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Neunzig Jahre Frauenmode

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Autor: Cornelius Gurlitt
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Titel: Neunzig Jahre Frauenmode
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 3, 5, S. 8–11, 45–48, 75–78
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Vgl. Neunzig Jahre Männermode, 1892, Heft 1, 3, 7
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Neunzig Jahre Frauenmode.

Von Cornelius Gurlitt.0 Mit Zeichnungen von O. Seyffert.
I.

Als die zwölf bedächtigen Schläge der verschiedenen Thurmuhren der Welt in der Sylvesternacht zwischen 1800 und 1801 verkündeten, daß das 19. Jahrhundert christlicher Weltordnung beginne – damals ging es nirgends in der Welt lustiger zu als in Paris.

Der furchtbare Druck der Revolution, der Schreckensherrschaft war von der Stadt gewichen. Geordnete Mächte begannen sich wieder geltend zu machen, der eiserne Bonaparte war erster Konsul geworden. Jahrelang hatte aller feinere gesellige Verkehr schweigen müssen. Ueber der vom Aufruhr durchwühlten Stadt hatte der gespenstische Dampf stets neu vergossenen Blutes schwer gelastet. Wer vornehm, wer lebenslustig gewesen war, den hatte das mörderische Fallbeil bedroht.

Nun war der Umschwung ein vollständiger. Auf den Trümmern der zerschlagenen alten Gesellschaft – das war die lebenslustige, lockere Welt des Rokoko gewesen – entstand eine neue; die alten Grenzen der Sitte, welche jene locker genug zusammengehalten hatten, waren zertrümmert, neue noch nicht aufgebaut. Die Gesetze, welche Jahrhunderte lang in Frankreich gegolten hatten, waren vor dem Hauch des Freiheitsdranges dahingeschmolzen und die von der Revolution eingeführten hatten im Bewußtsein der Nation noch nicht Boden gefaßt. Nur ein Recht schien für die nach langem Fasten doppelt vergnügungsdurstigen Kreise zu gelten: sich zu entschädigen für die Zeit des Schreckens und – wenn sie wiederkomme – die Zwischenzeit wenigstens gut benutzt zu haben!

Die Frauen waren am meisten außer Rand und Band gekommen. Die Revolution hatte die Fesseln, welche sie zurückhielten, zersprengt. Sie hatte Tausende von Männern in der Blüthe ihrer Jahre hingemordet, Tausende von Frauen in ihre Strudel gezogen. Die Ehescheidung war eingeführt worden. Noch hatte die Gesellschaft die Ansichten des Rokoko über die eheliche Treue; noch galt der Mann für den lächerlichsten Liebhaber, den eine Frau haben könne. Aber früher duellirten sich zwei Rivalen – freilich ein meist sehr ungefährliches Auskunftsmittel – jetzt war man prosaischer: man ließ sich scheiden. Auch hier lockte das Neue. Das Zerwürfniß wurde dadurch unendlich viel größer, die Schande verlor ihre Schrecken für die Frauen von Welt. Lustig leben, das war der alle beherrschende Gedanke.

„Noch nie waren die Sitten zügelloser, die Vergnügungsjagd wüthender bei unseren Schönen als jetzt!“ ruft ein Kenner der Pariser Welt jener Zeit. Er erzählt, die Sitte, als Herr gekleidet sich auf der Straße sehen zu lassen, sei so allgemein, daß viele „Männinnen“ gar keine weibliche Garderobe mehr besäßen. Es sei ja auch billiger so: ein Paar Halbstiefel, Pantalons von aprikosenfarbigem Sammet, ein Redingot mit drei Kragen sei alles, was man zum Herrenanzuge brauche.

[9]

Aber auch die Frauenkleidung war einfach. Unsere Großmütter erzählten ja so gerne von ihrer Jugendzeit als einer, in welcher man die heutige Kleiderpracht noch nicht kannte. Und sie hatten recht – das lehren die Modeblätter.[1] Damals galt die Einfachheit ja in allen Gebieten der Kunst als höchste Forderung des guten Geschmackes.

Man sprach es selbst in den Modezeitungen deutlich aus: „Die Kleider müssen den Regeln der einfachen Natur untergeordnet werden.“ „Einfache Natur“ besaßen aber in erster Linie die die Kunst jener Zeit völlig beherrschenden Griechen und Römer. Ihnen strebte man nach: wie alle anderen Schaffensgebiete, so fühlte sich auch das des Frauenschneiders bis in die Wurzel hinein klassisch. Und als Bonaparte erst der Welt, namentlich auch derjenigen der Mode, einen Konsul und dann einen Imperator gegeben hatte – da war der Sieg der klassischen Einfachheit ein vollkommener. Das Weiß antiker Marmorbildwerke, der Purpur der Cäsaren und das Gold des Diadems – das wurden die im Reich der Vornehmheit alleinherrschenden Farben.

Die Natürlichkeit mußte auch in die Frauenkleider jener so lustigen Zeit eindringen. Der Schnürleib des Rokoko verfiel dem Gelächter. Wie hätte derselbe in den Tagen der Freiheit Bestand behalten können! Das hohe Leibchen fiel gleichfalls. „Noch vor kurzem,“ höhnt eine Zeitung, „war die Mode der Damen, ihre Reize mit großer Sorgfalt zu verhüllen, wie abgelebte Mütterchen sonst ihre Runzeln zu verbergen pflegen.“ Dieser gegen die Natur verstoßenden Thorheit wurde von den Frauen des neuen Jahrhunderts gründlich abgeholfen. „Wenig Stoff!“ heißt es in einem Modenblatte aus dem Jahre 1801. „Die Frauen sollen aussehen wie gewebte Nebel in den Farben der Morgenröthe!“ „Von allem Irdischen befreit“ sollen sie erscheinen. Sie sollen sich leiten lassen von jenem allein guten Geschmacke, den die Griechen in ihren Meisterwerken am vollendetsten vertreten.

Man muß es der Mode jener Zeit zugestehen, sie besaß den gewaltsamen Muth der Revolutionen ihrer Zeit! Reifrock und Schnürleib waren schnell aufgegeben, die hohen Haartrachten verschwanden, der kurz geschnittene Tituskopf trat vielfach hervor; sie studierte eifrig die antiken Bildwerke und fand in der „Toque“ eine aus Bändern, Netzen oder Schleifen gebildete, meist den Kopf eng umschließende, kleidsame Schmuckform. Aber sie scheute sich auch nicht vor der edlen Nacktheit der Antike. Achtzehn Loth, so sagt ein Modeblatt, hat der vollständige Anzug einer vornehmen Frau zu wiegen; dann ist er simpel und natürlich genug: ein Hemd, ein dicht unter der Brust von zwei Achselriemen getragener Gurt, ein Kleid aus Perkal oder Tüll, „Pamina-Tricots“, d. h. Handschuhe bis an die Achseln, seidene Strümpfe, Sandalen – das ist alles. Oder doch nicht; denn das neue Jahrhundert trat mit einer großen Erfindung auf, dem „ridicule“, oder wie die tugendhafteren Engländer es nannten, dem „indispensable“, dem „Unerläßlichen“, jenem Arbeitsbeutel, den man in der Hand trug, weil im Kleide eine Tasche unmöglich war, in dem Kleide, welches, dicht unter der Brust zusammengefaßt, eng die Gliedmaßen umschloß. Das Taschentuch hatte bisher die Dame in der Hand halten und beim Tanz dem Partner zur Aufbewahrung übergeben müssen. So wollte es die taschenlose Mode und der Anstand. Als dann 1807 wieder Taschen an der Hüfte angebracht wurden, konnte man sie bei den eng gespannten Kleidern nur mit Mühe benutzen. „Sie sind zwar unbequem und mißgestalt,“ sagt ein Modebericht alles Ernstes, „aber man erkennt an ihnen ein gut gemachtes Kleid.“

Auch die Aerzte billigten diese Toilette. Der Mangel an Ausdünstung sei schuld an [10] vielen Krankheiten, lehrt ein Jägerianer von 1807 in der „Allgemeinen Modenzeitung“. Wolle und Baumwolle seien zwar gut für die Alten, aber die Jungen würden nur dadurch geschwächt, diese müßten ihre lebhaft thätige Haut vor zu starker Verhüllung bewahren. Die Ehemänner freilich waren oft anderer Meinung: nicht nur sorgten sie um die Gesundheit ihrer Frauen, denen ein „Negligé“ auch für den Winter von der Mode vorgeschrieben war, sondern sie klagten auch wohl in sehr eindringlicher Weise öffentlich, daß ihnen die griechische Natürlichkeit denn doch etwas zu weit gehe. Aber wann hat das je etwas geholfen! Im Grund der Seele fanden auch sie die „Simplicität für das Reizendste“.

