Zum Inhalt springen

Neues Licht in ein altes Dunkel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Neues Licht in ein altes Dunkel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 647–649
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Neues über den „Mann mit der eisernen Maske“
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[647]
Neues Licht in ein altes Dunkel.


Wer von unsern Lesern hat nicht schon von dem Manne mit der eisernen Maske gehört? Wer nicht im Birch-Pfeiffer’schen Stücke diese unheimliche Erscheinung über die Bretter schreiten sehen? Wenn wir trotzdem diese geheimnißvolle Gestalt nochmals vorführen, so liegt unsere Berechtigung dazu in einer ganzen Reihe auf die merkwürdige Geschichte bezüglicher Thatsachen, die erst in neuester Zeit zu Tage gefördert worden sind. Bisher erzählte man von der eisernen Maske bloße Episoden, die zum kleinern Theil auf der im Mittelmeere nahe der französischen Küste liegenden Insel Marguerite, zum größern Theil in der Bastille spielten. Jetzt können wir der ganzen Kette von Gefängnißscenen folgen, die, in Pignerol beginnend und über Exilles – unweit Susa in Piemont – und Marguerite zur Bastille laufend, das Material zu der Geschichte des Mannes mit der eisernen Maske geliefert haben.

In einer Decembernacht des Jahres 1678 öffnete sich eine Hinterpforte der kleinen französischen Festung Pignerol, die, am Ausgange der Alpen gelegen, jetzt zu Piemont und zwar zur Provinz Turin gehört, für einen Fremden von militärischer Haltung. Pignerol hatte damals zwei Commandanten, den einen für die ganze Festung, den andern speciell für den Schloßthurm, der ein Staatsgefängniß war, und augenblicklich befanden sich zwei vornehme Gefangene daselbst, der Graf von Lauzun und der Oberintendant Fouquet. Der Commandant des Thurmes empfing den Fremden, der auf die geheimnißvollste Weise eingeführt wurde, persönlich am Eingange. In jener Nacht war es ein Officier, dessen Name Saint Mars blos einigen Cameraden und den Vorgesetzten bekannt war. Durch die Begebenheiten aber, die sich an das Erscheinen des Fremden knüpften, sollte er in beiden Welten zu einer traurigen Berühmtheit gelangen. Den wirklichen Namen des Gastes, den er begrüßte, kannte er nicht. Derselbe werde sich Richemont nennen und müsse für einen Staatsgefangenen gelten – das war Alles, was Saint Mars durch ein Schreiben des Kriegsministers Louvois erfuhr. So lange Richemont in Pignerol verweile, ordnete der Minister an, trete die den Staatsgefangenen Lauzun und Fouquet ertheilte Erlaubniß Besuche zu empfangen, außer Wirksamkeit. Dagegen könne Richemont mit den Beiden verkehren, das werde ihm helfen, sich die Zeit seines Aufenthaltes zu verkürzen, dessen Dauer sich noch nicht bestimmen lasse. Mehr hat Saint Mars über den Namen und die Mission des Fremden amtlich nie erfahren. Auf indirectem Wege verschaffte er sich indeß die Gewißheit, daß der angebliche Richemont der General Catinat, einer der besten von Ludwigs des Vierzehnten Feldherren, sei.

