Zum Inhalt springen

Papst Pius IX.

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Papst Pius IX.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 7, S. 49–52
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger's Volksblatt
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Straßburg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]

[49]

Papst Pius IX.,
geboren den 13. Mai 1792, † den 7. Februar 1878, Papst seit 16. Juni 1846.


Papst Pius IX.

Kaum wurde eine Nachricht in den letzten Jahren so oft verbreitet und so oft widerrufen als die: Papst Pius IX. liegt im Sterben. 258 Päpste zählt die katholische Kirche vor ihm; keiner derselben verwaltete sein Amt länger als 25 Jahre; Pius IX. hatte diese Regierungsdauer schon im Jahre 1871 erreicht und immer war er noch rüstig, ja er überlebte selbst den Fürsten, durch den er seine weltliche Herrschaft verloren hatte, der weit jünger und bis vor wenigen Wochen gesund und kräftig war, König Victor Emanuel von Italien. Doch noch ehe die Leichenfeierlichkeiten, mit denen Italiens erster König geehrt wurde, ihren Abschluß fanden, schlug auch für Pius IX. die Stunde des Abscheidens von dieser Erde.

Johann Maria Mastai-Ferretti – dies war der ursprüngliche Name von Pius IX. – ist am 13. Mai 1792 zu Sinigaglia, einer Hafenstadt am adriatischen Meerbusen im ehemaligen Kirchenstaat, aus einem Grafengeschlechte geboren. In die Zeit seiner Jugend fielen die großen Umwälzungen, welche Napoleon I. im staatlichen Leben Europas hervorrief. 1809 wurde der Kirchenstaat dem französischen Kaiserreiche einverleibt und Rom für eine freie kaiserliche Stadt erklärt. Der damalige Papst Pius VII. kam in französische Gefangenschaft; erst 1814 konnte er wieder nach Rom zurückkehren. Der junge Graf Mastai wohnte diesem Wiedereinzuge bei. Gerne hätte er dem Papste gedient, zuerst aber nicht als Priester, sondern als Soldat. Im Jahre 1817 suchte er um Aufnahme in die päpstliche Nobelgarde nach. Seinem Wunsche wurde nicht willfahrt, da er an einer schweren Krankheit, der Fallsucht (Epilepsie), litt. Als 5jähriger Knabe hatte er in einem Weiher Fische spielen sehen; er wollte einen solchen fangen, glitt aus, fiel ins Wasser und soll sich dadurch eben jene schreckliche Krankheit zugezogen haben. Da ihm die Soldatenlaufbahn verschlossen wurde, wollte er Priester werden. Aber auch für diesen Beruf, wenigstens für die höheren Stufen desselben, wäre er nicht tauglich gewesen, wenn er nicht Heilung seines Leidens gefunden hätte. Dieser durfte er sich jedoch erfreuen; er schrieb sie der Jungfrau Maria zu, an die er sich in seiner Noth um Fürbitte gewandt hatte. Darum fühlte er sich ihr besonders verpflichtet und blieb sein Leben lang ein eifriger Marienverehrer.

Am 10. April 1819 erhielt er die Priesterweihe, am Tage darauf las er seine erste Messe.

Nachdem er Papst geworden war, mußte ihn derselbe Offizier, welcher sein Aufnahmegesuch in die Nobelgarde abschlägig beschieden hatte, dem Herkommen gemäß um Bestätigung in seiner Stellung bitten. „Davon kann keine Rede sein,“ sagte Pius im Scherze; „denn hätten Sie mich nicht so grausam abgewiesen, so wäre ich vielleicht schon Hauptmann in der Garde.“

Von 1817 an half Mastai 6 Jahre lang Knaben in einem Waisenhaus erziehen; es wird ihm nachgerühmt, daß er sich derselben treu angenommen, in herzlichen [50] Verkehr mit ihnen getreten, manchmal aus derselben Schüssel mit ihnen gegessen, aus dem gleichen Becher mit ihnen getrunken habe.

