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Prinz oder Schlossergeselle

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Textdaten
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Autor: Luise Mühlbach
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Titel: Prinz oder Schlossergeselle
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25–29, S. 385–388, 401–404, 417–420, 433–436, 449–453
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[385]
Prinz oder Schlossergeselle.
Historische Novellette von Louise Mühlbach.


1.0 Langeweile

„So dehnt sich ein Tag wie der andere hin,“ seufzte Prinz Louis Ferdinand, „und so schleicht eine Woche nach der anderen hin in eben demselben Jammer und eben derselben Langeweile! Ich wollte, König Friedrich Wilhelm der Dritte, mein vielgeliebter König und Vetter, hätte mir keinen Pardon gegeben und wäre nicht so gnädig gewesen gegen mich! Ich wollte, er hätte mich auf die Festung geschickt und ich säße hier, weil ich ein Revolutionär und Empörer bin! Dann wüßt’ ich doch, warum ich litte und daß es für das Vaterland ist, daß ich mich so grenzenlos langweile. Ich hatte es doch wahrhaftig verdient, daß ich so behandelt wurde! Hatte mich hinreißen lassen von meinem Schmerz zu tollen Wuthausbrüchen damals im vorigen Jahre, als der unglückselige Friede bekannt ward.[1][WS 1] Bin aber ohne Strafe davon gekommen und bin jetzt General der Infanterie, d. h. bin so hoch gestiegen, wie ein unglückseliger, apanagirter Prinz dritter Linie steigen kann, und habe nun das ganze Leben vor mir wie eine Ebene, in welcher kein einziger Hügel ist, den ich mir erklimmen kann. Es ist ein erbärmliches Leben!“

Er sprang auf und rannte in wilden Sätzen im Zimmer umher so lange, bis er erschöpft und athemlos auf einen Divan niedersank.

„Dieses abscheuliche Garnisonleben! Weiß es Gott, ich wollte, ich wäre ein Handwerksbursch und dürfte auf der Landstraße umherziehen mit dem Ränzel auf dem Rücken. Warum hat mich das Schicksal zu so einem kleinen, jämmerlichen Prinzen gemacht, bei dem selbst der Ehrgeiz schon Hochverrath und die Thatenlust schon Empörung ist! Aber was hilft’s, darüber nachzudenken? Man muß ausharren in Geduld, wenn man sterben und wüthen möchte vor Langeweile!“

Er sprang wieder auf und ging heftig auf und ab, und allgemach ward der zornige Ausdruck seines Angesichts milder, und seine Augen blickten sanfter. Er trat heran zu dem Flügel, der immer geöffnet in seinem Zimmer stand, ließ sich nieder vor demselben und begann zu spielen. Stürmisch anfangs in wilden Phantasien, als ob der Schmerz, der in ihm tobte, sich ausklingen wollte in Tönen, dann allgemach wurden seine Phantasien milder, und es klagte und seufzte das Instrument unter seinen Fingern, und sein schönes Antlitz strahlte auf in tiefer Bewegung. Die Fenster des Gemaches waren offen, er hatte nicht darauf geachtet, er wußte es nicht, daß auf der stillen Straße die Vorübergehenden stehen geblieben waren, um zu lauschen auf diese wunderbare Musik und sich zu freuen über den lieben Prinzen Louis Ferdinand, der ein so großer Künstler sei.

Sie liebten ihn alle, die guten Einwohner von Magdeburg, sie freuten sich, wenn er auf der Straße erschien, und blieben stehen und grüßten ihn und schauten seiner stolzen Gestalt nach mit leuchtenden Blicken. Er war der Liebling von ganz Magdeburg, Soldaten, wie Bürger beteten ihn an, und seine tollen Streiche und die lustigen Gelage und die Ausschweifungen allerlei Art, welchen der Prinz mit seinen Freunden und Officieren sich ergeben, fanden bei den guten Bürgern Magdeburgs immer Entschuldigung und Nachsicht.

Es war ja so natürlich, daß ein junger Herr, schön und gefeiert wie der Prinz, nicht leben konnte wie andere Menschenkinder; natürlich, daß alle Weiber sich in ihn verliebten und danach strebten, dem Prinzen zu gefallen; natürlich, daß er das gute Glück annahm, welches von allen Seiten sich ihm darbot.

Man darf gegen einen so ausgezeichneten Helden nicht so strenge sein, wie gegen andere Menschenkinder.

Und dann andererseits wußte man so viel Gutes von ihm zu erzählen. Er war ein so milder herablassender Herr, er sprach mit dem gemeinen Soldaten so freundlich und gütevoll, er erwiderte so vertraulich die Grüße der Bürger, war so wohlthätig gegen die Armen, so gütig gegen Jedermann, der sich an ihn wendete und Hülfe von ihm begehrte.

Ja, er war der Liebling von ganz Magdeburg, und sie konnten wahrlich nicht dafür, daß er sich in der stillen Festung langweilte und daß sein glühender Feuergeist sich hinaussehnte aus diesen engen Räumen, aus diesem Garnisonleben, das gar keine Abwechselung, gar keine Erhebung darbot.

„Mich langweilt Alles, Alles,“ murmelte er vor sich hin, gleichsam als den Text zu den Phantasien, die er noch immer dem Flügel entlockte, „ich glaube an nichts mehr, ich hoffe auf nichts mehr. Das Leben liegt wie eine Oede vor mir, ach, und ich habe Alles versucht, dieses Leben mit neuen Blumen zu schmücken! Ich bin ein wilder Geselle geworden aus Ueberdruß am Leben. Ich habe mich betäuben wollen und zerstreuen. Habe es versucht mit der Liebe und dein Spiel, mit Allem, was andere Menschenkinder [386] erstellt und zerstreut, mir hat’s nicht gelingen wollen. Ich weiß, daß Alles nur ein Traum ist, die Liebe und das Glück, weiß es und bin doch noch so jung, und bin doch schon so alt, ein Greis, der auf nichts mehr hofft!“

Und immer noch klagten die Töne unter seinen Fingern, und es rauschte und sang und tobte und jammerte aus den Tasten.

„O, wenn ich Dich nicht hätte, Du meine einzige Trösterin, Musik, Du bist meine Freundin, der ich alles vertrauen kann, die Schwesterseele, die meine Schmerzen ausklagt, wenn sie in mir nur schwelgen und stumm sind.“

Lange saß er und phantasirte, aber dann auf einmal schloß er diese klagenden Phantasien mit einem grellen Accord und sprang auf.

„Ich will die Officiere heute einladen zu einem Nachtessen,“ sagte er hastig vor sich hin, „wir wollen trinken, wir wollen spielen, ich muß mich betäuben. Die Erinnerungen steigen wieder in mir auf, ach, sie machen mich rasend! Leonore, Leonore, Du hast mein Leben vergiftet, ich kann Dich nicht vergessen! Muß immer an Dich denken, mich immer nach Dir sehnen, suche Dich in jeder anderen Frau und finde Dich nimmer, nimmer! Narrheiten!“ rief er dann auf einmal laut, „es ist die Langeweile, die so aus mir klagt und Litaneien wimmert! Ich will es aber nicht! Ich bin jung und lebensfroh und ich will mein Leben genießen in Tollheit und in Lust! Giebt’s keine Lorbeeren zu erobern, so wollen wir uns das Haupt schmücken mit Rosen und Myrthenkränze zerfetzen und Schleier zerreißen und Frauenherzen brechen, da wir nicht in Männerherzen unsere Schwerter bohren können. Ich will ein Fest geben, ein großes Fest, heute, morgen, alle Tage!“

Er nahm die Handklingel, schellte heftig und befahl dem eintretenden Kammerdiener, sofort die sämmtlichen Officiere der Garnison zum Souper heut einzuladen. „Und morgen soll ein Ball arrangirt werden, ein glänzendes Fest, von dem die gute Stadt Magdeburg wieder acht Tage sich erzählen und unterhalten kann!“

Der Kammerdiener ging hinaus, um es dem Haushofmeister des Prinzen zu melden. Nach wenigen Minuten schon kam dieser herein mit verlegenem Gesicht und ängstlicher Miene.

„Königliche Hoheit haben befohlen ein Fest für heute Abend?“ Der Prinz nickte. „Ein schönes Fest, lieber Werner, alle Officiere sollen dazu geladen werden. Der Champagner soll in Strömen fließen und Alles, was es an Leckerbissen in der Stadt Magdeburg nur giebt, soll auf meiner Tafel stehen. Aber zu morgen Abend miethen Sie mir den großen Ressourcensaal. Ich will ein Ballfest geben, alle Damen der Stadt Magdeburg sollen dazu eingeladen werden. Lassen Sie mir den Saal mit Blumen und Guirlanden decoriren und merken Sie sich, mein Lieber, beim letzten Ballfest war die Erleuchtung nicht hell genug. Hundert und aberhundert Wachskerzen müssen Sie anzubringen suchen, es muß Tageshelle sein überall! Sorgen Sie auch für geschmackvolle Geschenke, die man beim Cotillon den Damen vertheilt, aber nicht so mesquin, wie das vorige Mal. Kaufen Sie allerliebste Sachen ein, die den Damen gefallen können und an denen sie Freude haben. Nun, mein Lieber, warum machen Sie denn ein so trauriges Gesicht, warum antworten Sie mir gar nicht?“

„Königliche Hoheit, ich bin in der That verlegen und traurig, denn es thut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen und die schönen Phantasien Ew. königlichen Hoheit nicht ausführen zu können.“

Der Prinz stutzte. „Wie meinen Sie das, Werner?“

„Ich meine, königliche Hoheit, daß leider Ihre Casse nicht erlaubt, solche Wunderfeste aus Tausend und Eine Nacht zu veranstalten.“

„Sind wir schon wieder auf dem Trocknen?“ fragte der Prinz lachend, „sind unsere Quellen schon wieder verstopft?“

„Vollständig, königliche Hoheit, und es sind gar keine Mittel vorhanden, sie wieder flott zu machen!“

„Unsinn, lieber Werner,“ lachte der Prinz, „wozu giebt es denn Wucherer? Wenn wir kein Geld haben, so borgen wir!“

„Damit, königliche Hoheit,“ bemerkte der Haushofmeister, „haben wir uns schon seit langer Zeit beschäftigt, und ich glaube, es ist in Magdeburg kaum noch ein Wucherer vorhanden, bei dem wir nicht schon geborgt hätten.“

„Dann setzen wir das Geschäft fort!“ rief der Prinz lachend, „haben wir bis jetzt zwanzig Procent gegeben, so bieten wir den Wucherern fünfzig Procent. Und wenn’s in Magdeburg nicht mehr geht, so wenden wir uns nach Burg oder wo’s sonst ist. Schacherer und Wucherer giebt’s in der ganzen Welt und darum verzagen Sie nicht, mein lieber Haushofmeister Werner, arrangiren Sie immerhin die beiden Feste und nehmen Sie das Geld, woher Sie es bekommen können.“

Der Haushofmeister seufzte und wagte doch nicht, zu widersprechen. Es war immer das alte Lied, immer dieselbe Noch. Wer konnte ihr steuern? Wo war der Hercules, der es vermocht hätte, Ordnung in diese Dinge zu bringen?

Wie oft hatte der Prinz Ferdinand schon versucht, den verschwenderischen Sohn mit Zürnen und Schelten, mit Drohungen und Vorwürfen zur Sparsamkeit zu bekehren!

Wie oft nicht schon hatte Prinzessin Ferdinand, die zärtliche Mutter des schönen und geliebten Sohnes, mit Thränen und Bitten ihn zu rühren gesucht, daß er ein wenig Ordnung in seine Verhältnisse bringe, mit etwas mehr Sparsamkeit schalte und walte! Es war Alles vergeblich gewesen.

Der freigebige und großherzige Sinn des Prinzen ließ sich nicht beschränken und in Fesseln einengen. Das Leben war da, um genossen zu werden, und wie sollte man rechnen und zählen, wenn es galt, sich oder Anderen irgend einen Genuß zu verschaffen?

Gab’s denn eine Zukunft? Sollte man mit ängstlichem Blick das Auge auf sie hinwenden und darüber der Gegenwart vergessen und des Momentes, in welchem man lebt und glücklich sein könnte? –

Es war ein glänzendes, üppiges Fest, das an diesem Abend der General Prinz Louis Ferdinand den Officieren seiner Garnison gab. Man trank und jubelte und sang und lachte die ganze Nacht hindurch.

Aber am andern Tag war’s doch wieder dieselbe Langeweile, derselbe elende Trödel des Paradedienstes und das öde, unausgefüllte Dasein.

Dann kam jedoch wieder der Abend und das Ballfest, welches der Prinz im großen Redoutensaale veranstaltet hatte. Die ganze schöne Welt von Magdeburg hatte sich zu demselben eingefunden.

In ihren glänzendsten Toiletten waren die Damen gekommen und ihre schönen Augen blitzten ihn an, und ihre purpurnen Lippen lächelten ihm, dem schönen, angebeteten Prinzen.

Der Ballsaal glänzte von hundert und aber hundert Wachskerzen wie in Tageshelle, Blumenguirlanden schmückten die Wände, reich geziert waren alle Räume, die köstlichsten Erfrischungen belebten die Tänzer und Tänzerinnen, die reizendsten und auserlesensten Geschenke winden den Damen im Cotillon überreicht, und ihre Wangen glühten höher auf, und ihre Lippen lächelten verheißungsvoller dem freigebigen Wirthe dieses köstlichen Festes. Und er schien glücklich, sein Auge strahlte, und die Damen flüsterten einander zu, daß er schön sei wie Achill, stolz und herrlich wie Apoll!

Aber am andern Morgen war’s doch wieder dieselbe Langeweile, und der Prinz saß einsam in seinem Zimmer und dachte der vergangenen Nächte nach, und ein unendlicher Ueberdruß und eine tiefe, schmerzliche Erschöpfung waren in ihm.

„Ach, wär’ ich nur ein Handwerksbursch, der mit dem Ränzel auf dem Rücken dahergeht! Muß es immer wieder denken! Möchte jetzt frei sein, nur ein paar Wochen frei von all’ diesem Trödel der Prinzenherrlichkeit und der Generalsepauletten und des Gamaschendienstes! Sie haben meine Seele todtgeschlagen, glaube ich, damals mit dem Tractat von Basel, und wie ich damals den Degen in die Scheide steckte, da habe ich auch mein besseres Ich hineingesteckt, und nun bin ich nichts als ein Gamaschenheld und ein Prinzlein, das nicht weiß, wohin mit seiner Kraft und Lebenslust! Ach, wär’ ich doch ein Handswerksbursch! Und warum, bin ich’s nicht?“ fragte der Prinz auf einmal ganz laut, „warum füge ich mich in diese öde Langeweile und halte aus in dieser Erbärmlichkeit? Warum? Weil ich muß!“ unterbrach er sich dann selber, warf sich auf den Divan und nahm das Buch, das aufgeschlagen auf dem Tisch daneben lag. Dann, wie er las, ward es still in seiner Seele und die Wolken wichen von seiner Stirn und seine edle Miene erhellte sich.

Egmont, Goethe’s Egmont war’s, was er las, sein Lieblingsgedicht! Seine eigenen Schmerzen, sein eigenes Denken und [387] Empfinden, sein eigenes Ich fand er in der Gestalt des Dichters wieder, in der schönen, frischen Gestalt Egmont’s.

„Wer nur auch so ein Clärchen hätte! Ein holdes Lieb, das vertrauend sich in die Arme schmiegt und nichts verlangt und nichts begehrt als nur Liebe! O seliger, beneidenswerther Moment! Wer doch auch nur so ein Clärchen hätte!“

Er legte das Buch wieder hin und, das Haupt rückwärts gelehnt, schaute er zur Decke empor und träumte von der Vergangenheit und Zukunft, von Liebe und Glück.

Draußen auf der Straße war’s still und einsam, wie immer; nichts störte ihn in seinen Träumen und er erschrak fast vor seiner eigenen Stimme, als er jetzt laut wiederholte: „Wer doch auch so ein Clärchen hätte!“

Dann lachte er und sprang auf, trat an’s Fenster und schaute hinunter und sah der Schildwache zu, die langsam, in gleichmäßigem Schritt, vor seinem Hause auf und niederging. Wie eben der Soldat an dem zu ebener Erde gelegenen Zimmer, in welchem der Prinz sich befand, vorüber kam, begegnete zufällig der Blick des Prinzen den Augen des jungen Menschen, und er sah, daß diese trübe und vom Weinen geröthet waren.

„Hast geweint, Hans?“ fragte der Prinz den Soldaten.

Der aber schien’s nicht gehört zu haben und ging weiter im gleichmäßigen Schritt.

Als er wieder vorüber kam, fragte der Prinz zum zweiten Male:

„Hast geweint, Hans? Seh’ Dir’s ja an, drum leugne es nicht! Mach’ keine Umstände, gieb Antwort und setze Dein Gewehr ab!“

Der Soldat nahm das Gewehr bei Fuß und blieb nun vor dem offenen Fenster stehen, hinter welchem Prinz Louis Ferdinand stand.

„Nun, sag’ mir, Hans, hast sonst immer so fröhlich ausgesehen und warst ein so lustiger Bursche; was giebt’s denn jetzt, was trauerst Du?“

„Gnädigster Herr Prinz,“ sagte der Soldat, „kann nicht darüber reden, es thut mir im Herzen zu weh und weiß nicht, wie ich’s sagen soll.“

„Gieb Dir nur Mühe, Hans, es wird schon herauskommen. Was ist es, hast Schulden gemacht?“

„Schulden? Herr Gott behüt’ mich, mein Alter würd’ mich umbringen!“ rief der Soldat erschrocken. „Keine Schulden, Herr, und was würd’ der Herr Hauptmann dazu sagen?“

„Es ist wahr, ich vergaß,“ sagte der Prinz mit einem leisen Lächeln, „was ist’s denn sonst? Ist Dir Dein Liebchen untreu geworden? Nicht wahr, das ist’s? Bist ganz blaß geworden, Hans, nun sag’, hab’ ich’s errathen?“

Der Soldat nickte. „Ja, königliche Hoheit, zu Befehl, dem ist so, die Cläre will nichts mehr von mir wissen.“

„Wie? Cläre heißt sie?“ fragte der Prinz rasch, „und ist sie hübsch und jung?“

„Ja, gnädigster Herr Prinz, eine Alte würd’ ich nicht lieben, und hübsch ist sie auch, das schönste Mädchen in ganz Burg, alle Mannsleute laufen ihr nach, aber sie will von Keinem etwas wissen, ’s ist ein gar sprödes Mädel, aber gegen mich war sie doch immer gut und freundlich, und unsere beiden Alten hatten es so verabredet, daß wir uns heirathen sollten, und ’s war so ausgemacht, daß ich frei gekauft werden sollte vom Soldatendienst und dann die Bäckerei übernehmen sollte vom Alten und wir sollten uns heirathen.“

„Nun, das war ein ganz hübscher Plan, warum wird’s denn nun nichts?“ fragte der Prinz.

„Nun, weil die Cläre nicht will!“ rief der Soldat ungestüm; „hat mir geschrieben einen schändlichen Brief, möchte noch nicht heirathen und wir Beide paßten auch nicht für einander! Es thut wehe, und ich könnte heulen und schreien! O Herr Gott, da kommt der Hauptmann!“

Der Soldat nahm hastig sein Gewehr auf die Schulter und setzte seinen gleichmäßigen Gang mit ehrbarer Miene fort. Aber als der Hauptmann vorübergegangen und die Straße wieder leer war, rief der Prinz die Schildwache wieder an, wie sie jetzt vorüberkam am Fenster.

„Also Cläre heißt sie, Hans, und hübsch ist sie?“

„So schön, wie kein anderes Mädchen auf der Welt!“ betheuerte Hans, „und ich glaube, daß es auch kein einziges Mannsbild auf der ganzen Welt giebt, welches das nicht sagen muß – natürlich königliche Hoheit ausgenommen!“ verbesserte er sich dann erschrocken, „für so einen Prinzen ist das ganz etwas Anderes!“

„Wer weiß auch, wer weiß!“ lächelte der Prinz. „Trägst den Brief bei Dir von Deiner grausamen Cläre?“

Der Soldat nickte. „Trag’ ihn bei mir unter’m Rock, es brennt aber wie Nessel auf meinem Herzen!“

„So gieb ihn mir, laß mich lesen, Hans, vielleicht kann ich Dir helfen.“

Der Soldat fuhr rasch mit der Hand in den Uniformrock hinein und zog ein kleines, zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem Prinzen durch das Fenster darreichte.

„Ich möcht’ Eure königliche Hoheit um eine einzige Gnade bitten,“ sagte der Soldat dann, zu dem Fenster hintretend und Gewehr bei Fuß setzend.

„Nun, was ist’s, Hans?“

„Ich bitte, daß königliche Hoheit die Gnade hätten, mir den Wisch noch einmal vorzulesen. Ich hab’s Lesen nicht gelernt und ich denke, es wäre möglich, daß der Feldwebel, der mir den Brief vorgelesen, es falsch gesehen hat, und wenn’s nicht allzu sehr gegen den Respect verstößt, so möcht’ ich bitten, daß Eure königliche Hoheit ihn lesen.“

„Will’s thun, Hans, hör’ zu!“

Der Prinz entfaltete das Papier, und zu dem Soldaten geneigt las er:

„Hör’, Hans, ich hab’ Dir heut’ ’was zu sagen, und will’s nicht thun mit vielen Redensarten und vielem Brimborium von Worten. Dein Vater und der meine haben gesagt, wir Zwei sollten Mann und Frau werden, aber uns haben sie nicht gefragt, und Du hast mich auch nicht gefragt, ob ich’s auch will und ob ich’s auch gern thue, daß ich Deine Frau werde. Und nun will ich Dir’s sagen ungefragt, ich habe Dich lieb von ganzem Herzen, als wärst mein eigener Bruder. Und wie kann’s auch anders sein! Wir Zwei sind ja zusammen aufgewachsen und kennen uns, so lange wir leben. Aber weißt Du, Heirathen ist ein gar schnurrig und curioses Ding, und ich meine, ich habe noch keine Lust dazu und will warten, bis Der kommt, der mir Lust macht. Du bist’s nicht. Nimm mir’s nicht übel und behalte lieb

Deine Freundin und Schwester
Cläre Kleemann.“          

„Er hat’s Alles richtig gelesen,“ murmelte der Soldat, indem er sich verstohlen und hastig eine Thräne aus dem Auge wischte.

