Zum Inhalt springen

Plaudereien im Musikzimmer

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Robert Eitner
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Plaudereien im Musikzimmer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 774–775
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[774] Plaudereien im Musikzimmer. Wer vertraut der Gartenlaube nicht gern ein Samenkorn seines Wissens an? Denn welches Blatt läuft in dem Maße die Tonleiter der menschlichen Gesellschaft durch wie dieses? – Tonleiter! – o Schreckenswort für Schüler, Eltern und Nachbarn! Wie Mancher liebt und liebte die Musik und würde als Kind gewiß etwas gelernt haben, wenn die Tonleitern nicht gar so langweilig wären – und doch die Quelle alles Könnens bildeten! – Warum muß es denn aber auch Tonleitern geben? – wenn ihr Gelehrten sie braucht, so quält uns doch nicht damit. Wir Dilettanten wollen uns nur an dem Angenehmen der Musik ergötzen, und allen gelehrten Kram, wie Tonleitern, Fingerübungen, Etüden und gar die Theorie, behaltet hübsch für euch, denn ihr verderbt uns nur damit unsere Lust an der Kunst und schließlich lernen wir gar nichts. Da haben wir den Jammer der musicirenden Jugend, wie er Tag für Tag gen Himmel steigt und doch nie erhört wird. – Warum nicht? – Die Antwort darauf würde nach Theorie riechen und die wollen wir heute einmal ganz verbannen. Dafür werde ich euch eine Geschichte erzählen, die ich neulich in einem alten Buche las und die sehr amüsant ist.

In grauer Zeit, als man sich nur durch Gesang, Flöte und Harfe die Mußestunden versüßte und weder an Clavier noch Violine dachte, auch noch keine Etüdenhefte besaß, da stand die Musik in hohem Ansehen. Die Trompeter und Pauker, deren man auch schon damals nicht entbehren konnte – denn zu einem Festgepränge gehört auch tüchtiger Lärm, da aber Schreien nicht immer anständig ist, so gab es kein besseres Aequivalent als recht viele Trompeten und Pauken –, mußten ihre Kunst zwar von Grund auf lernen und lange Jahre studiren, doch waren dies Männer aus dem niederen Volke, meistentheils sogar Sclaven, und für die war, nach altem Begriffe, Arbeiten keine Schande.

Die vornehme Welt, die nicht zu arbeiten brauchte um des lieben Brodes willen, die bildete so recht die Gelehrten- und Künstlerkreise. Große Staatsmänner, die heute nur zuhören können, Philosophen, Dichter, Alles vertiefte sich damals in das Studium der Musik und suchte die engen Schranken der Kunst zu erweitern und den Genuß zu erhöhen. Jedermann nahm den lebhaftesten Antheil daran, und was die hohen Herren verkündeten, das klang wie ein Orakel und drang wie ein Strom durch’s ganze Land. So ordnete man die akustischen Verhältnis der Töne und bestimmte zwölf Tonleitern, welche die Grundlage der Musik bildeten, – denn Musik ohne Tonleiter ist wie ein Baumeister, der Luftschlösser baut. Nehmt der Musik die Tonleiter und sie zerfällt in ein Chaos. An der Tonleiter bildet sich das musikalische Gehör und lernt die Tonverhältnisse unterscheiden. Doch nicht nur das Gehör wird durch sie gebildet, sondern auch die Finger und beim Sänger die Kehle. Sage mir, wie viel Du Tonleitern täglich singst oder spielst, und ich will Dir sagen, wie es mit Deinen musikalischen Leistungen bestellt ist. Doch zurück in die alte Zeit. Ihr werdet fragen, wie sah denn so eine Tonleiter vor dreitausend Jahren aus? Merkwürdig genug und doch, wie natürlich, fast wie die unsrigen. Ich greife die Tonleiter auf d, die Lydische Scala, heraus und theile sie in modernen Noten mit:

Die Römer waren ein unmusikalisches Volk, und was sie konnten, das lernten sie von den Griechen. Ob Christus ein Freund der Tonkunst war, ist uns nicht aufbewahrt worden, doch mit der Verbreitung des Christenthums beginnt eine neue Aera für die Musik. Das deutsche Element, [775] was von jetzt ab in der Weltgeschichte mitspricht, mag sein gutes Theil zur Umgestaltung der Musik beigetragen haben, denn die alte, weiche, schmiegsame Kunst muß den Musen den Dienst kündigen und nur noch der einen Gottheit dienen. Die fröhliche und leichtlebige Muse wird in starre Fesseln geschmiedet und schreitet nur in Begleitung von Kutte und Weihfaß einher. Gelehrte Mönche schreiben noch gelehrtere Abhandlungen, und ehe ein halbes Jahrtausend verstreicht, haben sie bis zwölf Tonleitern auf vier reducirt, von denen die erste fast wie obige aussieht; doch der weltliche Schmuck ist ihr abgestreift und in christlicher Demuth schreitet sie einher:

Wenn den Griechen die Musik zur Begleiterin der Freudenfeste diente, so diente sie jetzt zur Erbauung der Gläubigen, und die armen Chorknaben mußten tüchtig heran, um die langen und schwierigen Gesänge zu erlernen und wohl bewandert zu sein in den Künsten der Contrapunktik. Damals genügte nicht ein halbes Stündchen üben, sondern Gebet, Latein und Singen wechselte von früh bis spät miteinander ab. Was mögen die armen Jungen manchmal ihre lateinisch abgefaßten Musikbücher mit den großen schwarzen Pfundnoten mit und ohne Schwänzchen verwünscht haben! Wie manche Ligatur mag ihnen an den Kopf geflogen und ihre Messung am Abendbrod abgezogen worden sein, – und gar die Tonleitern mit ihren harten Fortschreitungen und ungelenken Intervallverbindungen! Jetzt genügte nicht mehr Gesang, Flöte und Harfe, jetzt kam die Uebung auf Orgel, Clavier und dem Heere von Streich- und Blasinstrumenten hinzu. Da mögen die Tonleitern was Ehrliches abgequält worden sein, um Gehör und Finger gefüge zu machen.

Doch das eigentliche musikalische Zeitalter sollte erst in der neueren Periode beginnen. Mächtig schlugen die Worte des Mannes Gottes Dr. Martin Luther an, und hallte seine Begeisterung für die Musik durch das ganze Land. Die Notendruckereien, die kaum das Licht der Welt erblickt hatten, erstanden wie Pilze aus der Erde und schafften eine Unmasse Material herbei. Laute und Clavier wurden so recht Hausinstrumente und das sang und klimperte durch die ganze Welt. Elektrisch wirkte die Erfindung der Oper und entriß der Kirche den Zügel, mit welchem sie Jahrhunderte lang die Ausübung der Musik geleitet hatte. Die Solosänger waren nicht mehr zufrieden mit einem einfachen Gesange, sie wollten glänzen, bewundert werden, die Menge sollte sie anstaunen; – die Instrumentisten blieben natürlich nicht zurück, und so steigerte sich die Virtuosität von Stufe zu Stufe. Die alten Kirchentonarten, wie man sie nannte, wollten nicht mehr hin- und herreichen, man zerrte hier, man zerrte dort, und nach der Frist von kaum einem Jahrhundert war die moderne Tonleiter fix und fertig und guckte keck in die Welt. He, wie die herauf- und herunterrollt, wie die Finger fliegen, das Jahrhundert der Dampfmaschinen kann nicht mehr ferne sein:

Wer jetzt mitreden will, der muß früh anfangen seine Finger zu rühren, sonst lacht man ihn aus und er zieht sich beschämt zurück und bedauert die verlorene Jugendzeit. Darum heran, liebe Jugend, die Musik ist eine herrliche Kunst. Wo ist der Jubel wohl größer als in der Musik, wo die Freude reiner und ungestörter als bei ihr, wer tröstet besser und vertreibt die Mußestunden herrlicher? Sie kettet die menschliche Gesellschaft mit wunderbarer Gewalt aneinander, und ein junger Mann, der zur Begleiterin die Musik in’s Leben nimmt, ist geborgen bei Jedermann. Laßt euch in der Jugend die Fingerübungen nicht verdrießen, und der Lehrer, welcher euch streng anspornt, ist der beste; ein sanfter Musiklehrer ist eine Unmöglichkeit, er müßte denn ein eisernes Nervensystem haben.
Rob. Eitner.