Im April des nächsten Jahres traf ein zweites Schreiben des Kriegsministers an Saint Mars ein. Es lautete dahin, daß die Verhaftung eines Mannes, mit dessen Betragen der König unzufrieden zu sein Ursache habe, nahe bevorstehe. Mit Niemand dürfe derselbe sprechen, Niemand dürfe wissen, daß Pignerol einen neuen Gast beherberge, und der Gefangene selbst sei so zu behandeln, daß er sein schlechtes Benehmen bereue. Der so übel Empfohlene war der Graf Ercole Antonio Matthioli; er hatte sich in der That schlecht benommen und Ludwig dem Vierzehnten alle Ursache zur Unzufriedenheit gegeben. Frankreich strebte nach dem Besitz von Casale, einer Festung, welche die Hauptstadt des Montferrat und einer der Schlüssel von Italien war. Obgleich nur sieben deutsche Meilen von Turin gelegen, gehörte Casale zu Mantua, mit dessen Herzog, Ferdinand Karl, sich ein Wort reden ließ. Er war ein Spieler und Verschwender mit keinem Pfennig in der Tasche. Auf Jahre voraus waren seine Einkünfte den Juden verpfändet. Er ließ sich gewiß auf einen Verkauf ein, und Matthioli, sein Günstling und Vertrauter, übernahm bereitwillig die Vermittelung. Er erschien in Versailles, nahm einen kostbaren Ring und vierhundert doppelte Ducaten dankend entgegen und erhielt eine weit größere Belohnung zugesichert, wenn er das Geschäft zu Stande bringe und bis dahin das tiefste Stillschweigen bewahre. Diese letztere Bedingung war keine müßige, denn erfuhren Spanien und Piemont, was im Werke sei, so wurde Alles vereitelt. Matthioli versprach Alles, aber da Turin und Mailand auf seinem Wege lagen, so benutzte er die bequeme Gelegenheit, sein Geheimniß an Spanien und Piemont zu verkaufen. Der Plan mit Casale war vereitelt, blos noch rächen konnte sich Ludwig der Vierzehnte, und dazu traf er die Vorbereitungen, von denen wir erzählt haben.

Matthioli hatte keine Ahnung davon, daß man in Versailles seinen Verrath kenne, und ging in eine ziemlich plumpe Falle. Der Abbé Estrades, französischer Gesandter in Turin, redete ihm ein, daß Catinat, die Hände voll von Gold, in Pignerol angekommen sei, um in einer persönlichen Zusammenkunft Alles zum Abschluß zu bringen. Matthioli willigte in die Unterredung, kam nach Turin und wurde ganz arglos, als ihm gesagt wurde, daß Catinat in einer Kirche dicht vor den Thoren auf ihn warte. Er stieg mit dem Abbé in den Wagen und wurde im Galopp über die französische Grenze geführt. Noch an demselben Tage befand er sich in Pignerol und in den Händen von Saint Mars. Es war ein Maitag, an dem er die Sonne zum letzten Male als freier Mann aufgehen sah.

Catinat war mit Matthioli’s Einbringen von seiner freiwilligen Gefangenschaft noch nicht erlöst. Es war ihm die Aufgabe gestellt, sich die Beweisstücke der fehlgeschlagenen Unterhandlung zu verschaffen. Der Herzog von Mantua besaß blos die Abschriften der Documente, die Originale hatte Matthioli in seinem väterlichen Hause zu Padua vermauern lassen. Man drohte ihm nun mit der Folter, bis er einen Brief an seinen Vater schrieb, der die Auslieferung der Documente zur Folge hatte. Da den Feinden des Königs jetzt die Mittel genommen waren, die Existenz einer Intrigue, die einen beinahe lächerlichen Ausgang genommen hatte, zu beweisen, so hatte Catinat seine Mission beendet. Ehe er Pignerol verließ, empfahl er Saint Mars, den Gefangenen, den er Lestang nannte und dessen wahren Namen nicht einmal die Officiere des Schloßthurms kannten, „hinsichtlich der Reinlichkeit und Nahrung so gut wie möglich (fort honnêtment) zu behandeln, ihm aber jede Verbindung mit der Außenwelt abzuschneiden.“ Louvois bestätigte jedoch diese Anordnung seines Agenten nicht. „Es ist nicht die Absicht des Königs,“ schrieb er an Saint Mars, „daß der Herr Lestang gut behandelt werde. Se. Majestät befiehlt vielmehr, daß man blos seine nothwendigsten Bedürfnisse befriedigt und ihm nichts giebt, was das Leben angenehm macht.“ Auf diese Weisungen kommt er mehrmals zurück. „Was die Härte betrifft, mit welcher der genannte Lestang zu behandeln ist, so hat es dabei sein Bewenden,“ heißt es in einem seiner Briefe und in einem zweiten schreibt er: „Der genannte Lestang muß in der strengen Haft gehalten werden, von der ich Ihnen geschrieben habe, und man darf ihm nur dann einen Arzt bewilligen, wenn es unbedingt nothwendig ist.“