„Weißt Du, Hans,“ sagte der Prinz, immer noch den Blick fest gewandt auf das Papier mit den großen, geschnörkelten Buchstaben, „weißt Du, Hans, Deine Cläre gefällt mir sehr. ’s muß ein prächtig Mädel sein!“

„Das ist sie auch, Herr,“ betheuerte Hans, „und darum kann ich’s gar nicht glauben, das ich sie aufgeben soll. Ich wollt’, Eure königliche Hoheit hätten sie einmal gesehen, dann würden Sie ’s wohl begreifen, daß ich so unglücklich bin!“

„Nun, wer weiß, vielleicht sehe ich sie einmal,“ sagte der Prinz gedankenvoll und lächelnd. „Wahrhaftig, ich bin neugierig, diese Cläre zu kennen! In Burg wohnt sie?“

„Ja, königliche Hoheit, in Burg. Ihr Vater ist der Schlossermeister, und mein Vater ist der Bäckermeister, die Häuser liegen eins dicht neben dem anderen, und im Garten haben wir zusammen gespielt als Kinder.“

Er konnte nicht weiter sprechen vor tiefer Wehmuth, nahm sein Gewehr auf und ging im tactmäßigen Schritte wieder dahin.

„Ich glaube,“ sagte der Prinz zu sich selber, „es giebt doch noch gute Geister und hülfreiche Genien. Sie haben vielleicht meinen Jammer gesehen, erbarmen sich meiner und senden mir das, wonach mein Herz sich seht! Senden mir ein Clärchen! Zum Mindesten eine Zerstreuung!“ -

Am andern Morgen flog eine Neuigkeit durch ganz Magdeburg. Prinz Louis Ferdinand war fort! – Die Einen sagten, er sei nach Berlin gegangen; die Andern erzählten, er mache einen Ausflug nach Hamburg und er werde wohl in einigen Tagen schon wieder zurückkommen.

Sein Adjutant erzählte, er habe von dem Prinzen in der Frühe die Anzeige bekommen, daß er mit Bewilligung des Königs auf einige Wochen Magdeburg verlasse. Aber er hatte nicht gesagt, wohin.

Die ganze schöne Welt von Magdeburg war beunruhigt [388] darüber. Alle die schönen Damen interessirten sich für den Prinzen und jede war in ihrem Herzen eifersüchtig bei dein Gedanken: es könne eine Dame sein, welche seine rasche Entfernung von Magdeburg bewirkt habe.

Fort war er. Das war ein nicht abzuleugnendes Factum. Aber wohin?

Vier Tage unterhielt man sich in Magdeburg von nichts Anderem, als vom Prinzen Louis Ferdinand. Und die Wucherer gingen mit gar ernsten und traurigen Gesichtern umher und erkundigten sich an jedem Morgen bei dem Haushofmeister des Prinzen, ob er noch nicht wisse, wohin die königliche Hoheit gegangen, und ob es wohl wahr sei, daß er vom König nach Berlin berufen worden?

Und der Haushofmeister, der selber nichts wußte, machte ein ernstes und bedenkliches Gesicht und sprach von wichtigen Missionen und besondern Aufträgen des Königs, die der Prinz auszuführen habe.

Das tröstete die Wucherer ein wenig; denn wenn der König den Prinzen mit wichtigen Missionen betraut hatte, so konnten sie vielleicht hoffen, daß Se. Majestät auch nachher die Schulden des Prinzen bezahlen werde. Und so beruhigten sie sich und hofften, gleich den schönen Damen, gleich ganz Magdeburg, auf die baldige Wiederkehr des Prinzen.




2. Ludwig Preuß.

In der Schmiede des Meisters Kleemann in Burg ging es heute wie alle Tage sehr arbeitsam zu. Die Schmiede war nach dem Garten zu gelegen und durch die geöffnete Thür derselben sah man die dunkelrothen Feuergluthen auf dem Heerde und die kräftigen schwarzen Gestalten, die hinter dem Ambos standen und mit den großen Zangen das glühende Eisen auf dem Ambos hielten, das sie mit schweren Hämmern bearbeiteten. In gleichmäßigem Tact fielen die Hämmer nieder auf die Ambose und es schien den Gesellen Freude zu machen, diese Hammerschläge, gleichsam wie in einer Melodie, einen nach dem andern ertönen zu lassen.

Der Meister Kleemann nahm den ersten Platz an dem großen Ambos ein und ging seinen Gesellen voran mit einem guten Beispiel in der kräftigen Bearbeitung des glühenden Eisens. Kein Wort ward gesprochen, nur das Feuer knisterte in der Esse, die Hämmer schlugen ihre Tacte und draußen im Garten in der dichten Fliederlaube saß die Tochter des Meisters, die schöne Cläre Kleemann, brach mit geschäftigen Händen die grünen Bohnen, die in der Schürze in ihrem Schoß lagen, und warf die gebrochenen und abgehäuteten in den irdenen Napf, der vor ihr auf dem weißen Holztische stand. Sie war der Hammerschläge und des Getöses schon gewohnt, daß sie es gar nicht mehr hörte und lustig und frisch für sich ein Liedchen sang, welches wie fröhlicher Lerchenklang durch die Luft schallte.

Auf einmal, mitten im Lied, verstummte sie und blickte mit ihren großen blauen Augen erstaunt nach der Gitterthür, die von der Straße hereinführte in den Garten. Da stand ein junger Mann in einfacher bürgerlicher Tracht, aber von hoher, stolzer Gestalt und mit einem Angesicht, so frisch und so schön, und mit Augen, so groß und so glänzend, daß es der Cläre war, als schauten sie ihr tief in das Herz hinein. Der Fremde blieb stehen und schaute forschend in dem Garten umher, als suchte er Jemand. Die Cläre hatte sich erhoben und die Zipfel ihrer Schürze aufraffend, damit die Bohnen nicht herunterfielen, trat sie an den Eingang der Laube.

Die großen braunen Augen des jungen Mannes hatten sie sofort entdeckt und er eilte zu ihr hin.

„Das ist die Jungfer Kleemann, nicht wahr?“ fragte der junge Mann mit einem leichten Neigen des Kopfes.

Und Cläre erröthete, denn sie fand die Manieren und den Gruß des Fremden gar zu vertraulich und beinahe beleidigend.

Es ärgerte sie, die Tochter des reichen Meisters, daß der, welcher sicherlich nichts weiter war, als ein wandernder Handwerksbursch, so ungenirt sich zu ihr benahm.

„Ja,“ sagte sie mit einem etwas schnippischen Ton, „ja, das ist die Jungfer Kleemann! Und weiter, wenn’s beliebt. Hat Er vielleicht Bestellungen an mich, oder will Er blos, wie ich denke, meinen Vater sprechen und von dem Meister Kleemann etwas fordern?“

„Vielleicht auch das,“ nickte der junge Mann. „Aber zuerst wollte ich die Jungfer Kleemann selber sprechen, die schöne Cläre, und ich biete Ihr die Hand zum guten Tag.“

„Thut mir leid,“ sagte sie unwillig, „nehme nicht von Jedermann die Hand und es hat Niemand das Recht, mich bei meinem Vornamen zu nennen, wenn ich ihn nicht kenne.“

„Aber ich kenne Sie, Jungfer Kleemann,“ sagte der junge Mann.

Und indem er sie betrachtete, mußte etwas Magnetisches in seinen Augen liegen, denn sie hob ganz wider ihren Willen, wie es schien, den Blick empor und begegnete dem seinen. Und da erröthete sie. Denn in diesen Augen stand geschrieben, was sein Mund nicht sagte: „Du bist schön, Cläre, bist wunderbar schön und Du gefällst mir sehr.“

„Ich habe Ihr einen Gruß zu bringen, Jungfer!“ sagte der junge Mann.

„Einen Gruß? Von wem, Herr?“

„Von Ihrem Bräutigam aus Magdeburg, dem Soldaten Hans Werner.“

„Hat er Ihnen gesagt, daß er mein Bräutigam ist?“ fragte sie.

„Ja, schöne Jungfer! Und er hat mir noch mehr gesagt. Hat mir gesagt, daß Ihr nichts von ihm wissen wolltet, und darüber ist er traurig geworden und ganz desperat, und in seiner Desperation hat er mit mir gesprochen und mir sein ganzes Unglück anvertraut. Ich war bis jetzt ein Camerad von ihm, stand auch in Magdeburg als Soldat, aber, Gott sei Dank, meine Dienstzeit ist um. Und wie er nun hörte, daß ich nach Burg ginge, da hat der Hans Werner mir Alles geklagt und mich gebeten, zu Euch zu gehen und ein gut Wort für ihn einzulegen.“

„Bemühe Er sich nicht,“ sagte sie, das Haupt zurückwerfend. „Es ist schon manches gute Wort von Vater, Mutter und Freunden eingelegt und hat nichts geholfen. Wüßte nicht, wie der fremde Monsieur dazu kommen sollte und was es helfen könnte!“

„Aber warum mag Sie denn den Hans nicht?“

„Geht Ihn nichts an!“ sagte sie schnippisch, indem sie ihm den Rücken zukehrte.

Der junge Mann aber, statt sich dadurch beleidigt zu fühlen, lachte vor Vergnügen und stand mit einer raschen Bewegung nun gerade wieder vor ihr.

„Geht mich nichts an! Das ist wahr, schöne Jungfer. Aber ich wüßte es doch gern. Warum mag Sie den Hans nicht?“

„Nun, wenn Er es doch durchaus wissen will, um es ihm wieder zu sagen: weil er mir nicht gefällt! Und jetzt ist es genug, – habe die Ehre, mich zu empfehlen, Monsieur.“

Sie machte ihm einen leichten schnippischen Knix, trat wieder in die Laube zurück und begann wieder geschäftig ihre kleinen Händchen zu rühren und die Bohnen zu schneiden und abzuziehen.

Der junge Mann schaute ihr einen Moment mit sichtlichem Vergnügen zu und hätte es vielleicht noch länger gethan, wenn nicht Meister Kleemann eben aus der Schmiede hervorgetreten und mit raschen Schritten zu ihm herangekommen wäre.

„Sucht Er mich, Monsieur?“ fragte der Meister mit einem stolzen Kopfnicken, wie es wohl einem ehrbaren Zunftmeister geziemt gegen einen jungen Menschen, der wahrscheinlich kommt, um Arbeit zu suchen.

„Ja, Meister Kleemann,“ sagte er, und es gefiel dem Meister gar nicht, daß der junge Mensch auch nur mit einem kurzen Kopfnicken antwortete und gar nicht ehrerbietig war. „Ja, ich suche Euch. Ich möchte bei Euch in die Lehre gehen.“

Meister Kleemann schaute mit verwunderten Blicken die lange, schlanke Gestalt an und schüttelte dann langsam den Kopf.

„Schnurriger Gedanke! – in die Lehre gehen! – Mir scheint, zu einem Lehrburschen seid Ihr schon zu sehr ausgewachsen. Wenn man so lang ist wie eine Bohnenstange, kann man keinen Sprenkel mehr abgeben.“

Der junge Mensch lachte laut auf. „Ihr erklärt mich für eine Bohnenstange. Ein allerliebster Gedanke! – Aber seht, die Bohnenstange hätte doch Lust, sich zu einem Sprenkel zusammen zu krümmen und bei Euch in die Lehre zu treten.“

Meister Kleemann zog die Augenbrauen zusammen und sah den Verwegenen, der mit lachendem Munde vor ihm stand, gar grimmig an.

[401] „Seid wohl schon drüben in der ‚rothen Birne‘ gewesen,“ fragte Meister Kleemann den jungen Menschen, „und habt Einen über den Durst genommen?“

„Nein, Meister, – ich habe noch gar nicht getrunken und es ist mein Ernst: ich möchte bei Euch in die Lehre gehen. Nicht als Lehrbursche, – ich möcht’ nur ein Bischen von Eurem Handwerk lernen, so ein paar Kunstgriffe. Ich möchte es verstehen, das glühende Eisen auf dem Ambos zu bearbeiten und einen tüchtigen Brettnagel zu schmieden. Wollt Ihr mich annehmen zu Eurem Lehrburschen? das heißt, verstehen wir uns wohl: ich komme alle Tage zwei Stunden in Eure Schmiede, Ihr lehrt mich ein Wenig von Eurem Handwerk und ich zahle Euch dafür die Stunde, so viel Ihr wollt.“

„Scheint ein unbändig reicher Monsieur zu sein,“ sagte der Meister mit etwas gemilderter Stimme. „Wozu wollt Ihr denn durchaus lernen einen Brettnagel zu schmieden?“

„Weil man auf der Welt so viel als möglich lernen muß, Meister, und weil es mir eben so gefällt. Ich habe in der Mark ein kleines Gut und das will ich später bewirthschaften. Und da ist es nöthig, daß man Alles kann und seinen Leuten mit gutem Beispiel voranzugehen vermag. Das sagte mein Vater immer, und ich bin ein guter Sohn und thue gern, was mein Vater sagt. – Habe ich da nicht Recht, Jungfer Cläre? man muß thun, was die Eltern von ihren Kindern verlangen.“

Jungfer Cläre antwortete nicht, sondern fuhr eifriger mit dem Schneiden ihrer Bohnen fort.

Meister Kleemann nickte aber gravitätisch. „Darin hat Er sehr Recht, und meine Tochter kann von Ihm lernen, daß Kinder ihren Eltern gehorsam sein müssen.“

„Nun, und wie steht’s, will der Meister mich lehren, einen guten Brettnagel zu schmieden?“

Meister Kleemann nickte gravitätisch. „Will’s Ihn lehren, schon darum weil Er’s lernen will seinem Vater zu Gefallen. Ja, Er kann alle Tage zwei Stunden zu mir kommen in die Schmiede. Aber, versteht Er mich wohl, nicht in dem Anzuge da! Wer in die Schmiede eintreten will und lernen, der muß als ein ordentlicher regulärer Schmied erscheinen – mit dem ledernen Schurzfell vor und ordentlich und adrett angezogen, wie ein Schmiedegesell bei der Arbeit. Hat Er einen Anzug bereit?“

„Nein, Meister, das nicht! Aber morgen soll er bereit sein. Und das verspreche ich Euch, Ihr sollt mit mir zufrieden sein; – versteht sich vorläufig, was meinen Anzug anbetrifft.“

„Und was gedenkt der Monsieur mir für die Stunde zu geben?“ fragte der Meister.

„Was Ihr fordert, Meister. Macht Euren Preis!“

„Nun,“ sagte der Meister nach kurzem Besinnen, „ich denke, vier Groschen für die Stunde wird nicht zu hoch gerechnet sein. Denn Er wird mir anfangs manches Stück Eisen verderben, daß man es wieder in die Esse legen wird.“

„Vier Groschen ist durchaus nicht zu viel,“ erwiderte der junge Mann ernsthaft. „Ich zahle es Euch mit Vergnügen, wenn ich nur etwas Tüchtiges lerne. Und ich kann dann so viel Stunden, wie ich Lust habe, in Euerer Schmiede sein? Wir berechnen die Stunden.“

„Ja, Monsieur, wir berechnen die Stunden, und wenn’s Ihm recht ist, bezahlen wir täglich.“

Der junge Mann lachte laut auf. „Aha! Ihr denkt, ich könnte Euch eines Tages davon laufen, ohne zu bezahlen. Da habt Ihr Recht, man muß immer vorsichtig sein. Wir bezahlen täglich, ehe ich aus der Schmiede und aus dem Garten hinaus komme, – denn ich darf doch zuweilen in Eurem Garten sein?“

„Nein!“ rief Cläre aus der Laube heraus, „nein, das darf Er nicht, Monsieur! Der Garten ist mein, und der Vater hat gar nichts darüber zu sagen, denn ich halte den Garten in Ordnung und es wäre mir gar nicht recht, wenn Er hinein käme. Ist so schon jetzt ohne Erlaubniß hier. Der Weg nach der Schmiede geht neben dem Zaune entlang und über den kleinen Seitenweg da.“

Der junge Mann trat zu der Laube hin, nahm seinen Hut ab und sich tief verneigend sagte er ehrerbietig: „Gnädiges Schloßfräulein von der Laube, ich bitte um Entschuldigung. Werde mich niemals wieder unterstehen, in das Allerheiligste einzutreten, ohne dazu Erlaubniß zu haben.“

„Ich denke, es wird wohl ein Komödiant sein,“ murmelte der Meister vor sich hin, indem er sein Lederkäppel ein wenig seitwärts auf das Haupt drückte und bedenklich zu dem jungen Mann hinüber schaute. „Sicherlich ein Komödiant, solche Leute haben manchmal verrückte Einfälle.“

Cläre dacht’s vielleicht auch, daß er ein Komödiant sei, denn es hatte in ihrem Leben ja noch kein Mensch so zu ihr gesprochen, und nur auf dem Theater, das sie einmal in Magdeburg gesehen, als sie hinüber gegangen mit dem Vater, nur da hatte sie einen Liebhaber so zu seiner Liebsten sprechen hören. Das war ein Räuber gewesen, der sich als Graf verkleidet und in’s [402] Schloß eingeschlichen hatte. An den mußte die Cläre denken, wie der junge Mann sich tief vor ihr verneigte und so ehrerbietig sprach. Aber es schmeichelte ihr doch und wider ihren Willen umspielte ein Lächeln ihre frischen Korallenlippen.

Er sah es, als er jetzt seine braunen Augen zu ihr emporhob, und er lächelte auch und nickte ihr zu, daß sie tief erröthend versuchte ernsthaft zu sein und es doch zu ihrem eigenen Aerger nicht konnte.

„Ihr erlaubt es doch, gnädiges Fräulein von der Laube, daß ich noch ein klein Bissel in dem Garten bleiben kann?“ fragte der junge Mann mit ehrerbietiger Stimme. „Die Levkoyen hier und der Goldlack duften gar so prächtig, und mir scheint, die Schmetterlinge, die hier so lustig um die Laube flattern, sind blos um Euretwillen gekommen und sind Eure verkleideten Pagen, welche Euch die Grüße von den Engeln im Himmel herniederbringen.“

„Jetzt ist es klar, er ist ein Komödiant,“ brummte Meister Kleemann, gravitätisch mit dem Haupte nickend. „Mau muß Acht haben auf ihn, denn solches Volk ist gar zu frech, und wer weiß, was er im Schilde führt. – Wie heißt Ihr denn, Monsieur? und bei welchem Namen soll ich Euch nennen und in das Buch eintragen?“

„In welches Buch?“ fragte der junge Mann sich rasch umwendend zu Meister Kleemann.

„Nun, in das Lehrbuch, in welches ich Jeden einzeichne, der bei mir in der Schmiede lernt, und dann muß ich Euch ja such anmelden bei der Hochlöblichen Polizei.“

„Glaub’ nicht, daß das nöthig ist,“ erwiderte der junge Mann rasch. „Ich wohne im Gasthof und habe bei dem Gastwirth mich schon legitimirt, und da will ich auch ferner bleiben. Was aber Euer Buch anbetrifft, so schreibt nur hinein: Ludwig Preuß.“

„Schön, Ludwig Preuß. Und woher?“

„Aus Berlin. Mein Vater ist Hausbesitzer.“

„Ich denke, Ihr habt ein Gut in der Mark?“ fragte der Meister ein wenig argwöhnisch.

Der junge Mann nickte. „Ein Bauergut in der Mark und ein Haus in Berlin.“

„Da müßt Ihr ja höllisch reich sein,“ sagte der Meister Kleemann kopfschüttelnd, „und es wundert mich wirklich, daß Ihr das Schmiedehandwerk erlernen wollt. Es würd Euch überdies schwer werden, Eure Hände sind so weich.“

„Sie werden schon hart und schwielig werden,“ lachte der junge Mann, „wenn ich den Hammer führe und die Zange in der Hand halte. Nicht wahr, Meister Kleemann? dafür ist keine Noth, sie werden schon schwielig werden. Es können ja auch nicht alle Hände so sein wie die von Jungfer Cläre, so rein, so appetitlich und nett.“

Und ohne weitere Umstände trat der junge Mann in die Laube ein, nahm die Hand des jungen Mädchens zu ihrem größten Schrecken in die seine und drückte einen Kuß auf dieselbe. Sie entriß sie ihm hastig.

„Scheint mir ein schöner Wildfang zu sein,“ brummte Meister Kleemann. „Man wird Acht auf ihn haben müssen und er soll mir nicht oft im Garten sein. Aber vier Groschen für die Stunde ist doch auch eine hübsche Sache, und man wäre ein Narr, wenn man es sich entgehen ließe von so einem Narren, wie der mir zu sein scheint.“

Am nächsten Morgen in der Frühe trat der junge Mann „im regulären Schlosseranzug“ in die Schmiede ein. Meister Kleemann betrachtete. ihn mit prüfendem Blick und dann nickte er. Es war allerdings nichts auszusetzen an dem Anzüge, nur daß er im Ganzen feiner, zierlicher und eleganter aussah, als es sich eigentlich für einen Schmiedegesellen geziemt. Das lange, graue Beinkleid war von feinem Stoff, das Schurzfell war funkelnagelneu, und wie es so fest um die Taille geschnürt war, sah man, wie schlank und stark und prächtig diese Taille war. Noch niemals war ein Gesell in die Schmiede gekommen mit einer so prächtigen Weste von dunkelbrauner Seide, die im Rücken gerade so mit Seide gemacht war, wie vorn aus der Brust. Und die Hemdärmel, die aus der Weste hervorsahen, waren so fein und so puffig und bauschig, wie man es auch im Leben von einem Schmiedegesellen noch nie gesehen hatte, und was das für eine Mähne von dunkelbraun lockigen Haaren war, welche das hübsche Angesicht und die rothen Wangen umgab, und wie klug die braunen Augen dreinschauten, so fröhlich und so muthig!

