Zum Inhalt springen

Pariser Salonbilder

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Gottlieb Ritter
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Pariser Salonbilder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 439–444
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[439]
Pariser Salonbilder.[1]
Von Gottlieb Ritter.
I.


Von den gegenwärtigen Pariser Salons soll ich erzählen? Aber giebt es denn noch „derlei Bankete der Vernunft und Schmäuse der Seele“, wie der englische Philosoph Hume sagt, der diese hübsche Umschreibung gewiß in der Seinestadt erdachte? Ja, damals standen sie in voller Blüthe. Gährende Geister und talentvolle Streber, denen die Exclusivität des Hofes die höchsten Stellen in der Armee und Verwaltung verschloß, kamen zu Rang und Reichthum durch jene geselligen Zusammenkünfte im Hause einer schönen oder genialen Frau. Von dort aus verbreitete sich der Ruhm des Findlings d’Alembert, des Uhrmachersohnes Caron, der sich selbst zum Herrn von Beaumarchais adelte, und einiger Ausländer, wie des Pfälzers Holbach und des Regensburgers Grimm, so rasch und nachhaltig über die Welt, daß fremde Regierungen glänzend bezahlte Correspondenten unterhielten, welche die graziösen und geistreichen Salonplaudereien für sie aufzuschreiben hatten. Selbst Prinzen von Geblüt besuchten die mächtigen „Geistesbureaux“ von Frau de Tencin, deren Gunst einen sogar in die Akademie zu bringen vermochte, von Madame du Deffand, die aus der „Diogenestonne“ ihres Lehnstuhles die Unterhaltung leitete, von Fräulein de Lespinasse, wo die Gelehrten der „Encyklopädie“, die bei Madame Geoffrin gespeist, verdauten und philosophirten, von Vauvenargues, der von seinem Schmerzenslager herab mit seinen Gästen über die höchsten Fragen disputirte, und sogar die schöngeistigen Cirkel frivoler Schauspielerinnen, wo der witzige Bachaumont tausend Anekdoten vom Hofe und aus der Gesellschaft zu erzählen wußte.

Im Pariser Salon entstand das moderne Feuilleton, und mancher spätere Tribünendonnerer, wie Mirabeau, Brissot, Camille Desmoulins, bereitete sich dort zu parlamentarischer Beredsamkeit vor. Der Hof mochte über die Körper der Unterthanen gebieten, der Salon regierte die freien Geister; dort war das Schwert, hier Kopf und Herz von Frankreich.

Die Revolution setzte der Herrlichkeit ein schreckliches Ende. Die zierlichen Abbés und die geistreichen Schönheiten zerstoben in alle Winde; der Adel floh über die Grenzen; die politische Phrase bemächtigte sich der Redner, und angesichts der arbeitenden Guillotine fehlte Zeit und Stimmung, um an Kunst und Wissenschaft zu denken. Erst nach den tollen Orgien des Directoriums, bei denen man sich in einer Nacht für zehn verlebte Schreckensjahre entschädigen wollte, und als der Pulverdampf von Wagram und Waterloo verraucht war, wollte man wieder den alten Brauch in’s Leben rufen. Aber die harmonische Einheit der Gesellschaft war vorüber. Zwischen den rachedurstigen und verarmten Adel und den enttäuschten dritten Stand hatten sich säbelklirrend und beuteschwer die Emporkömmlinge des Kaiserreichs gedrängt. Die ehemalige Geselligkeit erwachte höchstens noch in den Salons des Ministers und Dichters Lamartine und am Kamin von Madame Emile de Girardin. Unterm zweiten Kaiserreich jedoch, wo die schöne Souverainin eine Art literarischen Hofes um sich versammelte, dem die geistvolle Prinzessin Mathilde, Plon-Plon’s Schwester, die lebenslustige Fürstin Metternich und die bürgerlichen Romandichter Octave Feuillet und Jules Sandeau angehörten, fand der wahre Salon fast keine Pflege und blieb ohne irgendwelchen Einfluß auf das sociale und künstlerische Leben.