Der Gefangenwärter, dem Matthioli übergeben war, hatte seine Laufbahn als einfacher Soldat in der ersten Compagnie der königlichen Musketiere begonnen. Auf die Empfehlung seines Hauptmanns d’Artagnan wurde er mit der speciellen Bewachung Fouquet’s betraut und mit einer Freicompagnie, die man eigens [648] zu seiner Unterstützung bildete, nach Pignerol geschickt. Er correspondirte direct mit Louvois, ohne dem Festungscommandanten und dem königlichen Statthalter jemals Rechenschaft oder auch nur Kenntniß von irgend einem Vorgange oder einer Maßregel zu geben. Hatte er Wichtiges zu melden, so geschah es nicht durch die Post, der man nicht traute, sondern durch einen besondern Boten, einen Officier. Es war derselbe, welcher in den seltenen Fällen einer Reise von Saint Mars nach Paris an dessen Stelle trat. Dieser letztere scheint zwar ein strenger Mann gewesen zu sein, doch seinen unglücklichen Gästen alle Bequemlichkeiten gewährt zu haben, die sich mit der vorgeschriebenen stricten Ueberwachung vertrugen.

Als Matthioli in Pignerol anlangte, bewohnte Fouquet den Schloßthurm seit vierzehn und Lauzun seit acht Jahren. Jeder der beiden vornehmen Gefangenen hatte seinen Kammerdiener, der aber auch als Gefangener behandelt wurde, und jedem stand ein ganzes Stockwerk des Thurms zur Verfügung. Zu Anfang war ihre Haft die strengste gewesen. Nach Jahren hatten sie endlich die Erlaubniß erhalten, an drei Wochentagen, aber zu verschiedenen Zeiten, auf dem Wall vor ihren Fenstern einige Stunden frische Luft zu schöpfen, und wieder zwei Jahre später war ihnen die Haft so weit erleichtert worden, daß sie sich besuchen, mit einander speisen und frei in der ganzen Citadelle herumgehen konnten. Etwa ein Jahr darauf starb Fouquet und wieder ein Jahr darauf wurde Lauzun in Freiheit gesetzt. Außer diesen Beiden gab es im Thurm noch vier Gefangene, untergeordnete Menschen, von denen aber einer in der Geschichte der eisernen Maske eine Rolle spielt. Seine Verbrechen kennt man nicht; er war ein Mönch vom Orden der Jacobiner und Louvois hatte ihm die Empfehlung mitgegeben: „Er ist ein großer Spitzbube und hat angesehenen Leuten in einer ernsten Sache übel mitgespielt.“

Matthioli war kaum ein Jahr in Haft, als er Zeichen von Geistesstörungen gab. Er wollte ein naher Verwandter des Königs sein und sprach von Besuchen der Engel. Wir wollen nicht untersuchen, ob es eine Handlung der Menschenfreundlichkeit war, daß man ihn mit dem Mönch zusammensetzte, denn auch der Jacobiner war geisteskrank. Als Saint Mars einmal in den Kerker trat, lief Matthioli, den Mantel bis über die Nase hinaufziehend, hin und her, und der Mönch saß auf seinem Bett, stützte die Ellbogen auf die Kniee und starrte seinen Gefährten immerfort an. So trieben sie es ganze Tage und dann entkleidete sich der Jacobiner einmal, stieg von seinem Bett herunter und hielt eine Predigt.

