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Moorbilder aus Muffrika

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Textdaten
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Autor: M. B.
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Titel: Moorbilder aus Muffrika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 774–776
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Moorkolonisierung
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Moorbilder aus Muffrika.


Alle Leser kennen Afrika, wenn auch die meisten nur durch Lectüre, sehr wenige aber werden Muffrika kennen, zumal die Hannoveraner, die den Ausdruck brauchen, selbst nicht darüber einig zu sein scheinen, was eigentlich mit demselben zu bezeichnen. Der Eine meint damit jeden Landstrich, der, mehr oder weniger hinter der Entwickelung der übrigen Welt zurückgeblieben, mehr oder weniger einen Zug von Dürftigkeit, Beschränktheit und Krähwinklerthum hat. Anderen schwebt dabei im Allgemeinen der verhältnißmäßig wenig bereiste Westen des ehemaligen Welfenreichs vor. Wieder Andere denken damit speciell an das Meppensche an der Mittelems und der holländischen Grenze. Wir drücken uns vorsichtig wieder allgemeiner aus und sagen: Muffrika ist das Land, wo der Heerrauch oder Höhenrauch herkommt.

Alljährlich geschieht es, daß bald nach Eintritt der ersten trocknen Frühlingstage langsam am westlichen Horizont ein breiter gelblich-grauer Nebel emporsteigt und sich allmählich wie ein Schleier über die Gegend legt. Ein Vielen unheimlicher, Allen beschwerlicher Gast. Die Sonne wird verdüstert, die grünen Farben von Wald und Feld nehmen einen falben Schein an, ein häßlicher Geruch, halb wie von Brand, halb wie von Moder, läßt sich spüren, die Brust fühlt sich beklemmt, die Seele zu trüben Betrachtungen gestimmt. Der Landmann hält den Qualm für giftig und giebt ihm das Abfallen der Obstblüthe schuld, womit er Unrecht hat. Er glaubt, daß der „Heerrauch“ langersehnte und endlich erschienene Gewitter verhindere, den Segen des Regens über seine Saaten zu ergießen, und die Wissenschaft ertheilt ihm darin Recht. Am meisten leidet Hannover von dieser Erscheinung am deutschen Himmel, aber bis in die Weichselgegenden und bis an die Alpen treiben in manchen Jahren die Winde den garstigen Dunst.

Zersetzte Gewitter! sagte man früher, wenn nach der Herkunft des Heerrauchs gefragt wurde. Heutzutage wissen wir’s besser. Nicht vom Himmel steigt er nieder, sondern von der Erde auf, und zwar liegt sein Heerd vorzüglich in den großen Mooren der Westhälfte Hannovers, die mit ihren Sümpfen und Haiden noch für viele Deutsche ein völlig unbekanntes Land sind und in die wir, da sie zugleich einen interessanten Winkel der Welt ausmachen, trotz Heer- oder Moorrauch und trotz einiger andern Unfreundlichkeiten der Gegend jetzt einen Ausflug unternehmen wollen.

Nichts weniger als lachende Gefilde sind es, in die unser Plan uns führt, aber hier im Moor wie daneben auf der Haide liegt der beste Theil der Zukunft Hannovers. Hier in der noch ungebändigten Natur, wo Meilen auf Meilen Landes sich rein im Zustande der Urzeit befinden, lassen sich von fleißigen Händen, die von der Erfahrung geleitet und von der Technik der Neuzeit unterstützt sind, noch Schätze heben, welche man in dieser Welt von Sand und schwarzem Torfschlamme lange nicht geahnt hat. Die üppig fruchtbaren Marschen des Küstenstrichs, die fetten Weizenfluren des Leinethales, die schönen Thalsohlen des Hildesheimschen und Göttingenschen haben den Gipfel ihrer Ertragsfähigkeit bereits erreicht. Die Torflager der Moordistricte und die Ergiebigkeit der Oberfläche derselben, wenn sie in Ackerland verwandelt sind, was so wenig unmöglich, wie die Umgestaltung der sandigen Haide in saatlohnendes Feld, versprechen, neuerdings nach ihrem wahren Werthe gewürdigt, den Reichthum des ohnehin nicht armen Landes noch außerordentlich zu erhöhen.

Gegenwärtig hat man erst begonnen, diese Reichthümer auszubeuten. Die Moore im Westen Hannovers sind durch ihre Größe, ihre Unwegsamkeit Völkerscheiden, sie sind, wo sie Landschaften einfassen, Schranken für den Zugang der Cultur. Der Muffrikaner lebt dieser oft ferner als der Bewohner entlegener Inseln. Er lebt geraume Zeit im Jahre in einer Beschränkung wie in einer Oase der Wüste, und man merkt ihm das an. Nicht weniger als sechsunddreißig Quadratmeilen der westlichen Theile Hannovers aber sind Moor, und davon hat der Ackerbau bis jetzt nur verhältnißmäßig ganz unbedeutende Strecken in Angriff genommen.

Wandern wir im Geiste über eine dieser ungeheuren Flächen, z. B. über das nur von wenigen Pfaden durchschnittene, gegen achtzehn Geviertmeilen einnehmende Moor von Bourtange, so kommen wir an Stellen, wo der ebene Boden am Gesichtskreis von einer reinen Kreislinie umschlossen wird. Nirgends ein Baum, ein Strauch, eine Hütte, nirgends ein Gegenstand, der sich auch nur in der Höhe eines Kindes auf der scheinbar endlosen Einöde dem Auge abgrenzte. Auch die entlegneren Ansiedlungen, die, in Birkengehölz verborgen, einige Zeit noch wie bläuliche Eilande am Horizont auftauchten, sinken, wenn wir weiter in’s Moor hineinschreiten, unter die Scheibe, welche wir überblicken, hinab. Nichts zeigt sich uns mehr als schwarzer Schlamm, überkrochen von rostbrauner Haide und dürftigen Halbgräsern, dazwischen gelegentlich ein Tümpel mit dunklem Wasser und darüber der ewige Himmel. Nichts ist zu hören, kein Wagen, kein Hund, auf dem weichen Boden nicht einmal unser Tritt, nur bisweilen unterbricht die Melancholie der Stimmung, in die uns diese Schrankenlosigkeit und diese Einsamkeit versetzt, nur steigernd, der klagende Ruf eines Haidehuhns die tiefe, peinliche Stille.