Es war nicht nur das sündhafte Paris, welches solche achtzehnlöthige Anzüge liebte. Da finde ich eine Anpreisung der „Neuen Hemden“ einer Leipziger Firma in der sehr geachteten „Allgemeinen Modenzeitung“, und zwar im redaktionellen Theil. Sie werden genau beschrieben, mit ihren Kanten an Busen und Nacken, mit ihrer gestickten Knötchenarbeit etc.; 5 bis 6 Thaler kostet eins. Dann aber sagt der kundige Redakteur: „Trägt eine Dame ein solches Hemd, so braucht sie weiter kein Kleid und erreicht den höchsten Grad von Eleganz!“

Ja, ja! Damals als Großmama jung war – damals war’s noch so einfach in der Welt. „Echt antik können freilich,“ so heißt es 1801, „nur sehr junge und sehr schön gebaute Damen gehen!“ Aber die Mode ist doch nicht für die Häßlichen da! Die mögen sehen, wie sie mit ihr sich abfinden!

„Echt antik“? Die Alterthumswissenschaft von heute wird gewiß nur lächeln zu der Kleidung einer Frau wie der Königin Luise, die doch wahrlich das Zeug dazu hatte, „echt antik“ sich zu tragen, und die es auch that. Weil das Kleid weiß ist, weil es dicht unter der Brust geschnürt wurde, ist’s noch nicht griechisch. Der Schnitt hatte auch nicht das Geringste etwa von jenem der atheniensischen Jungfrauen des Parthenonfrieses. Die trugen weite, mit wenig Spangen zusammengehaltene Tücher, die sich faltig um den Körper legten. Das war züchtig und gab schöne, völlig durch die Gesetze der Körperbewegung und die Schwere der Stoffe erzeugte Formen; das war eben wirklich Natur und Einfachheit. Den Frauen von 1801 lag aber die Schlichtheit der Griechinnen so fern, als jenen irgend einer anderen neueren Zeit. Ihnen war das Kleid nicht ein Mittel, sich zu verhüllen, sondern um doppelt anreizend zu wirken. Die Natürlichkeit wurde in ihrer Hand ein Mittel, um sich an die äußersten Grenzen des Anstandes wagen zu können. Es ist die Frage, welche Art von Kleidern die verwerflichsten sind, jene, die eine übertriebene Pracht zeigen, oder jene, welche zwar sehr einfach sind, auf die aber Fr. Vischers, des großen Aesthetikers und Modefeindes, Ausspruch: „In Kleidern nackt“ mehr paßt als auf alle anderen!

Jede Mode beruht aber meist unbewußt auf der die Zeit beherrschenden allgemeinen künstlerischen Anschauung. Das Rokoko hatte sich im Reifrock, in einer unmäßigen Verbreiterung und Erweiterung der menschlichen Figur durch das Kleid gefallen. Der Schneider erhielt die Herrschaft über den Menschenleib. Die Revolution brach mit diesem System und – treu ihrer grausamen Entschiedenheit des Wollens – verfiel sie in den äußersten Gegensatz: sie forderte vom Frauenkleid, es solle die natürlichen Formen ganz rein wiedergeben, der Schneider verschwand, die Formen traten fast unvermittelt hervor. Das war die völlige Umkehr der Mode, die freilich schon von England her vorbereitet worden war. Man kann ihr Kommen kulturgeschichtlich verfolgen. Wo das alte selbstherrliche Königthum, die mit ihm verbündete, jedem freien Luftzuge sich versperrende Kirche herrschten – dort war in der Kunst die Formenwillkür, in der Mode das Bauschige, die Nichtachtung der menschlichen Gestalt, die Steigerung dieser oder einiger ihrer Theile ins Uebertriebene. Wo die junge Freiheit, die nach und nach alles Wissens sich bemächtigende Aufklärung herrschte, da strebte man in der Kunst nach antiker Abklärung und klassischer Formenreinheit, dort wurde das enganliegende Gewand Mode. Es ist kein Zufall, daß Werther in engem Leibrock, Reithosen und Stulpstiefeln ging. Denn der modisch Denkende, der von der fortschreitenden Litteratur Erfaßte, der Schwärmer für Homer und später für Ossian – der mußte das enge Kleid der Aufklärung tragen, ebenso sicher wie der Hofmann, der Anhänger des alten Regierungssystemes, der Gegner der „Libertins“ sich in bauschigem Gewande gefiel.

So frei waren die Freiheitsheldinnen von 1801 aber doch auch in ihrer Kleidung nicht, wie die Griechinnen es gewesen sind. Die tausendjährige Kultur ließ sich auch in der Kleidung nicht ohne weiteres abstreifen. Sie offenbarte sich in ganz unklassischen, der Kleidung noch anhaftenden Schneiderkünsten. Gerade diese simplen Anzüge forderten besonders vorsichtigen Schnitt. Wenngleich die Kleider überaus leicht sein sollten, so waren sie doch nicht eben so leicht zu machen.

Betrachten wir die Modeblätter jener Zeit. Zunächst fällt die erstaunliche Länge der Frauengestalten auf. Eine normale Frau hat die siebenfache Höhe ihres Kopfes. In den Modebildern steigt sie auf die elffache Höhe. Wenn auch die Aesthetiker es nicht werden zugestehen wollen, so sind doch, wie es schon einmal in der „Gartenlaube“ (1889, S. 699 f.) auseinandergesetzt wurde, tatsächlich Modefiguren Werke eines gesteigerten Idealismus. Sie geben in freilich oft rücksichtsloser Uebertreibung der Menschengestalt jene Verhältnisse, welche den Frauen selbst als schön erscheinen.

Millionen von klugen und thörichten Jungfrauen und Frauen betrachten die oft erschrecklich verzeichneten Blätter mit dem stillen Wunsche, ihnen ähnlich zu werden. Sie sehen in ihnen die Steigerung dessen, was am eigenen Körper als reizend, als anmuthig erscheint, d. h. also ihre Ideale. Wenn die Modefiguren mithin so schlank gezeichnet werden, daß der Leib fast auf die Hälfte seiner natürlichen Breite eingeschränkt wird, Hüfte und Brust bis zu einer Schmalheit zusammengedrängt werden, die auf Beschauer mit anderen Idealen äußerst lächerlich wirkt – so sehen wir, was die Frauen damals erstrebten. Das Kleid war dicht unter der Brust zusammengefaßt; ohne jede Querfalte, meist ohne jede Falte überhaupt fiel es bis zum Fuß herab, hinten oft in langer Schleppe endend. Dadurch wirkte der Untertheil des Körpers sehr lang, sehr schlank. Die Figur, nicht in der Mitte durch den scharfen Abschnitt der Taille getheilt, erhielt etwas Biegsames, leicht Bewegtes. Die Schönheiten des weiblichen Körpers traten unverhüllter als in irgend einem anderen Kostüm hervor.

Diese Kleider unserer Großmütter waren nach unseren Begriffen entschieden unanständig. Bei ihrer Leichtheit ist es kein Wunder, daß, als geordnetere Verhältnisse eintraten, die gute Gesellschaft – und das heißt ja so viel als die modische Gesellschaft – sich die Rundtänze verbat und die Menuetts wieder aufnahm, daß man sich des Wortes von Abraham a Santa Clara erinnerte: „Ein tugendhaftes Mädchen soll sein wie eine Orgel – die schreit, wenn man sie antastet.“ Aber das Kleid selbst gab man nicht auf und man fand es zu jener Zeit auch keineswegs unanständig!

Das „Negligé“ war damals ein anerkanntes Gesellschaftskleid, das meist erst zum Abend abgelegt wurde. Die Frauen wollten aussehen, als seien sie eben taufrisch aus den Armen des Schlafes hervorgegangen. Thatsächlich aber erschienen sie wie ungenügend bekleidet.

Aber das menschliche Auge wird von der Gewohnheit beherrscht. Man gewöhnte sich an das Kleid. Nur die ersten Trägerinnen hatten kühn sich über den herkömmlichen Anstand weggesetzt, die Folgezeit fühlte sich in ihrer Tugend nicht erschüttert. Nicht die Zionswächter guter Sitten verdrängten es, sondern die Mode lebte sich aus wie jede andere.

Der Wandel ist das Lebenselement der Mode. In der hohen Kunst wie in der Kleidung giebt es einen Augenblick, wo selbst das Schönste uns zu ermüden beginnt. Unser Auge hat unter der Fülle der möglichen Naturformen eine als ihm besonders wohlgefällig gewählt. Was diese Form bietet, erscheint als schön. Jeder ist bestrebt, sie sich anzueignen. Langsam, Schritt für Schritt wird sie fortgebildet: alle Welt glaubt, man befinde sich auf dem Wege allgemeinen Fortschreitens in das unerreichbare Gebiet der Ideale. Auf tausendfältigem Wege wird dem einen leitenden Formgedanken zugestrebt. Diese Einheit des Strebens nennt man in der Kunst Stil, in der Kleidung Mode. Beide führen nothwendig zur Uebertreibung einer Formenerscheinung. Diese kann bis ins Unglaubliche geführt werden, ehe die Welt sich klar wird, daß sie an einer Verzerrung arbeite. Nach und nach tritt aber, wenn das Aeußerste erreicht ist, Formenmüdigkeit ein. Der Drang nach einer Richtung läßt nach, ein neues Ideal bildet sich heraus. Und während die Welt diesem zustrebt, sieht sie mit höhnendem Erstaunen auf die verlassene Bahn zurück. Man schilt die alte Geschmacklosigkeit, während man sich inmitten einer Bewegung befindet, die ebenso der Geschmacklosigkeit zueilt.