Den beiden Unglücksgefährten stand eine Uebersiedelung in einen andern Ort bevor. Saint Mars wurde zum Gouverneur von Exilles ernannt und erhielt Befehl, seine Freicompagnie und die „beiden Gefangenen“ aus dem Erdgeschoß des Thurmes mitzunehmen. Um die übrigen fünf Gefangenen kümmerte sich der Kriegsminister nicht, doch fragte er bei dieser Gelegenheit an, wie viel ihrer seien und für welche Verbrechen man sie bestrafe. Louvois schrieb in dieser Zeit an Saint Mars mehrere Male und aus seinen Briefen ergiebt sich mit der klarsten Bestimmtheit, daß im Erdgeschoß des Thurmes anfänglich noch die zwei Gefangenen saßen, die wir kennen. Zuletzt aber blos einer. Der andere ist im Herbst 1681 verschwunden. Aber welcher, Matthioli oder der Jacobiner? Höchst wahrscheinlich der Letztere. Er war ein gemeiner Verbrecher, den man gewiß lieber als Matthioli entfernte, als ein neuer Gefangener ankam, wegen dessen wieder große Vorsichtsmaßregeln ergriffen wurden.

Daß ein neuer Gefangener im Winter von 1681 zu 1682 gekommen ist, wird durch den Briefwechsel zwischen Louvois und Saint Mars außer Zweifel gestellt. Nachdem zuerst von zwei Gefangenen, dann von einem die Rede gewesen ist, treten plötzlich wieder zwei Gefangene auf. Aus Exilles meldet Saint Mars an Louvois, daß er seine beiden Gefangenen in demselben Thurme, aber in getrennten Zimmern, untergebracht habe. Er beschreibt die Vorsichtsmaßregeln, die er ergriffen habe, um sie völlig von der Welt zu trennen. „Meine Gefangenen,“ sagt er, „können die Leute hören, die auf dem Wege unter dem Thurme vorbeigehen, aber sie können sich mit Niemand verständigen, wenn sie auch wollen. Sie sehen die Personen auf dem Berge vor ihren Fenstern, aber sie selbst werden wegen der Gitter nicht gesehen.“ Tag und Nacht gingen zwei Schildwachen vor dem Thurme auf und ab und duldeten nicht, daß ein Vorübergehender stehen blieb. Saint Mars schlief neben den Gefängnissen und konnte aus seinem Fenster Alles sehen, was auf dem Wege vorging und was die Schildwachen trieben. Der Arzt, der die beiden Gefangenen behandelte, mußte in Pragelas, sechs Stunden von Exilles entfernt, wohnen. Seine Hülfe wäre gleichwohl oft nöthig geworden, denn Ende 1685 schreibt Saint Mars: „Meine Gefangenen sind immer krank und mediciniren; übrigens benehmen sie sich mit großer Ruhe.“

Nach diesem Briefe schweigt Saint Mars länger als ein Jahr über seine Gefangenen, und als er wieder schreibt, spricht er blos von einem. Wenn auch nicht aus den amtlichen Documenten, nach denen wir bisher berichtet haben, so doch aus einer anderen zuverlässigen Quelle, aus den Aufzeichnungen eines in der Freicompagnie angestellt gewesenen Officiers, geht mit Bestimmtheit hervor, daß in der Zwischenzeit, oder im Jahre 1686, Matthioli gestorben ist.