Und die Salons der dritten Republik?

Ich will meinem Tagebuche einige Blätter entnehmen, welche die Antwort leicht machen sollen.

*          *
*

[442] Der aristokratische Salon der Herzogin von G… im Faubourg Saint Germain. Zwei Säle, deren Ausstattung mit den Gästen im Einklang steht. Lauter gut legitimistische Divans, Stühle und Fauteuils aus der Zeit oder doch im Stile Heinrich’s des Vierten, Karl’s des Zehnten und Ludwig’s des Fünfzehnten, und darauf sitzen vornehme Herrschaften, deren Ahnherren mit Franz dem Ersten bei Pavia fochten und mit dem „Sonnenkönig“ in Versailles residirten.

Ein uralter Kammerdiener in Kniehosen öffnet die Flügelthüren, ohne die Ankömmlinge anzumelden. Man ist ja fast en famille. Es sind meist ehrwürdige Ueberbleibsel vom Hofe der Restaurationszeit, denen die Orleanisten beinahe ebenso verhaßt sind, wie die Kaiserlichen und die jetzt am Ruder stehenden Republikaner. Man sollte glauben, daß in einer so übereinstimmenden Gesellschaft die Unterhaltung eine sehr lebhafte und angenehme sein müßte. Aber man braucht sich nur jenen Herren und Damen am hohen Kamin zu nähern, um jedem Wort, Blick und Lächeln die trostloseste Langeweile zu entnehmen. Der hocharistokratische Salon von heute ist nichts, als ein Schmollwinkel für unterdrückten Ehrgeiz und enttäuschte Hoffnungen. Angeekelt, hat man aller Politik den Rücken gekehrt. Nur wenn irgend ein diplomatischer Intrigant, etwa der Senator Herzog von Broglie, eine Gastrolle giebt, werden die geheimsten Wünsche, daß sich die republikanische Führerschaft unmöglich machen und das Ausland dem Roy auf den Thron verhelfen möge, ganz ungescheut ausgesprochen. Vor der Hand sind die reactionären Verschwörer allerdings, gleich ihren Collegen in der Operette „Madame Angot“, noch kaum über das Hauptrecept: „Blonde Perrücke und schwarzes Collet“ hinausgekommen.

Und so ist denn die Kleiderfrage fast ausschließlicher Gegenstand der Unterhaltung: welche Robe die bonapartistische Gräfin d’H… auf dem deutschen Botschaftsball getragen, was der erste Pariser Damenschneider Worth für eine Seebad-Toilette creirt, ob die royalistischen geblümten Stoffe à la Marie Antoinette wirklich in die Mode kommen, und ob Fräulein Bartet vom Théâtre Français ihres Talentes oder ihres neuen Kleides wegen applaudirt worden sei. Trotz alledem entstehen manchmal peinliche Pausen im Gespräche, sodaß die Herrin des Hauses schnell irgend etwas Gutes oder Schlechtes ersinnen muß, um die sie entehrende Lücke zu stopfen. Jawohl, die junge Herzogin ist gutmüthig, wahrheitsliebend und edel, aber wenn es sich darum handelt, die Unterhaltung um jeden Preis wieder in Fluß zu bringen, dann wird sie böse, verlogen und übelzüngig. Ich kenne manche Unschuld, die in schlimmen Ruf kam, blos weil der Plauderstoff ausgegangen war.