Man sollte glauben, die Grundgestalt des Menschen gäbe einen festen Rückhalt für die Kleidung. Aber selbst diese unterliegt der Formenmüdigkeit, auch sie muß umgestaltet werden, um [11] „schöner“ zu werden. Der Wilde, der seine Haut bemalt und in seine Lippen einen Pflock schlägt, arbeitet nach demselben Kunstgesetz wie der Chinese, der seinen Fuß verkrüppelt, oder die Frau unserer Zeit, die sich in einen Schnürleib zwängt. Namentlich aber schwankt die Anschauung, ob Vergrößerungen einzelner Körpertheile schön seien. Immer wieder werden sie versucht, und seien sie nach so unbequem. Gerade die Unbequemlichkeit reizt. Warum setzt der Jüngling seinen Cylinder schief auf, wenn er kecker Stimmung ist? Weil er durch den Druck auf die Stirn sich bewußt wird, daß sein liebes Ich durch den Achtzehnzöller bedeutend vergrößert wird, weil er sich erweitert, mächtiger fühlt. Warum ist die Schleppe der Inbegriff der Vornehmheit? Weil sie der Frau auf Meterlänge eine Erweiterung ihres Raumes giebt. Soldaten haben sich stets in wallenden Federbüschen gefallen. Sie erscheinen sich mächtiger, weil ihr Körper scheinbar gesteigert ist!

So war das „antike“ Kostüm eine Steigerung in die Länge. Es ist kein Zufall, daß auf allen Modebildern jener Zeit die Frauen als größer erscheinen wie die Männer, ebensowenig, als daß nun die ausschweifendsten Hutmoden platzgriffen. Die „Toques“ werden zu wahren Thurmbauten, die Krempen der Hüte erhielten den wildesten Schwung, die breiteste Ausladung. Der Kopf mit dem kurzen Mieder wurde fast in die Mitte der Gestalt herabgedrückt, das Streben nach Schlankheit führte zu einer recht unweiblichen Riesenhaftigkeit, über der die „Simplicität“ völlig vergessen worden war.

Den ersten entscheidenden Wandel in der Kleidung gab das allgemein sich geltend machende Bedürfniß nach einem festen Sitze des Kleides. Im Jahr 1809 kam das „Corset en X“ auf, welches aus einem breiten Gurt und zwei über den Achseln sich kreuzenden Tragbändern bestand, die unter der Brust zu einer breiten enganschließenden Schnebbe sich erweiterten. Noch trug man dieses Kleidungsstück über dem eigentlichen Kleid. Dazu kamen Beinkleider in der Form von Pantalons, die über der Fußbeuge zugeschnürt wurden. Darüber trug man das Kleid, hatte also – zum Spott selbst der Modeblätter – zwei Anzüge übereinander. Man fand, so angethane Frauen mahnten an verkleidete Männer. Im Jahr 1811 kam das Corset à la Ninon auf, benannt nach der berühmten Ninon de l’Enclos, der gefeierten Königin der Galanterie des 17. Jahrhunderts.

Es begann also das Zurückgreifen auf die Mode der großen Zeit Ludwigs XIV. Dieser Schnürleib schloß sich der Gestalt völlig an, ohne sie zu verändern. Ihr fehlte die Taille. Ebenso war das corset en fichu; beide sind noch darauf berechnet, daß die Kleider dicht unter der Brust geschnürt werden. Aber sie haben schon einige Fischbeine, bedeuten mithin schon das Ende der „Natürlichkeit“. Nachdem die Mode die Gestalt bisher nur verlängert hatte, begann sie nun, sie Schritt für Schritt umzubilden.

An diesem Wandel hatte die Verwendung schwererer Stoffe, als sie bisher üblich gewesen waren, wesentlichen Antheil. Der kaiserliche Hof konnte mit der „Simplicität“ allein nichts anfangen. Perkal, leichte Wolle, Tüll waren nicht die rechten Gewebe für die großartige Prachtentfaltung Napoleons I. Schwere Seide, noch dem antiken Schönheitsgefühle entsprechend weiß, mit massiven Goldstickereien in streng architektonischen Mustern nahmen der Tracht das Geschmeidige, Leichte und zugleich das Anstößige. Im Winter brauchte man wärmendes Gewand. Man begnügte sich nicht mehr mit Ueberkleidern, deren Schwere und Bauschigkeit im Gegensatz zu der übertriebenen Leichtheit des eigentlichen Anzuges stets den Spott geweckt hatte. Während der Ehemann fürchten mußte, daß im Tanzsaal von den Reizen seiner Frau nur zu viel sichtbar sei, war er beim Verlassen des Festhauses in Gefahr, unter den Mänteln mit sechsunddreißig Kragen sein Weib gar nicht wieder zu erkennen.

Der Redingot, jener Tuchmantel, der anfangs eng das enge Kleid umschloß, bekam zuerst weitere Formen. Man fand solche Tuchoberröcke, die mit Pelzwerk reich geschmückt wurden, zwar anfangs „sehr männlich“, aber man erkannte ihre gesundheitliche Nothwendigkeit wenigstens an.

Seit die Kleiderstoffe schwerer wurden, standen sie von selbst mehr vom Körper ab, bald aber kamen Falbeln und Besätze am unteren Kleiderrande dazu. Die „antike“ Mode hatte ihren Höhepunkt erreicht, die Augen der schönen Frauen richteten sich auf andere Mittel, ihre Gestalt umzubilden, diese den Eindruck der Länge an der Gestalt mindernden Besätze gaben den ersten Anlaß dazu. Die Formenmüdigkeit wirkt eben so mächtig, daß selbst die eitelste Frau nie mit einer ihr nach ihrer Meinung noch so gut stehenden Tracht zufrieden ist. Täglich muß das Neue versucht, die Wirkung eines Reizes gesteigert, und wenn der höchste erreicht wurde, ein neues Mittel hervorgesucht werden, das jenen ablöst!

[45]
II.

Die Tage der Freiheitskriege brachen an. Die politische Welt warf die Last der französischen Uebermacht unter heißen Kämpfen von sich. Kein Land ergriff das Ringen tiefer als Deutschland. Nicht ohne Spannung durchblätterte ich die Modezeitungen von 1812 und 1813, um die Wirkungen der großen auf deutschem Boden geschlagenen Schlachten in diesen zu beobachten.

Da ist zunächst das „Journal des Dames et des Modes“, welches in Frankfurt am Main seit 1799 erschien. Es hat die besten Kupfer und schritt in der Kenntniß der Vorgänge im tonangebenden Paris den anderen Blättern entschieden voraus. Ich fand kaum eine Zeile über den Krieg. Die Modenberichte, die französischen Erzählungen und Gedichte gehen ruhig fort, ungestört vom Geschützdonner von Großbeeren, Dresden und Leipzig.

Ein zweites Blatt ist das „Journal des Luxus und der Moden“, von Bertuch und Kraus herausgegeben; es erschien in Weimar seit 1786. Der Krieg erscheint wohl in manchem seiner Berichte, aber ohne Parteinahme für die kämpfenden Völker, mehr als eine Störung im Betrieb der Modegeschäfte wie als eine nationale Sache, die alle Fasern des öffentlichen Lebens ergreift.

Gesinnungstüchtiger erweist sich die in Leipzig erscheinende „Allgemeine Modenzeitung“. Zwar die Nummer vom 19. Oktober 1813, die also gedruckt wurde, während rings um die Stadt der furchtbare Entscheidungskampf der Völkerschlacht tobte, beginnt mit einer Erzählung „Meine Schnupftabaksdose“ und fährt in alter Weise mit meist herzlich läppischen kleinen Mittheilungen fort. Aber am 2. November erscheint ein Artikel: „Was geziemt dem Manne in unseren Tagen?“, dem ähnliche voll patriotischer Begeisterung über die Pflichten der Frauen folgen. Das Modeblatt kämpft sogar dagegen, daß die Frau der Mode zu sehr, namentlich zu lang folge. Man ruft Frauenvereine auf. Man stellt in den Kupfern die Waffenkleider der siegreichen Helden dar. – Aber die Modenberichte aus Paris bleiben die alten. „Das Rosenrothe ist jetzt die herrschende Farbe!“ beginnt in dem Blatte vom 9. November der Pariser Brief. Einige Versuche, englische Modebilder zu beschaffen, werden bald wieder eingestellt. Und wenn bis 1820 der „teutsche Sinn“ der Frauen auch öfter angerufen wird, so folgt auf den Sieg der Waffen kein Sieg der Tracht. Deutschland bleibt in altgewohnter französischer Knechtschaft.