Es war ein Vergnügen, einen solchen Schmiedegesellen anzusehen, und dem Meister selbst lachte das Herz im Leibe, als der junge Mensch mit so frischer und so froher Miene zu ihm herantrat, ihm die Hand bot und ihm guten Morgen wünschte.

„Verdammt weich sind Eure Hände, Mosje Preuß,“ sagte der Meister kopfschüttelnd. „Es wird Euch wehe thun und Schwielen machen, wenn Ihr den Hammer in die Hand nehmt.“

„Es thut Manches wehe, wenn man’s zuerst angreift,“ sagte der junge Mann mit munterer Stimme. „Aber man gewöhnt sich auch an Alles. Gebt nur den Hammer her und lehrt mich, was ich zu thun habe.“

Die Gesellen mit ihren rußigen Gesichtern schauten anfangs wohl verächtlich drein auf den geschniegelten, feinen Mosje, der sich unterstehen wollte, Schlosser zu werden mit den weißen, feinen Händen und den feinen, weißen Hemdsärmeln dazu.

Freilich, Kraft genug konnte er wohl dazu haben, denn groß gewachsen war er und breit gebaut, und stark waren die Schultern, aber die Hände, die weißen Hände!

Es war doch ein Scandal, daß so ein Mensch glaubte, den Hammer führen und das Eisen schmieden zu können. Meister Kleemann schien indessen sehr bemüht um den Mosje, der als Lehrjunge in die Schmiede eingetreten war, denn ein Lehrjunge, nichts als ein Lehrjunge, konnte er doch sein. Er bedeutete dem Obergesellen, der seinen Platz neben dem Meister hatte, sich weiter hinten an den Ambos zu stellen, der sonst nicht gebraucht ward, und dem fremden Mosje, dem wies er den Ambos an. Die Gesellen thaten alle, als sähen sie ihn gar nicht, hatten alle die Blicke auf ihre Arbeit niedergesenkt und schmiedeten das glühende Eisen.

Es würde sie geärgert haben, wenn sie gesehen hätten, mit welchen frechen, lustigen Blicken der Mosje sie anschaute und wie er Gefallen zu finden schien an der rußigen Schmiede und an dem blutrothen Feuer in der Esse.

„Jetzt, Ludwig Preuß,“ sagte der Meister mit würdevoller Miene, „jetzt nehme Er sich zusammen, denn jetzt geht’s los. Sieht Er da die Stange im Feuer, die so roth ist?“

„Ich sehe sie, Meister, sie sieht aus, als hätte des Teufels Großmutter sie eben zum Umrühren ihres Kaffees gebraucht.“

Der Meister sah mit zürnenden Blicken zu ihm auf. „Hör’ Er, Ludwig Preuß, die Witze, die lasse Er hier, die kann Er draußen verschenken an den, der sie mag; in der Schmiede ist man hübsch ehrbar.“

„Werd’s mir merken, Meister!“ erwiderte Ludwig Preuß ganz ehrerbietig, „gebt mir die Zange, daß ich die Eisenstange nehme.“

Der Meister reichte ihm die große Riesenzange dar und Ludwig Preuß nahm sie mit kräftigem Griff und trat an die Esse heran. Da erschallte rings umher in der Schmiede ein lautes Gelächter.

„Ein netter Kerl, wahrhaftig. Kommt so großnasig hierher und weiß von nichts!“

Und wieder tönte das höhnische Lachen der Gesellen und Burschen, und sie hielten einen Augenblick an in ihrer Arbeit und im Hämmern und schauten über die Ambose gelehnt hin zu dem Kecken, der da an der Esse stand und sein lachendes Gesicht zu ihnen umwandte und gar nicht empört und beleidigt war von ihrem Lachen.

„Nun, was giebt’s, Ihr Jungens? Warum lacht Ihr mich aus?“ rief Ludwig Preuß fröhlich.

„Jungens?“ riefen die Gesellen, „wie kommt der Bengel dazu?“

„Still, Ihr Alle, still!“ gebot der Meister, „Und Er, Ludwig Preuß, verhalt’ Er sich still und mucks’ Er sich nicht! Die Kücken, die eben aus dein Ei gekrochen sind und noch die Eierschale auf der Nase tragen, die dürfen sich nicht mucksen.“

„Hochehrwürdiger Meister,“ sagte der junge Mann mit drolliger Miene, „halten zu Gnaden, bin ich ein solches Kücken mit der Eierschale auf der Nase?“

„Natürlich ist Er’s und ich will Ihm ’jetzt sagen, was Er für eine Dummheit gemacht hat. Wenn man das glühende Eisen aus der Esse holt, thut man’s nicht mit der rechten Hand, denn die hat den Hammer zu führen, man nimmt die Zange in die [403] linke Hand, sieht Er, so, und da packt man nun das Eisen, sieht Er, wie ich’s jetzt mache, und dann schwingt man’s auf den Ambos.“

Und der Meister hob mit kräftigem Arm die glühende Eisenstange mit der Linken aus der Esse, schwang sie durch die Luft, daß sie einen glühenden Kreis beschrieb, und legte sie nun auf den Ambos nieder.

„Jetzt fast Er an, Ludwig Preuß, hier ist der Hammer.“

„Schön, ich fasse an,“ sagte Ludwig Preuß und nahm die Zange, aber ließ den Hammer liegen, nahm mit der Zange die glühende Eisenstange, hob sie empor, ließ sie einen Kreis schwingen und legte sie wieder in die Esse.

„Was soll das bedeuten?“ fragte der Meister.

„Das soll bedeuten, Meister, daß, wenn man ein Werk thun will, man es auch zuerst angreifen muß mit eigener Hand,“ rief der junge Mann frohgemuthet, und nun faßte er mit der Zange die Eisenstange wieder empor, ließ sie, gleich dem Meister, einen glühenden Kreis schwingen, und da lag sie jetzt auf dem Ambos, und dann hob er den Hammer.

Die Gesellen, die vorher höhnisch zu ihm hingeblickt hatten und gedacht haben mochten, er würde das schwere Eisen nicht heben können, die sahen jetzt ganz ernsthaft drein und keiner wagte zu lachen.

„Was geschieht nun, Meister, was hat man weiter zu thun, um einen Brettnagel zu schmieden?“ fragte der neue Lehrbursche.

„Man nimmt den Hammer und bearbeitet das glühende Eisen links und rechts, daß die Funken fliegen, und macht es spitz.“

Und rechts und links, daß die Funken davon flogen, bearbeitete Ludwig Preuß das Ende des glühenden Eisens und machte es spitz. Dann schaute er zu, wie der Meister, der neben ihm stand und es auch so machte, das dünn zusammengeschlagene und gespitzte Ende der Eisenstange auf die kleine Schneide emporhob und mit dem Hammer darüber hieb, daß das gespitzte Ende hoch emporflog und dann wieder nieder.

„Jetzt die glühende Eisenstange rasch zurück in die Esse und schiebt mir den spitzen Nagel nun hinein hier in die kleine Maschine. So, und jetzt noch mit dem Hammer drei tüchtige Hiebe gethan, daß ein Kopf draus wird.“

Drei tüchtige Hiebe that Ludwig Preuß, und dann schlug er unten mit dem Hammer dagegen, daß der spitze Stachel herausfuhr, hoch aus der Maschine heraus und hinein in das Wasser, das daneben stand.

Meister Kleemann hob den langen, etwas schief gebogenen Nagel aus dein Wasserbehälter hervor und reichte das kleine, dampfende Ding dem neuen Lehrjungen dar.

„Das ist der erste Nagel, den Er geschmiedet hat,“ sagte er mit feierlicher Stimme, „den muß Er sich aufheben sein Leben lang, und ich will Ihm wünschen, daß Ihm kein Nagel im Kopf und Herzen und Gewissen stecken bleibt, sondern daß Er unvernagelt und gesund und frei aller Orten ist!“

„Dank Euch, Meister, für den schönen, prächtigen Wunsch!“ rief der junge Mann, nicht mit der Ehrerbietung in der That, welche ein solcher Kiekindiewelt dem Meister zollen mußte. „Dank Euch für den prächtigen Wunsch! Hurrah, ich hätt’ nun meinen ersten Nagel geschmiedet! Und der große Gott wird geben, daß es kein Nagel zu meinem Sarge wird. Das Ding gefällt mir unbändig, Meister, und ich sag’s Euch vorher, werd’ nicht eher ruhen, als bis ich einen tüchtigen Brettnagel nach allen Regeln der Kunst fabriciren kann.“

Einen, zwei und drei Nägel schlug nun der neue Lehrjunge mit kräftigem Arm und tüchtiger Faust zurecht, und die Gesellen verziehen ihm seine weißen, feinen Hände und die feinen, weißen Hemdsärmel dazu. War er doch sonst ein ganz tüchtiger Mensch, wie es schien, und es war ganz unmöglich, daß der nicht schon früher den Hammer geführt, denn ein Lehrling kann nicht einen so raisonnablen Brettnagel fabriciren.

„Wenn’s Euch recht ist, Meister,“ sagte nach einer Weile der junge Lehrbursche, da er ein halb Dutzend Nägel fabricirt hatte, „wenn’s Euch recht ist, so ruhe ich jetzt ein wenig, bin eben noch ein Schwächling im neuen Handwerk, und die jungen Cyklopen werden mit mir Nachsicht haben.“

„Was ist das?“ fragte der Altgeselle, der eben den Hammer erhoben hatte, um einen zierlichen Halbnagel zu fabriciren. „was ist das für eine Rede? Wie nennt er uns? Ich glaube, er will uns schimpfiren.“

„Um Gotteswillen, nein,“ lachte der junge Mann, „hofiren will ich Euch, aber ich bitt’ Euch um Vergebung, wenn Ihr mich falsch verstanden habt. Ich meinte mir, ich hätte nicht so starke, kräftige Glieder, und bin nicht so anstellig, wie Ihr, aber Ihr dürft mich deshalb nicht verachten und Ihr müßt mir schon vergönnen, daß ich auf gute Cameradschaft heute mit Euch trinke. Ihr erlaubt doch, Meister, daß ich die hochlöblichen Gesellen und den Meister selber heut’ Abend einlade zu einem kleinen Abendbrod in der Herberge.“

Der Meister nickte gravitätisch, und die Gesichter der Gesellen nahmen einen freundlicheren Ausdruck an.

„Ich sehe, er weiß, was der Brauch ist,“ sagte der Meister, „und wir kommen und nehmen den Imbiß an in der Herberge.“

„Und ladet mir noch ein paar andere Meister und Gesellen ein,“ sagte Ludwig Preuß und seine Stimme klang gebieterisch, aber sie hörten’s gern jetzt, denn eine Einladung kann schon gesagt werden in welchem Ton sie will, sie klingt immer recht hübsch, „ladet mir noch ein paar andere Meister Eures Gewerkes dazu.

Auch wär’s gar nicht so übel, wenn Ihr ein paar hübsche Mädchen einlüdet, daß wir lustig sein und tanzen können.“

Die Gesellen ließen alle wie auf Commando mit einem lauten Gedröhn die Hämmer auf den Ambos niederfallen und schauten erschrocken und belustigt zu dem jungen Mann hin.

Das war unerhört in der ganzen Schmiede. Ein eben eingetretener Lehrjunge untersteht sich zu sagen, daß man hübsche Mädchen soll in die Herberge einladen!

„Das heißt, Er will einen Ball geben?“ fragte Meister Kleemann ganz erschrocken.

„Natürlich einen Ball,“ erwiderte der junge Mann; „wenn keine Mädchen dabei sind, ist’s langweilig, und unter uns können wir nicht tanzen.“

Aber der Meister schüttelte den Kopf. „So rasch macht sich das Ding nicht. Man fällt nicht aus den Wolken herunter und sagt zu den ehrsamen Frauen und Töchtern des Gewerkes: ,Kommt heut’ Abend und tanzt!’ Das muß fein sittsam gemacht werden, und dann geht’s heut’ nicht, dann müssen wir warten bis übermorgen.“

„Nun, so laßt uns warten bis übermorgen mit dem Ball, und heute Abend lade ich Euch Alte zum Imbiß ein.“

Das war erstaunenswürdig, man hatte nie dergleichen gehört. Wer konnte wissen, was das für ein Monsieur war? Meister Kleemann sagte zu sich selber: „Ein Schauspieler ist’s nimmermehr, denn die Kerls haben nie Geld und sind immer so pauvre, und der scheint Geld zu haben. Gleichviel was er ist, wenn er zahlt, ist’s gut, und das muß er in der Herberge.“ –

Die Cläre saß heut’ wie gestern in ihrer Laube im Garten, es war nichts Auffälliges dabei, sie saß da alle Tage, denn sie liebte die Blumen, das Grün und die frische Luft, und sie konnte da so gut wie in der Küche die Kartoffeln schälen und das Gemüse herrichten und konnte nachher noch dort sitzen und arbeiten und nähen, es war kein Zeitverlust und es arbeitete sich viel schöner in der lieben Gottesluft, als in der dumpfen Stube.

Aber die Cläre sang heute nicht und es schien, als lausche sie gar aufmerksam nach den Stimmen, welche aus der offenen Thür der Schmiede herausklangen.

Sie hatte ein feines Ohr, sie hörte, wie der junge Fremde davon sprach, daß auch Mädchen geladen werden sollten und Frauen, und daß er einen Ball geben wollte in der Herberge.

„Ich will nicht hingehen, ganz gewiß nicht,“ sagte sie leise zu sich selber, „er ist ein gar zu übermüthiger Mensch, wie mir scheint; ich will nicht hingehen!“

Und wie sie’s eben gedacht hatte, da trat ganz keck und übermüthig der junge Fremde an die Laube heran.

„Schön Clärchen, darf ich eintreten einen Augenblick?“

Sie schrak zusammen und senkte ihren Kopf nieder auf ihre Arbeit und dachte wohl, er sollte nicht sehen, daß sie dunkelroth geworden war.

„Wenn’s der Vater erlaubt hat, daß Er in den Garten kommen kann, so hab’ ich nichts dagegen,“ sagte sie.

„Und so darf ich eintreten?“ Er wartete gar nicht die Antwort ab und war schon eingetreten in die Laube und hatte mir nichts dir nichts auf der Bank gegenüber, auf der andern Seite [404] des kleinen Tisches, schon sich niedergelassen. Recht ängstlich ward der Cläre einen Augenblick zu Muth und ihr Herz klopfte so närrisch, wie es nie zuvor geklopft hatte. Aber das war eine Dummheit, und man muß sich zusammennehmen.

Sie hob rasch den Kopf empor und blickte auf, und dann zuckte sie zusammen, denn die großen braunen Augen ruhten auf ihr mit einem so leuchtenden Glanz, und das Lächeln, mit dem er sie ansah, war gar so keck und doch so angenehm!

„Jungfer Cläre,“ fragte er sie mit freundlicher, sanfter Stimme, „Jungfrau Cläre, ist’s noch immer so und bleibt’s dabei, will Sie dem Hans noch immer nicht Pardon geben und ihm wieder gut sein?“

„Pardon geben, davon ist gar nicht die Rede, Monsieur,“ sagte sie lebhaft, „er hat nichts verbrochen, er ist ein guter Mensch, der Hans!“

„Nun, und warum liebt Sie ihn nicht mehr?“

„Was geht’s Ihn an? Er ist nicht mein Beichtvater, Monsieur!“

„Ich wollt’, ich wär’s, Cläre! Was für süße und unschuldige Geheimnisse würden das wohl sein, die von diesen Rosenlippen tönten!“

Wie er das sagte, faßte er ihre Hand und drückte sie in der seinen, und es fuhr ihr wie ein Schauer durch den ganzen Körper. Sie wollte die Hand zurückziehen und konnte es doch nicht, obwohl er sie gar nicht so fest hielt und nur ganz leise, ganz sanft sie drückte.

„O Cläre, laß mich wissen von Deinen süßen, holden Geheimnissen, und sag’ mir, liebst Du den Hans nicht, liebst Du einen Andern?“

Ihr liebliches Gesicht war auf einmal wie mit Purpur übergossen. „Was das für närrische Fragen sind, Monsieur!“

„Sag’ mir’s, Cläre, möcht’s gar so gerne wissen, möcht’ aus tiefstem Seelengrund Dich bitten – liebst Du einen Andern, Cläre?“

Das war doch zu frech und zu stark, dabei mußte man doch bös werden und den kühnen Monsieur auszanken, daß er so etwas ein ehrsames Mädchen zu fragen wagte!

Sie zog die leicht geschwungenen Augenbrauen zusammen und schaute zu ihm herüber und sah, wie seine Blicke glühend und flehend zu ihr hingewandt waren, und es ging wieder ein Schauer über ihren ganzen Körper.

„O Cläre, holdselig Kind, so sag’ mir’s doch, liebst Du einen andern Mann?

„Nein,“ sagte sie ganz leise und beinahe wider ihren Willen, „nein, ich liebe keinen auf der Welt!“

„Und hast noch nie geliebt, schönes Clärchen?“

„O, sicherlich! Ich liebe den Vater und die Mutter und meine zwei kleinen Brüder auch; was soll’s noch weiter?“

„Das ist nicht Liebe, Cläre; das ist nur Gutsein! Hast das nie gehört, Du süßes Kind? Weißt Du nicht, daß Liebe ganz etwas Anderes ist, als wie man Vater und Mutter und Geschwister liebt?“

„Nein, wirklich,“ flüsterte sie beklommen und halb sich von der Bank erhebend, „das hab’ ich nie gehört und will’s auch nicht hören!“ fuhr sie dann mit kecker Stimme hastig fort, indem sie aufsprang, „und Ihr sollt mir’s auch nicht sagen, sonst geh’ ich hin und sag’s dem Vater, daß Ihr ein gar übermüthiger Herr seid!“

„Still, Cläre, still; will’s nicht mehr sagen, wenn Du nichts hören willst. Aber denk’ mir, Cläre, der arme Hans hat mich hergeschickt und hat mich gebeten, ich soll für ihn flehen; er ist ein gar so guter, armer Bursche, er grämt sich so.“

„Ich bitt’ Euch, sagt nichts davon dem Vater, denn sonst schilt er mich und wird sehr böse!“

„Um Alles in der Welt nicht, Cläre, möcht’ ich, daß der Vater auf Dich böse wird! Werde ihm nichts sagen. Aber Dir muß ich’s sagen, er hat bitterlich geweint über Deinen Brief!“

„Ihr wißt von meinem Brief?“ fragte sie erschrocken.

„Ich weiß davon, Cläre; er kann ja nicht lesen, der arme Bursch, ich mußt’ ihm den Brief vorlesen!“

„Es ist wahr,“ sagte sie schnippisch, „er kann nicht lesen, er ist ein gar so gutmüthiger dummer Mensch! Und jetzt begreift Ihr wohl, warum ich den Haus nicht heirathen will; er kann nicht lesen und nicht schreiben!“ Und mit neu gewonnenem Muth lachte sie laut auf und sprang aus der Laube heraus in den Garten.

Sofort war Ludwig Preuß an ihrer Seite.

„Eines noch hab’ ich vergessen, holdseligste Jungfer Cläre!“

„Was denn? ich bitt’ Euch, verschont mich mit dem Monsieur Hans, und wenn er Euch etwas aufgetragen hat, so behaltet’s für Euch, ich mag nichts von ihm hören! Hab’s schon lange gewußt, daß ich ihn nicht mag zum Heirathen, aber ich konnt’s ihm doch nicht in’s Gesicht sagen!“

„Wie gut Ihr seid, Cläre, Ihr mögt Niemand in’s Gesicht sagen, was ihn schmerzen könnte! Das lob’ ich, Jungfer Cläre!“

„Seht einmal!“ rief sie mit einem stolzen Blick zu ihm aufschauend, „der Mousieur lobt mich! Wer giebt Ihm denn ein Recht dazu? Wer hat’s Ihm erlaubt, daß …“ Sie verstummte, denn es war ihr Blick dem seinen begegnet und er schlug wie ein Blitz in ihr Herz ein; sie senkte die Augen nieder.

„Wer’s mir erlaubt hat, Jungfer Cläre? Mein Herz hat mir’s erlaubt!“ Das hatte er ganz leise gesagt, und nun fuhr er lauter fort: „Eines noch hab’ ich vergessen, Jungfer Cläre, wollte nur die Ehre geben, Euch und die Frau Mutter zu einem kleinen Ballfest einzuladen, das wir übermorgen in der Herberge anstellen wollen, und ich bitt’ Euch, mir auch die Ehre zu geben, an diesem Abend meine Tänzerin zu sein.“

Sie erröthete vor Vergnügen und machte einen leichten, kleinen Knix. „Dank’ Euch, Monsieur; wenn der Vater nichts dawider hat, nehm’ ich’s an.“

„Ich kam zu Euch mit Bewilligung des Meisters, Eures Vaters, und wenn’s Euch recht ist, führt mich jetzt zur Meisterin, daß ich auch ihr mein Compliment mache.“

Die Cläre knixte wieder und sagte, sie wolle ihn zur Mutter führen. Und er, mit einer leichten, zierlichen Verbeugung, bot ihr den Arm.