Ueble Laune ist die Signatur dieses Salons. Auch die anwesenden jungen Herren sehen unzufrieden aus; denn sie betrachten die Pflicht, ihre Mütter hierher zu begleiten, als einen bitteren Frohndienst. Sie hätten wohl lieber den Abend im Club oder im Theater oder in galanter Gesellschaft zugebracht. Aber dort in der Fensternische sind ja die Cousinen. Allerliebste Mädchen, was? „Guten Abend, Fräulein Léonide …“ und da staken sie schon mitten im besten Plaudern, Kichern und Kosen. Unterdessen blättert ein schweigsamer Akademiker in der „Revue des deux Mondes“, als ob man nicht ohne sie selig einnicken könnte. Und hinter der spanischen Wand flüstert die lahme Herzogin-Mutter mit einem dicken Abbé und jammert, gleich Scheffel's Ichthyosaurus, über der Zeiten Verderbniß. Aber das Pfäfflein, das prächtig gegessen hat und ohne Aufregung verdauen möchte, ist nachsichtig, wie alle Leute mit gutem Gewissen und gutem Magen und überfließt zum Entsetzen der alten Dame von christlicher Gnade und Barmherzigkeit.

„Und denken Sie sich Herr Abbé, meine Schwiegertochter hat zur Vertrauten eine Jüdin.“

„Ohne Zweifel um sie zu bekehren, meine Liebe.“

*          *
*

Diplomatischer Salon bei der Fürstin T… Jeden Tag wird in ihrem dem dänischen Gesandten gehörigen kleinen Palaste der Geselligkeit gepflogen. Zwischen vier bis sechs Uhr kann man sie regelmäßig im sogenannten Diplomatenwinkel sehen. Der Sonnenschein fällt in bunten Lichtern durch die gemalten Fenster auf ihre aristokratische Gestalt.

Ist sie jung? Je nun, das Alter der Frauen zählt man ja wie im Piquet: nach neunundzwanzig kommt sechszig; und wenn sie letzterer Zahl näher ist, so trägt sie das jedenfalls mit königlicher Würde. Die Taille ist fein und der Fuß nicht größer als ihre Hand, die sehr klein ist. Das Gesicht verräth den russischen Typus: wasserblaue Augen, Stumpfnase, matten Teint, starke Backenknochen und blondes Haar. Ihre Toilette ist von echtem moskowitischem Geschmacke. Sie soll jährlich hunderttausend Franken dafür ausgeben; ohne Zweifel muß sie das Vergnügen, die ersten Schneider von Paris durch ihre excentrischen Anforderungen zu compromittiren, nach Gebühr bezahlen.

Die Fürstin tauchte gleich nach dem deutsch-französischen Kriege am Pariser Horizont auf. Sie hegte von Anfang an den Plan, die kaiserlose Weltstadt für den Mangel eines Hofes zu entschädigen und ihr eine Regentin in partibus zu geben. Sie hatte zuvor in Baden-Baden den alten Thiers kennen gelernt. Bei ihrer Intelligenz, Energie und Verwandtschaft mit Gortschakow wurde es ihr nicht schwer, den großen Staatsmann für ihre Person und Idee zu gewinnen. Thiers wünschte sich ohnehin schon längst eine solche Egeria, die ihm, nicht für politische Rathschläge, wohl aber als diplomatische Zwischenhändlerin und Spionin ähnliche Dienste leisten könnte, wie Madame de Liéven dem alten Guizot. So wurde denn der greise Diplomat die Sonne ihres Salons, um welche als Planeten die Minister, Gesandten und die wichtigsten Parteiführer aller Farben kreisten. Die Fürstin selbst war nur der Mond an diesem Firmamente. Sie strahlte blos geliehenen Glanz wieder, handelte nicht selbst, sondern regte zu Thaten an und wußte es immer so einzurichten, daß sie Ansichten Anderer erfuhr, ohne ihre Meinung zu verrathen.