Man erfand zwar damals „teutsche Moden“. Die Burschenschafter haben sie lange getragen. Man sah auch Mädchen in einer Art Gretchenkleid, man gab sich Mühe, ein deutsches „Nationalkostüm“ zu entwerfen. Im Iahre 1848 und dann wieder 1859 wiederholten sich unter Wilhelm von Kaulbachs Leitung durch Münchener Künstler diese Bestrebungen. Aber alle endeten mit Mißerfolgen. Ein Nationalkostüm hat es eben nie gegeben und wird es bei fortschreitenden Völkern nie geben. Selbst unsere Bauerntrachten verschwinden nothwendigermeise. Das mag man vom Standpunkt der Liebe zum Eigenartigen aus beklagen, von dem des Freundes seines Volkes aus aber sollte man es nur mit Freude begrüßen. Bleibende Trachten sind Beweise des geistigen Stillstehens. Wenn erst einmal eine Geschichte des Bauernstandes geschrieben sein wird, dann wird man sehen, wie auch dieser stets mit der Mode ging, wenn er in guter Lage sich befand. Jetzt tragen die Bauern das Kleid des 16. oder 18. Jahrhunderts in mehr oder minder rein erhaltenen, meist durch Verknöcherung steif und eckig gewordenen Bildungen. Vor dem Dreißigjährigen Krieg und vor dem Verfall der alten ständischen Staatsordnungen, das heißt vor den beiden großen Zeiten der Bauernschinderei, dachte der Landmann nicht daran, sich zu tragen, wie es seine Urgroßväter gethan hatten. So ist denn ein ständiges Nationalgewand wohl möglich in China, war es bis vor kurzem vorhanden in Rußland. Aber wo die Freiheit hinkommt, wo der Fortschritt herrscht, vielgestaltiges Wollen alle Tage die Schönheitsempfindung umbildet, da leidet der Formensinn und die Formenermüdung keinen Stillstand, da schaffen beide ihr launisches Kind: die Mode!

So blieb auch das deutsche Nationalkostüm ein unerfüllter Wunsch. Unsere Frauen würden böse Augen machen, wollte man sie auf ein solches verpflichten: sie würden sich bedanken, zu tragen, was die Künstler von 1818, 1848 oder 1859 ihnen vorschreiben wollten.

Seit die napoleonische Herrschaft geendet hatte, die bourbonischen Könige wieder in Paris thronten, jene Männer wieder am Staatsruder saßen, die in schwerer Zeit der Verbannung „nichts gelernt und nichts vergessen“ hatten, verschwand nach und nach das „antike“ Kostüm. Mit vollem Bewußtsein griff man nun in der Mode wie in der Politik auf die Zeit vor der Revolution, auf die Tage der alten Königsherrlichkeit zurück.

Ein Menschenalter hindurch hatten die Frauen keine Schnürleiber oder doch nur schmale, den Körper nicht beengende Stützen der Brust getragen. Es war dies die Revolutionszeit gewesen. Seit die Freiheit durch den Kaiser eingeschränkt worden war, kam als Vorbote das corset à la Ninou auf. Seit 1820 etwa wurde es zum entscheidenden Kleidungsstück für die Mode. Wie die Männer Frankreichs ins alte Staatsrecht, so wurden die Frauen in die engen Leibchen aus der Zeit der Pompadour eingespannt. Der Rocksitz sank von der Brust langsam wieder auf die Hüften herab. Damit war die Möglichkeit gegeben, den Anzug in ein über die Schultern gezogenes jackenartiges Stück und in einen getrennten [46] Rock zu theilen, während früher die Schultern allein Träger des aus dem Ganzen geschnittenen Kleides gewesen waren. Die Gestalt erhielt einen starken Abschnitt in eine obere und eine untere Hälfte. Und da dieser Abschnitt das Neue war, begann die Mode alsbald, hastig sich daran zu machen, ihn recht entschieden herauszubilden. Der „antike“ Anzug war ein lothrecht sich aufbauender, ansteigender, die nun beginnende neue Mode drängte auf das Gegentheil, die wagrechte Entwicklung, erging sich in die Breite.

Der Uebergang vollzog sich nicht plötzlich. Der Formensinn mußte sich der neuen Anschauung erst anbequemen. Aber schon um 1825 erschienen die Frauen wie umgewechselt. Glichen sie früher einem aufrechten Strich, so wurden sie jetzt zu einem dicken, zweimal tief eingeschnürten Sacke. Als die Revolution abermals ihr Haupt erhob, als das Königthum der Bourbonen abermals abgewirthschaftet hatte, war diese Mode wieder auf ihrem Höhepunkt angelangt. Das Jahr 1830 bezeichnet eine der tollsten Ausschweifungen des royalistischen Geschmackes.

Den Kopf deckte ein Hut, dessen Breite die des Gesichtes in der Regel um das Dreifache überbot. Ein Thurm von Federn, Schleifen u. dgl. baute sich auf ihm auf. Der Hals war möglichst frei. Es kam darauf an, durch Gegensätze zu wirken, den Abschnitt möglichst entschieden zu kennzeichnen. Der Schnürleib war scharf angezogen. Die „Taille“, das künstliche Einengen der unteren Brust und der Seiten, wurde der Zeit Ludwigs XIV. und XV. nachgeahmt. Man nannte die Mode sogar nach den Maitressen dieser Fürsten. Die Pompadour, die Maintenon und die Dubarry begannen der Ninon den Rang als Vorbilder der neuen Zeit streitig zu machen. Aus der engen Taille heraus aber entwickelte sich eine außerordentliche Schulterbreite. Der Oberarm wurde mit in die Kleidformen hineinbezogen; man überlud ihn mit bauschigen Aermeln, man legte die Falten des Leibchens so, daß sie in scharf seitlich gebogenen Linien von der Gürtelmitte nach den Achselhöhlen verliefen und darüber hinaus die Aermel umspannten. Höchster Erfolg der Bekleidungskunst war aber, bei einem Gürtel von 55 cm dem Kleid in Schulterhöhe eine Breite von bis zu 80 cm in der Vorderansicht, also einen Umfang von etwa 2 Metern zu geben. Also wieder eine tief einschneidende Abtheilung der Gestalt, die jener von Hals und Hut entsprach. Von den Hüften hing ein weites, aber gleichmäßig kurzes, stark fußfreies Kleid herab. Dieses war durch gesteifte Unterröcke gestützt, so daß es weit abstand. Schon in der späteren Zeit der „Antike“ hatte man die „Volants“ erfunden. Nun wurden sie bald für fast vierzig Jahre die maßgebende Schmuckform am Rock. Volants nannte man meist gekrauste Besätze, die, einseitig an den Rock genäht, mit der freien Seite schräg von diesem abstanden. In der Regel waren sie als wagrechte Streifen an die Kleider befestigt und halfen, die Gestalt künstlich zu verbreitern. Ein solches Kleid aus dem Jahre 1830 hatte unten bereits 2 Meter Weite, ohne die Falten gerechnet. Alle Hilfsmittel schienen den Frauen recht, um breit und kurz zu erscheinen. Denn es ist eine bekannte Thatsache, daß lothrechte Abtheilungen die Gestalt verlängern, wagrechte sie verkürzen. Selbst die Füße waren durch das Bandwerk der sandalenartigen Schuhe wagrecht getheilt.

Besonders lächerlich erscheinen die Winterkleider. Der Mantelkragen, die gewaltig gebauschten Aermel – „gigots“, „Hammelkeulen“, nannte man sie – der kurze, weite Rock ließen die Figur als einen kurzen Haufen erscheinen, dessen Umrißlinie schwerlich etwas von der menschlichen Gestalt erkennen ließ, es sei denn die in sehr schmale Schuhe gepreßten Füße, die unter der plumpen halb so breiten wie hohen Masse besonders schwach und zart erschienen.

Gegen die „antike“ Tracht war die der Restauration künstlerisch ein gewaltiger Rückschritt. Dort war die menschliche Gestalt vielleicht zu offen zur Darstellung gekommen, hier siegte das Werk des Schneiders über das des Schöpfers. Die von den natürlichen Bewegungen unabhängigen Kleider erhielten einen durchaus schneidermäßigen Aufputz an Schleifen und Bändern, Rüschen und Blonden, der ganz willkürlich angeheftet werden konnte. Bei aller Weitheit war der Geschmack kleinlich und gesucht.

Das zeigte sich am auffallendsten beim Kopfputz. Man wollte die Wirkung des Hutes auch beim Ballkleide nicht vermissen und baute aus Bandwerk, Federn und Haar die absonderlichsten Kunstwerke auf den Frauenköpfen auf. Auch das 18. Jahrhundert hatte ganz unverständig hohe „Toupets“ getragen. Aber nie haben die Haarkünstler so überfeinerte Werke geschaffen wie in den dreißiger Jahren. Es erschienen große Kupferwerke mit ihren Entwürfen. Monsieur Narcisse oder Hippolyte waren weltbekannte Leute. Das „Album Grandjean, journal des coiffures et des modes“ machte große Geschäfte. Man begnügte sich nicht mit einer gleichseitigen Anordnung, sondern jede Kopfhälfte mußte ihre eigene Haarbehandlung haben. Man bildete Blumen aus natürlichem Haar und flocht ausgestopfte Vögel in dasselbe. Jede Art der Scheitelung hatte etwas zu bedeuten, diese galt für schmachtend, jene für unternehmend. Stundenlang arbeitete der Künstler an einem Kopfe, um das Meisterwerk zu vollenden. Berühmte Haarkünstler kamen am frühen Morgen, um für den Abend ihr Werk vorzubereiten. Dann hieß es den Tag über fein still sitzen, damit nicht die Blumen sich lösten, der Bau ins Schwanken kam. Aber welche Qual ertrüge man nicht, um schön zu erscheinen!