„Um Gottes willen, Monsieur, was fangt Ihr an? Es ist nimmer erhört, daß eine ehrsame Bürgerstochter Arm in Arm mit einem Mannsbild gehe!“

„Dann bitt’ ich um Vergebung, ich wußte das nicht!“

Er machte eine Verbeugung vor ihr und ging nun neben ihr dahin, die lächelnd und niedergeschlagenen Auges an seiner Seite trippelte. Er sah gar stolz und prächtig aus, sein jugendliches, edles Antlitz strahlte vor Freude und aus seinen Augen flammte die ganze Lust, der ganze Uebermuth der Jugend!

Die Frau Meisterin schien sehr geschmeichelt von der Einladung des fremden jungen Mannes und knixte und lächelte und nahm sie dankend an. Und dann mit einer Verbeugung, die so zierlich und so ehrerbietig war, daß die Frau Meisterin beinah’ davor erschrak, entfernte sich der junge Mann.

„Cläre,“ sagte die Meisterin, „ist das der junge Mann, von dem Du mir erzählt hast, daß er ’s Schmiedehandwerk lernen will?“

Die Cläre nickte und sagte nichts; es war ihr so beklommen, als ob ihr das Herz zugeschnürt wär’.

„Weißt Du, Cläre,“ fuhr die Frau Meisterin fort und schaute starr nach der Thür hin, hinter welcher er verschwunden war, „weißt Du, ich hab’ mein Lebtag nicht einen so hübschen Mann gesehen; aber ’s kommt mir gar nicht vor, als ob das ein richtiger Schmied werden könnte!“

„Und warum nicht?“ fragte Cläre beklommen.

„Ich hab’ mal wo gelesen,“ sagte die Meisterin, „ein Märchen vom verzauberten Engel Gabriel, den der liebe Gott auf die Erde geschickt hatte, damit er lernen solle, wie die Menschen es treiben. Er war in ein ganz gewöhnlich Menschenkind verzaubert und doch merkte ’s ihm Jeder gleich an, daß es was ganz Apartes mit ihm sein müßte, und Jeder witterte den Engel hinter dem Menschenkind. Und just so kommt mir der fremde Mousieur vor, Cläre!“

Die Cläre lachte laut auf, aber es klang nicht so natürlich und nicht so froh, wie sie sonst zu lachen pflegte. „Mutter, Märchen passiren nicht mehr in der Welt und sind nicht Wirklichkeit! Die Hauptsache ist, der junge Mann hat uns zum Ball eingeladen auf übermorgen, und nun sag’ mir, Mutter, was für ein Kleid zieh’ ich an dazu?“

[417] Cläre überlegte lange, was sie für ein Kleid zum Ball anziehen solle, und suchte in den Truhen nach dem weißen Zitzkleide mit den bunten Blumen, welches die Frau Pathe im vergangenen Jahre der Cläre zu ihrer Einsegnung geschenkt hatte. Das Kleid mußte noch ein wenig mit Schleifen aufgeputzt werden, und dann war’s ein richtig Ballkleid. Und durch die langen goldenen Zöpfe, die, fest geflochten, doch fast wie ein Arm dick über den Nacken der Cläre hingen, da wollte man auch so ein paar rothe Bänder flechten, dann war’s ein schöner Staat zum Ball. Für die Mutter hatte es keine Noth, das Hochzeitskleid von blauem Tuch lag sorgfältig zusammengewickelt in der Truhe und nur an Ehrentagen ward’s hervorgeholt. Das Hochzeitskleid war noch wie neu, und übermorgen konnte die Frau Meisterin damit paradiren auf dem Ballfest. Aber die große Flügelhaube mit den weißen Spitzen und den langen Bändern, die freilich muß noch hergerichtet und in Ordnung gebracht werden. Und das ist der Cläre ihre Arbeit, die versteht prächtig die Flügelhauben und die Kragen zu waschen und zu plätten, ist wie eine richtige Putzmacherin, und bis übermorgen ist eine lange Zeit, da kann man noch gar schön Alles einrichten und vorbereiten.

Am Abend fand in der Herberge die Mahlzeit statt, zu welcher Ludwig Preuß den Meister mit seinen Gesellen eingeladen, indem er sie gleichzeitig beauftragt hatte, noch ein paar Andere mitzubringen.

„Ein richtiges Dutzend muß es sein,“ hatte Ludwig Preuß zu dem Altgesellen gesagt, als der ihn fragte, wie viel er noch einladen sollte, „ein richtiges Dutzend, und wenn ein Paar darüber sind, schadet’s auch nichts.“

„Und Ihr wollt bezahlen für so viele Menschen?“ fragte der Altgeselle ganz ehrfürchtiglich.

Ludwig Preuß nickte. „Ja, ich will bezahlen, so viel Ihr nur essen und trinken mögt, und Ihr sollt Euch nicht geniren, denn ich habe mir von meinem Vater expreß etwas Geld geben lassen zu dem Einweihungsschmaus, und es soll mich freuen, wenn’s schmeckt und Ihr fidel seid!“

„Nun, das wird keine Sorge haben,“ schmunzelte der Altgeselle, „fidel wollen wir schon sein, denn das kann man schon, wenn man’s umsonst hat.“

Und wahrhaftig, sie waren fidel, die ehrsamen Zunftmeister und Gesellen. An der langen Tafel saßen sie da, und drüben an der Seite neben dem Meister Kleemann saß der Mosje Ludwig Preuß und schaute so vergnügt und lustig um sich, als wär’s ein absonderlich Fest heut’, und schien sich gar köstlich zu amüsiren, wie jetzt beim Bierkrug der Altgeselle ein lustig Schmiedelied anstimmte und die Anderen dann im Chor einfielen und mit den blechernen Deckeln der Krüge den Schmiedetact dazu schlugen, als ob die Hämmer auf den Ambos fielen.

„Das klingt gar prächtig,“ sagte er vor sich hin, „das muß ich nur heut’ Abend noch aufschreiben, es ist ein frisches, urkräftiges Lied, das Niemand empfinden kann, wenn er’s nicht gehört hat.“

„Jetzt singt uns ein Lied, Ludwig Preuß!“ rief der Meister, als das Schmiedelied beendet war, „singt uns ein lustiges, flottes Lied, denn ich denke mir schon, Ihr wißt was davon und kennt recht die Lieder der neusten Mode; kommt ja aus Berlin, und da giebt’s übermüthiges Volk, das allerlei Neues weiß, was wir ehrsamen Leute in der kleinen Stadt Burg nimmer gehört haben; singt uns ein neues Lied!“

Ludwig Preuß blickte mit gar lustiger Miene um sich her und ganz leise sagte er zu sich selbst: „Ist’s nicht, als ob wir hier in Auerbach’s Keller wären, und wär’s nicht allerliebst, wenn ich die Scene aus dem Keller dem lieben Goethe zu Ehren hier in’s Leben setzte? Ich wünschte, er wäre dabei, Meister Goethe, er würd’ seine Freude daran haben!“

„Ludwig Preuß, singt uns ein Lied, ein lustiges Lied!“ schallte es wieder. Und da stand er auf, nahm den Bierkrug in die Hand, that einen tüchtigen Zug und neigte sich züchtig und fein zu beiden Seiten hin.

„Wenn’s die Herren befehlen, so sing’ ich ein Lied nach der neusten Mode, wie man es jetzt in Berlin liebt.“

„Das Lied wollen wir hören,“ riefen die Meister und Gesellen und schlugen mit den Deckeln auf ihre Krüge ein.

Und Ludwig Preuß hob das Glas empor und begann mit lauter, kräftiger Stimme:

„Es war einmal ein König,
Der hatt’ einen großen Floh.“

Da lachten die Gesellen und Meister unbändig und begleiteten das ganze Lied mit ihrem brüllenden Lachchor. Die ganze Nacht hindurch dauerte das Gelage, und als beim hereinbrechenden Morgen man sich heimbegab, da schwuren die Zunftmeister wie die Gesellen, daß man niemals einen prächtigeren, fideleren Menschen und einen flotteren Gesellen gesehen habe, als den Mosje Ludwig Preuß.




[418]
3. Das weiße Kleid.

Die Nacht vor dem Balle hatte die Cläre gar nicht geschlafen. Warum nicht? Sie konnte es nicht sagen und wußte es selber nicht. Es war nur die Freude und Erwartung, denn gewiß wird’s ein prächtiges Fest, und sie erröthete, als sie das dachte; – und der hübsche Schlossergesell, der Ludwig Preuß, wird gewiß mit ihr tanzen, mehr als einmal vielleicht. Der Vater ist ja ganz entzückt von ihm; nie hat’s einen prächtigeren Menschen gegeben und ein pfiffigeres Blut, als wie der gewesen ist gestern Abend auf dem Schmaus.

„Die Zunftmeister sind alle entzückt von ihm, und die Gesellen glotzen ganz wüthig hinter ihm her,“ hat der Vater gesagt, „denn sie wissen, daß es keiner mit ihm aufnehmen kann.“

„Nein, wirklich keiner,“ sagte die Cläre leise zu sich selber, und dann lachte sie, als sie an den Hans dachte, der sich einbilden konnte, sie heirathen zu wollen – sie! – „Ja, wenn er wäre wie der Ludwig Preuß. Aber es giebt nicht viele wie der, und der – nun, der wird schon längst ein Liebchen haben. Ist so reich, und Schlosser ist er ja auch nur zum Vergnügen. Wie lange wird’s dauern, und dann kann er einen Brettnagel schmieden. Adieu, adieu dann! – ’s wird Niemand ihm nachweinen. Ich nicht!“ sagte Cläre ganz laut und sprang aus dem Bett, um sich anzukleiden.

Sie wollte das buntgeblümte Zitzkleid noch plätten und die Schleifen recht schön daransetzen zur Verzierung. Und eigentlich wäre es hübsch, wenn man zwischen die Schleifen immer ein paar Blumen setzte. Natürliche Blumen, – so ein paar Veilchen und Stiefmütterchen, wie sie unten im Garten auf ihrem Beet hat.

Sie ging hinunter und theilte ihrer Mutter mit ehrbarer Miene diesen Gedanken mit. Und die nickte und gab ihre Einwilligung dazu. Und Cläre trank nun hastig zum Morgenimbiß ein Glas Milch, und dann ging’s hinaus in den Garten.

Die Sonne schien prächtig und ließ die Thautropfen in allen Blumen wie Brillanten erglänzen.

„Ja, wenn die Brillanten sich halten wollten bis zum Abend, das würde prächtig aussehen, diese Blumen mit den Brillanten.“ Und doch that es der Cläre leid, wie sie sich nun neigte und die schönen Stiefmütterchen, die so ernst und kokett sie anschauten, von ihren Stengeln brach. „Aber es muß sein, Cläre muß heute Abend schön aussehen!“

Die Blumen sammelte sie in ihrer Schürze, legte sie sorgfältig eine auf die andere, als würde sie ihnen wehe thun, wenn sie so durcheinander geworfen würden, und dann trippelte sie, die Zipfel der Schürze vorsichtig haltend, in die Laube hinein.

Und nun auf einmal schrie sie laut auf und ließ vor Erstaunen die Zipfel fallen, daß alle Blumen aus derselben vor ihren Füßen niederfielen.

„O je, – o Gott, – was war denn das?“

Da lag auf der Bank, wo sie immer zu sitzen Pflegte, ausgebreitet ein weißes Kleid mit Rosenbouquets unten am Saum verziert und dazu eine lange, rothe Schleife mit einem Gürtel daran. „O je, wem könnte das Kleid gehören?“

Ein Zettel stak daran, und um ihn zu lesen, schritt Cläre, nicht achtend der Blumen, die zu ihren Füßen lagen, über sie hin, und zertrat sie alle, die schönen, armen Blumen. Den Zettel, den vor allen Dingen mußte sie lesen.

Und als sie es that, da ward ihr Antlitz ganz dunkelroth und dann erblaßten die Wangen wieder und ein Zittern durchflog ihre Gestalt.

Auf dem Zettel stand: „An Jungfer Cläre. Zum Ballfest heut’ Abend.“

Von wem konnte das Kleid kommen? Wer hat daran gedacht, es ihr zu geben, wer hat ihr diese Freude bereitet – wer? Sollte es der Vater gewesen sein? Nein, Väter denken nicht an so etwas und machen keine Ueberraschungen. Die Mutter sicherlich auch nicht, denn die meinte ja, das Zitzkleid wäre so schön, und ganz unnöthig wäre es, ein neues anzuschaffen. Wer kann es gegeben haben? So fragte sie mit den Lippen, aber in ihrem Herzen tönte es laut und freudig: Er hat es gethan – er! –

Sie stieß das Kleid zurück. „Ich will’s nicht tragen, nein! Meister Kleemann ist reich genug, um seiner Tochter ein neues Kleid zu schenken, wenn’s nöthig ist. Es braucht’s nicht, daß ein fremder Mann hierher kommt und Meister Kleemann’s Tochter Kleider schenkt. Sie kennt ihn ja gar nicht, will’s nicht annehmen von ihm.“

Aber hübsch war es doch, das Kleid, von geblümtem Mull, und unten die Rosenbouquets so allerliebst. Kein Mädchen wird auf dem Ball sein mit solch’ einem Kleide, und sie werden sie Alle beneiden, Alle. Wie schade, daß gerade der fremde Mosje es ihr gegeben hat! Es ist unmöglich, sie kann’s nicht annehmen und sie will’s auch nicht.

Keinen Blick mehr warf sie auf das Kleid, sprang, ohne die Blumen zu beachten, aus dem Garten fort und hin zu ihrer Mutter und erzählte ihr die seltsame Mähr. Und dann gingen sie Beide zum Vater, der in der Schmiede war, und sagten es ihm auch.

Und der sagte: „Ich habe es wahrhaftig nicht gethan, da drauf kannst Du Dich verlassen, Cläre.“

„Und wer kann es denn sonst gethan haben?“ fragte die Mutter. „Wem kann’s einfallen, ein so prächtig Kleid der Cläre zu schenken? Wir wollen es doch ansehen, Vater.“

Er legte den Hammer hin, und die beiden Alten gingen in die Laube, und Cläre hüpfte ihnen voran und holte das Kleid hervor und hielt es triumphirend in die Höhe.

„Seht nur, seht, wie prächtig das ist!“

Die Mutter schrie laut auf vor Entzücken und hockte sich nieder neben dem Kleid, das Cläre hoch in die Luft hielt, und betrachtete es aufmerksam und ganz andächtig. Und der Vater stemmte die Hände in die Seiten, sah es auch an und schüttelte das ehrwürdige Haupt.

„Es sieht aus wie ein Brautkleid, Cläre, und weißt Du, was ich mir denke: Hans hat es geschickt aus Magdeburg. So ein Ding wie das da ist nicht hier in Burg gemacht; es wird es Jeder wissen, daß es von auswärts gekommen, und darum behaupte ich, der Hans hat es Dir aus Magdeburg geschickt.“

„Nein, das ist nicht wahr!“

Und bei dem Gedanken schon ließ sie das Kleid los, und es wäre zur Erde gefallen, wenn die Mutter es nicht sorgsam festgehalten hätte.

„Das ist nicht wahr! Hans denkt nicht daran, mir ein solches Kleid zu schenken, und wenn er es gethan hat, nehme ich es nicht an, ich mag’s nicht!“

„Was das nun für dumme Gedanken sind: Wenn er es gethan hat, nehme ich es nicht an! Der Hans ist Dein Bräutigam!“

„Nein, Vater, das ist er nicht, und Geschenke nehme ich nicht von ihm an!“

„Er ist Dein Bräutigam!“ rief der Alte heftig.

Aber die Mutter legte ihm die Hand auf die Schultern und flüsterte ihm zu: „Laß sein, Alter. Du weißt, sie ist störrisch. Es wird sich schon geben, wenn die Wohnung hergerichtet ist und Alles vorbereitet. Dann werden wir sie schon zur Raison bringen; laß sie nur.“

„Glaubst Du es auch, Mutter?“ fragte Cläre. „Glaubst Du es auch, daß mir Hans das Kleid geschickt hat?“

Sie nickte. „Bin überzeugt davon. Es wird sich sonst auch Keiner unterstehen und herausnehmen, Dir ein Kleid zu schicken. Hans hat es gethan.“

„Dann thut es mir leid,“ sagte Cläre achselzuckend, „ich ziehe das Kleid nicht an, und übrigens gefällt es mir auch gar nicht! Mein Zitzkleid mit den Blumenbuquets ist viel hübscher als das. Ich habe es von dem Vater, und was mir der Vater schenkt, ist mir lieber, als was mir Hans schenkt. Ich ziehe mein Zitzkleid heute Abend an und putze es schön aus mit Blumen.

O je, die schönen Blumen! Seht, Mutter, da liegen sie an der Erde! Ich hatte sie mir gepflückt, und vor Schreck habe ich sie fallen lassen und habe darauf getreten. Arme, kleine Blumen, ihr wäret so schön und sahet so lustig drein!“

Sie kniete nieder neben den Blumen und hob sie auf mit so trauriger Miene, als wenn es Leichen wären und sie über Todte jammerte. Sie blieb neben ihnen sitzen und legte sie dann auf den Tisch, um noch von ihnen ein paar herauszusuchen, die nicht gar zu schlimm zertreten waren.

„Wie leid es mir thut!“ sagte sie vor sich hin und merkte es gar nicht, daß die Alten fortgegangen wären, wieder in’s Haus hinein, und daß die Mutter das schöne Kleid mit fortgenommen hatte. Sie dachte nur an ihre Blumen, und Manches ging ihr dabei durch den Sinn. Und an sich selber dachte sie. So geht’s wohl [419] manchem Mädchen, es wird gepflückt zum Staat und gleich nachher unter die Füße getreten, daß nichts von all’ der Schönheit mehr übrig bleibt.

„Mir soll es nicht so gehen! Nein, mir nicht!“ rief sie keck. „Ich will mich nicht pflücken lassen einem Andern zum Plaisir, um dann weggeworfen zu werden!“

Wie kam sie nur zu der Betrachtung, und was ging ihr durch den Sinn, daß sie an so etwas nur denken mochte?

„Wie sind wir doch grausam, wir Menschen!“ sagte sie dann kopfschüttelnd und nahm das schöne Stiefmütterchen, das traurig das Köpfchen senkte, nahm’s und preßte es an ihre Lippen. „Du arme Blume, habe ich dir weh gethan?“

„O Jungfer Cläre, wie beneidenswerth ist die Blume, und ich möchte, ich könnte an ihrer Stelle sein!“

Sie zuckte zusammen und sah sich um. Da stand der Ludwig Preuß hinter ihr. Nicht im Schmiedeanzug heut’, denn es war Sonntag und Kirchenzeit; da wird nicht gearbeitet, das ist der Gottestag. Es war der Ludwig Preuß im Sonntagsrock, und prächtig sah er aus. Es war derselbe Anzug, in dem sie ihn zuerst gesehen und den sie nicht vergessen hatte.

„Gott grüß Euch, Jungfer Cläre.“

Sie nickte stumm und raffte hastig ihre Blumen zusammen. „Was wollt Ihr mit den häßlichen zertretenen Dingern, Jungfer Cläre?“ fragte er und trat vorwärts.

Sie stand am Eingang der Laube, und es machte sich nicht anders, sie mußte eintreten in dieselbe, denn er kam hinter ihr und drängte sie fast hinein. Es war ihr so schwach in den Füßen und nur darum setzte sie sich auf die Bank nieder, und gleich nahm er Platz dicht neben ihr.

„Mosje Ludwig Preuß,“ sagte sie, auf die zertretenen Blumen hinschauend, „ich will Euch etwas sagen: Es schickt sich nicht, daß Ihr Euch so neben mich setzt. Wenn Jemand draußen vorüberginge und es sähe –“

„Nun, was dann?“ fragte er, da sie verstummte. „Was meint Ihr, was der Jemand sagen würde? Meint Ihr nicht, daß der sagen würde: das ist ein Liebespaar, und die Jungfer Cläre, die sonst so spröde, so stolz und schnippisch ist, hat, wie es scheint, sich einen Liebsten angeschafft. Meint Ihr nicht, Jungfer Cläre, daß sie das sagen würden?“

Sie hatte gesenkten Blickes ihm zugehört und nun schwieg sie einen Moment.

„Ja,“ sagte sie dann rasch das Haupt erhebend, „ja, das würden sie sagen. Und das will ich nicht, und darum, Mosje Ludwig Preuß, setze Er sich drüben auf die Bank nieder.“

Er stand auf und that, wie sie es ihm befohlen, setzte sich ihr gegenüber auf die Bank, und der Tisch mit den verwelkten Blumen war zwischen ihnen. Und die nahm er auf, hielt sie in der Hand und ließ sie dann, eine nach der andern, auf den Tisch niederfallen.

„Möcht’ wissen, wer so grausam gewesen ist, die armen Dinger zu zertreten. Ich könnt’s nimmer thun, Jungfer Cläre, könnt’ niemals eine Blume, die ich gepflückt, so achtlos niederfallen lassen und unter meine Füße treten.“

Da zuckte die Cläre zusammen und die Gedanken fuhren ihr wieder durch den Sinn, die sie vorhin gehabt.

Hatte er die Gedanken auf ihrem Angesicht gelesen, und war es deshalb, daß die großen braunen Augen, die so funkelten wie Sterne und so leuchteten wie die Sonne, daß die auf sie gerichtet waren? und war es deshalb, daß er lächelte?

„Wer hat es gethan, Jungfer Cläre?“

„Ich habe es gethan,“ sagte sie barsch, „und es hat Niemand drüber zu reden, es sind just meine Blumen! Ich hatte sie gepflückt, und dann nachher hatte ich einen Schreck und ließ die Blumen fallen und trat auf sie, nicht um ihnen wehe zu thun, nur weil ich im Schreck nicht daran gedacht.“

„Und so stirbt manche Blume, Cläre,“ sagte er lächelnd.