Ende April 1687 begab sich Saint Mars, zum Gouverneur der in der Nähe von Cannes aus dem Mittelmeere sich erhebenden Inseln Honorat und Marguerite ernannt, an den Ort seiner neuen Bestimmung. Seinen Gefangenen nahm er mit. Aus den Registern der Bastille geht hervor, daß die Haft des Unglücklichen bereits in Pignerol begonnen hat. Ist es richtig, was sich mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen läßt, daß der Jacobiner ohne Namen aus dem Thurme von Pignerol entfernt wurde und Matthioli in Exilles starb, so kann er nur der Unbekannte sein, der in Pignerol nachher eingebracht wurde. Gleich dem Jacobiner wird er in dem Briefwechsel zwischen Louvois und Saint Mars niemals genannt. Er heißt entweder „der Gefangene der Provence“, oder noch kürzer „der Gefangene“. Die Reise von Exilles nach der Insel Marguerite dauerte zwölf Tage. Unterwegs saß der Gefangene in einem Tragsessel, den ein Mantel von Wachstuch umgab. Schon in Exilles war er leidend gewesen und auf der Reise wurde er in Folge des Mangels an frischer Luft krank. Ihren Zweck hatte diese Art der Beförderung erreicht. „Ich darf Ihnen die Versicherung geben, gnädigster Herr,“ schrieb Saint Mars an Louvois, „daß kein Mensch auf der Welt ihn gesehen hat und daß durch die Weise, wie ich ihn geführt und bewacht habe, alle Leute neugierig geworden sind, zu erfahren, wer mein Gefangener ist.“ Welche Rücksichten auf den Letzteren genommen wurden, mag der Leser aus der folgenden Stelle des Briefes schließen, durch den Saint Mars dem Kriegsminister seine Abreise von Exilles anzeigte: „Das Bett meines Gefangenen war so alt und abgenutzt, sein Leinenzeug, sein Tisch und alle Möbeln, deren er sich sonst bediente, so schlecht, daß es sich nicht der Mühe verlohnte, diese Sachen, für die ich blos dreizehn Thaler bekommen habe, mit hierher zu nehmen.“

Saint Mars blieb elf Jahre, von 1687 bis 1698, auf der Insel St. Marguerite und eben so lange war sein Gefangener dort eingeschlossen. Um diesen Aufenthaltsort beginnt die Sage von der eisernen Maske ihre ersten Gewebe zu spinnen. Louvois soll den geheimnißvollen Sträfling in seinem Thurme besucht und stehend, den Hut in der Hand, mit ihm gesprochen haben. Aus dem Briefwechsel des Kriegsministers ist indessen bis zur Evidenz nachgewiesen worden, daß er nie einen Fuß auf die Insel Marguerite gesetzt hat. Fischer sollen einen silbernen Teller gefunden haben, auf den die eiserne Maske Nachrichten über ihr Schicksal eingekritzelt habe. Etwas Aehnliches ist vorgekommen und in die Sage verwoben worden. Ein protestantischer Geistlicher, der zu den Gefangenen gehörte, hat, wie Saint Mars in einem Bericht meldet, auf Leinenzeug und zinnerne Teller Armseligkeiten geschrieben. Uebrigens wird die Geschichte mit dem silbernen Teller auch von einem gewissen Valzin erzählt, der auf Richelieu’s Befehl gefangen gehalten wurde.

Authentische Angaben über den Aufenthalt des Gefangenen auf Marguerite existiren nicht. Erst mit der Versetzung von Saint Mars nach der Bastille tritt die eiserne Maske wieder in den Gesichtskreis der Geschichte. Wie von Pignerol nach Exilles und von Exilles nach Marguerite, wurde der Gefangene auch von Marguerite nach der Bastille mitgenommen. Er reiste in einer Sänfte. Daß er eine Maske getragen habe, wird blos von einer, noch dazu unzuverlässigen, Seite erzählt. In der Bastille trug er wirklich eine Maske, aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet, wie sie von den Damen auf Reisen allgemein getragen und Wolf genannt wurde. Hier in der Bastille starb er auch am 19. November 1703 und wurde auf dem Kirchhofe des Gefängnisses begraben. Das Kirchenbuch nennt ihn Marchiali und giebt sein Alter zu fünfundvierzig Jahren „oder ungefähr so“ an.

[649] Wer war die eiserne Maske? Mit Bestimmtheit können wir sagen: weder Fouquet, der 1680 in Pignerol gestorben ist, noch der Herzog von Beaufort, den die Türken bei der Belagerung von Candia erschossen haben, noch der Herzog von Monmouth, der in London öffentlich hingerichtet worden ist, noch der Graf Vermandois, der, an den Blattern gestorben, in Arras begraben liegt, noch endlich Matthioli, von dem mit höchster Wahrscheinlichkeit angenommen werden muß, daß er in Exilles gestorben ist. Indem wir alle diese Persönlichkeiten, die man für die eiserne Maske gehalten hat, bei Seite schieben, bleibt nur eine übrig, welche allerdings unter den verschiedenen bald hier bald da genannten unser größtes Interesse erregen würde, – wenn sie überhaupt existirt hätte.