Bald nach der Revolution von 1830 begann sich aber wieder ein Wandel zu vollziehen. War bisher die Schulter als eine wagrechte Linie erschienen, so begann nun die Mode, abfallende Formen für sie zu wählen. Die Hüte wurden kleiner und erhielten eine ganz abscheuliche, aber durch Jahrzehnte mit geringen Aenderungen beibehaltene Form! Sie umfaßten nämlich das Gesicht auch seitlich in Art der Scheuleder der Pferde. Um zur Seite zu sehen, mußten die Frauen den Kopf völlig umdrehen, denn die beiden Backentheile des Hutes ragten weit über das Gesicht vor. Schattenspendend war diese „Kiepe“, sie gab auch dem Gesicht eine angenehme Rundung und bot Gelegenheit, dieses durch ihm gut stehende Farben zu verschönen. Das Gebundene, Unfreie der Zeit äußert sich aber deutlich an der geschmacklosen Form. Die Haaraufbauten verschwanden und die Künsteleien verzogen sich vom Scheitel an die Backen, so daß die Ohren meist durch Locken oder Haarwickel verdeckt wurden.

Der Schnitt des Kleides blieb der alte, aber die Umrißlinie der ganzen Figur änderte sich durch die Vorliebe für Shawls. Seit etwa 1836 beginnen diese, das Prunkstück der [47] Frauenkleidung zu werden. Während man die Bauschärmel aufgab, die Leibchen und Aermel enger, verständiger gestaltete, verbarg man die Formen wieder unter dem im Dreieck gelegten, oder später vielfach veränderten Tuch, das, nach unten auf dem weiten Rocke ruhend, dem Oberkörper die Gestalt eines Kegels gab, auf dem das mit eng anschließendem Hut versehene Köpfchen knopfartig aufsaß.

Der Juli 1839 brachte endlich die auf lange Zeit entscheidende Erfindung. Man hatte immer weiter abstehende Kleider getragen. Anfangs hatten die Volants des Rockes allein die gewünschte Form gegeben, später suchte man den Rock selbst durch weite Unterkleider zu stützen, endlich hatte man diese mit Stärke gesteift und auch ihrerseits mit abstehenden Volants gebauscht. Aber immer wieder empfand man als Nachtheil, daß die Unterkleider den beliebter werdenden schweren Stoffen keinen genügenden Rückhalt boten. Weil man jetzt oft zwei Röcke trug und den oberen nach Art der Tapeziere raffte, ferner schwere Posamenten anbrachte, so mußte ein stärkerer Widerstand gefunden werden.

Da trat im Sommer 1839 der „Crinozephir“ auf, ein Unterrock, „der gleichsam wie ein luftiges Geflecht die Damen umgiebt“. „Crin“ heißt das Schwanzhaar des Pferdes. Es waren also aus Roßhaar geflochtene Röcke, die den gebauschten Kleidern von nun an den Halt gaben. Schon wenig Wochen darauf waren sie in allen Theilen der Welt unter dem Namen „Krinoline“ in Gebrauch.

Gewöhnlich erzählt man sich, die Kaiserin Eugenie habe die Krinoline erfunden. Man ersieht aber aus der mitgetheilten Jahreszahl, daß dies nicht der Fall ist; denn 1839 war die Kaiserin Eugenie ein 13jähriges Mädchen, das wohl kaum sich mit Erfindungen auf dem Gebiete der Mode beschäftigte, jedenfalls aber keinen beherrschenden Einfluß auf die europäische Welt ausübte.

Während der ganzen Regierungszeit König Louis Philipps blieb die Krinoline das vorherrschende Kleidungsstück. Schon 1846 waren Roßhaarröcke von 2,5 Metern unterem Umfang keine Seltenheit mehr. Auf diesem glockenartigen, elastisch festen Untergrund konnte die Erfindungskraft der Frauen sich gemächlich ergehen. Die Volants blieben in alter Werthschätzung. Man vermehrte ihre Zahl, wechselte ihre Breite und Farbe. Bald stellte man sie schräg, bald wagrecht. Die „Pyramidenkleider“ zeigten Reihen von nach oben immer schmäler werdenden Sammetstreifen. „Regenbogenkleider“ waren beliebt, bei welchen die Volants in den himmlischen Farben sich abstuften. Aesthetiker fanden jene Kleider für lobenswerther, an denen von unten nach oben der Farbenton bei jedem der neun Volants lichter wurde. Die Volants nahmen auch Besitz vom Oberkörper, das Leibchen und die Aermel wurden mit ihnen besetzt. Oder man schuf Shawls und Mantillen mit mehreren Reihen Fransen übereinander, damit nur ja das Kleid in möglichst viele selbständig sich bewegende Reifen zu zerfallen scheine.

Die Krinoline bot aber auch für Doppelröcke die beste Unterlage. Vom Gürtel fielen Bänder oder Blumengewinde nieder, an denen der Oberrock aufgerafft war, um den unteren glatten oder mit Volants geschmückten theilweise zu zeigen. Die Möglichkeit zur Abwechslung war eine ganz außerordentliche, und man machte von ihr den ausgiebigsten Gebrauch. Gerade weil die Mode der Krinoline so viel Gelegenheit zu Neuheiten bot, blieb sie so lange bei den Frauen in Werthschätzung.

Sie überdauerte die achtundvierziger Jahre. Während der Revolutionszeit machte sich eine Neigung zu größerer Einfachheit geltend. Aber mit dem Hervortreten des Prinzen Louis Napoleon wendete sich die Mode, die nie republikanisch gesonnen gewesen ist, begeistert dem neuen Stern zu. Sie schien zu ahnen, daß Napoleon der rechte Mann sei, sie zu schützen. Den Modeblättern war sichtlich ein Stein vom Herzen gefallen, seit der Pariser Gesellschaft wieder ein Mittelpunkt gegeben war. Man höhnte das „Puritanisch-republikanische“ der vorhergehenden Jahre. Alle Kräfte setzten an, um nun die Modeherrschaft von Paris wieder zu vollstem Glanze zu bringen.

Vom Jahre 1851 bis 1870 hat denn auch wirklich Paris eine Macht über den Kleidergeschmack ausgeübt wie nie vorher, selbst nicht im 18. Jahrhundert. Es gab überhaupt keine Art von moderner Tracht mehr, außer der Pariser. Den Höhepunkt bezeichnet die Weltausstellung von 1867. Jahrhunderte hindurch war das Uebergewicht des französischen Gewerbes vorbereitet worden. All die vielen sich ablösenden Regierungen waren einig im Streben, dem Gewerbe alle Mittel zur Vollendung an die Hand zu geben. Der kaiserliche Hof und als dessen Mittelpunkt seit ihrer Vermählung am 29. Januar 1853 die Kaiserin Eugenie boten das, was die Mode vor allem braucht, die Möglichkeit, sich rasch geltend zu machen. Das Ineinandergreifen der verschiedenen Gewerbe war meisterhaft geordnet. Was die Zeichner entwarfen, die Webereien, die Schneider gefertigt hatten, wurde durch den Hof alsbald der ganzen Welt zur Schau gestellt. Hunderte von Federn, Tausende von Zeitungen waren voll geschäftigen Eifers, die Neuheiten als unabwendbare Forderungen des Geschmackes weit über Europas Grenzen hinaus der aufmerksam lauschenden Welt zu verkünden. Kein Hof, kein auf europäische Sitte haltendes Volk dachte daran, daß man sich der Pariser Mode entziehen, keine vornehme Frau, daß sie anders sich tragen könnte, als wie dies in den Tuilerien geschah. Alle Fürstentöchter erhielten ihren „Trousseau“, ihre Brautausstattung von der Seine, die großen Pariser Häuser hatten in allen Handelsstädten ihre Warenlager, jeder Modenkaufmann, der seinen Kunden gerecht werden wollte, mußte wenigstens einmal im Jahr in der Hauptstadt des Geschmackes sich umgesehen haben. Die Eisenbahnen schienen eigens dazu erfunden, den Geschmack der Welt an ihren Mittelpunkt zu fesseln. Sie führten ihm endlose Züge von Käufern, einen unermeßlichen Reichthum zu. Noch heute, ein Menschenalter später, ist im Handelsstande Frankreichs jene Kaiserzeit in dankbarster Erinnerung.

Das Entscheidende bei der Mode der Kaiserzeit waren wieder die Formen der Schnürleiber und der Unterröcke.