Das Verhängniß wollte, daß ihr treuer Berather starb und sie ohne sicheren Compaß zurückließ. Von nun an folgte sie den parlamentarischen Strömungen und war demzufolge genötigt, öfter ihre Gesinnungen und den Charakter ihres Salons zu ändern. Als nach Thiers’ Tode eine Wiederherstellung des französischen Königthums möglich und sogar wahrscheinlich wurde, da hängte die Fürstin plötzlich ihr politisches Mäntelchen nach dem legitimistischen Winde. Ein Jahr lang war der Herzog von Aumale der Abgott ihres Salons. Er thronte dort auf Weihrauchwolken und genoß den Vorgeschmack eines Hofstaates. Aber plötzlich blieb er fort. Böse Zungen behaupten, weil der Sohn Louis Philipp’s gemerkt habe, daß die ehrgeizige Russin ihm ihre schöne junge Tochter zur Gemahlin zu geben trachte. Ich glaube eher, weil er die Unzuverlässigkeit der Fürstin erkannt hatte, die schon damals anfing, mit der erstarkenden republikanischen Partei zu kokettiren.

Unter der Präsidentschaft von Mac Mahon ging sie mit fliegenden Fahnen und brennender Lunte in’s liberale Lager über, was natürlich ihre bisherigen Anhänger verletzte, ohne ihr das Vertrauen der neuen Parteigänger zu gewinnen. Sie bemühte sich nach Kräften, Gambetta zum Stern ihres Salons zu machen, aber der schlaue Tribun fiel keineswegs in ihre Netze. Wenn er auch die wetterwendische Dame besuchte, so wählte er doch immer die Vormittagsstunden, wo der diplomatische Salon noch nicht eröffnet war. Auch die Republikaner des Centrums und der äußersten Linken blieben fern. Weil sie es immer mit den Stärkeren hielt und fortwährend die aus den Sattel gehobene Partei im Stiche ließ, verdarb sie es mit Allen. Bald zählten ihre Armeelisten mehr Fahnenflüchtige als Combattanten.

Und doch ist sie immer noch eine vollendete Salonkönigin. Alle Feinheiten diplomatischer Sprach- und Umgangsformen sind ihr geläufig. Sie plaudert nicht, um ihre Meinung zu sagen, sondern um Andere auszuholen. Aber was kann das für einen Werth haben, wo die Personen werthlos sind? Man mustere die nunmehrigen Gäste der Moskowitin!

Es sind meistens vornehme Angehörige der russischen Colonie, aber ohne socialen oder gar politischen Einfluß auf französische oder europäische Angelegenheiten. Mag sich die Fürstin noch so oft von ihrem Stuhle erheben, um dem eintretenden Gaste mit gravitätischem Gruße entgegenzugehen: er ist weder ein Gambetta, noch ein Prätendent oder ein activer Minister, sondern im höchsten Falle irgend ein dunkler Abgeordneter, dessen ganze parlamentarische Thätigkeit in der Einbringung überflüssiger Amendements besteht, die er gegen Ende der Sitzung regelmäßig wieder zurückzieht, weil alsdann ihr einziger Zweck, seinen Namen in die [443] Kammerberichte der Zeitungen zu bringen, glücklich erreicht ist. In einer solchen Gesellschaft werden sämmtliche diplomatische Finessen und all die kleinen Kniffe, mit denen die Fürstin früher ihren Einfluß auf den Gang der Weltgeschichte bekunden wollte, einfach lächerlich. Wie in den Zeiten des Glanzes, findet man auch jetzt noch, etwa unter einem Buche oder Album, ein wie zufällig liegen gebliebenes vertrauliches Handschreiben Gortschakow’s, das den Inhalt eines früheren Briefes dunkel bestätigt und ein räthselhaft angedeutetes Ereigniß voraussagt. Böse Zungen behaupten freilich, der russische Kanzler schreibe an seine Freundin viel seltener, als sie an ihn, oder jedenfalls weniger häufig, als sie behaupte, und das unvermeidliche Billet sei immer das nämliche, wie eine Theaterpastete.

