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Offiziere mit Nebenverdienst

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Offiziere mit Nebenverdienst
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1911, Bd. 11, S. 220–221
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Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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Quelle: Commons
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[220] Offiziere mit Nebenverdienst. – Bekanntlich steht es mit den spanischen Finanzen nicht besonders günstig, es soll daher sehr häufig vorkommen, daß die Offiziere ihr Gehalt äußerst unregelmäßig ausgezahlt erhalten. Da sind nun die Herren, denen das Schicksal kein Privatvermögen beschert hat, gezwungen, ihrer Kasse durch eine Nebenbeschäftigung aufzuhelfen. So trat zum Beispiel vor einiger Zeit in einem Madrider Varietétheater ein Zauberkünstler auf, der sich den volltönenden Namen „El Sarto, der König der Magier“ beigelegt hatte und stets mit einer schwarzen Seidenmaske auf der Bühne erschien. Seine Vorführungen waren wirklich verblüffend, und alle Welt zerbrach sich den Kopf, wer wohl El Sarto sein könnte. Es wurde auch allerlei gemutmaßt, aber selbst die geschicktesten Zeitungsreporter kamen nicht hinter die Wahrheit, da der Besitzer des betreffenden Theaters strengste Diskretion bewahrte.

Da besuchten eines Abends mehrere Offiziere eines Infanterieregiments, dessen Garnisonsort in der Nähe der Hauptstadt lag, das Theater, in dem El Sarto auftrat. Diese Herren erkannten sehr bald in dem „König der Magier“ einen Kameraden wieder, der sie oft genug im Kasino durch derartige Kunststückchen aufs beste unterhalten hatte. So kam die Angelegenheit zur Kenntnis des Regimentskommandeurs und auf Umwegen auch in die Zeitungen. Es stellte sich heraus, daß [221] El Sarto, der mit seinem eigentlichen Namen Karlos Venusto hieß, zur Militärakademie in Madrid abkommandiert und aus Mangel an Geld auf die Idee gekommen war, seine ungewöhnliche Taschenspielerfertigkeit zur Auffüllung seines durch das großstädtische Leben stark angegriffenen Geldbeutels zu benützen. Eine mit aller Strenge durchgeführte Untersuchung ergab sodann, daß Karlos Venusto durchaus nicht der einzige Offizier war, der seinen finanziellen Verhältnissen durch private Beschäftigung aufhalf. Viele Leutnante vertrieben heimlich die Erzeugnisse von Weinhandlungen und Zigarrenfabriken, andere handelten mit Schußwaffen, einer trat sogar als Stierfechter in völlig unkenntlicher Maske auf.

Natürlich machte der Kriegsminister diesem wenig standesgemäßen Jagen nach Nebenverdienst sofort durch einen geharnischten Erlaß ein Ende. Trotzdem soll aber in Spanien noch mancher Offizier in aller Heimlichkeit so nebenbei ein gewinnbringendes Geschäftchen weiterbetreiben. Viele von ihnen sind Versicherungsagenten, um die Mittel zum standesgemäßen Auftreten herbeizuschaffen. Einer von diesen uniformierten Agenten entwickelte nun eine allzu eifrige geschäftliche Tätigkeit, so daß die Sache seinem Regimentskommandeur zu Ohren kam. Dieser bestellte sich seinen Leutnant auf das Regimentsgeschäftszimmer, um ihm klarzumachen, wie wenig sich die Beschäftigung als Agent einer Lebensversicherungsgesellschaft mit dem Ansehen des Offizierkorps vertrüge.

Das Ergebnis dieses „Anpfiffs“ war jedoch ein recht eigenartiges: als der Leutnant das Regimentsbureau verließ, hatte er seinen Chef mit 20.000 Pesetas bei der Lebensversicherungsgesellschaft, für die er „arbeitete“, versichert, woraus hervorgeht, daß der Herr Leutnant jedenfalls als Agent geradezu erstklassig sein muß.

W. K.