„Kennst Du nicht das schöne Lied vom großen Meister Goethe? Das Lied vom zertretenen Veilchen?“

Sie schüttelte das Haupt und sah ihn an und fragte nach dem Lied.

„Soll ich’s Euch sagen, Jungfer Cläre?“

Sie bat darum. Wenn er es auswendig wüßte, möcht’ er’s sagen, sie höre gar zu gern hübsche Lieder.

Da nickte er, und mit halblauter Stimme begann er das schöne Lied vom zertretenen Veilchen:

Ein Veilchen auf der Wiese stand
In sich geblickt und unbekannt –
Es war ein herzig Veilchen etc. etc.

Sie schaute zu ihm hin mit den großen blauen Augen, athemlos, ganz gespannt auf seine Worte, schaute ihm tief in das Angesicht, tief in die braunen Augen. – Still war es um sie her, ganz still.

Die Blumen standen auf ihren Stielen hoch aufgerichtet, als horchten auch sie auf die herrlichen Worte, die noch nie in diesem Raum erklungen waren. Der Wind zog leise zuweilen über die Blüthen hin und kräuselte die Blättchen an der Laube. Zuweilen kam ein Schmetterling daher geflogen und setzte sich auf das Blattwerk, als horchte er. – Und athemlos und klopfenden Herzens schaute Cläre immer noch in das erglühende Gesicht und auf die Lippen, die zu ihr so schöne Worte sprachen.

Fern her von dem Kirchthurm begann jetzt auf einmal das Geläut der Glocken. Sie riefen die Gläubigen zur Kirche hin, zur Sonntagsfeier.

Nie hatte Cläre bis zum heutigen Tag bei dieser Feier gefehlt, nie die Kirchenstunde vergessen. Aber jetzt, wie sie so da saß in der Laube und auf die Worte horchte, die von des jungen Mannes Lippen tönten, und wie es so duftig und hell und sonnenscheinig um ihn her war, da schien es ihr, als beginge sie auch eine Gottesfeier, und die Glocken tönten tief in ihr Herz hinein und klängen laut und hell. – O, selig ist es in Gottes Schöpfung und selig ist es ein Mensch zu sein!

Ach, aber ach, das Mädchen kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Zertrat das arme Veilchen.

Die Cläre zuckte zusammen und das Blut trat ihr aus den Wangen fort, und er selber, wie er so sprach, schien ganz bewegt davon und sah sie an mit großen feurigen Augen. Und er sprach doch weiter, declamirte weiter, ganz leise nun mit zitternder Stimme:

Und sterb’ ich denn,
So sterb’ ich doch
Durch sie zu ihren Füßen dort.

„O Cläre, es wäre selig so zu sterben zu Deinen Füßen!“

Ein leiser Schrei tönte von ihren Lippen, denn da lag er vor ihr auf den Knieen, die zertretenen Blumen um ihn her – und da faßte er ihre Hand und drückte sie an seine Lippen, und der Kuß fuhr ihr wie ein Blitz durch’s Herz und alle Adern hin und es benahm ihr fast die Sinne.

„Steht auf! – steht auf! – ich kann’s nicht dulden ! Steht auf, – Ludwig Preuß!“

„Nein, Cläre, ich stehe nicht auf, sieh’ mich an und sage mir, daß Du nicht böse auf mich bist.“

„Und weshalb sollte ich böse sein? Nein! Doch ich bitt’ Euch, steht auf!“

Er stand auf, und diesmal merkte sie es nicht, daß er sich dicht neben sie setzte, und merkte es nicht, daß er ihre Hand fest in der seinen hielt.

„O Cläre, wie freue ich mich auf heute Abend! Es wird ein prächtiges Fest sein, und Niemand kann es mir wehren, Dich heute Abend in meinen Armen zu halten, Du süße, holde Cläre! Darfst keinen andern Tänzer nehmen, als mich allein, meine Tänzerin bist Du für den ganzen Abend!“

„Nein, das geht nicht! Nein!“ murmelte sie. „Die Leute würden darüber reden. Und ich mag auch nicht, ich will nicht!“

Der alte kecke Sinn regte sich wieder in ihr, und sie stieß ihn zurück.

„Steht auf, Ludwig Preuß! – Hab’s Euch schon einmal gesagt: es ziemt sich nicht, so nahe bei einem ehrbaren Mädchen zu sitzen. Steht auf! Ich habe auch noch zu thun für heute Abend, ich habe mein Kleid noch herzurichten.“

„Hast Dein Kleid herzurichten? Ist der Ballstaat noch nicht fertig, Jungfer Cläre?“

Wie er sie so lächelnd und fragend ansah, da fuhr es ihr wieder durch den Sinn: er hat dir das Kleid geschickt! – Und da regte sich wieder der Stolz des reichen Bürgermädchens, und sie blickte ihn an, gerade in’s Gesicht.

„Mosje Ludwig Preuß! weiß Er vielleicht von dem weißen Kleide, das hier in der Laube gelegen?“

Er machte ein ganz ernsthaftes Gesicht und schüttelte das Haupt.

[420] „Ein weißes Kleid? Bin ja kein Schneidermeister, Jungfer Cläre. Weiß nichts davon! Wie kam das Kleid hierher?“

„Das eben ist es! Ich weiß es nicht. Und weiß Er was, Mosje Preuß? – Ich denke mir so –“

„Nun, was denkst Du Dir so?“ fragte er, da sie verstummte unter seinem Blick.

„Der Vater sagt,“ murmelte sie mit niedergesenkten Augen, „es möchte wohl der Hans sein, der mir das Kleid aus Magdeburg zum Ballfest geschickt, und seht Ihr, da liegt noch der Zettel, der bei dem Kleide war.“

Sie sprang hin und hob das Papier von der Erde aus und reichte es ihm dar.

„Wißt Ihr vielleicht, wer das geschrieben hat?“

Er sah den Zettel an und lächelte. „Möglich wär’s ja, Jungfer Cläre! Der Hans ist ein gar so zärtlicher Liebhaber, und er weiß, daß die Jungfer Cläre heut’ zum Ballfest geht. Ich habe es ihm selbst geschrieben und ihn eingeladen herzukommen.“

„Das habt Ihr gethan!?“ rief sie erglühend, „habt ihn eingeladen?! Nun, dann ist es schön! Dann seid recht vergnügt heute Abend, denn ich, Mosje Ludwig Preuß, ich komme nicht, wenn der Hans da ist!“

„Und nicht wahr, Du ziehst auch das Kleid nicht an, wenn der Hans Werner es geschickt hat?“

„Nein! sicherlich nicht! Ich ziehe das Kleid nicht an!“ sagte sie stolz den Kopf erhebend. „Der Hans Werner hat gar nicht das Recht, mir ein Kleid zu schicken, und der Vater ist reich genug, daß er seiner Tochter allein ein Kleid schenken kann, und ich trage nichts, wo ich nicht weiß, von wem es ist. Und ich brauche heute Abend überhaupt gar kein Kleid, denn ich sage: ich gehe nicht zum Ballfest, wenn der Hans Werner kommt!“

„Du gehst zum Ballfest, Cläre, denn der Hans Werner kommt nicht. Und Du ziehst das Kleid nicht an, wenn es Hans Werner geschickt hat?“

„Ich ziehe es nicht an, o, ganz sicherlich nicht!

„Nun,“ flüsterte er noch leiser und legte, ohne daß sie es merkte, ganz leise den Arm um ihre schlanke Taille, „nun, holde Cläre, Hans Werner hat das Kleid nicht geschickt. Willst Du wissen, wer es gethan? – Ein fremder Mensch, ein arger übermüthiger Geselle hat es gethan! – Aber Eins kann er Dir zu seiner Entschuldigung sagen: er hat es gethan, weil er der Cläre eine Freude machen wollte!– Nicht aus Uebermuth und nicht, weil er dachte, Meister Kleemann wäre nicht reich genug, der schönen Tochter selbst ein Kleid zu kaufen; er hat es nur gethan, weil er der Cläre und sich selber eine Freude machen wollte und weil er meint, die Cläre müsse sich heute Abend schmücken mit ein paar von ihren Schwestern, mit ein paar kleinen Rosen. Und das weiße Kleid sollte ja nur ein Abbild ihrer Seele sein, die ist so weiß wie ein Lilienblatt, und in ein Lilienblatt möchte er sie hüllen, der fremde Geselle, der sie liebt und anbetet und der niemals etwas Schöneres und Köstlicheres gesehen hat, als die Jungfer Cläre.“

„O, sprecht nicht so zu mir,“ flüsterte sie ängstlich. „Ich meine, ich habe eine Todesfurcht, und es ist mir, als möchte ich jetzt so sterben.“

„Willst Du wissen, Cläre, wie der fremde Geselle heißt, der Dich so liebt und Dich so anbetet? Willst es wissen?“

„Nein, nennt ihn nicht,“ murmelte sie ganz leise in sich erschauernd, „ich bitte, nennt ihn nicht.“

„Ich nenne ihn doch,“ murmelte er ihr in’s Ohr. „Ludwig heißt er. Sprich es einmal aus, sage einmal seinen Namen, sage zu ihm Ludwig, sage Ludwig! Und sage ihm, Cläre, daß Du ihm die Freude gönnen willst, daß Du heute Abend das weiße Kleid anlegen willst, damit er Dich sieht in Deiner Schönheit und Lieblichkeit, Du holdes Lilienblatt mit dem Rosenknospenherzen.“

„Es kommt von Euch,“ flüsterte sie angstvoll, fest den Blick zu ihm erhebend, „von Euch, nicht wahr?“

Er antwortete nur mit den Augen.

Und sie seufzte tief auf und legte die Hand auf das Herz, das so stürmisch pochte.

„Cläre, willst Du mir zu lieb heut’ Abend das Kleid tragen?“

„Ja, ich will’s. Aber bitte, sagt’s nicht zu Vater und Mutter, daß das Kleid von Euch ist. Möcht’s um Alles in der Welt nicht, daß irgend Jemand wüßte, Ihr hättet es mir gegeben.“

„Niemand soll es wissen, Cläre, Niemand außer Dir. Wir wollen lieber sagen, daß es der Hans geschickt hat.“

„Nein, nein! Das wollen wir nicht!“ rief sie. „Kann nimmer etwas tragen, was Hans Werner mir geschickt hat, und wenn er kommt –“

„Er kommt nicht, Cläre. Er ist krank geworden. Ich hatte an ihn geschrieben, er kann nicht kommen.“

„Cläre!“ rief es vom Hause her. „Es ist die höchste Zeit zur Kirche. Cläre, komm’!“

Da zuckte sie zusammen. „O lieber Gott im Himmel, verzeihe, daß ich dich vergessen konnte!“ Und ohne Ludwig Preuß noch einmal anzusehen, schlüpfte sie an ihm vorüber und aus dem Garten hinaus.

Er schaute ihr nach mit einem langen seligen Blick und stand unbeweglich noch lange auf derselben Stelle, hörte auf das Rauschen des Windes, sah auf die nickenden Blumen hin, hörte auf das ferne Läuten der Glocken, und friedlich und still ward’s in seiner Seele und Sonnenschein leuchtete in seinem Herzen.

„Ja, Schiller hat wohl Recht:

Ein Augenblick gelebt im Paradiese
Ist nicht zu theuer mit dem Tod bezahlt!

Aber nein, so schlimm soll es nicht kommen, mit dem Tode soll es Niemand bezahlen. Einen Augenblick will ich wohl leben im Paradiese, aber will doch auch Sorge tragen, daß kein Menschenherz darüber bricht. Es wäre schlecht, zu schlecht!“

Er bückte sich und pflückte eins der Stiefmütterchen, steckte es in sein Knopfloch und ging langsam aus dem Garten hinaus. –

[433] Prächtig war das Ballfest. Der Ludwig Preuß mußte ein reicher Mensch sein, denn seit Menschengedenken hatte die ehrsame Zunft der Schlossermeister nicht ein solches Fest erlebt.

Alles in Ueberfluß und Alles schön und von der besten Sorte. Der Landwein und das Bier, die Fische und der Braten zum Abendessen und die Erfrischungen für die Tänzer, die umhergereicht wurden während des Tanzes – das war etwas ganz Neues, ganz Unerhörtes. Man hatte nie dergleichen erlebt; selbst in den vornehmen Gesellschaften der Honoratioren war es bis dato nicht Sitte gewesen, Erfrischungen während des Tanzes umherzureichen.

Die ältesten und angesehensten Zunftmeister blickten mit Ehrfurcht auf den jungen Menschen hin, der Alles so köstlich veranstaltet hatte. Und die Meisterinnen und die jungen Mädchen waren ganz entzückt, denn man war ihnen niemals sonst mit solcher Aufmerksamkeit begegnet. Jede hatte beim Eintreten in den Ballsaal ein Bouquet empfangen von einem Menschen, der eigens dazu an der Thür aufgestellt war.

Und wie ein Garten war der Ballsaal anzusehen mit all’ den Bouquets und den hübschen Mädchen, und manche Wange glühte und manches Auge strahlte heller.

Der Ludwig Preuß hat sich vom Vater gleich bei dessen Eintreten in den Saal erbeten, daß die Cläre heute Abend die Ballkönigin sein solle und daß er ihm erlaube, ihr Cavalier zu sein den ganzen Abend lang.

Meister Kleemann hatte ihn etwas verdutzt angesehen und mochte wohl nicht wissen, was das bedeuten solle: „ihr Cavalier“.

Die Frau Meisterin aber hatte es mit stolzem Selbstgefühl den anderen Frauen mitgetheilt, daß die Cläre mit keinem Andern heute tanzen dürfe, als mit dem fremden Mosje, der bei ihrem Manne das Schlosserhandwerk lerne, obwohl er es gar nicht nöthig habe; denn er sei eines reichen Vaters Sohn und besitze ein Haus in Berlin und ein Bauerngut in der Mark.

Natürlich hatten die Meisterinnen, die glückliche Besitzerinnen schöner Töchter waren, gleich gefragt: „ob der Mosje Ludwig Preuß verheirathet sei?“

Und darauf hatte die Frau Kleemann erwidert: „Das wisse sie nicht; um solche Dinge kümmere sie sich gar nicht und es ginge sie nichts an. Er sei ein sehr liebenswürdiger junger Mann, das sei Alles.“

Es war heiß im Ballsaal und man hatte deshalb nicht blos die Fenster geöffnet, sondern auch die Thür, die hinausführte in den Garten. Und in den Pausen gingen die Tänzer und Tänzerinnen zur Abkühlung hinunter in die frische Luft und wanderten miteinander auf und ab in den breiten Alleen des Gartens, ruhten auch wohl ein wenig in den dichten Lauben und schäkerten und lachten da, daß es frisch und fröhlich durch die Luft klang, frischer und melodischer zuweilen, als das Quieken der Stadtmusikanten, die zum Tanz aufspielten.

Am Arme ihres Tänzers, Ludwig Preuß, war auch die Cläre hinuntergegangen in den Garten. Droben im Ballsaal war sie heiter gewesen und ihr Antlitz hatte gestrahlt von unaussprechlicher Freude und seliger Lust. Aber jetzt, wie sie an seinem Arm die dunkle Allee hinunterging, da ward ihr so seltsam beklommen und das Wort erstarb ihr auf der Lippe.

Sie antwortete gar nicht und hatte es vielleicht gar nicht gehört, daß er sie eben fragte, ob sie nicht müde sei und nicht ein wenig ruhen wollte dort in der Laube.

„Habt Ihr mich nicht verstanden, schöne Cläre? Hört Ihr nicht auf mich?“

„Was sagt Ihr?“ fragte sie zusammenzuckend.

„Ich frage, ob’s Euch nicht gefällig sei, dort in der Laube ein wenig zu ruhen?“

Und er wandte, während er das fragte, die Schritte nach der Laube hin.

Aber Cläre blieb stehen. „Nein, ich bitte Euch, nein! Wenn die Mutter hier wäre, ging ich mit Euch, denn es muß dort schön und kühl sein. Aber nicht so allein. Ich mag’s nicht!“

„O Cläre, Du traust mir nicht und willst mir nicht erlauben, daß ich mit Dir –“

„O, ich bitt’ Euch,“ unterbrach sie ihn ängstlich, „nennt mich nicht Du. Wir stehen so nicht miteinander, daß Ihr das Recht dazu hättet.“

„Und warum nicht, Cläre, warum stehen wir nicht so miteinander?“ fragte er leise, sanft den Arm um ihren Nacken legend. „Nennt Dich Hans Werner nicht auch Du?“

„Das ist etwas ganz Anderes. Wir sind zusammen aufgewachsen, wir kennen uns seit langer Zeit und dann –“

„Und dann –“ flüsterte er – „und dann war er Dein Bräutigam, nicht wahr? Derjenige, der Dich liebt, der hat das Recht, Dich Du zu nennen. Und meinst Du denn, Cläre, daß ich Dich nicht liebe? meinst Du denn –“

„O, hört nur,“ unterbrach sie ihn, „die Tanzmusik beginnt schon wieder. Laßt uns zum Tanz gehen. Es würde auffallen, wenn wir hier im Garten blieben und nicht hinein gingen, und ich möcht’ um die ganze Welt nicht, daß die Leute von mir Böses dächten und Schlechtes sprächen. Kommt.“

[434] Und wie ein gescheuchtes Reh flog sie zurück, die Allee hinunter nach dein Tanzsaal hin.

Er folgte ihr langsam nach und murmelte: „Reizend ist sie und lieblich, eine wahre Rosenknospe. Gott sei dafür und stehe mir bei, daß ich tapfer bleibe und gut! Sie soll den Augenblick im Paradies nicht mit dem Tode, auch nicht mit Thränen zahlen.“

Er bat sie nachher nicht wieder, hinunter zu kommen in den Garten, aber er blieb an ihrer Seite die ganze Nacht hindurch, schwenkte sich mit ihr im Tanz, bediente sie, als wäre sie seine Herrin.

Und all’ die Meister und Gesellen und Meisterinnen und Meisterstöchter sahen es, bewunderten die Höflichkeit des fremden jungen Mannes und mußten auch gestehen, daß Cläre es gar sittsamlich und fein und bescheiden von ihm annahm.

Der Morgen dämmerte schon, als die Gäste auseinander gingen, und alle kamen sie zum reichen Mosje Ludwig Preuß und bedankten sich bei ihm mit zierlichen Knixen und freuten sich und fanden es gar hübsch, daß ein so reicher junger Mensch das Schlosserhandwerk lerne und Nägel mache, der es gewißlich gar nicht nöthig habe. Sein Wesen gefiel ihnen ausbündig und auf dem Heimwege sprachen sie Alle davon und die jungen Mädchen flüsterten miteinander und sagten: „So Einen kriegen wir nimmer, so Einer ist nimmer bei uns gesehen worden. Und er sieht gar nicht so aus, als wäre er ein richtiger Schlossergeselle. Wir glauben’s nicht, wir glauben’s nicht, – wer weiß, was das für Einer ist! Aber schön ist er und liebenswürdig, und hübsch wäre es, wenn es Viele gäbe wie er.“

Meister Kleemann und seine Alte gingen müde und matt die Straße hinunter nach ihrer Wohnung, die ein wenig entfernt war, nahe dem Hauptthor. Ihnen voran flatterten die beiden jungen Leute wie lustige Tauben vor dem Venuswagen, Seite an Seite, Arm in Arm.

„Und sagt mir, Cläre, seid Ihr zufrieden gewesen mit dem Fest? und freut’s Euch, daß wir miteinander tanzten?“

„Es war ein schönes Fest, und ich danke Euch.“

„Weißt doch, Cläre, daß ich’s für Dich allein gegeben habe? Nein, für Euch allein, wollt’ ich sagen, denn ich hab’s wohl gemerkt, daß Ihr’s nicht mögt, wenn ich Euch ,Du’ nenne, und ich will gehorsam sein, damit Ihr seht, wie viel mir daran gelegen ist, daß Ihr mir gut seid.“

Sie antwortete nicht und blickte ernst und ängstlich in die Nacht hinaus und hinaus zu dem Himmel, an dem die Sterne verblichen waren und der sich zu röthen begann von der ausgehenden Sonne.

„Ich habe Euch doch nichts zu leid gethan?“ fragte sie dann ganz leise und schüchtern.

„Mir was zu leid, Cläre? Wie solltet Ihr’s und warum meint Ihr das?“

„Ich weiß nicht,“ flüsterte sie, „es ist so etwas in Eurem Ton, was anders ist, als wie es vorher gewesen. Es klingt so herb und Ihr habt auch die letzten Stunden mich nicht so freundlich und so gut angesehen, wie Ihr es vorher gethan. Ich habe Euch doch nicht weh gethan und nicht beleidigt.“

„Und wenn es wäre,“ sagte er, „was fragt die Cläre danach? Die Cläre hat ein hartes Herz und wenig kümmert sie’s, ob sie Andern wehe thut, Andern, die ihr so unaussprechlich gut sind und ihr Leben für sie lassen möchten. Sie ist Niemandem gut und lacht dazu, wenn sie Andern wehe thut.“

„Nein, wahrlich, nein!“ sagte sie heftig, „es würde mir leid thun, herzlich leid, wenn ich Euch zu nahe getreten wäre.“

„Ich glaub’s nicht, Cläre. Ihr habt ohne Erbarmen dem Hans Werner wehe gethan und werdet es auch mir thun. Seht mich jetzt ein wenig freundlich an, und morgen oder übermorgen heißt es auch von mir: wir passen nicht zu einander. Geht nur, geht. Ich frage nichts nach Euch. Ist’s nicht so, Cläre?“

Sie schwieg, aber er hörte, wie ihr Athem keuchend aus ihrer Brust hervorging, und die Hand, welche auf seinem Arm ruhte, zitterte so heftig, als wäre es ein Fieber, das sie schüttelte.