Kurz, der ehedem glänzende Salon ist zur Caricatur geworden. Man sagt, die Diplomatin habe in Paris schon runde fünf Millionen ausgegeben, und werde demnächst vor ihrer Concurrentin, der geistreichen Freundin Gambetta’s, Madame Edmond Adam, die wirklich Präfecten ernennen und Minister stürzen soll, enttäuscht und besiegt das Feld räumen und nach St. Petersburg heimkehren. – –

Seitdem ich Vorstehendes in mein Tagebuch schrieb, hat die Fürstin T. wirklich Paris verlassen, und kein Mensch in Paris würde mehr von ihr sprechen, wenn nicht jüngst die Zeitungen gemeldet hätten, sie stehe im Begriffe, an die Seine zurückzukehren, um wieder einen politischen Salon zu eröffnen. Wird dieser zweite Versuch besser gelingen, oder wird sie abermals glauben, Geschichte zu machen, und blos – Geschichten machen?

*          *
*

Schöngeistiger Salon bei Victor Hugo! Prachtvoller rother Saal mit prismatisch funkelndem venetianischem Kronleuchter. Nur Spiegel, aber keine Bilder an den Wänden. Schwere Lehnstühle und leichte Sessel aus vergoldetem Bambus, die doch stark genug sind, um das sterbliche Theil Gambetta’s, Augier’s, Renan’s und anderer gewichtiger Persönlichkeiten zu tragen. Nebenan ein ebenfalls reicher Saal mit gepreßten Ledertapeten aus Cordova und einem kostbaren Gobelinteppich an der Decke. Dann das Eßzimmer, von grünem Sammt verhängt; eine Glasgallerie, in welche sich die Raucher vor dem nikotinfeindlichen Dichter zu flüchten pflegen; endlich ein Zimmer mit kostbarer Bibliothek und herrlicher Jugendbüste des Dichters von David d’Angers.

Die politische und künstlerische Welt ist gleich stark vertreten. Neben dem aristokratischen Frack sieht man den bürgerlichen Gehrock. Echte Figuren aus vorstädtischen Wahlversammlungen und aus den Bierstuben des lateinischen Viertels tragen unter schlichtem Kittel eine bunte, offenbar sonntägliche Weste. Dort plaudert der gravitätische Gambetta mit dem Socialisten Louis Blanc, einem blassen, breitmäuligen Männchen, und wird von seinem Freunde Coquelin, dem besten Schauspieler Frankreichs, ostentativ gedutzt und „Mon cher Léon!“ angeredet.

Unter den alten und jungen Damen bemerken wir die honneursmachenden Hausfrauen, nämlich die weißlockige Madame Drouet, die getreue Begleiterin des Dichters, und seine in zweiter Ehe mit dem Abgeordneten Lockroy vermählte jugendliche Schwiegertochter, die Mutter von Georges und Jeanne Hugo, welche letzteren von ihrem Großvater so schön besungen wurden.

Dort lehnt er selbst mit dem Rücken am Kaminbord. Ob seinem herrlichen Kopfe vergißt man seine vierschrötige kleine Statur und den philiströsen Spitzbauch. Dichtes, blendend weißes Kopf- und Barthaar umrahmt das Gesicht. Die prächtig gewölbte Stirn ist wie aus Erz gegossen und von breiten Falten gefurcht. Sie hat am besten des Lebens Stürme überdauert. Die kräftige Nase senkt sich altersschwach zum Mund herab, und die Augen sind klein geworden. Ein feuchter Schleier verdeckt diese schwimmenden Sterne, die von unbestimmter Farbe sind. Die früher Feuer gesprüht, verrathen jetzt die stille Beschaulichkeit des Alters. Sie versinken fast in den faltigen Höhlen, und nur im Momente des Affectes, wenn der Dichter sie mühsam aufreißen will und sich die unendliche Stirn in tausend Runzeln und Linien bricht, zuckt es darin von Leben und Gluth, doch blos auf einen Augenblick. Eine milde Hoheit ist über das ehrwürdige Greisenantlitz ausgegossen, und wer darin zu lesen versteht, dem erzählt es von einem reichen uns guten Herzen, von heißen Kämpfen für Ehre und Recht, von tiefer Menschenliebe und hohem Gedankenflug, von immerfort gewaltiger Schöpferkraft und einer Poetenseele, deren Gluth noch nicht in Asche versunken ist.