Im Auftrag des Papstes mußte er sich im Jahre 1823 einer Gesandtschaft anschließen, welche nach Chile in Südamerika abgeschickt wurde, damit sie dort die Verhältnisse der katholischen Kirche ordne. Nach etwa zwei Jahren, von denen ein sehr großer Theil auf die Reise kam, kehrte er nach Rom zurück, ohne daß der Zweck der Sendung erreicht gewesen wäre. Nun wurde er Präsident des großen apostolischen Hospizes San Michele in Rom; dasselbe umfaßte ein Waisenhaus für Knaben und Mädchen, ein Versorgungshaus für alte Männer und Frauen, ein Gefängniß und ähnliche Anstalten. Auch hier entfaltete er eine vielseitige Thätigkeit.

Zwei Jahre später – am 21. Mai 1827 – ernannte ihn der Papst zum Bischof von Spoleto. Da diese Stelle ihrem Inhaber erzbischöflichen Rang verlieh, bekleidete er schon mit 35 Jahren die hohe Würde eines Erzbischofs. Es brachen damals wiederholt Unruhen im Kirchenstaate aus, zu deren Beilegung er viel beitrug. Als er einmal das Benehmen eines päpstlichen Abgesandten für zu schroff hielt, nahm er keinen Anstand, dasselbe zu tadeln. Außer seiner ordnenden und verwaltenden Thätigkeit widmete er sich auch Werken des Wohlthuns und sah sich dadurch sogar genöthigt, Schulden zu machen.

Es kam ihm daher gut zu Statten, daß er im Jahre 1832 eine viel einträglichere Stelle erhielt, indem er Bischof von Imola wurde. Als solcher stieg er 1839 in den kirchlichen Würden noch eine Stufe höher: er wurde von Papst Gregor XVI. zum Kardinal ernannt. Die Kardinäle haben das Recht, bei Erledigung des päpstlichen Stuhles einen neuen Papst zu wählen; derselbe muß aus ihrer Zahl genommen werden. Schon bei der nächsten Wahl, welche im Jahre 1846 stattfand, war der Bischof von Imola der Auserkorene. 51 Kardinäle hatten sich zur Wahl versammelt. Durch das Loos wurde Mastai zum dritten Stimmenzähler bestimmt. Beim ersten Wahlgang erhielt er 13 Stimmen, ein anderer Kardinal 15. Keiner von beiden war gewählt, da hiezu zwei Drittel der Stimmen nöthig waren. Auch im zweiten Wahlgang, in dem 17, und im dritten, in dem 27 Stimmen auf ihn fielen, siegte er nicht; erst im vierten Male vereinigten sich 36 Stimmen auf seinem Namen, und sogleich riefen alle Kardinäle : „Wir haben einen Papst! “ Als solcher mußte er einen anderen Namen annehmen; er entschied sich für „Pius“. Da es deren schon acht auf dem päpstlichen Stuhle gegeben hatte, war er der neunte.

Kurz nach der Wahl huldigten ihm die Kardinäle. Er setzte sich auf den Thronsessel. Alle kamen der Reihe nach zu ihm heran, knieten vor ihm nieder, und küßten das Kreuz auf seinem Fuße und den Ring (den sogenannten Fischerring; es ist dies das päpstliche Siegel, auf dem die Bildnisse der Apostel Petrus und Paulus angebracht sind) an seiner Hand, während er sie auf die rechte Wange küßte. Dies geschah am 16. Juni 1846.

Erst am folgenden Tage wurde dem Volke das Ergebniß der Wahl mitgetheilt. Die Römer hatten dasselbe anders erwartet, aber bald gewannen sie ihren neuen Papst lieb. Die Begeisterung für denselben erreichte einen außerordentlich hohen Grad, als er am 16. Juli eine Amnestie (Verzeihung) für politische Vergehen erließ. Man schloß daraus, daß er einer freiheitlichen Gestaltung des Staatswesens zugethan sei. Und wirklich traf er eine große Reihe von Anordnungen in diesem Sinne: die Zeitungen erhielten größere Befugnisse, die Stadt Rom eine neue Verfassung; ein Ministerium wurde gebildet, eine Abgeordnetenkammer eingesetzt u. A. m. Doch das Volk verlangte immer größere Freiheiten, deren Gewährung Pius IX. ein: „Ich kann nicht“ entgegensetzte. Die revolutionäre Strömung gewann die Oberhand. Des Papstes Minister Rossi wurde im November 1848 meuchlings ermordet, Pius IX. selbst in seinem Palaste, dem Quirinale, eingeschlossen. Da entfloh er am 25. November 1848 nach der im neapolitanischen Gebiete liegenden Festung Gaëta. Von hier aus legte er Verwahrung ein gegen die an ihm und seiner Würde verübten Gewaltthaten.

