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Nach einem Jahre

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: Rudolf Lavant
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Titel: Nach einem Jahre
Untertitel:
aus: Rudolf Lavant Gedichte
Herausgeber:
Auflage: 3. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1965
Verlag: Akademie Verlag
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons,
S. 086–087
Kurzbeschreibung:
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[086]
Nach einem Jahre


Den wir in langen, kampfbewegten Tagen,
Als sei er eingewiegt in tiefen Schlummer,
Halb unbewußt mit uns herumgetragen,
Heut ist er aufgewacht, der schwere Kummer.

5
Das Herz erwehrt vergebens sich des Bannes,

Dem Macht aufs neue über uns gegeben
Am Todestag des treuen, tapfern Mannes,
Der ein Soldat der Freiheit war im Leben.

Durch jedes Herz ging damals kühler Schauer,

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Und mühsam unterdrückten wir das Weinen;

Tief, ehrlich, echt war unsres Volkes Trauer
Und seine Klage um der besten einen.
Doch erst allmählich konnte man erfassen,
Was in dem kühnen Manne wir verloren,

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Den der gebietende Instinkt der Massen

Zum Führer sich von Anbeginn erkoren.

Und keine Zeit wird diesen Kummer lindern,
Den bei dem Tod des Tapfern wir erfahren.
Wir übertragen einst ihn unsern Kindern,

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Und immer tiefer wird er mit den Jahren.

Ein Liebling seines Volks war Liebknecht immer,
Das staunend sah sein heldenhaftes Streiten,
Doch um sein Bild wird der Verklärung Schimmer
Erst nach und nach verschönend sich verbreiten.

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So mancher füllt mit prahlendem Gepränge

Die Lebenstage, die ihm zugemessen;
An seinem Grab ist Jammern und Gedränge,
Doch nach drei Tagen schon ist er vergessen,

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Und vor dem Denkmal, das sie ihm erbauen,
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Wird keines Zeitgenossen Auge trüber;

Niemand verlangt danach, es anzuschauen,
Und kalt und fremd geht man an ihm vorüber.

Das Denkmal aber, das im Volksgemüte
Ein Mann, wie unser Toter, sich errichtet,

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Braucht keines Wächters, der es ängstlich hüte,

Und mit Gewalt selbst wird es nicht vernichtet.
Ob es auch nicht in Gold und Marmor glänze,
Ob keine Meister man zum Bau berufen –
An jedem Morgen liegen frische Kränze

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Aus Laub und Blüten auf des Standbilds Stufen.


Das ist der Trost bei unsrer Totenklage
Vor seinem Hügel, aufgehäuft aus Erde,
Daß tief sein Bild das Volk im Herzen trage
Und daß es niemals ihn vergessen werde,

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Daß es sein Wort sich in die Seele schreibe,

Um Kopf und Arm dem ew’gen Recht zu weihen
Und daß sein Geist in uns lebendig bleibe,
Voran im Kampfe schreitend unsern Reihen.


Anmerkungen (Wikisource)

Ebenfalls abgedruckt in:

  • Der Wahre Jacob 1901 Nr.392 Seite 3558 (Beilage "Gedenk und Erinnerungsblatt" zum einjährigen Todestag von Wilhelm Liebknecht).