Der Verkehr in des Dichters Salon ist frei und ungezwungen. Nach französischer Sitte wird Niemand vorgestellt und meldet man nur die seltenen Gäste an. Man tritt herein, mischt sich in die Gruppen und begrüßt gelegentlich den einfachen und herzlichen Dichter, wenn er einem nicht zuvorkommt; denn er hat ein vortreffliches Auge. Den Damen gegenüber ist er von ausgesuchter, fast altväterischer Galanterie: er liebt es, ihnen zum Willkommen und Abschied die Hand zu küssen. Das gemachte oder, wie der selige Philipp Ulrich Schartenmayer sagen würde, „übermachte“ Pathos seiner Werke liegt seiner Plauderei fern. Ein ausgezeichneter Erzähler, kramt er gern in seinen Erinnerungen, wobei er vom jugendfrischen Gedächtniß nie im Stiche gelassen wird. Er weiß die überraschendsten Anekdoten höchst anschaulich zu erzählen, und wenn er in kurzen Worten das Portrait irgend einer historischen Persönlichkeit aus den Zeiten Karl’s des Zehnten oder des Bürgerkönigs zeichnet, so glaubt man den Betreffenden leibhaftig vor sich zu sehen.

Bitten ihn die Damen darum, so holt er wohl aus seinem Studirzimmer, das noch kein fremder Fuß betrat, einige große Bogen holländischen Büttenpapieres, das er in Stunden dichterischer Arbeit mit seiner riesenhaften Kielfederschrift zu bedecken pflegt, und liest das neueste Kind seiner Muse mit der ihm eigenen vollen, vibrirenden Stimme vor, die aus tiefstem Herzen kommt und mit sympathischer Gewalt wieder zu Herzen dringt.

Offen gesagt, ich bewundere die französische Prosa, aber der Alexandriner ist mir ein Gräuel, und ich entschuldige die Abonnenten des Théâtre Français, die den classischen Donnerstagsaufführungen von Corneille, Racine und Voltaire nur einen seligen Schlummer entgegenbringen. Die Schönheit und das Erhabene mancher Stellen wird durch die steife Monotonie des Versmaßes und den geschraubten Vortrag der Schauspieler fast immer verkümmert. Die letzteren zerfallen in zwei Schulen: die Einen singen die gereimten Bandwürmer im herkömmlich langweiligen Zwölfsilben-Rhythmus, die Anderen – und die Herrschaften nennen sich Realisten – lösen die Verse in regellose Prosa auf, indem sie die Cäsur willkürlich brechen und die Reime durch eine subtile Kunst im Verschlucken und Ueberhasten wegescamotiren.

Victor Hugo thut weder das Eine noch das Andere. Er gewährt der Poesie ihr Recht und läßt den Reim nachklingen, doch ohne ihn zu betonen. Sein Vortrag übereilt nichts und ist doch bewegt und feurig, was allerdings schon der kecke Wurf seiner Verse ermöglicht. Nie wird der herrliche Wohlklang seiner Dichtung so klar wie in seinem Munde. Und folgt eine jener zahlreichen Stellen, wo die Poesie in grellen Antithesen und leerem Wortgepränge und Bombast unterzugehen scheint, dann glaubt man im Zauberbanne seiner gewaltig erhobenen Stimme einem mystischen Propheten zu lauschen, dessen Erhabenheiten kühlem Verstande, der nichts Uebersinnliches faßt, verschlossen bleiben, während sie gläubiger Hingabe eine Welt von Schönheit ahnen lassen. Man muß Victor Hugo sich selbst vorlesen hören, um ihn zu verstehen, oder um wenigstens zu fühlen, wie er’s versteht.