In Rom wurde indessen die republikanische Staatsform eingeführt. Erst nachdem die Franzosen die Stadt belagert, die von Garibaldi befehligten römischen Truppen besiegt und am 3. Juli 1849 ihren Einzug in Rom gehalten hatten, konnte der Papst zurückkehren; er that dies jedoch erst im April 1850. Seine Wohnung nahm er nun nicht mehr wie bisher im Quirinal, sondern in dem Vatikan, einem großen Palaste bei der Peterskirche.

Wohl wurden einige Verbesserungen im Staatswesen wieder aufgenommen, aber nicht mehr in dem früheren Umfange; die freiheitlichen Bestrebungen fanden in Pius IX. nun keinen Förderer mehr. Nach dessen Thronbesteigung hatten Viele im Volke gehofft, Italiens Einigung – dies heißersehnte Ziel – werde durch ihn möglich; seit seiner Flucht und Rückkehr war daran nicht mehr zu denken. Nun wandten sich die Blicke auf Victor Emanuel, den König von Sardinien. Dieser hegte jenen Wunsch ebenfalls. Er verband sich im Jahre 1859 mit Napoleon III. und erhielt auch durch Garibaldi und dessen Schaaren kräftige Unterstützung. Es kam zum Kriege. Die Oesterreicher wurden besiegt und mußten die Lombardei abtreten; die übrigen italienischen Fürsten gingen ihrer Throne verlustig, auch dem Papste wurde ein großer Theil seiner Besitzungen genommen. Vergeblich legte er Verwahrung ein. Noch blieb ihm Rom und dessen Umgebung, da dies von französischen Truppen geschützt wurde.

Als die Franzosen im Juli 1870 Deutschland bekriegten, zogen sie ihre Soldaten aus Rom zurück; Victor Emanuel besetzte die Stadt, ließ das Volk abstimmen, ob es sich mit dem Königreiche Italien vereinigen wolle, und als sich dasselbe mit einer sehr großen Mehrheit für den Anschluß aussprach, wurde Rom dem Königreiche einverleibt und später zu dessen [51] Hauptstadt gemacht. Am 13. Mai 1871 erließ die italienische Regierung ein Gesetz, welches dem Papste alle Rechte und Ehren eines Souveräns, volle Unverletzlichkeit seiner Person, eine jährliche Rente von 3 ¼ Millionen Franken, die vollkommenste Freiheit für Ausübung seiner geistlichen Amtshandlungen und noch einige andere Rechte gewährleistete.

Pius IX. nahm diese Anerbietungen nicht an, betrachtete sich vielmehr als einen Gefangenen des Vatikans. Wegen des vielen Mißgeschicks, welches er als weltlicher Herrscher erdulden mußte, wuchs sein Ansehen bei den Katholiken der ganzen Welt in um so höherem Grade. Mit großem Glanze wurden die Feste gefeiert, welche seine Person betrafen, so sein 25- und 30jähriges Papst-, sein 50jähriges Priester- und Bischofsjubiläum. Auch stimmte die weit überwiegende Mehrzahl des katholischen Volkes den Anordnungen und Lehrbestimmungen, welche er als Kirchenoberhaupt traf, freudig zu. Am 8. Dezember 1854 wurde die Lehre von der unbefleckten Empfängniß Mariä als Glaubenssatz verkündigt; auf den 8. Dezember 1869 berief er eine allgemeine Kirchenversammlung, die erste seit mehr als 300 Jahren, welche die päpstliche Unfehlbarkeit zum Dogma (Glaubenssatz) erhob.