Die eiserne Maske soll ein illegitimer älterer oder jüngerer Bruder Ludwig’s des Vierzehnten sein. Voltaire hat diese Vermuthung aufgestellt und in Folge des ungemeinen Ansehens des großen Philosophen, der bekanntlich nichts weniger als ein gewissenhafter Historiker gewesen, ist sie zu einer sehr verbreiteten geworden. Wer eine solche Thatsache aufstellt, muß Beweise für sie beibringen. Wo sind diese? Für die Behauptung, daß die eiserne Maske ein jüngerer Bruder Ludwig’s des Vierzehnten, ein Sohn Anna’s von Oesterreich und Mazarin’s, gewesen sei, läßt man eine zweite Behauptung den Beweis übernehmen: die Königin Wittwe sei mit Mazarin heimlich vermählt gewesen. Das ist möglich, mehr nicht, und nirgends findet sich auch nur die leiseste Andeutung, daß aus dieser Verbindung ein Sohn hervorgegangen sei.

Mehr einem Beweise sieht das ähnlich, was man dafür gesagt hat, daß die eiserne Maske ein älterer Bruder Ludwig’s des Vierzehnten gewesen sei. Ist das wahr, so kann die Geburt nur 1631 erfolgt sein. Mit dieser Zeit beschäftigt sich ein merkwürdiges Tagebuch, das 1648 im Druck erschien ist und für dessen Verfasser Richelieu selbst gilt. Ein näheres Eingehen auf den Inhalt dieses fürchterlichen kleinen Buches, wie Michelet es nennt, verbietet sich in einer Zeitschrift, auf deren Zeilen schöne Augen zu ruhen pflegen. Genug, daß Anna von Oesterreich beschuldigt ward, einen Ehebruch begangen und die Folgen, ein kaum entstandenes Leben wieder vernichtend, beseitigt zu haben. Also auch dieser einzige angebliche Beweis, daß ein älterer Bruder Ludwig’s des Vierzehnten am Leben gewesen und wegen seiner großen Aehnlichkeit mit dem König den Augen der Menschen entzogen worden sei, wird hinfällig. Man hat dies zugeben müssen und alle Bemühungen darauf gerichtet, einen indirecten Beweis zu führen. Wäre die eiserne Maske kein Bruder des Königs, hat man gefragt, warum dann dieses Geheimniß, dieses Ketten des Gefangenen an Saint Mars, die gute Verpflegung und besonders wozu die eiserne Maske?

Die Erklärung aller dieser Maßregeln haben die neuesten geschichtlichen Forschungen über das alte französische Gefängnißwesen gegeben. Besonders werthvoll sind die Aufschlüsse, welche Ravaisson’s im vorigen Jahre erschienene „Archive der Bastille“ liefern. Die eiserne Maske wurde genau so behandelt wie alle Gefangenen, die in „geheimster Haft“ (au secret absolu) saßen. Ohne auf die Leiden, die man wichtigeren Gefangenen zufügte, die geringste Rücksicht zu nehmen, hatte man nur das Eine im Auge, daß sie für die ganze übrige Welt todt seien, und dies Verfahren beschränkte sich nicht auf Frankreich allein. Auch Deutschland hat seine Oublietten gehabt, und erst durch die Julirevolution sind die armen Carbonari, deren Existenz von der Hofburg aus bis in’s Kleinste geregelt wurde, aus ihren Zellengräbern auf dem Spielberg erlöst worden.