Bis etwa 1850 war das corset à la Ninon in Gebrauch, nur mit dem Unterschiede, daß die Taille immer länger, aber auch immer enger geschnürt wurde. Es entsprach in den dreißiger Jahren etwa der Form von heute. Nun aber erhielt es andere Gestalt. Der über Leib und Hüfte sich ausbreitende untere Theil wurde zu einem gebogenen, herzförmigen Teller, über dem das Leibchen in scharfem Winkel sich erhob. Die Qual, die dieser bis zum äußersten angezogene Schnürleib durch den scharfen Druck in die Seiten den Frauen verursachte, wurde noch erhöht durch die Last von Röcken, welche jener Teller zu tragen hatte. Denn immer weiter bauschten sich die Kleider. Bei dem „Genre Pompadour“ von 1850 erreichten sie schon einen Umfang von 3,5 Metern, ohne die Falten gerechnet. Die sogenannten „Englischen Unterröcke“ gestatteten noch größere Ausdehnung. Die Modezeitungen begannen schon vor der Ueberbietung zu warnen; wahrhaft vornehme Frauen, so sagen sie, schlössen sich dieser Uebertreibung nicht an. Man wählte schwere Stoffe, damit das Oberkleid allein sich halte, und legte diese so, daß sie in vorspringenden „Säulen“ niederfielen. Bei den tausend Falten, aus [48] welchen diese entstehen, hoffte man dem Umriß eine schönere Linie, weniger „Schroffheit“ zu geben. Die Krinolinen aus Roßhaar genügten auch nicht mehr, man nähte seit 1856 Fischbeinreifen oder Stahlstäbchen versteckt in die Volants der Röcke. Der Anzug erhielt eine immer wachsende Menge von Kleidungsstücken. Ueber dem mit Spitzen versehenen Beinkleid und dem Flanellrock trug eine vornehme Frau auf dem Ball als drittes Kleidungsstück den leinenen „Anstandsrock“. Er war unten 2 Meter weit (3½ Ellen) und hatte einen breiten gestickten Saum. Als vierte Schicht erschien ein bis ans Knie reichender, dicht wattirter Rock, in den drei starke Fischbeinstäbe in handbreiter Entfernung gleich Tonnenreifen eingenäht waren.

Darüber lag ein steif gestärkter weiter Leinenrock mit drei breiten gleichfalls steifen Volants, über diesem zwei Röcke aus steifer Gaze oder neuem Mull. Nun erst kam als achte Schicht das eigentliche Kleid. Die Kaiserin trug 1859 auf einem Feste ein Kleid von weißem Tüll, mit vier Röcken übereinander, jeden mit Tüll gerüscht und mit weißem Gazeband eingefaßt. Es hatte im ganzen 103 Volants. Man berechnete, daß über 600 Meter Zeug zu demselben verwendet worden seien. Und diese ganze Masse von Röcken hing an glattem Bund auf dem Teller des Schnürleibes, eine wahrhafte Last, doppelt unbequem, weil sie ihre eigene Bewegung hatte, „vor den Trägerinnen“, wie ein gleichzeitiger Bericht treffend sagt, „herzugehen schien“.

Der Erfindungssinn wurde daher immer wieder darauf hingewiesen, den weiten Röcken eine bessere Stütze zu geben. 1856 erschien der „jupon-tournure-impériale“, dessen Zweck sein sollte, zu verhindern, daß die Kleider vorn und hinten sich aufbauschten, sondern sie sollten sich „nach den Seiten von den Hüften aus entwickeln“. Also ein quergestelltes Oval sollten sie bilden. Dies war nur durch Stahlreifen möglich. Seit dem Jahre 1857 zeigen die Modeblätter auch in Deutschland neben 2,3 bis 3 Meter weiten Roßhaarröcken, die 3 bis 7 Thaler kosteten, Stahlreifröcke mit 8 Reifen zu 32/3 Thalern, 2,9 Meter weite mit 10 Reifen zu 41/2 Thalern an, ebenso 2,8 Ellen (beinahe 2 Meter) breite Flanelle zu Unterröcken. Auf den Modebildern hat schon das Kleid unten eine Breite, die der Höhe von der Fußsohle bis an das Kinn gleichkommt. Das ergäbe, ohne Falten gerechnet, einen Umfang des Rockes von fast 5 Metern. Kein Wunder, daß dieses Ungeheuer 6 bis 8 Bahnen Stoff verschlang. Auch die Länge des Kleides nahm natürlich zu. Sie stieg bis zu 1,20 Metern. Zehn Meter Stoff kostete allein ein Rock, ohne Volant, Ueberwurf, Tunique und wie sonst dessen Aufputz benannt wurde.

Die Stoffe, in welche man sich kleidete, waren anfangs leichte: Krepp, Gaze, Tüll, Blonde, im Uebermaß verwendet, sollten eine „duftleichte Toilette“ schaffen, die Frauen sollten im Festgewande aussehen, als umgebe sie ein Schleier, als seien sie der irdischen Schwere entkleidet. Die unter der Last von zahllosen Röcken Leidenden sollten „ätherisch“ scheinen, nicht an die Wirklichkeit mahnen. Die „Natürlichkeit“ war ganz bei Seite geschoben, eine andere Form des Idealismus hatte gesiegt, die der Sentimentalität, welche das wirkliche Sein für roh, unfein erklärt und etwas Besseres, Feineres, Entkörpertes dafür zu bieten trachtet. Die „antike“ Tracht hatte vielleicht zuviel Körperlichkeit geboten, bei derjenigen des zweiten Kaiserreiches sah man von der Gestalt so gut wie nichts. Denn auch die Aermel hatten meist wieder großen Umfang gewonnen oder verschwanden doch in Ueberärmeln von Tüll, Batist oder Spitzen. 1861 kamen Drahtgeflechte auch für diese auf, da sie nicht lang genug die gewünschte bauschige Steifheit sich zu erhalten vermochten. Also auch hier, durch diese „Elefantenärmel“, wie sie hießen, verschwand die Umrißlinie der menschlichen Gestalt und wurde diese von einer Stoffwolke umhüllt. Zwar ließen die schönen Frauen es sich nicht nehmen, immer wieder zum ausgeschnittenen Leibchen zu greifen, aber sie fühlten wohl, daß diesen Kleidermassen gegenüber die Gestalt mager, unbedeutend erscheine. Besonders schmächtige Frauen waren jetzt ebenso zu beklagen wie in der „antiken“ Tracht die starken.

Nach den strengen Begriffen unserer Tage war die Tracht des zweiten Kaiserreiches eine hervorragend anständige. Nicht einmal der Fuß kam zum Vorschein. Die Schuster beklagten dies laut. Die weite Röckeglocke versteckte vollständig das Schuhwerk. Oft versuchte es die Mode, die Kleider zu kürzen, aber nie brachte sie diese Absicht zum Siege. Denn sobald die Röcke nicht auf dem Boden schleiften, kam der ganze Bausch in das widrigste Schwanken: er machte seine Pendelbewegung für sich, unbekümmert um die Schritte der Trägerin, jeder Windstoß, jeder Vorbeistreifende warf ihn zur Seite, so daß er bald vorn, bald hinten sich aufbäumte.

Aber mit Mull und Tüll kann sich nur ein Mädchen oder eine junge Frau zum Tanz kleiden. Auch schwerere Stoffe mußten getragen werden. Und da bot sich denn auf der großen Röckeglocke die schönste Gelegenheit, hohe Pracht zu entfalten. Die Musterzeichnerei nahm jetzt wie zur ersten Zeit des Reifrockes im 17. und 18. Jahrhundert die Gelegenheit wahr, zu zeigen, was sie zu leisten vermochte. In schwerster Lyoner Seide wurden die reichsten Entwürfe ausgeführt. Große Blumensträuße, ganze architektonische Entwürfe mit Galerien und Zweigegerank wurden in glänzendster Färbung ausgeführt. An Posamenten, an Guirlanden von Stoff und Blumen wurde Erstaunliches geleistet. Der Stoff, der hier auf einem sich nicht mit dem Körper bewegenden Rocke ausgebreitet wurde, dessen Falten sich nicht den Gliedmaßen anzuschließen hatten, konnte fast bildartig geschmückt werden. Lange Zeit trug man daher die Kleider „ganz einfach“, wie die Modeberichte sagen, d. h. ohne Volants und Draperie, und ließ nur das künstlerisch entworfene Stoffmuster wirken. Die Webereien hatten goldene Zeiten, denn man verbrauchte nicht nur viel Zeug, sondern man gab auch aller Welt Gelegenheit, dieses aufs bequemste zu würdigen. Der Rock kleidete nicht mehr die Frauen, sondern diese trugen ihn öffentlich zur Schau.

Die Mäntel und Pelze mußten sich der Krinoline anbequemen. Auch sie erhielten formlose Weite und einen dementsprechenden Preis.

Man konnte sie doch nicht eng die Kleider umspannen lassen, da diese sich sonst seitlich ausgebauscht hätten. Man mußte sie vorn so schwer wie hinten und zur Seite machen, da sonst die Kleiderglocke aus dem Loth gedrückt worden wäre. Man war überall beengt und behindert, weil die herrische Mode von den weiten Röcken nicht lassen wollte, weil das Auge sich viel zu sehr an diese gewöhnt hatte, um nicht in jedem engeren Kleide einen Rückschritt, eine Häßlichkeit, ja etwas Lächerliches zu sehen.

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III.