Gegenüber dem, was die Wissenschaft unserer Zeit als Fortschritt geltend macht, hielt Pius IX. strenge an den Ueberlieferungen der katholischen Kirche fest; was nicht mit letzteren übereinstimmte, erklärte er für falsch und verdammungswürdig. Besonders berühmt geworden ist in dieser Hinsicht sein Rundschreiben (Encyclica) vom 8. Dezember 1864 mit dem daran angefügten „Syllabus“ (Verzeichniß, nämlich von Lehren, welche er verdammte). – Obwohl ihn nur die Römisch-Katholischen als ihr geistliches Oberhaupt anerkannten, machte er doch auf alle, denen die christliche Taufe zu Theil wurde, Anspruch, so z. B. in einem Briefe, den er im August 1873 an Kaiser Wilhelm von Deutschland schrieb: „Jeder“ – heißt es darin – „welcher die Taufe empfangen hat, gehört auf irgend eine Weise dem Papste an.“ Kaiser Wilhelm wahrte in seiner Antwort den evangelisch-protestantischen Standpunkt, indem er erwiderte: „Der evangelische Glaube, zu dem ich mich gleich meinen Vorfahren und mit der Mehrheit meiner Unterthanen bekenne, gestattet uns nicht, in dem Verhältniß zu Gott einen andern Vermittler als unsern Herrn Jesum Christum anzunehmen. Diese Verschiedenheit des Glaubens hält mich nicht ab, mit denen, welche den unsern nicht theilen, in Frieden zu leben.“

Im Umgange war Pius IX. liebenswürdig, er scherzte gerne und gewann durch seinen milden Gesichtsausdruck und sein freundliches Wesen leicht die Herzen derer, die ihm nahe kamen.

Ihrer war stets eine große Zahl. Wer hätte auch in Rom sein und den Papst nicht sehen wollen? Noch Abends am 6. Februar dieses Jahres empfing er Besuche, dann aber fühlte er sich unwohl. Früh Morgens am andern Tage sagte er: „Mir wird schwach“, und nun merkten die Anwesenden, daß seine letzte Stunde nahe. Die Kunde davon verbreitete sich rasch, und bald umstanden viele Kardinäle und andere hohe Würdenträger das Sterbebett. Als Pius IX. Nachmittags gefragt wurde, ob er viel leide, antwortete er: „Ja“; sonst sprach er nichts mehr. Um 5 Uhr 40 Minuten (am 7. Februar) that er seinen letzten Athemzug.

Wer wird sein Nachfolger werden? So heißt es nun. In welchem Geiste wird derselbe die katholische Kirche regieren? Von der Beantwortung dieser Frage hängt Vieles ab. Auch wer es von sich weisen muß, in dem Papste einen Stellvertreter Gottes und einen unfehlbaren Menschen zu sehen, wird doch daran denken, daß derselbe einen so großen Einfluß auf Millionen Gläubige hat wie kein anderer Mann und wird aus Liebe zu seinem Volke wünschen, derselbe möge wie unser Kaiser durch die Verschiedenheit des Glaubens sich nicht abhalten lassen, „mit denen, welche den seinen nicht theilen, in Frieden zu leben.“

Der St. Petersplatz mit der St. Peterskirche in Rom.
Die St. Peterskirche ist die größte Kirche der Welt, von 1506 an erbaut, am 18. November 1626 eingeweiht.
Das große Gebäude rechts davon ist der Vatikan.



[52]

Rom,
ursprünglich auf 7, jetzt aus 11 Hügeln erbaut, vom Tiberflusse durchzogen, einst der Sitz weltbeherrschender Kaiser, seit bald zwei Jahrtausenden der Päpste, der Hauptsammelpunkt von Künstlern, das alljährliche Reiseziel von Tausenden, zählt zur Zeit ungefähr 280.000 Bewohner. Es hat etwa 350 Kirchen; die großartigste derselben ist die St. Peterskirche. Unter den Palästen, deren es über 100 besitzt, sind besonders berühmt der Vatikan (jetzige päpstliche Residenz), Lateran (frühere päpstliche Residenz), Quirinal (jetzige königliche Residenz). Zahlreich sind die Erinnerungen an seine frühere Blüthe, welche man in Ruinen alter Tempel, in zerfallenen Grabstätten, Sieges- und anderen Denkmälern fast auf Schritt und Tritt wahrnehmen kann.