ganze doch gar zu romanhaft und seltsam erscheinen.

Noch voll des Gehörten und Erlebten kehrte ich in mein einstweiliges Heim zurück. Meine Angehörigen schlugen bei meinen Mittheilungen die Hände über dem Kopfe zusammen. „Wie konntest Du,“ erschallte es in mißbilligendem Erstaunen rings im Kreise, „wie konntest Du Dich mit der verrufenen Schwindlerin am hellen lichten Tage auf dem Broadway sehen lassen? Zu Dir kommen will sie – bei Leibe nicht!“ Wo ich sondirend von der Prinzessin sprach, lachte man mir in’s Gesicht und warnte mich, nicht durch ihre Bekanntschaft mich zu compromittiren. Endlich, nachdem ich mich schon in falsche Hoffnungen gewiegt, kam dennoch der gefürchtete Augenblick, der mich für meine Uebereilung, oder eigentlich nur Unkenntniß von Land und Leuten, zu strafen hatte.

Eine der tonangebenden Damen der dortigen Gesellschaft saß plaudernd bei uns im Salon (und das will etwas heißen in der Metropole der freien Republik, in der es möglichst noch exklusiver hergeht, als in unseren vaterländischen alten Adelskreisen). Es schellte an der Hausglocke – das amerikanisch unabhängige Dienstpersonal, das sich in den unteren Räumen aufhält, stellt meine deutschen Höflichkeitsgewohnheiten durch unerhörtes Zögern auf eine zu harte Probe, und ich eile, die Thür des Parlours halb anlehnend, dienstbeflissen an die des Hauses. Wäre mir beim Oeffnen Banquo’s Geist erschienen, ich hätte nicht mehr zurückprallen können, als vor der lebensvollen Gestalt der Prinzeß Editha.

„Ist Mrs. L. zu Hause?“ frug sie, von außen stehend, die mich im Morgenkleide, von dem Licht der Straße noch geblendet, augenscheinlich nicht gleich erkannte.

Dies kurze Zögern gab mir den Muth der Verzweiflung, mich aus meiner Verlegenheit auf die einzig mögliche Art herauszuziehen; zitterte ich doch vor dem Zorn meiner Schwestern, dem prüden Entsetzen und Naserümpfen der Dame der „guten Gesellschaft“. – Ich verleugnete mich selbst und führte meine Rolle, an allen Gliedern bebend, mit Aplomb und Consequenz, trotz ihres eindringlichen Forschens und, wie es schien, spätern Erkennens, eine volle Viertelstunde durch. Die „Tochter eines Königs“ ließ ich vor meiner Thür stehen, während das schallende Gelächter der höchlich amüsirten Damen aus dem Parlour zu uns herausdrang.

Sie mußte endlich die Absicht errathen und empfand den Schimpf. Wie eine entthronte Königin, in aller Majestät der beleidigten Würde, hob sich die stolze Gestalt.

„Leben Sie wohl, Madame!“ Sie rauschte von dannen. Fast überkam es mich wie Reue.

Hatte ich eine Betrügerin oder eine Selbstbetrogene von unserer Schwelle gestoßen? –

Die Zukunft muß es entscheiden.