Der Stahlreifrock, auf den bald der Name Krinoline fälschlich übertragen wurde, erschien seit 1856. Fast zwanzig Jahre hat er die Welt der Frauenmode beherrscht. Millionen wurden an seiner Herstellung verdient, bis in die unteren Stände griff er durch, den Geschmack aller Nationen umbildend. Lange vorher erhob sich in der Presse, in der Gesellschaft ein Wehgeschrei, ehe er kam. Man ahnte ihn voraus und machte drei beschwörende Kreuze. Selbst die Modenblätter verwahrten sich feierlich dagegen, daß eine vornehme Dame je den Reifrock tragen werde. Aber bereits 1858 sagt die „Allgemeine Modenzeitung“, die Gegner des neuen Kleidungsstückes seien schon still geworden, bekehrt, gewonnen, da sie einsähen, daß ein nicht fächerförmig sich entfaltender Rock „unangenehm absteche“. Im Jahr 1859, höhnt dasselbe Blatt bereits die Bestrebungen, welche in Deutschland gegen die Nachahmung der Pariser Mode, durch den österreichischen Krieg hervorgerufen, kurze Zeit wirkten. Dann, 1860, wird die Form des Reifrockes geändert, er erscheint nicht mehr als Glocke, sondern als umgestülpter Trichter – was womöglich noch häßlicher wirkt; 1862 treten die jupes cages auf, welche namentlich die Engländer Thomson u. Comp. meisterhaft anfertigten; ihre Eigenart lag darin, daß sie vorn wenig, hinten aber um so mehr abstanden.

„Cage“ heißt „Käfig“. Der Reifrock bestand nämlich nicht nur aus 37 wagrechten ovalen Reifen, sondern auch aus acht lothrechten. Er bildete also einen Stahlkäfig, welcher frei für sich stand und dem Hinsetzen einen ganz entschiedenen Widerstand entgegenstellte. Noch 1867 waren die jupes cages in vollem Gebrauch. Der Hauptbügel, welcher dem Reifrock die stark geschwungene Haltung für die Schleppe gab, war 1,02 Meter lang, [76] während der vordere Theil nur 0,83 Meter maß. Der Umfang betrug immer noch 2,7 Meter.

Es war sehr schwer, sich im Reifrock geschickt zu bewegen. Stets umlauerten die Trägerin Gefahren. Schon über eine schmutzige Straße zu gehen, war ein Kunststück. Denn es war unmöglich, das Kleid allein aufzuheben.

Daher erfand man 1858 das lève-jupe und das Pompadour-porte-jupe, Vorrichtungen, durch welche das Kleid wie eine Gardine an verschiedenen Stellen aufgezogen werden konnte. Eine verwickelte und daher auch oft versagende Einrichtung mit Schnüren, Rollen und Haken ermöglichte es, dem vorher glatt hängenden Kleid durch einen Zug an einem am Gürtel hängenden Band plötzlich die Gestalt eines achtfach gerafften Vorhanges zu geben. Aber gegen die Schwierigkeiten im Wagen, in enger Thür, im Gedränge, bei Windstößen, beim Ersteigen einer Treppe, auf engem Sitz im Theater oder Konzerte halfen alle Vorkehrungen nichts.

Hohl und unwahr, aufgebauscht und unsittlich war diese Tracht – ein echtes Bild des zweiten Kaiserreiches. Der Kaiserin Eugenie, der gefeierten Führerin dieser Mode, wird man sie stets als ihr Spiegelbild vorhalten. Sie gehörte zu ihr, ihrem ganzen inneren Wesen nach.

Aber die Gerechtigkeit fordert, zu berichten, daß die Kaiserin guten Geschmack genug besaß, wiederholt gegen den Reifrock aufzutreten. Schon 1858 wurde der Welt durch die Pariser Modeberichte verkündet, daß sie ihn abgelegt habe; 1859 ertönte wieder der Ruf, daß seine letzte Stunde geschlagen habe; er sei zu „gemein“ geworden, die Kaiserin habe zu einem Feste am Napoleonstage die Stahlreifen durch das Stärken, die Steifheit der Röcke durch deren Zahl ersetzt.

Aber alsbald begann die Industrie eine Gegenbewegung: die Stofffabrikanten, denen die bauschige Tracht so genehm war, die Stahlerzeuger, die Millionen von Metern Reifen zu liefern übernommen hatten, die Schneider, die Posamentiere, die Blumenmacher – alle erhoben ein lautes Geschrei, man solle die treffliche Mode nicht stören. Der Rückzug der Kaiserin wurde durch jene Erfindung der trichterförmigen Krinoline gedeckt. Trotzdem trug die Kaiserin noch 1859 in Compiègne, wo sie wirklich Herrin der Mode war, wieder fußfreie, engere Kleider, leichte Wollenstoffe statt der theuren Seide. Auf diese Weise empfahl sie ihren Gästen, den erschreckend anwachsenden Luxus mit bekämpfen zu helfen. Die Rennen von Longchamp 1860 brachten abermals die Kunde, die Krinoline sei aus der eleganten Welt verbannt. Aber alle diese Anläufe erwiesen sich als vergebliche. Selbst der Fürstin der Mode war der Gegner zu stark, sie beugte sich vor seiner Gewalt. Sie mußte sich immer wieder selbst zum Reifrock bequemen.

Die Fabrikanten siegten, denn sie allein waren es, welche die Mode hielten und der Welt auch ferner aufzwangen. Balzac sagte 1855, Frankreich habe 500000 Frauen, die sich modern tragen, die tonangebende Gesellschaft bestehe aber aus höchstens 2000 Menschen und unter diesen aus 200 Frauen, deren Geschmack die Welt beherrsche. Er vergaß in seiner Rechnung einen Posten: jene noch geringere Zahl Großhändler, welchen der Geschmack jener 200 Frauen ebenso unterthan war wie der der Kaiserin.

„Konjunktur“ heißt die oberste Herrin der Mode. Sie ist heute und war noch viel mehr damals eine Sache der Handelsberechnung. Und weil Paris während des zweiten Kaiserreiches so unbedingt herrschte, darum war diese Berechnung so sicher und bequem. Den anstrengenden, aber das Gute fördernden Wettbetrieb der Kräfte hatte eine großartige Gemeinsamkeit des Strebens ersetzt. Jeder fand seine Rechnung unter dem herrischen Walten der Mode. Zwar war der Industrie jede Selbständigkeit im künstlerischen Schaffen, jede Eigenart unterbunden, sobald sie nicht im Ringe mit den großen Machern sich befand – aber die Brocken, welche Paris abwarf, waren so groß, daß es auch noch in den fernsten Ländern davon etwas zu knappern gab.

„Modes de Paris“ stand und steht noch heute auf tausend deutschen Ladenschildern. Das war der Triumph des einheitlich geregelten [77] Modebetriebes der fünfziger und sechziger Jahre. Damals wußte man genau, „was getragen wird“. Man brauchte wenig eigenen Geschmack und eigenes Denken, wenn man nur gut von Paris bedient wurde. Und Paris sorgte dafür, daß dies geschah. Die neue Mode, die der Kaiserin und jenen 200 Frauen aufgedrängt wurde, war diejenige der Welt. Wenn sie in Paris den bevorzugten Löwinnen des Tages zum „Creiren“ übergeben war, standen schon Tausende von Ballen postfertig da, damit die neuen Stoffe nach wenig Wochen in Berlin und Wien, in Petersburg und Madrid, in New-York und Montevideo in den Schaufenstern prangen konnten.

Die Krinoline brachte mit sich eine zweite traurige Modeausschweifung: das Chignon, jenen unmäßig großen Nackenzopf, welcher gleichfalls bis in die siebziger Jahre hinein getragen wurde. Wie hat man gegen die unsinnige, unappetitliche und häßliche Anhäufung dicker Wülste fremden Haares geeifert! Und wie wenig hat es geholfen! Bis in die untersten Stände hinein schien die Zuhilfenahme fremden Haares allen Frauen unerläßlich.

Die Industrie erfand Ersatzmittel, der Haarhandel stieg zu außerordentlichem Umfange, in den entferntesten Waldthälern waren die Zöpfe der Bauernmädchen vor der Schere des feilschenden Händlers nicht mehr sicher.

Das Jahr der Vergeltung, das furchtbare Jahr 1870, kam. Das Kaiserreich prasselte zusammen. Aber selbst über den Krieg hinaus wirkte die Macht seiner Organisation der Pariser Moden.

Die Welt war rathlos, wie sie sich zu kleiden habe, als das deutsche Heer die tonangebende Stadt mit eisernen Armen umklammerte, als die endlich befreite geschwächt, zerschlagen aus dem Ringen hervorging.

Noch lange blieb die Mode der alten Richtung treu. Noch 1875 herrschte die Krinoline, das gespreizte Wesen. Aber während früher die Kleider aufgebauscht, in der stolzen Linie eines Domes gewölbt waren, hatten sie jetzt etwas Schlaffes, Hängendes, Lotteriges. Eine der unglücklichsten Eigenthümlichkeiten dieser letzten Zeit war, daß die Taillen immer kürzer wurden. Man war 1874 schon fast wieder beim Schnüren dicht unter der Brust angekommen. Die Rückenlänge war oft nicht über 30 cm. Damit war es ermöglicht, die nun trichterförmige Krinoline recht weit auszudehnen, den Kleiderberg noch größer zu machen. Aber es war der letzte Versuch, dem nun veraltenden Formgedanken Interesse abzugewinnen.

Seit dem Herbst 1875 – ganz plötzlich – fiel der weite Rock in Ungnade, der ein halbes Jahrhundert sich in der Gunst der Frauenwelt erhalten hatte. Der Umschlag war ein allgemein gebilligter und daher auch ein überraschend plötzlicher und radikaler. Schon 1876 waren die Kleider zu einer Engheit zusammengeschrumpft, die sogar jene von 1801 übertraf. Mit den Millionen unnütz gewordener Reifröcke spielten die Kinder; es kamen kleine, von ausgehöhlten Hollunderästen gebildete Pistölchen auf, deren treibende Kraft ein Stück Stahlfeder aus Mutters Krinoline abgab.