„So sprecht doch, Cläre. Sagt’s mir nur aus einmal: Ihr fragt nichts nach mir und ich kann gehen. Nicht wahr?“

„Nein,“ sagte sie ganz leise, „ich werde nimmer so zu Euch sprechen.“

„Nimmer so zu mir, wie zu Hans Werner? Warum denn nicht, süß Clärchen?“

„Ich weiß es selbst nicht,“ sagte sie angstvoll und beklommen. „Ich bin dem Hans Werner ja recht gut, aber das ist ganz etwas Anderes, und wenn er mich nicht heirathen wollt’, dann hätt’ ich nimmer ihm so grob und böse geschrieben. Aber seht, heirathen kann ich ihn nicht, denn ich liebe ihn nicht.“

„Weiß wohl,“ sagte er lächelnd, „Ihr habt es ja dem Hans geschrieben: Heirathen ist ein gar schnurrig und curioses Ding, und Ihr hättet noch keine Lust dazu und wolltet warten, bis daß der kommt, der Euch Lust macht. Seht Ihr wohl, Cläre, ich weiß genau, was in Eurem Briefe steht.“

„Der Haus hat ihn Euch lesen lassen?“

„Ja, ich habe ihm den Brief vorgelesen, denn Ihr wißt ja, der arme Teufel kann nicht lesen. Ach, Cläre, wie beneide ich den Mann, der Euch Lust machen wird, ihn zu heirathen! Aber ich denke, es wird nimmer so einen geben, oder meint Ihr doch?“

Die Cläre schwieg wieder und ging still beklommen an seiner Seite hin. Und er selber schien beklommen und sprach nichts zu ihr, bis er auf einmal hörte, daß sie leise weinte.

Da blieb er stehen.

„Cläre, warum weint Ihr? Und was ist es, das Euch traurig macht?“

„Ich weiß es nicht,“ flüsterte sie. „Ich bin traurig, weil Ihr anders gegen mich seid, nicht mehr so gut und freundlich. Und warum nennt Ihr mich nicht ,Du’, wie Ihr es gestern und heut Abend zu Anfang gethan? Es klingt abscheulich, wenn Ihr so mit ‚Ihr’ mich anredet.“

„Cläre, süße Cläre! Ich nenne Dich ,Du’, wenn Du mich auch so nennst!“

Und da schlang er seinen Arm um sie. Es war gut, daß sie eben in den Garten eingetreten waren, – fern von der Straße – in den kleinen Hausgarten, den sie durchschreiten mußten, um nach dem Hause zu gelangen.

„O Cläre, willst mich auch ,Du’ nennen?“

Er preßte sie fest an sein Herz und kaum der Abendwind hörte es, wie sie ganz leise antwortete:

„Ja, ich will auch Dich ,Du’ nennen!“

„Und willst Ludwig zu mir sagen? lieber Ludwig?“

„Ja, lieber Ludwig!“

Da knarrte die Gartenthür und Meister Kleemann und seine Frau traten ein, und – husch waren die Beiden auseinander, die beiden Tauben, und in das Haus hinein flatterte die Cläre. Und den beiden Alten wünschte der Ludwig Preuß sittsamlich „Gute Nacht“ und ging langsam dann nach dein Wirthshaus zu, in welchem er Wohnung genommen.




5. Vernunft und Liebe.

Am Morgen später ging die Cläre wieder hinunter in den Garten. Der Meister und die Meisterin waren noch nicht aus ihrer Schlafstube heruntergekommen, aber in der Schmiede ging es schon lustig her, nur der Ludwig Preuß war noch nicht da.

Der Altgeselle stand vor seinem Ambos und hämmerte, daß die Funken stoben. Und die Gesellen standen hinter ihm, und während sie hämmerten und Nägel schmiedeten, sprachen sie von dem Ballfest heute Nacht und zerbrachen sich den Kopf, ob der Ludwig Preuß wohl ein richtiger Schlossergesell sei.

Die Cläre hörte es in der Ferne, als sie so sprachen, und ging in die Laube mit ihrem Nähzeug. Es war ein Stück von ihrer Aussteuer, denn die Mutter hatte gesagt, die Aussteuer müsse so nach und nach fertig genäht werden, und dann würde die Cläre sich schon fügen und den Hans Werner heirathen.

Sie war gar nicht zu Bett gegangen, ihr Herz hatte es nicht gelitten, denn es schlug gar so unruhig, und gar manche Gedanken waren ihr durch das kleine Köpfchen gegangen und gar wunderliche Stimmen hatten in ihrem Herzen gesungen und geklungen, hatten gesungen: ,Ich liebe ihn! ich liebe ihn! O, wenn der mich heirathen wollte, ach, dann wäre es eine selige Lust und nimmer würde ich Nein dazu sagen. Ich liebe ihn! ich liebe ihn!’ Aber dann hatte ihr Köpfchen dagegen gesprochen und hatte gesagt: ,Thörichtes Kind, wie kannst Du ihn lieben, kennst ihn ja gar nicht; es wird wohl so ein toller Bursche sein, der von weit her kommt und sich ein Späßchen macht, gleich viel, ob die Cläre nachher dasitzt und weint und an ihn denkt. Sei vernünftig, Cläre! sei vernünftig!’

Sie hatte sich das immer wiederholt: ,Sei vernünftig, Cläre!’ und so oft es in ihrem Herzen schrie und jauchzte und jubelte: [435] ‚Ich liebe ihn, ich liebe ihn!’ da hatte sie diese süße Stimme immer wieder niedergedrückt mit den Worten: ,Sei vernünftig, Cläre, sei vernünftig!’

Und gewiß, das wollte sie, sie wollte recht vernünftig sein. Mit diesem festen Vorsatz war sie hinuntergegangen in den Garten, und den Ludwig Preuß wollte sie nimmermehr allein wieder sprechen, und das wollte sie ihm sagen, jetzt, wenn er käme, um in die Schmiede zu gehen. Er wird sicherlich zur Laube kommen und nachsehen, ob die Cläre da ist, und er soll nicht denken, daß sie hier sitzt und auf ihn wartet, sie ist es gewohnt in der Laube zu sitzen und achtet gar nicht darauf, was draußen vorgeht.

Das sagte sie Alles zu sich selber, während sie auf der Bank saß und eifrig nähte. Sie hatte sich so gesetzt, daß sie dem Eingang der Laube den Rücken zuwandte und nur auf ihre Näharbeit sah. Aber das Hören konnte sie sich nicht verbieten, und da hörte sie jetzt den raschen Schritt, der den Steg heraufkam, und hörte, wie er inne hielt neben der Laube.

„Guten Morgen, schön Clärchen.“

„Guten Morgen, Mosje Ludwig Preuß.“

Und sie stand auf und machte einen ehrbaren Knix.

Er aber lachte laut auf und reichte ihr beide Hände hin.

„Wie schön Du bist, Du süßes Lieb!“

Sie legte ihre Hände nicht in die seinen, sondern hielt sie krampfhaft ineinander geschlungen, als wollte die eine die andere halten, damit sie nicht ungestüm sich in die dargereichten Hände lege.

„Ich hab’ Euch etwas zu sagen, Mosje Ludwig Preuß,“ sprach sie hastig und athemlos.

Sein Gesicht ward ernst und traurig, er zog die Hände zurück und neigte das Haupt.

„Was ist es, Jungfer Cläre? Ich seh’ es wohl, Ihr wollt mir schon jetzt den Abschied geben und der Traum ist aus. Was habt Ihr mir zu sagen?“

„Daß es nicht so geht und daß ich sehr thöricht war, Euch diese Nacht zu bitten, mich so ,Du’ zu nennen. Es schickt sich nicht für eine ehrbare Bürgerstochter, und ich weiß ja gar nicht, ob Ihr nachher nicht über mich lacht und über mich spottet.“

„Nachher! Was meinst Du damit, Cläre?“

Er trat ein in die Laube, während er das fragte, drückte sie nieder auf die Bank und setzte sich neben sie.

„Nachher! Was meinst Du damit, Cläre? Wann sollte ich Dich verspotten, wann? nachher?“

„Dann, wann Ihr fortgeht von hier, wann Ihr es satt habt, mit der Cläre zu schäkern und zu lachen, dann –“

Sie konnte nicht weiter sprechen, denn er hatte seinen Arm um ihren Hals geschlungen und drückte sie an sich und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen.

Aus der Schmiede tönte es mit frischem Klang: tick, tack, und die Funken flogen und die Gesellen sprachen und lachten durcheinander. Aber in der Laube war es still und Cläre hat das Köpfchen an Ludwig’s Brust gelehnt und hörte ganz selig zu, wie er leise Worte in ihr Ohr flüsterte, und sie klangen so süß und so hold, wie das Flöten der Nachtigall, die nicht fern von ihnen im dichten Gebüsche saß.

Aber wie sie noch lauschte und selig war, da hörte sie auf einmal wieder die Stimme: ,Sei vernünftig, Cläre, sei vernünftig!’ Und die klang lauter als die andere: ,Ich liebe ihn, ich liebe ihn!’ – ,Sei vernünftig, Cläre!’

Da hob sie ihr Köpfchen empor und sah ihn an und ihre großen blauen Augen schienen ihm tief in die Seele zu blicken. Denn er verstummte auf einmal und es ging wie ein Schreck über sein Angesicht hin und seine Wangen übergoß eine tiefe Gluth.

„Möcht’ wissen,“ flüsterte sie ganz leise, immer noch die großen blauen Augen auf sein Gesicht geheftet, „möcht’ wissen, ob Ihr’s ehrlich meint.“

„Was heißt das, Cläre, ob ich’s ehrlich meine? Willst fragen, ob ich’s ehrlich sage, daß ich Dich liebe?“

Sie schüttelte den Kopf. „Die Liebe mag ehrlich sein, aber ich meine noch etwas Anderes. Doch, wenn Ihr’s nicht wißt, was ich meine, dann laßt uns davon schweigen.“

Und es ward ihr auf einmal, wie sie das gesagt, ganz tapfer und lustig zu Muth. Die alte Cläre wachte wieder in ihr auf, die starke, muthige Cläre, die in ihr selber sprach: ,Sei vernünftig! sei vernünftig!’

„Hört, Mosje Ludwig Preuß, ich weiß nicht, wie Ihr so hier in der Laube sitzen könnt, da Ihr doch drinnen sein müßt in der Schmiede. Und wißt Ihr wohl: Ihr stört mich hier bei meiner Arbeit, die Mutter wird mit mir zanken, wenn ich nicht weiter damit bin; ich soll heute diese Handtücher alle fertig genäht haben, und Ihr thätet wirklich besser, wenn Ihr mich allein ließet und hinginget in die Schmiede zur Arbeit.“

Er sah sie an mit leuchtenden Augen, und sie gefiel ihm mit diesem trotzigen Gesicht, den glühenden Wangen und dem stolzen Blick noch prächtiger, als vorher mit dem zärtlichen Angesicht.

„O Cläre, Du bist ein prächtiges Mädchen, und ein Jammer ist es und ein rechtes Mißgeschick, daß –“

Er sagte ihr nichts weiter, sondern nickte ihr zu und sprang aus der Laube fort.

„Ich gehe und mache Nägel. Lebt wohl, und seid recht fleißig.“

Und da ging er in die Werkstatt, legte den Rock ab, griff nach der großen Zange und holte sich die Stange Eisen aus dem Feuer her. – Die Gesellen waren aufmerksam und zuvorkommend gegen ihn.

Der Lehrbursche machte sich eigens am Feuer zu thun, um ihm behülflich zu sein, und der Altgeselle machte respectvoll am großen Ambos Platz, weil man da am besten sehen konnte.

„Singt ein Lied, Burschen!“ rief Ludwig Preuß, indem er lustig auf das Eisen losschlug, daß die Funken sprühten, „singt mir ein Lied, Burschen! Ein lustiges Lied, recht etwas Tolles, Uebermüthiges! Und wenn’s hübsch ist, lad’ ich Euch dafür Alle heut’ Abend zum Bier ein in die Herberge.“

Sie stimmten ein Lied an und schrieen und schlugen mit ihren Hämmern den Tact dazu auf dem Ambos, daß es weithin schallte. Und das war eine Musik, so prächtig, daß sie Meister Kleemann hinauslockte aus der Stube, und da stand er in der Thür zur Schmiede, die Hände in die Seiten gestemmt und brüllte jetzt mit, so prächtig und so laut, daß der Ludwig Preuß vor Wonne laut aufjubelte und lachte und triumphirend dann dem Meister Kleemann die drei großen Brettnägel hinhielt, die er schon geschmiedet hatte. Sie wären wirklich sehr gut, und der Meister belobte ihn, obwohl die Spitzen ein wenig stumpf und der Kopf oben schief gehauen war. Doch es macht nichts, das Schmiedebandwerk ist ein gar schwieriges Handwerk, und es wäre schlimm, wenn so ein junger, hergelaufener Mosje es in ein paar Tagen lernen könnte, einen ordentlichen Brettnagel zu schmieden. – Es will Alles seine Zeit und seine Uebung haben und es hat Jedes seine Wissenschaft.

Aber zur Noth’, das mußte der Meister Kleemann schon gestehen, zur Noth konnte der Ludwig Preuß jetzt schon einen Brettnagel fabriciren, wenn auf seinem Bauerngut in der Schmiede Niemand anders da war.

„Wenn Ihr’s erlaubt,“ sagte Ludwig Preuß, als er sein halbes Dutzend Nägel wieder fertig hatte, „wenn Ihr’s erlaubt, Meister Kleemann, so hör’ ich jetzund auf, denn mir liegt die Nacht ein wenig in den Gliedern und die Arme sind heute ein bischen schwach.“

Der Meister nickte gravitätisch und lud ihn ein, an ihrem Mittagstisch heute Theil zu nehmen und mit ihm in den Garten zu kommen.

„Wer weiß, wie lange wir uns noch sehen, Mosje,“ sagte er, „denn ich denke mir, Er wird bald wieder fort gehen, und es kann sein, daß ich selber auch in diesen Tagen fort gehe. Habe Botschaft erhalten von meinem Schwiegersohn in spe aus Magdeburg. Es kann sein, ich gehe dahin, doch wir werden’s gleich hören: kommt mit mir in die Laube, da ist die Alte mit der Cläre.“

„Höre, Alter!“ rief die Meisterin aus der Laube den Ankommenden schon entgegen, „höre, Alter, die Cläre ist schon wieder obstinat!“

„Wie so denn? Was will sie denn?“ fragte der Alte rascher vorwärts eilend.

„Ich habe ihr gesagt, daß der Hans Werner einen Boten geschickt an seinen Vater, daß er krank liegt im Lazareth zu Magdeburg.“

„Und ich habe gesagt,“ rief die Cläre eifrig, „daß es mir recht leid thut um den Hans Werner, daß ich aber nicht dafür kann, daß er krank ist, und daß er ja seinen Vater hat, der sich um ihn bekümmern kann!“

„Und ich habe gesagt,“ rief die Mutter, „daß sein Vater unmöglich aus dem Geschäft jetzt fort kann, weil sein Altgeselle [436] krank ist, und da der Hans Werner keine Mutter und keine Schwester hat, so ist es natürlich, daß wir uns um ihn bekümmern müssen!“

„Gewiß ist es natürlich!“ bestätigte der Vater. „Wir wollen nach Magdeburg und ihn hierher abholen.“

„Ich nicht, Vater!“ rief Cläre, den Kopf stolz zurückwerfend. „Ich will nicht nach Magdeburg zum Hans Werner hin! – Es schickt sich nicht!“

Der Alte zuckte die Achseln. „Dummheit! Er ist Dein Bräutigam und wird bald Dein Mann sein.“

„Nein!“ rief sie heftig, „er ist weder mein Bräutigam, noch wird er jemals mein Mann werden! Er wird’s nimmermehr – ich liebe ihn nicht!“

Meister Kleemann lachte laut auf. „Hat man solche Dummheiten schon gehört? Liebst ihn nicht! – Wollt’s mir auch schön verbitten, daß Du ihn liebst. Das schickt sich auch gar nicht, daß ein anständiges Bürgermädchen den Mann liebt, den sie heirathen soll; das muß nachher kommen! Dazu ist’s noch lange Zeit, wenn Ihr verheirathet seid!“

„Nein, Meister, nein!“ sagte Ludwig Preuß in die Laube tretend, in welcher die beiden Alten neben Cläre Platz genommen hatten. „Seht, das versteht Ihr nicht und da seid Ihr in einem rechten Irrthum. – Die Liebe muß nicht nachher kommen, wenn man verheirathet ist, sie muß vorher da sein. Und sie muß so stark und so groß und so mächtig sein, daß sie alle Bedenken überwindet und daß sie die Herzen aneinander zwingt zum ewigen Bunde. Ihr würdet der Cläre ein großes Unrecht thun, wenn Ihr sie verheirathen wolltet mit dem Hans Werner, da sie Euch gesagt hat, daß sie ihn nicht liebt.“

„Ach, sie weiß gar nicht, was Liebe ist!“ rief Meister Kleemann unwirsch.

„Sagt lieber, Ihr wißt’s nicht!“ erwiderte Ludwig Preuß und ein Lächeln ging über sein Angesicht hin. „Euer Herz ist todt und kalt in der Brust, Meister Kleemann. Ihr habt die schönen Tage längst vergessen, da Ihr um Eure liebe Alte warbt. Vielleicht hattet Ihr immer ein stilles und sanftes Herz, und vielleicht hat Euch das Schicksal nicht die höchste und heiligste Offenbarung des Daseins vergönnt: vielleicht habt Ihr niemals geliebt! – Aber die Cläre, die hat ein großes, glühendes Menschenherz in ihrer keuschen, reinen Brust, und ein solches Herz versteht und weiß, was Liebe ist, wenn es auch nicht mit Worten davon sprechen kann. Sie weiß, daß Liebe so viel heißt, als: Ich will mein ganzes Leben hingeben für Den, welchen ich liebe. Ich will an nichts hangen und nach nichts bangen, als nach ihm allein! – Ich will zufrieden sein mit Armuth und mit Noth, wenn er’s mit mir theilen will. – Ich bin reich wie eine Königin, wenn er mich liebt! – Fragt einmal Jungfer Cläre: ob sie es nicht so in ihrer Brust empfindet und ob sie es nicht weiß, daß das Liebe ist?“

Die beiden Alten sahen ganz verwundert auf den Sprecher hin, und die Cläre hatte das Haupt zu ihm erhoben und schaute ihn an, als sähe sie eine Offenbarung Gottes, – so glänzend und so prächtig wie ein Engel erschien er ihr, und sie hätte ewig so unbeweglich dasitzen und seinen Worten lauschen mögen.

Eine Pause trat ein, und es war recht ein Glück für Alle, daß eben ein Mann rasch durch den Garten daher kam nach der Laube hin. Der Bäckermeister Werner war’s; er kam, um von seinem Sohn zu sprechen, und war so erfüllt von dem Gedanken, daß sein einziger Sohn daniederliege im Lazareth zu Magdeburg, daß er den fremden Gesellen, der neben der Laube stand, gar nicht gewahrte und, ohne ihn zu beachten und zu begrüßen, gleich das Gespräch mit dem Alten anfing über den kranken Sohn und wie ihm geholfen werden könne.

Ludwig Preuß benutzte die Gelegenheit und ging fort. Mit den Augen nur nahm er Abschied von der Cläre, die zu ihm hinblickte, während die Alten sprachen, mit den Augen grüßte er sie, wandte sich dann ab und verließ den kleinen Garten. Aber nicht nach der Schmiede begab er sich, sondern ging rasch durch die Straßen nach dem Wirthshaus, in welchem er eingekehrt war. Da ging er hinauf, ohne den freundschaftlichen Gruß des Wirthes, der vor der Thür stand und bei Seite trat, um ihn vorüberzulassen, weiter zu beachten, ging auf sein Zimmer und schloß sich ein.

Es wogte und stürmte in ihm von gar wundersamen Gedanken, und die leuchteten und blitzten und zürnten vor seinem Angesicht, wie er nun mit hastigen Schritten im stillen Gemach auf- und niederging.

Er horchte auf die Stimmen, die in seinem Innern sprachen. Trübe war sein Angesicht und trübe sah es in ihm selber aus.

„Ich that Unrecht!“ sagte er zu sich selber, „ach, was sind wir Menschen doch für Egoisten! Denken immer nur an uns selber allein. Und wenn wir die Last von unseren Schultern schütteln wollen, so fragen wir nicht danach, ob sie einem Andern auf den Kopf fällt und ihn zerschmettert. Die Langeweile wollte ich mir abschütteln, die bittere, schwere Last, und sollte nun ein Stein daraus werden, der das arme Herz der kleinen Cläre zertritt! Es wäre unrecht!“ rief er ganz laut, „freilich sehr unrecht, das Herz einer Königin ist nicht mehr werth, als das einer Bettlerin! Und das Herz der Cläre ist so unschuldig und rein, ist wie der Spiegel eines klaren Bächleins, in welchem der Himmel zurückstrahlt. O Du liebe, holdselige Cläre, ich wollt’, ich könnte Dein Egmont sein! Ich wollt’, Du könntest Dich entschließen, mein Liebchen zu sein und den Matten, Gequälten Abends in der Dämmerung zu erwarten, ihm die weichen Arme zu öffnen und ihn ausruhen zu lassen von aller Lebensnoth! O Cläre, liebe Cläre, ich wollt’, ich könnte Dein Egmont sein!“

„Und warum kann ich’s nicht?“ fragte er nach einer langen Pause, in welcher er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen war, „warum kann ich’s nicht sein? Ich liebe sie wirklich von ganzer Seele, dies holde, liebreizende Geschöpf! Wäre sie eine Fürstentochter, ich würde glücklich sein, sie zu meinem Weibe machen zu können. Wäre sie eine Gräfin, eine Baronin, ich würde zu ihr hintreten und ihr meine Hand anbieten und wär’s auch nur die linke, wenn die ehrsame Etiquette und das preußische Wappen mit den wilden Männern im Schilde es mir nicht erlauben würden, eine andere als eine sogenannte ,wilde Ehe’ einzugehen. Und wäre sie eine Gräfin oder Baronin, so würde sie vielleicht die linke Hand des preußischen Prinzen annehmen! Sie sind in unseren Zeiten nicht so schwierig. Aber sie ist eines ehrsamen Bürgers Tochter, und ich kann ihr nichts bieten, nichts, als mein Herz und ihre Schande! Denn für die braven Leute würde es eine Schande sein, wenn ihr einzig Kind die Liebste eines Mannes würde, der sie nicht heirathen kann, und wär’ er auch ein Prinz!“

„Aber Cläre liebt mich,“ fuhr er dann nach einer Pause fort, „ihr ganzes Wesen sehnt sich mir entgegen. Ich hab’s ! gesehen, wie sie erröthet, wie ihr Athem stockt, wenn sie mich nur von fern gewahrt; sie liebt mich, und vielleicht ist ihre Liebe groß genug, daß sie Alles verachtet, Alles hingiebt für mich!

