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Oberirdische Kartoffelzucht

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Textdaten
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Titel: Oberirdische Kartoffelzucht
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 308
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[308]

Fig. 1. Kartoffelpflanze mit Knollen auf den Zweigen (nach Vöchting).

Oberirdische Kartoffelzucht. Es war im vorigen Frühjahr, als der kleine Sohn meines Freundes in der Großstadt den Wunsch äußerte, Kartoffeln im Topfe zu ziehen, um die nützliche Pflanze, die er sonst nur flüchtig auf Spaziergängen durch Feld und Au kennenlernte, gründlicher studieren zu können. Der Vater, ein eifriger Naturfreund, leitete mit dem Knaben die lächerlich erscheinende Kultur und brachte mit Hilfe einiger Kunstgriffe Kartoffelpflanzen hervor, die in dem Bekanntenkreise nicht geringes Erstaunen erregten; denn es gab dort im Fensterstock Kartoffelpflanzen zu sehen, die – wie auf Fig. 1 – ihre Knollen über der Erde und selbst oben im Kraut zwischen den Blättern trugen.

Auf welche Weise kann man wohl eine Pflanze veranlassen, sich in so eigenartiger, von der Regel völlig abweichender Art zu entwickeln? Jedermann weiß ja, wie die Kartoffelpflanze in der Natur ihre Knollen bildet. Die Kartoffel treibt zweierlei Sprosse. Die einen wachsen über der Erde, tragen Blätter und Blüten; die anderen, die man Ausläufer oder Stolonen nennt, verzweigen sich unter der Erde. Ihre Enden verdicken sich und werden zu Knollen oder Kartoffeln. Für die Pflanze sind diese Knollen von hoher Bedeutung; denn jede von ihnen enthält eine Anzahl von Augen oder Knospen, aus welchen neue Pflanzen entstehen können, während das Innere der Knolle mit Nahrungsstoffen, wie Stärke und Eiweiß, gefüllt ist, die von der jungen Pflanze während ihres Wachstums verbraucht werden.

Fig. 2. Oberirdische Kartoffelknollen bei teilweiser Verdunklung einer Pflanze (nach Vöchting).

Was nun die oberen Sprosse der Pflanze verhindert, Knollen zu entwickeln, ist lediglich der Einfluß des Lichtes. Das läßt sich durch einen Versuch beweisen. Ziehen wir eine Kartoffel im Topfe und stecken den unteren Teil der Pflanze – wie auf Fig. 2 – in einen Kasten, daß er völlig in Dunkelheit bleibt, so tritt die merkwürdige Erscheinung ein, daß die an der Basis des Stengels vorhandenen Sprosse Kartoffeln bilden, als wenn sie unter der Erde sich befänden. Ebenso lassen sich Knollen an der Spitze der Pflanze erzeugen, wenn man dieselbe in einen völlig undurchsichtigen Kasten leitet.

Noch merkwürdiger ist aber die Thatsache, daß man die Kartoffelpflanze zwingen kann, Knollen oberirdisch auch unter voller Einwirkung des Lichtes zu bilden. Zu diesem Zwecke muß man die Pflanze vorher aller Ausläufer oder Stolonen berauben. Man schneidet also einen Steckling von einer Kartoffelpflanze in der Weise, daß an dem in die Erde kommenden Stengelende keine Knospen vorhanden sind, die sich zu Ausläufern umbilden würden. Ein solcher Steckling bildet nur Wurzeln an denen keine Knollen entstehen können, und wir haben dann eine Kartoffelpflanze vor uns, der die natürlichen Mittel zur Knollenbildung fehlen. Aber die Pflanze verzichtet nicht darauf, Speicherräume für die in den Blättern erzeugte Stärke anzulegen. Gewöhnliche Knospen, die unter normalen Umständen zu beblätterten Seitenzweigen sich verwandeln würden, verdicken sich und werden zu vollständigen Knollen. So entsteht ein wunderbares Kartoffelkraut, das in fast allen seinen Blattachseln Knollen trägt, obwohl es dauernd dem Einfluß des Tageslichtes ausgesetzt bleibt!

Diese hochinteressanten Versuche hat zum erstenmal Dr. H. Vöchting vor einigen Jahren ausgeführt und in Pringsheims „Jahrbüchern“ beschrieben. Als ich nun dieselben aus dem Gelehrtenlaboratrium in die Stube eines Naturfreundes verpflanzt sah, kam mir der Gedanke, daß solche Kulturen, die uns tiefe Einblicke in das Leben und Weben der Pflanzen gewähren, von Blumenfreunden öfter ausgeführt werden könnten. Dadurch würde die Liebhaberei an Reiz nichts einbüßen, wohl aber an tieferem Ernst gewinnen und beitragen, namentlich die reifere Jugend zu richtigem wissenschaftlichen Beobachten heranzubilden. *