Leider läßt der greise Dichter meistens den anwesenden jungen Lyrikern das Wort. Alsdann werden oft ganze Sonettenkränze vor den arglosen Gästen heruntergehaspelt. Zum Glück giebt es noch gewisse Ruhepunkte, wo Vorleser und Publicum Athem schöpfen können, nämlich wenn das bereitgehaltene Glas Zuckerwasser durch die trockene Kehle gegossen wird. So träufelt man löschendes Naß auf die Wagenachse, die sich zu entzünden droht; aber die lyrische Gluth hat noch kein Zuckerwasser gedämpft.

Was den Besuch dieses Pariser Salons noch mehr verleiden kann, ist der überschwängliche Götzendienst, den seine Jünger mit dem achtundsiebenzigjährigen Dalai Lama treiben. Jedes Wort aus seinem Munde wird wie ein Evangelium betrachtet und – heimlich aufgeschrieben; denn die meisten Gäste führen ein Hugo-Tagebuch, mit dem sie nach des Dichters Tode ein hübsches Stück Geld zu verdienen hoffen. Nehmen solch ergiebige Publicationen doch schon zu seinen Lebzeiten immer mehr überhand. Anders als „Meister“ und „Lieber Meister“ wird der Greis gar nicht angesprochen. Der Hugo-Cultus hat entschieden etwas Abgeschmacktes. Kürzlich, wurde Hugo als größter Mann des Jahrhunderts angeredet, und der phrasenhafte Louis Blanc rief in Verzückung:

[444] „Wenn es auf Erden und im Himmel Erhabeneres gäbe als Dein Geist, so wäre es Dein Herz.“ So bedeutend Hugo auch sein mag, der ohne Zweifel ansehnliche Werth seiner Dichtung motivirt keineswegs maßlose Verhimmelung. Man muß da Vieles auf Rechnung des französischen Nationalcharakters setzen, der stets seinen Personencultus haben muß, und welch würdigeren Gegenstand könnte er finden, als den ruhmgekrönten Romantiker und unentwegten Kämpfer für alle Humanität? Aber diese lärmvolle Begeisterung ist auch berechnete Reclame einer starken Partei, die gegen die überrealistischen Neigungen der neuesten Kunst protestiren will und dagegen Hugo’s ideales Banner aufpflanzt.

Ein anderer Umstand ist dem deutschen Beobachter peinlich. Die unduldsamen Trabanten verbieten bei allerhöchster Ungnade, im Salon ihres Meisters den Namen „Goethe“ auszusprechen. Hugo selbst vermeidet seit vielen Jahrzehnten in Wort und Schrift ebenfalls die Nennung des Weimaraner Jupiters. Schmerzt den Greis noch immer das scharfe Urtheil über seinen Jugendroman: „Notre-Dame de Paris!“ in Eckermann’s Gesprächen? Der geistreiche Wiener Feuilletonist H. Wittmann hat wohl das Richtige getroffen, wenn er den Grund dafür in Hugo’s Eifersucht auf seinen gefährlichsten Nebenbuhler um die Palme des Jahrhunderts vermuthet. Wie man das sechszehnte und das vorige Säculum auf die Namen Luther’s und Voltaire’s getauft hat, so schmeichelt sich der französische Poet, die Nachwelt werde unsere Zeit das Jahrhundert Victor Hugo’s nennen. Er kennt aber des deutschen Dichterfürsten Universalgenie, das die Höhen und Tiefen der Wissenschaft und Poesie mit gleicher Allmacht umfaßte, viel zu gut, um nicht zu befürchten, wenn die Weltenuhr zum neunzehnten Schlage aushebe, so werde die Menschheit nicht seinen Namen rufen, sondern: Johann Wolfgang Goethe!

  1. Wir eröffnen hiermit eine Reihe von Schilderungen aus dem Leben der europäischen Hauptstädte und gewähren in unsern heutigen Federzeichnungen der Seinestadt den Vortritt, für welche auf unser Ersuchen die pikant-lebendige Feder des oben genannten bewährten Feuilletonisten der Wiener „Neuen Freien Presse“ die Berichterstattung übernommen hat.
    D. Red.