Aber viele ältere Frauen trennten sich nur schwer von dem liebgewordenen Kleidungsstück, das sie als ein reinliches und in mancher Beziehung sparsames priesen. Denn die Stoffe zum Rock wurden nicht zerschnitten, konnten also öfter verwendet werden, wenn sie ihren ersten Zweck erfüllt hatten.

Zwei Kleidungsstücke waren charakteristisch für die 1875 bis 1880 getragene Mode: die Panzertaille und die Prinzeßrobe. Beider Haupteigenschaft war die Knappheit. Die erstere war ein ganz festes, oft hinten geschnürtes, mit Fischbein verstärktes Leibchen, welches bis auf die Hüften herabging. Es war dieses Kleidungsstück also abermals ein Widerspiel zu den bisher getragenen kurzen Taillen. Es schien darauf abgesehen, gerade das Gegentheil von dem zu machen, was als die kaiserliche Mode galt.

Wieder wie vor 60 Jahren wurde das Bestreben allgemein, die Gestalten so schlank als möglich zu bilden. Aber während das erste Mal zu diesem Zweck der Oberkörper verkürzt wurde, so daß der untere Theil der Brust und die Seiten verleugnet wurden, der Unterkörper also möglichst lang aussah, wählte man jetzt den umgekehrten Weg. Der Oberkörper wurde möglichst gestreckt, die Taille so tief als möglich gerückt, die Hüften in das gleiche Gewand mit der Brust gepreßt. Der Rock kam erst unterhalb der Hüften zum Vorschein und hatte enge, reich, aber schneidermäßig gelegte, nicht frei bewegliche Falten, so daß das Schreiten fast zur Unmöglichkeit wurde. Während das Leibchen kräftig lothrecht getheilt wurde, um lang auszusehen, umgab die Beine wagrecht [78] angebrachter Schmuck, damit sie kurz erscheinen möchten. Die Kleider machten den Eindruck, als seien sie vom Leibe herabgerutscht, zumal eine lange schmale Schleppe beliebt wurde, um der ganzen Gestalt mehr Länge zu geben.

Alles, was gegen die Unsittlichkeit der Kleider von 1801 vorgebracht worden war, wurde auch der Prinzeßrobe nachgesagt! Sie verhüllte die Körperformen nicht, sondern enthüllte sie. Damals wurden Vischers berühmte Angriffe gegen die Mode geschleudert, denen man mit der ungetrübtesten aller Freuden, der Schadenfreude, zustimmte, die aber auf den Gang der Dinge keinerlei Einfluß hatten. Andererseits begannen einflußreiche Stimmen der Prinzeßrobe Hymnen zu singen, begannen die Berliner Modeblätter Einfluß zunächst in Deutschland, später für das Gebiet der „Konfektion“ auf ganz Europa zu gewinnen.

So wandelten denn die Frauen in trippelndem Schritt durch die Straßen, eine Schleppe hinter sich herziehend, die in ärgerlichen Schlängellinien den Staub aufwirbelte und den Koth fegte. Wohl erfand man Schleppenträger, Bänder, die über die Hand gezogen wurden, wohl lernte man mit einem zierlichen Fußstoß nach hinten die Schleppe der tragenden Hand entgegenzuwerfen, aber man konnte nicht verhindern, daß der Staub die weißen Strümpfe beschmutzte, der Koth sich in die Röcke setzte.

Damals kamen zum ersten Male in diesem Jahrhunderte dunkle Strümpfe auf, die kurz vorher als das eigentlichste Merkmal der Uneleganz gegolten hatten; es war in erster Linie die Furcht vor dem schlechten Aussehen bestaubter weißer Strümpfe, durch welche diese plötzlich in Acht und Bann bis auf den heutigen Tag geriethen.

Aber die Krinoline versuchte doch noch einmal, sich Geltung zu verschaffen. Schon 1879 erschienen gesteifte Unterröcke und bald darauf kleine Tournüren aus Roßhaar. Außerdem begann man die Kleider zurückzubinden, so daß eine Art Grat vom Rücken aus zu Boden fiel, der dem Körper an einer unaussprechlichen Stelle mehr Fülle gab.

So kam es denn, daß im letzten Jahrzehnt sich alle Modeschwankungen im wesentlichen um diesen Punkt drehten, um die Rückseite des weiblichen Daseins.

Es wird uns Männern schwer, galant gegen die Frauen zu sein, wenn diese selbst es so wenig sind. Wir sind ja mit ihrer schönen Gestalt völlig zufrieden, nicht so sie selbst; das beweisen sie durch das ununterbrochene Bestreben, an sich herum zu ändern. Die allgemeine Stimme ihrer Selbstkritik scheint in allen Zeiten, besonders aber in unserer, dahin zu gehen, daß der liebe Gott sie nicht mit hinreichenden Werkzeugen zum Sitzen bedacht habe. Denn dort wissen sie stets zu basteln und zu bessern, dort entfaltet sich besonders seit zehn Jahren die ganze Wirksamkeit ihres umbildenden Geschmacks.

Als etwa 1882 die vielgeschmähte Schleppe verschwand, machte es den Eindruck, als sei sie nicht abgeschnitten, sondern nur in bauschigen Falten nach oben gezogen worden, wo sie ein von der Taille ausgehender loser Gürtel oder eine Schärpe festhielt. Denn immer stattlicher wurde der Puff, welcher sich über der Tournüre bildete. 1884 war der jupon crinoline wieder da, eine Art Viertelkrinoline, die am oberen Ende der Rückseite angebracht wurde. Die Gestalten näherten sich den Rokokofiguren, nur mit dem Sonderumstande, daß der Schneiderei, dem Zerschneiden, Fälteln, Aufnähen der Stoffe zu Volants, Rüschen, Querbahnen und dem modisch werdenden Plissé weit mehr Raum gelassen und der schönere freie Fall der Stoffe dadurch verhindert wurde. So kam man dahin, die Hüften breit zu bilden, eine puffartige Stofffalte, die sich nach hinten in der Tournüre vereinigte, auch ihnen aufzulegen. Im Jahre 1883 hatten sie schon einen Umfang von etwa 23/4 Metern, der untere, nun kurz getragene Rock stand dem, wenig nach. Man war schon beim halben Reifrock angelangt: während die Vorderlinie des Umrisses einer von der Seite gesehenen Frau in Wellenlinien senkrecht abfiel, entsprach die Hinterlinie an stark abstehender Bauschung schon den Zeiten von 1866. Namentlich an den Ueberkleidern, den Paletots, Mänteln etc., war diese Form deutlich erkennbar, da sich bei ihnen der Bausch der Tournüre nicht in leichten Falten, sondern in fest geschneiderten Formen geltend machte.

Da verkündete im Jahre 1888 die launische Göttin dem sich eindrängenden Reste des Reifrockes das Todesurtheil. Und so sind wir denn heute wieder einmal alle Aufpolsterungen los.

Sicher nicht für alle Zeiten! Wer aber weiß, welcher Theil des weiblichen Körpers jetzt der bevorzugte werden, welchem die Mode ihre verschönernde und dadurch entstellende Fürliehe zuwenden wird? Es scheint, als gingen wir in der Aufbauschung der Oberarme wieder den „Gigots“, den „Hammelkeulen“, entgegen. Was aber auch die Mode beschließt, – nie wird in die Kleidung Dauer kommen, so lange noch eine schöne Frau vor dem Spiegel sich heute eine Locke so, morgen eine Schleife anders legt. Immer wird ein unerklärlicher, nirgends im ganzen greifbar auftretender allgemeiner Zug des Geschmackes bald zu jener Steigerung ihres Ichs führen, bald zu dieser. Stets werden wir alle mehr oder minder stark von dem Zuge ergriffen werden, der Allgemeinheit folgend unseren Geschmack bis zu einem gewissen Grade umbilden. Bis zu einem gewissen Grade! Denn die sklavische Unterordnung unter alle auch noch so ausschweifenden Launen der Mode wird hoffentlich mit der Zeit einer höheren, vernünftigen Auffassung weichen, ein Ziel, dem gerade eine solche geschichtliche Betrachtung wie diejenige, an deren Schlusse wir stehen, näher führen dürfte. Das Ideal aller Bekleidungskunst muß sein, daß unsere Frauen und Mädchen lernen, sich der gleichmachenden Tyrannei der jeweils herrschenden Mode gegenüber unabhängig zu stellen und dagegen mit freiem und gutem Geschmack dasjenige für ihre Kleidung zu wählen, was zu ihrem äußeren und inneren Wesen, zu ihrer Individualität am besten paßt.


  1. Den größten Theil meiner Studien machte ich in der reichen Sammlung von Modezeitungen, welche die „Europäische Moden-Akademie“ zu Dresden besitzt. Es sei mir gestattet, hier meinen Dank dem Direktor der Anstalt, Herrn Strobel, auszusprechen, der mir die Sammlung erschloß.