Ich will sie fragen, ja ich will sie darum fragen! Sie allem soll entscheiden, sie soll sagen und bestimmen, ob ich gehen soll oder bleiben. Ja, ich will ihr Alles bekennen, und die Cläre soll entscheiden! Heute Abend gehe ich hin, und dann wollen wir sehen, was das Schicksal und die Liebe über mich beschlossen haben! Aber das schwöre ich mir selber,“ rief er dann mit lauter Stimme und hob die Rechte wie zum Schwur empor, „das schwöre ich mir, ich will nicht leichtsinnig spielen mit Menschenherzen und ich sag’s und ich wiederhole es: das Herz einer Königin ist nicht mehr werth, als das einer Bettlerin! Und nun, Ludwig, werde ruhig in dir selber, ruhig und besonnen und überlege, was du thun wirst!“

Er blieb in seinem Zimmer den ganzen Nachmittag, und allgemach ward’s still in ihm und sanft, und es klang in ihm wie holde fromme Melodien. Und wäre ein Clavier dagewesen, er würde seine Schmerzen und seinen Kampf ausgetobt und ausgeklungen haben in seinen Phantasien und das Instrument würde gesagt und geklagt haben, was tief in seiner Seele rang und weinte.

Der Wirth stand unten vor der Thür; er hörte auf einmal droben eine Männerstimme singen, so sanft und so traurig, und ein recht herzbrechend Lied schien es zu sein, denn er hörte zuweilen, als ob eine Menschenstimme in Thränen schluchzte: „Lebe wohl, ich seh’ Dich nimmermehr!“ Und so sehnsuchtsvoll und so schwermüthig klang es, daß es dem Wirth Thränen in die Augen trieb, und er dachte bei sich, der fremde Mosje hätte sicherlich in der Ferne irgendwo ein Liebchen, um das er weinte und klagte und nach dem er sich sehnte.




[449]
6.0 Die Erklärung.

Gegen Abend kam der fremde Mosje aus seinem Zimmer hervor, und wie er nun vorüberging an dem Wirth, der sich den ganzen Tag, blos um ihn zu sehen, im Hausflur postirt hatte, da sah der Mann mit einem schnellen Blick beobachtend zu ihm auf; nun, jetzt wenigstens war nichts mehr von Thränen in seinen dunklen, blitzenden Augen zu bemerken, und das schöne Antlitz sah ganz entschlossen und energisch aus und gar nicht kummervoll. Er grüßte den Wirth mit einem leichten Kopfnicken, so stolz und so herablassend, als wär’ er ein vornehmer Herr. Und so stolz, gehobenen Hauptes, ging er hinaus auf die Straße und den Weg dahin, nach dem Hause des Schlossermeisters Kleemann. Zuerst trat er in die Schmiede ein, und der Altgeselle empfing ihn murrend und wunderte sich, daß er heute Nachmittag gar nicht gekommen sei, um Nägel zu schmieden. Das Eisen hätte den ganzen Nachmittag geglüht und ihn erwartet, und Meister Kleemann hätte ihn gern noch gesehen vor seiner Abreise.

„Ist er abgereist?“ fragte Ludwig Preuß rasch.

Der Altgeselle nickte. „Ja, er ist abgereist mit der Alten, nach Magdeburg; er hat seinen eigenen Wagen genommen aus Freundschaft für den Bäckermeister und ist hingegangen, um den Hans zurückzuholen, weil der krank im Lazareth liegt.“

„Und Cläre, die Jungfer Cläre, wollt’ ich sagen,“ fragte Ludwig rasch, „ist die auch mitgefahren?“

„Na, das wäre eine schöne Geschichte,“ brummte der Altgeselle, „wenn sie Alle fortgehen wollten, wer sollte denn den Hausstand besorgen und für uns das Mittagbrod kochen? Nein, die Cläre ist hier, sitzt wie immer des Nachmittags in der Laube im Garten und näht an ihrer Aussteuer. Nun kommt, Ludwig Preuß, nun kommt und schmiedet ein paar Nägel, die Eisenstange ist glühend.“

„Nein, heut’ nicht,“ erwiderte Ludwig kopfschüttelnd, „mir sind die Arme ein wenig lahm, mag mich vielleicht erkältet haben. Seid fleißig, Ihr Gesellen, und wenn die Feierstunde da ist, dann geht nur in die Herberge und laßt Euch Bier geben, in meinem Namen; man soll’s auf meine Rechnung schreiben, ich zahle Alles!“ Er nickte ihnen zu und ging in den Garten.

Der Altgeselle brummte wieder vor sich hin. „Ich bleib’ dabei, er ist kein richtiger Schmiedegeselle, und die Cläre mag sich nur in Acht nehmen; wenn er es lange so treibt, so kommt sie mit ihm in’s Gerede, und Hans Werner nimmt sie nicht mehr.“

Die Cläre saß in der Laube und nähte und hob das Köpfchen nicht empor, als Ludwig zu ihr eintrat, neigte sich nur tiefer über die Arbeit und ließ die blanke Nähnadel so flink durch die Leinwand gehen und hob den langen Faden mit der rosigen Hand empor, so emsig, als hätt’ es gar so große Eile mit ihrer Arbeit.

„Cläre,“ sagte Ludwig leise, „Cläre, schau auf zu mir und sieh mich an.“

Sie schauerte in sich zusammen, und die Hand, welche die Nähnadel wieder fassen wollte, zuckte und fiel nieder. Langsam hob sie das Haupt empor, und er sah an ihren großen blauen Augen, daß sie geweint hatte.

„Du begrüßest mich heute so traurig, Cläre; was ist es denn, wovon sind Deine Augen so roth?“

Sofort, wie er das sagte, standen wieder die großen Thränen in ihren Augen, und die untergehende Sonne blitzte darin wie mit einem leisen, erlöschenden Strahl.

„O Cläre, als ich Dich zuerst sah vor wenigen Tagen, da schautest Du so lächelnd und so fröhlich drein; was ist es denn, was so rasch Deine Heiterkeit getrübt hat?“

„Ich weiß es nicht,“ murmelte sie leise, „ich bin eine Thörin, und weiter ist es nichts. Die Eltern sind nach Magdeburg gereist, und das Abschiednehmen thut mir weh. Muß immer weinen, wenn ich Lebewohl sage. Davon kommt’s, ich bin eine Närrin und Ihr sollt über mich lachen, Ludwig Preuß.“

Er aber lachte nicht, nahm ihre Hand und sagte ganz leise und flehend: „Cläre, ich muß Dich sprechen, aber nicht hier in der Laube, es könnte uns Jemand hören, und was ich Dir zu sagen habe, darf Niemand hören, als Du allein.“

Eine tiefe Röthe schoß über ihr Angesicht; vielleicht flüsterte es in ihrem Herzen von Hoffnung und Liebe, vielleicht meinte sie, daß er jetzt das sagen würde, wonach ihr Herz sich sehnte und was bei dem unschuldsvollen Sinn ihr so natürlich schien.

„Cläre, ich muß Dich allein sprechen, darf ich mit Dir hineingehen in’s Haus?“

Sie nickte hastig und stand auf. „Ich werde Euch vorangehen, werde erst hineingehen. Verlaßt den Garten, geht ein paar Straßen auf und ab und kommt dann wieder von der anderen Seite durch die Hauptthür in’s Haus; drunten in der Wohnstube werde ich Euch erwarten.“

Sie nahm hastig ihr Nähzeug zusammen und verließ die Laube, und Ludwig that, wie sie geboten, ging aus dem Garten und wanderte mit mächtigen Schritten weit hinaus vor’s Thor, und eine halbe Stunde wohl war vergangen, ehe er wieder zurückkam [450] und in’s Haus ging. Seltsam, als er die Hand auf den Drücker zur Thür der Wohnstube legte, da zitterte ihm die Hand und sein Herz klopfte, daß es ihm den Athem versetzte. In mancher Schlacht hat er gestanden, die Kugeln haben um ihn gepfiffen, der Tod ist an seiner Seite gewesen, und nie hat das Herz des Helden gezittert und gebebt, wie es jetzt zitterte und bebte.

Er trat ein in die Wohnstube, wo die Cläre ihn erwartete.

Sie stand auf von dem Stuhl am Fenster und kam ihm entgegen. Und er, ohne ein Wort zu sagen, schlug seine beiden Arme um ihre Gestalt und drückte sie fest an sich.

„Cläre, ich muß Dir’s sagen, muß Dir’s bekennen, ich liebe Dich unaussprechlich! Habe nie etwas Holderes, Lieblicheres und Unschuldigeres gesehen, als Dich, Du einzig liebes Kind! Cläre, ich liebe Dich heiß und glühend, und mir ist, als möcht’ ich Dich jetzt in meinen Armen hinaustragen, hier aus dem Haus, fort, weit fort aus der Stadt, wo ich allein mit Dir wäre, in den dichtesten Wald, wo Niemand uns sieht und kennt, und da möcht’ ich mit Dir bleiben mein Leben lang!“

Er drückte sie fester an sich, und sie wehrte es ihm nicht, wie jetzt seine glühenden Lippen die ihren suchten, und er fühlte, wie sie den Kuß erwiderte, den er auf diese Lippen drückte.

„Cläre, nun sag’s, liebst Du auch mich? Ist Dir’s auch so wie mir, daß Dir die ganze Welt hingeben und opfern möchtest aus Liebe zu mir? Willst Du mit mir ziehen in die Welt hinaus? Willst Du mein Liebchen sein?“

Da hob sie die Arme und schlang sie um seine Gestalt, barg das erröthende Antlitz an seiner Brust und jauchzte selig laut: „Will Dein Liebchen sein und Dein Weib! Wenn Du die Eltern fragst, sag’ ich nicht Nein, und wärst Du arm wie ein Bettler, ich zöge mit Dir hinaus in die Welt und bettelte und dächt’, ich wäre reich wie eine Königin! Ja, Ludwig Preuß, ich will Dein Liebchen sein und Dein Weib!“

Er ließ die Arme sinken, welche eben so fest sie umschlungen hielten, der Ausdruck des Entzückens erstarb auf seiner Miene und sie wurde traurig. „Ich hab’s geschworen, sie soll mir heilig sein, und ich will nicht ihr süßes Herz brechen!“ Das sagte er leise zu sich selber, nahm dann Cläre’s Hand und führte sie zu dem Sitz am Fenster hin, drückte sie auf den Sessel nieder und vor ihr auf die Kniee niedersinkend, umfaßte er mit beiden Armen ihre schlanke Gestalt und blickte zu ihr auf.

„O, stehe auf, Ludwig, wie kannst Du knieen vor, mir!“ flüsterte sie lächelnd, und doch strahlte ihr Angesicht in Lust, wie sie ihn da sah, den stolzen, schönen Mann, zu ihren Füßen, sein Antlitz ihr so nahe, die Augen glühend auf sie geheftet. Nie hatte so ein Mann vor ihr gelegen, und von keinem Anderen würde sie’s gelitten haben, sie hätte gemeint, ’s wär’ unanständig und schickte sich nicht, aber da er’s war, beseligte sie’s.

„Cläre,“ sagte er, „ich habe mit Dir zu reden, und recht aus meines Herzens Grunde will ich mit Dir reden; hätt’ ich Dich weniger lieb, hätt’ ich vielleicht geschwiegen und würd’ das gute Glück genießen, aber Du bist hold und rein, und ich möcht’ auch in der Ferne an Dich denken können mit heiterem Herzen und mit einem ruhigen Gewissen, und darum, Cläre, siehst Du, lieg’ ich jetzt zu Deinen Füßen und will Dir meine Schuld bekennen, meine Schuld und meine Liebe.“

Sie zuckte zusammen und legte ihre Hand auf ihr Herz, es war, als stände es eben still und als wollte sie sterben. „Eure Schuld?“ fragte sie ganz leise, „Ihr habt also Schlimmes gethan? Seid vielleicht gar ein Flüchtling, der irgendwo aus einem Gefängniß entsprungen ist und sich hierher gerettet hat? Ich habe erzählen hören, daß so etwas zuweilen geschieht.“

„Und wenn es so wäre, wenn ich ein Flüchtling wäre, der sich zu Dir gerettet hätte, würdest Du mich verstoßen, würdest Du mich verrathen?“

„Nein, nimmermehr! Ich würd’ Euch verbergen vor der ganzen Welt! Würde mit Euch fliehen, wohin Ihr wolltet!“

Wie prächtig sie aussah, als sie das sagte! Wie ihr Auge glühte und ihr Antlitz aufstrahlte in aller Energie und Liebe!

Es rührte ihn in tiefster Seele, er erfaßte ihre Hand und drückte sie an seine Lippen.

„Cläre, Cläre, warum bist Du kein Fürstenkind!“

Da lachte sie laut auf, es kam ihr gar so drollig vor, daß irgend Jemand so etwas wünschen konnte. „Ich ein Fürstenkind? Würde nicht schön dazu passen, eine Krone zu tragen!“

„Du trägst eine Krone, Cläre, eine Krone der Liebe und Unschuld! Nun höre mich an! Sieh’ mir fest in’s Auge und glaube, daß ich ein redlicher Mensch bin, der’s gut meint mit Dir, Cläre! Ich habe Dir was zu beichten; ich bin nicht der, welcher ich scheine, und wenn ich kam und sagte, ich wollt’ bei Deinem Vater sein Handwerk lernen, so war das nur ein Vorwand – ich kam, um Dich zu sehen!“

„Um mich zu sehen?“ fragte sie lächelnd, „wußtest denn Du von mir?“

„Ach ja, Hans Werner hatte mir von Dir erzählt, er hat mir geklagt, daß Du ihn nicht liebst und nichts von ihm wissen wolltest, und das reizte mich und ich kam, Cläre, kam wie ein leichtsinniger, übermüthiger Mensch, wie’s ein vornehmer Herr thut, dem die Zeit lang wird und der nicht weiß, was er mit der Zeit anfangen soll. Ich langweilte mich in der öden Festung Magdeburg, und da kam’s mir gerade recht, wie mir der Hans Werner seine Noth klagte mit dem grausamen Liebchen, und ich dachte, ich wollt’ einmal zusehen, wie die Cläre ist, und wollt’ ein wenig Zerstreuung und Lust von der Bekanntschaft haben. Ich wußte nicht, daß Du ein so reizend Mädchen bist, so reizend, daß Du mein Herz im Sturm gewannst, im Sturm Dir meine Liebe erobertest! Das allein ist meine Entschuldigung, Cläre. Ich kam, um mir einen heiteren Scherz zu machen, und nun ist aus dem Scherz Ernst geworden, und ich liebe Dich von ganzer Seele!“

„Warum sagst Du das so traurig?“ fragte sie zitternd, „warum siehst mich so ängstlich an? Wenn Du mich liebst, dann ist ja Alles gut, ich liebe Dich ja auch, und der Vater wird sicherlich nicht Nein sagen, denn er hat mich lieb, und wenn ich ihm sage, ich kann den Hans nicht heirathen, weil ich Dich liebe, und weil Du mich heirathen willst –“

„Ach, Cläre,“ unterbrach er sie, „das ist’s ja eben, ich kann’s ja dem Vater nicht sagen, daß ich Dich liebe, und ich kann Dich nicht heirathen!“

Sie schrie laut auf und sprang von ihrem Sitz empor, als wollte sie vor ihm fliehen; er aber erfaßte sie und drückte sie wieder nieder in den Sessel.

„Hör’ mich an, hör’ mich bis zu Ende an, schilt und zürne nachher mit mir, aber gehe nicht, bis Du mich zu Ende gehört hast!“

„Ihr könnt mich nicht heirathen? Seid Ihr schon verheirathet, habt Ihr ein anderes Weib?“

Sie fragte es athemlos, es klang wie ein Schrei, und sie stierte ihn an mit geöffneten Lippen, mit glühenden Augen und harrte athemlos auf seine Antwort.

Er schüttelte das Haupt.

„Ich habe kein anderes Weib, bin unvermählt, aber kann Dich doch nicht heirathen!“

„Warum denn nicht, Ludwig? Warum denn nicht, wenn Du mich doch liebst?“

„Weil sie es nicht erlauben werden, weil die Welt sich zwischen uns drängt und die albernen Vorurtheile der Menschen! O Cläre, hör’ mich an, ich will Dir eine Geschichte erzählen, hörst Du mich?“

„Gewiß, ich höre Euch!“ sagte sie mit den Händen über ihre Augen hinfahrend und die blonden Haare von der Stirn streichend, „sprecht nur, sprecht!“

„Ich will Dir erzählen von einem Prinzen, das heißt von einem armen Menschen, den das Schicksal dazu verdammt hat, ein vornehmer Mann zu sein und nicht wie andere Menschenkinder thun zu dürfen, was ihm sein Herz sagt und was ein einfacher Mensch mit freiem Willen thun darf. Die Menschen denken wohl, ein Prinz sei ein bevorzugtes Wesen, und wissen nicht, wie viel er leidet und wie viel er zu entbehren hat! Der arme, kleine Prinz, von dem ich rede, hat mancherlei gelitten und viel Schmerzen sind durch sein Gemüth gezogen, und dem Höchsten und Schönsten hat er entsagen müssen, der Liebe und dem Glück. Einst ist ein schwerer Kummer durch seine Seele gezogen, und die Liebe hat sein Herz so schwer verwundet, daß die Wunden nimmer heilen wollen und das Herz noch immer blutet. Er aber wollte sich selbst betäuben und sagte zu sich selbst: ,die Liebe soll mich heilen, ich will hingehen, ein anderes Lieb zu suchen, und in Zerstreuung und Lust die alle Trauer vergessen!’ Hörst Du mich, Cläre, hörst und verstehst Du mich?“

Sie nickte.

[451] „Ich höre, und ich fürchte, ich verstehe auch! Ihr wollt ein anderes Frauenherz hinopfern und versuchen mit ihrem Blut die alten Wunden zu heilen!“

„Es ist so, Cläre,“ rief er schmerzlich, „ich suchte Zerstreuung und fand Liebe, denn ich bin’s, bin der Prinz, der auszog in Leichtsinn, um sich einen Spaß zu machen, und der nun reuevoll zu Deinen Füßen liegt und fleht: vergieb mir, Cläre, vergieb mir, und wenn Du willst, und wenn Du kannst, dann liebe mich und sei mein!“

Sie sprang auf und machte sich heftig los von seinen Händen, die bemüht waren, sie zu halten.

„Steht auf, Herr Prinz,“ sagte sie, „ich mag Euch nicht zu meinen Füßen sehen, und nun hört, was ich Euch zu sagen habe! Ihr habt schlecht an mir gehandelt, und es thut mir leid um Euch, daß ich Euch sagen muß, Ihr habt nicht wie ein Prinz gehandelt, sondern wie ein recht leichtsinniger und erbärmlicher Mensch! Was hatte ich Euch gethan, daß Ihr herkommt zu mir und mit Euren Worten und Blicken mein Herz bethören wolltet? Meintet Ihr, ich wäre zum Spielwerk für Euch gut genug und das Herz eines armen Bürgermädchens sei nicht so viel werth, wie das einer Prinzessin? Wolltet Euch nur zerstreuen? Zerstreuung war’s, wenn Ihr einem armen Menschenkinde das Messer in die Brust stoßt und es darin umkehrt und seht, wie das Blut fließt! O, schämt Euch, Herr, das ist nicht schön, nicht fürstlich gehandelt!“

Sie sah schön und prächtig aus mit diesem stolzen Ausdruck ihrer Züge, mit diesen flammenden Augen und der hoch aufgerichteten Gestalt, schön und prächtig wie eine Königin! Und recht wie ein armer Sünder, demüthig und still, stand der Fürstensohn der Bürgerstochter gegenüber. Demüthig und stehend hob er jetzt die gefalteten Hände zu ihr auf.