Ehe die eiserne Maske, sagt man weiter, in der Bastille ankam, wurde für sie ein Zimmer besonders möblirt. Das war keine Auszeichnung, sondern Regel. Erst seit 1746 hat es in der Bastille möblirte Zimmer gegeben. Wenn 1698 ein Gefangener kam, hatte er sich mit dem Tapezierer der Bastille über seine Einrichtung zu verständigen. Im Jahre 1709, sechs Jahre nach dem Tode der eisernen Maske, wies der König Gelder an, um für fünf bis sechs Zimmer Möbeln, nämlich ein Bett, einen Tisch und zwei Stühle, anzuschaffen. Die Möbeln der eisernen Maske sollen sehr kostbar gewesen sein. Wer hat sie gesehen, wer über sie berichtet? Wie die Einrichtung in Exilles beschaffen war, wissen wir. Daß sie in der Bastille nicht besser gewesen, schließen wir unter Anderm aus den Klagen eines andern Gefangenen von Stande, dessen Gefängniß unter dem der eisernen Maske lag, und zwar im zweiten Stock, so daß er es gewiß nicht schlechter gehabt hat, als sein Leidensgefährte im dritten Stock.

Daß die eiserne Maske gute Kost gehabt hat, ist gewiß. Alle Gefangenen hatten ihre Verpflegung nur zu loben. Lägen nicht authentische Beweise vor, so könnte man an den Tafelluxus, der in der Bastille herrschte, kaum glauben. Jedes Mittagessen bestand aus mindestens drei Gerichten und einem Nachtisch, Alles reichlich und wohlschmeckend. Dazu wurden zwei Flaschen Wein gegeben und am Abend gab es eine dritte. Die Schließer brauchten zum Abdecken eine lange Zeit, denn sie gingen langsam von Zelle zu Zelle, um unterwegs das Uebriggebliebene zu verzehren. Die Speisereste überließ ihnen jeder Gefangene, die Weinneigen keiner. War bei Tische noch kein Durst da, so kam er gewiß später. Kranken schickte der Gouverneur Speisen von seiner Tafel, und die eiserne Maske, die oft unwohl war, wird dieser Gunst auch oft genossen haben. Der Gouverneur, der die Speisung besorgte und dem Staat große Rechnungen zu machen verstand, hatte natürlich ein Interesse daran, daß seine Gefangene leben blieben, und pflegte sie daher gut.

Daß der Gefangene, der den Namen der eisernen Maske führt, in der Bastille nicht zu den Vornehmen gerechnet wurde, ergiebt sich mit Gewißheit daraus, daß er in einem Thurm untergebracht wurde. Die „Personen von Distinction“ erhielten Gefängnisse in den Gebäuden zwischen den Thürmen, die armen Teufel steckte man in die letzteren und zwar jeden zu seines Gleichen. Der Dieb kam zum Diebe, der Fälscher zum Fälscher, der Giftmischer zum Giftmischer. Da der unter der eisernen Maske sitzende Gefangene ein Spion war, so läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß auch jener ein Spion gewesen sei. War er es, so erklärt sich, daß er Saint Mars bei jeder Versetzung desselben zu folgen hatte. Er hatte bei seinem Gewerbe Staatsgeheimnisse erfahren, die es räthlich machten, mit seinem Hüter nicht zu wechseln.

Aber die eiserne Maske? Man erinnere sich doch der Einrichtungen bei unserem modernen Zellensystem. Wie wird dafür gesorgt, daß kein Gefangener mit dem andern verkehre, keiner den anderen sehe! Selbst „eiserne Masken“ sind früher wenigstens üblich gewesen, namentlich wenn ein Sträfling in’s Sprechzimmer geführt wurde. Der Mann mit der eisernen Maske saß in geheimster Haft und durfte sein Zimmer eigentlich nie verlassen. Er kränkelte und aus Humanität gestattete man ihm Spaziergänge, ließ ihn aber eine Sammetmaske tragen, damit Niemand ihn erkenne. Wahrscheinlich hat es vor ihm verschiedene Männer mit der eisernen Maske gegeben, und er als der letzte hat sich im Andenken der Menschen erhalten, die auf ihn, wie es mit Repräsentanten einer ganzen Classe zu geschehen pflegt, alle die Romantik concentrirt haben, welche mit den Schicksalen mancher seiner Vorgänger verbunden gewesen sein mag.