„Vergieb mir, Cläre!“

„Nein, ich vergebe Euch nicht!“ rief sie stürmisch. „Ihr habt mich belogen und betrogen, Ihr habt mir Liebe geheuchelt, und das ist schändlich! Was that ich Arme, daß Ihr so an mir handeln mußtet, so schändlich und so grausam?“

Ihre Stimme erstickte in Thränen und schweigend, wie zerschmettert, sank sie wieder auf den Stuhl zurück. Und da lag er wieder auf den Knieen vor ihr, und leise flüsterte er:

„Was Du mir thatest, Cläre? Nichts hast Du mir gethan, als daß Du unschuldig warst und rein. Siehe, Deine Lieblichkeit hat mich bezwungen, daß ich Dir die Wahrheit bekennen und frei und ehrlich zu Dir reden muß! Wärst Du nicht, wie Du bist, so würde ich leichtsinnig und frohen Herzens das gute Glück entgegennehmen, würde das heitere Spiel ein paar Tage fortgesetzt haben und dann von dannen gegangen sein auf Nimmerwiedersehen! Aber Dich möcht’ ich nicht betrügen, Cläre, und vor Dir möcht’ ich nicht länger die Augen niederschlagen.“

„Daß Ihr mich ansehen konntet,“ sagte sie zürnend, „daß Ihr die Augen frei zu mir erheben konntet und wußtet doch in Eures Herzens Grund, daß Alles nur Trug war und Lüge, daß Ihr Euren Scherz mit nur triebt und Liebe, heucheltet, von welcher Euer Herz nichts wußte!“

„Nein, Cläre, jetzt bist Du’s, die mir Unrecht thut! Ich liebe Dich, ich schwör’s zu Gott, ich liebe Dich, und daß ich Dir bekenne, was ich bin, daß sei Dir ein Beweis davon, und wenn es wahr ist, daß Du mich liebst, dann beweise es auch Du.“

„Womit kann ich es Euch beweisen?“ fragte sie, ihn groß ansehend mit ihren hellen, blauen Augen.

„Damit, Cläre,“ flüsterte er leise, „damit, daß Du mein bist! Ja, komm’ mit mir, ich schwöre Dir, daß ich Dich nie verlassen will! Du sollst die Herrin in meinem Hause sein, sollst schalten und walten können über Alles, was mein ist! Willst Du, Cläre, willst Du mit mir kommen, wie Du’s gesagt hast, durch die ganze Welt? Ich biete Dir mein Herz, aber ich sag’ Dir’s ehrlich, meine Hand kann ich Dir nimmer bieten, und wenn es Dir nicht genug ist, ganz in der Stille mein zu sein –“

„Still!“ rief sie laut und sprang auf, „still, Herr Prinz; ich gab Euch meine Liebe, und Ihr bietet mir meine Schande! Das thut weher, als alles Andere. Daß Er ein Prinz ist, das ist schon Unglücks genug. Aber daß Er’s wagt, so zu mir zu sprechen, das ist mehr als Unglück, das ist Verachtung! Gehe Er, Herr Prinz!“

Er neigte still sein Haupt und murmelte: „Ich hab’s verdient!“ und sah zu ihr auf mit einem traurigen Blick, und mit Augen, die verdüstert waren von Thränen, wandte er langsam sich um und ging nach der Thür hin.

Aber nun sprang sie auf und faßte ihn und rief: „O, geh’ nicht, geh’ nicht, Ludwig, denn ich liebe Dich!“ Und da hing sie an seinem Halse und weinte bitterlich und klammerte sich an ihn, als gälte es hinabzusinken in den Abgrund und als wollt’ sie sich retten vor einem Unglück, das aus diesem Abgrund sie angähnte. „Ich liebe Dich, liebe Dich grenzenlos! Ich fühl’s jetzt, da Du fortgehst! Ich liebe Dich und werd’ an Dich denken mein Leben lang und um Dich weinen. O, wie konntest Du so grausam sein und so hart!“

„Vergieb mir, Cläre, vergieb mir, denn ich leide sehr und mein Herz macht mir Vorwürfe und ist doch selbst so unglücklich. Vergieb mir!“

Sie preßte ihre Arme fester um seinen Nacken und drückte einen langen Kuß auf seine Lippen, dann auf einmal riß sie sich los und drängte ihn nach der Thür hin. „So, nun gehe, liebe mich nicht mehr und gehe!“

Er öffnete die Thür, taumelte hinaus wie ein Trunkener und mußte draußen auf dem Flur lange Zeit stehen bleiben, um sich zu sammeln und das schmerzliche Schreien in seiner Seele still zu machen.

Der Altgeselle und die anderen Gesellen saßen lange in der Herberge und warteten auf Ludwig Preuß und tranken tüchtig Bier auf seine Rechnung und ärgerten sich sehr, daß er nicht kam. Es war ein gar lustiger, flotter Bursch, und es war hübsch mit ihm zu singen und zu plaudern. Als er immer noch nicht kam, gingen sie nach dem Wirthshaus, in welchem er wohnte, und fragten nach ihm. Er war droben in der Stube, und der Altgeselle ging hinauf. Aber die Thür war verschlossen, und von drinnen antwortete Ludwig Preuß, er wäre krank und könne nicht kommen, sie sollten aber recht fröhlich sein und tüchtig essen und trinken auf seine Rechnung.




7. Der Abschied.

In der Frühe des nächsten Morgens hielt ein Wagen vor der Thür des Gasthofes, in welchem Ludwig Preuß in Burg wohnte. Der Hausknecht trug den kleinen Mantelsack hinunter und machte sich dann Allerlei an dem Wagen zu thun, bis Ludwig Preuß herunter kam, um einzusteigen. Der Wirth kam hinter ihm her mit respectvoller Miene und mit gezogenem Käppel, denn der junge Herr hatte die Rechnung gezahlt, ohne irgend etwas abzudingen, und hatte auch ohne Murren bezahlt, was der Herbergvater noch angekreidet hatte für das Essen und das Bier des Altgesellen und seiner Freunde.

Wie er jetzt in den Wagen sprang, da reichte er auch dem Hausknecht, der den knarrenden Wagentritt aufschlug, ein Trinkgeld dar, und der hätte schier laut aufschreien mögen vor Wonne und Ueberraschung, denn einen harten, blanken Thaler hatte er ihm gegeben. Der Wagen fuhr von dannen und der kratzfüßende Wirth und der entzückte Hausknecht schauten ihm nach, und Jeder dachte bei sich selber: der ist entweder närrisch oder furchtbar reich, oder am Ende gar ein verkleideter Prinz; ein gewöhnliches vernünftiges Menschenkind zahlt nicht solche Rechnungen und giebt nicht solche Trinkgelder!

Ueber das holprige Steinpflaster fuhr der Wagen knarrend und polternd dahin, und die Leute in den Häusern rissen die kleinen Fenster auf und schauten ihm nach, und die jungen Mädchen, welche den Ludwig Preuß erkannten, seufzten und sagten: „Es scheint, die Herrlichkeit ist jetzt zu Ende und der schöne Schlossergeselle reist schon wieder ab; das wird die Cläre recht betrüben.“

Jetzt war der Wagen dicht am Thor, er machte Halt vor dem Hause des Schlossermeisters Kleemann und Ludwig Preuß sprang heraus. – Er wußte es ja, daß der Meister mit seiner Ehehälfte noch nicht heimgekehrt sein konnte von Magdeburg, – wußte, daß er die Cläre allein treffen würde in der Laube.

Und da saß sie, so wie er sie zuerst gesehen, saß und bereitete das Gemüse vor für den heutigen Mittagstisch. Nur sah sie blässer aus als damals, und die wenigen Tage hatten eine traurige Veränderung in dem lieblichen jugendlichen Antlitz bewirkt. Die Wangen waren eingefallen, die Augen geröthet und der Mund, der sonst so froh gelächelt, war fest zusammengepreßt, als wollte er einen Schmerzensschrei zurückhalten.

[452] Sie blickte auch gar nicht auf, als sie den Schatten sah, der in die Laube fiel. Sie wußte es wohl, daß es Ludwig Preuß war, der da in der Thür stand, oder vielmehr ihr Herz seufzte auf, wie sie es dachte: der Ludwig Preuß sei der Prinz Ludwig Ferdinand.

„Guten Morgen, Cläre,“ sagte er ganz leise.

,Sie neigte sich tief auf die Arbeit und nickte: „Guten Morgen, Herr Prinz.“

„O, nenne mich nicht so,“ bat er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Ich hab’s ja die ganze Nacht beklagt und beweint, daß ich ein Prinz bin – oder wenn Du willst, daß ich die Wahrheit sage: beklagt und beweint, daß Du nicht eine Prinzessin bist. Ach, Cläre, mein ganzes Leben möcht’ ich Dir weihen und kann’s doch nicht!“

„Und weil Ihr das wußtet, Herr,“ sagte Cläre mit sanftem Vorwurf in der Stimme, „so hättet Ihr nimmermehr herkommen sollen, das arme Bürgerkind zu verleiten, und Ihr hättet Euch nimmer so vor ihm verstellen sollen, daß es Euch glaubte und Euch ihr Herz gab und Euch liebte.“

„Du liebst mich also, Cläre?“ fragte er, ihre beiden Hände fassend.

Sie entzog sie ihm hastig. „Ja, Herr, ich liebe Euch, und das ist mein Unglück! Und darum bin ich böse und zornig auf mich selber, daß ich Euch nicht böse sein kann! Ich liebe Euch! Ich schäme mich nicht, es Euch zu sagen, aber wißt Ihr, ich bin noch nicht so schwach und so kränklich in mir selber, daß ich die Liebe zu Euch nicht unterdrücken könnte. Ich will’s Euch sagen, was ich thun werde: ich werde den Hans Werner heirathen!“

„Thu’s nicht, Cläre! Thu’s nicht, süßes, holdes Kind! Du kannst nicht glücklich mit ihm werden! Du hast ganz Recht, er paßt nicht für Dich!“

Sie schüttelte traurig das Haupt. „Es paßt jetzt Niemand mehr für mich,“ sagte sie leise. „Wer Euch gesehen, Herr, und wer Euch liebt, dem wollen wohl die andern Männer nicht mehr gefallen.“

„Weißt Du, Cläre,“ sagte er lächelnd, „daß Deine Worte mich glücklich, ja selig machen könnten, wenn –“

„Ich so schlecht wäre,“ unterbrach sie ihn, „daß ich der Liebe, die mir im Herzen steckt wie ein Dolch, jetzt folgen thät’ und die Schande annähme, die Ihr gestern so grausam gewesen seid, mir zu bieten. Nein, Herr, das thue ich nicht! Ihr habt Euern Spaß mit mir gehabt, und ich habe nun meinen Schmerz. Und getrennt sind wir fortan! Geht nur fort, – geht! Geht zurück in Euere vornehmen Verhältnisse, – ich gehe zurück in meine stillen, ehrlichen Verhältnisse. – Ich will den Hans Werner heirathen, und wißt Ihr, warum ich’s thue? Weil ich ein ehrbar’ Mädchen bin und weil ich mich retten will vor meiner Liebe zu Euch. Und nun wißt Ihr’s, warum ich den Hans Werner heirathen will. Und ich will auch den Hans Werner nicht betrügen, – vor der Hochzeit will ich’s ihm sagen, daß ich Euch liebe. O, denkt nicht, daß ich Euch etwa anklagen will! Ich werd’ ihm sagen: ich hätt’ Euch gesehen in Magdeburg, und da wäre die Liebe zu Euch in meinem Herzen erwacht und ich könnte nicht dafür, daß ich Euch liebte.“

„O Cläre,“ rief der Prinz mit Thränen in den Augen, „Du bist ein Engel! – Ein Himmel von Unschuld und Güte wohnt in Deinem Herzen!“

„Ich danke Euch, daß Ihr das meint, Herr,“ sagte sie aufstehend. „Ich meine nur, ich bin ein armes, unglückliches Ding, das lange wird mit sich selber zu thun haben, ehe es überwunden und den Stachel aus seinem Herzen gezogen hat. Versuchen will ich’s aber, und wenn’s gelingt, Herr – und wenn ich wieder gesund werde, so soll doch der Gedanke an Euch nie in mir ersterben. Und das sollt Ihr wissen, daß ich auf Erden keinen andern Mann liebe und daß ich, wenn ich einst sterbe, sagen werde: Da oben giebt es keine Prinzen und keine armen niedrigen Leute. Da oben ist Alles gleich, und da finde ich vielleicht den Ludwig Preuß wieder und nicht den Prinzen Louis Ferdinand. Und darum werde ich gern sterben. Und nun geht! Adieu! Lebt wohl, Herr!“

Und ungestüm drängte sie ihn bei Seite, sprang aus der Laube hinaus und rannte nach dem Hause hin.

Ludwig blieb stehen und schaute ihr nach, und dunkel ward’s vor seinen Augen und schmerzlich klagte es in seinem Herzen: „Ich habe Unrecht gethan! schweres Unrecht! Meine Seele klagt mich an! Möge sie mir vergeben und möge sie mich vergessen! – Werd’ ich sie je vergessen?“ fragte er dann sich selber, während zwei Thränen langsam über seine Wangen niederrollten. „Einen Spaß wollte ich mir machen, als Handwerksbursche wollte, ich fröhlich ein paar Tage durch die Welt ziehen, das dachte ich nur und dachte nicht, daß oft der Spaß, den wir uns selbst bereiten, den Andern zum schmerzlich bittern Ernste wird. Ich habe Unrecht gethan!“

Und lange noch stand er, an die Laube gelehnt, und sah mit einem tief schmerzlichen Abschiedsblick auf das kleine Gärtchen. Die Blumen nickten und bewegten sich im Winde und sandten ihm ihre Düfte zu, die Schmetterlinge flogen wieder lustig hin und her, wie sie es gethan in jener Sonntagsfrühe.

Ein paar Tage waren nur vergangen seit jenem glücklichen Morgen. Kaum eine Woche – und wie viel hatte sich verändert! Wie hatten sich so schnell zwei Menschenherzen umgewandelt, hatten sich Augen mit Thränen gefüllt, die sonst nimmer geweint!

Die Schmiede war heute geschlossen. Kein lustiges Hämmern, kein Funkensprühen, es war Alles verändert, Alles traurig und still. – Ludwig senkte das Haupt auf seine Brust, und wie ein Leidtragender, der hinter dem Sarg herschreitet, so ging er dahin, – den einsamen Steg im Garten hinab, und sah nicht ein einziges Mal zum kleinen Häuschen hin, wo doch eben an dem Fenster schön Clärchen hinter der Gardine auf ihren Knieen lag und weinend zu ihm hinunter schaute und ihm die Grüße ihrer Liebe sandte, – stieg ein in den Wagen und fort ging’s, hinaus aus dem Thor, hinaus die staubige Landstraße nach Brandenburg.

Da entließ er das Fuhrwerk und begab sich nach dem Posthaus und fuhr mit Extrapost nach Magdeburg.

Lustig schmetternd fuhr der Postillon durch die Straßen, als wollte er es allen Leuten verkünden: ich bringe Euch Euern Liebling heim, – ich bringe Euch den Prinzen Louis Ferdinand!

Und mit freudestrahlendem Angesicht trat der Haushofmeister an den Wagen, und die Lakaien stürzten herbei und öffneten dem Prinzen den Wagenschlag. Und wie ein Lauffeuer ging es durch die ganze Stadt: „Prinz Louis Ferdinand ist wieder da, ist heimgekehrt von Berlin!“ –

„Und sind Eure königliche Hoheit wirklich in Berlin gewesen?“ fragte sein Adjutant, als am Abend die Officiere und Vertrauten wieder um den Prinzen versammelt waren, der sie zum Abendessen zu sich geladen hatte. „Waren Eure königliche Hoheit wirklich in Berlin? Es gingen die abenteuerlichsten Gerüchte hier in der Stadt um. Eure königliche Hoheit sind eben der Ritter und der Held aller möglichen Aventüren. Die Damen erzählten, Ihr hättet Euch verliebt in eine schöne Dame und wäret heimlich zu ihr gegangen. Andere sprachen davon, ein armes Bürgermädchen sei Eure Geliebte, und Ihr wäret verkleidet zu ihr gegangen.“

„Es singen und sagen die Leute gar viel,“ sagte der Prinz, lächelnd das Haupt wiegend. „Ihr seid Alle recht neugierig. Nicht wahr? Möchtet’s Alle gern wissen, wo ich gewesen bin?“

„Ja, in der That, königliche Hoheit, wir sind neugierig,“ lachten die Officiere.

„Eure königliche Hoheit werden die Gnade haben, uns wenigstens zu sagen, ob Sie in Berlin waren?“ fragte der Adjutant. „Man tödtet uns mit Fragen, und wir müssen doch Antwort geben.“

„Nun, ich will Euch etwas sagen!“ rief Prinz Louis Ferdinand. „Ich war nicht in Berlin, ich war auch nicht in einer andern Stadt; hört, ich will Euch ein großes Geheimniß künden: Ich war einen Augenblick im Paradiese, doch hoffe ich, es wird nicht wie bei Schiller weiter heißen. Faltet Eure Hände, Ihr tollen Menschenkinder, faltet Eure Hände und betet mit mir, daß mein Augenblick im Paradiese nicht mit dem Tode bezahlt werden muß. Und nun nehmt die Gläser und laßt uns anstoßen und anklingen: Es lebe das Paradies, es lebe mein Augenblick im Paradiese!“

Sie stießen an und jubelten und tranken, und es schien wohl, als ob Prinz Louis Ferdinand der Heiterste und Fröhlichste von ihnen Allen sei. Und doch bemerkten sie, daß er mitten im lustigen Gespräch oft sinnend vor sich niederschaute und daß die Hand, die eben noch das Glas emporgehoben, dann matt herab sank und daß der Prinz gedankenvoll und schweigsam war trotz seiner Lustigkeit. –

Und gedankenvoll und ernst war er auch in der nächsten Zeit [453] gar manche Stunde, und nie hatte sein Instrument mehr geklagt und stürmischer gegrollt und gedonnert in Schmerz und Lust, in Seligkeit und Verzweiflung als in den nächsten Wochen.

Eines Tages kam ein Brief, mit dem Poststempel Burg, „An den Prinzen Ludwig von Preußen.“ Der Hans Werner meldete in dem Briefe seinem gnädigsten Herrn und General, der immer so gut zu ihm gewesen sei, daß er in acht Tagen seine Hochzeit begehen werde und daß die schöne Cläre Kleemann sich nun doch entschlossen habe, seine Frau zu werden. Am nächsten Sonntag sollte die Trauung stattfinden, und er habe sich unterstanden, das Seiner königlichen Hoheit zu melden, weil dieser ihm doch gerathen, nicht zu verzagen, damals als sie ihm den Brief vorgelesen. Prinz Louis Ferdinand faltete den Brief zusammen und sah lange gedankenvoll vor sich hin auf das Papier nieder.

„Süße Cläre, Du hast also Dein Herz zusammengefaßt in Pflicht und Treue, hast überwunden! Wie lange wird’s dauern, so hast Du mich vergessen, und nur zuweilen in stillen Abendstunden wird der Gedanke an mich wie ein süßer Traum in Deinem holden Herzen auftauchen. Ja, wie lange wird es dauern, so hast Du mich vergessen, denn Alles vergißt sich auf Erden: der Schmerz und die Liebe! Ich habe es an mir selber ja genugsam erfahren, und wehe mir, daß ich’s erfahren habe! Ich wäre sonst nicht, was ich bin: ein liederlicher toller Bursche, der mit sich selbst und mit der ganzen Welt unzufrieden ist. Aber nicht mit Dir, Cläre! Du hast gehandelt gut und brav, und wenn ich schier verzagen möchte an der ganzen Menschheit, will ich an Dich denken, Du holdes, reines Kind der Natur!“

Er zerriß den Brief und beantwortete ihn auch nicht, aber am selbigen Tage trug der Haushofmeister ein kleines Paket zur Post. Prinz Louis Ferdinand hatte es selber verschlossen und gesiegelt, und Niemand wußte, was darin enthalten war. Es war ein Medaillon an einem goldenen Kettchen, das Medaillon mit Diamanten eingefaßt und drinnen in der kleinen Kapsel eine dunkelbraune Locke. Ein einfaches, aber reiches Geschenk, wie es sich für eine ehrsame und wohlhabende Bürgersfrau geziemen mochte, es an ihren Festtagen zu tragen. Das Paket war adressirt: „An Jungfer Cläre Kleemann!“ – Der Prinz hatte selber die Adresse geschrieben, und der Haushofmeister sah sie ganz verwundert an; er hatte noch niemals diesen Namen gehört und wußte nicht, was das wohl zu bedeuten habe.

„Es wird irgend eine Liebschaft sein, die der Prinz jetzt abfindet,“ sagte er zu sich selbst, als er das Paket zur Post trug.

Prinz Ludwig hatte es nicht gewagt, der Cläre selbst zu schreiben. Nur ein Zettel lag im Paket, darauf stand: „Der ehrsamen Cläre zum Hochzeitsgeschenk.“

Und zwei Tage darauf kam mit der Post aus Burg ein Paket an den Prinzen Ludwig Ferdinand von Preußen.

Er zuckte zusammen, als der Haushofmeister es ihm überreichte und fragte, ob er es öffnen solle.

„Nein, ich will es selbst thun, geht nur hinaus!“

Und als der Haushofmeister gegangen war, da öffnete er mit zitternder Hand und hastig, als gälte es einer Überraschung, das Paket.

Da war dasselbe kleine Etui, das er nach Burg gesandt, und in dem Etui lag das mit Diamanten eingefaßte Medaillon, ganz so, wie er es ihr gesandt, nur die Locke war aus der Kapsel verschwunden.

Und das war die ganze Antwort.



  1. Es war der Friede von Lunéville (1802). Prinz Louis Ferdinand, der Vetter des jungen Königs, hatte heftig gegen denselben geeifert und den König beschworen, diesen Frieden mit der Republik Frankreich nicht abzuschließen, sondern das Schwert zu erheben gegen Bonaparte, den ersten Consul. Als der König die Wünsche seines leicht erregten Vetters zurückwies, hatte dieser zu den leidenschaftlichsten Aeußerungen sich hinreißen lassen. Der König indessen hatte ihn nicht dafür zur Rechenschaft gezogen, sondern dem Prinzen befohlen, sich nach Magdeburg in seine Garnison zu begeben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Luneville