Wer da wissen will, was Einsamkeit und Einförmigkeit ist, wer Reste der Welt sehen will, wie sie vor Jahrtausenden war, der braucht nicht auf das Meer hinauszuschiffen und nicht die fernen Wüsten des Morgenlands aufzusuchen, er findet hier seines Begehrens Genüge.

Aber nicht überall mehr zeigt uns das Moor diese großartige Ursprünglichkeit, diese tiefe Schwermuth, die wohl schon die römischen Legionen ergriff, als sie hier auf den langen Faschinendämmen und Knüppelstraßen, von denen jetzt noch Reste gefunden werden, zur Unterwerfung der Chauken vordrangen. Von der benachbarten Geest schieben sich an einigen Stellen in die Haidesümpfe trockne Landzungen auf eine kürzere oder längere Strecke hinein, und mit diesen Zangen – Tangen nennt sie das niederdeutsche Volk von Muffrika – ziehen die Anwohner des Moors dasselbe allmählich in das Bereich der Cultur. Heerden genügsamer Haidschnucken gehen nach den nächsten zum Anbau geeigneten Strecken gleichsam als Pioniere voraus. Nachdem ihr Dünger den Boden fruchtbar gemacht, wird letzterer durch kleine Canäle von der Tiefe einer Elle entwässert, und so entsteht Ackerland, welches, nachdem Pflug, Säemann und Egge darüber gewesen, Jahre hindurch gute Roggenernten gewährt. Daneben werden durch Ausstechen des Torfes bis auf einige Fuß und einfache Düngung Wiesen geschaffen, die werthvolles Gras geben. Man sieht, solche Eroberungszüge in’s Moor hinein lohnen sich. Da es dazu indeß großer Mengen thierischen Düngers bedarf, so geht es mit der Erweiterung dieser Moorcolonien langsam vorwärts, und nur kleine Strecken der Sumpfgegenden sind auf solche Weise bis jetzt bezwungen.

Eine zweite Methode, das Moor für den Menschen zu bewältigen und es ihm, abgesehen von dem Torf, den es dem Küchenfeuer liefert, nutzbar zu machen, fällt mit dem Verfahren zusammen, welches der Hinterwäldler Amerikas im Dienste der Cultur anwendet. Es ist, „was uns der Moorrauch erzählt“. Wir stehen an seinen Heerden. Man greift zum Feuer und brennt das Moor ab, um in die dadurch gewonnene Asche Buchweizen zu säen. Damit geht es natürlich rascher, und man nimmt an, daß jetzt alljährlich in Holland und Hannover fast drei Quadratmeilen Moor auf diesem Wege zeitweilig zu Saatland umgeschaffen werden. Die Arbeit des Colonisten ist dabei ziemlich einfach. Das Moor wird durch niedrige Gräben bis zu einer gewissen Tiefe entwässert, dann durch Behacken gelockert und schließlich im Juni, in trockenen Frühlingen auch schon früher, angezündet, woraus sich dann ein Schauspiel entwickelt, dem ähnlich, welches die Prairiebrände des fernen Westen darbieten.

Hundert blutrothen Schlangen gleich züngeln die Flammen über den schwarzen Boden hin, knisternd und prasselnd sinkt vor ihrem Odem das dürre Haidekraut zusammen, unendlicher Qualm steigt auf und wallt im Winde. Wie eine ungeheure Feuersbrunst sieht man bei Nacht unter dem Horizont lodernde Moorbrände am Himmelsbogen ihren Schein abspiegeln und statt des von ihrem Rauch verhüllten Mondes nach der Geest herüberleuchten. Endlich erlischt die Gluth. Eine weiße Aschendecke hat sich über die Brandstätte gelegt, der Qualm ist von dannen gezogen, und nachdem sich der Boden völlig abgekühlt, beginnt das Ausstreuen der Buchweizensaat, die an guten Stellen im Herbst für ein Korn dreißig bis vierzig zurückgiebt.

[775] Im nächsten Jahre ist die Ernte schwächer, und nach vier bis fünf Sommern ist die Kraft des Bodens für Buchweizen erschöpft, selbst Hafer und Roggen, die ihre Nahrung in jenem noch finden, gedeihen nur bisweilen, die Brandcultur muß aufgegeben werden, und es beginnt nun eine dreißigjährige Brache, während welcher das Moor in seinen Urzustand zurückkehrt.

Nur da, wo der Buchweizenbau im verbrannten Sumpfe, wie im Bourtanger Moor, die gewöhnliche Feld- und Viehwirthschaft neben sich hat, ist er zu empfehlen; denn häufig läßt ungünstige Witterung die Pflanze mißrathen, und dann giebt es da, wo jener Ersatz mangelt, die traurigsten Zustände. Die armen „Moorker“, kleine Leute, die eine falsche Humanität auf einigen Mooren ansiedelte, wissen davon zu erzählen. Ohne Vieh, ohne Wege, aus denen sie ihren Torf zur Verwerthung bringen könnten, ohne Gelegenheit, sich, wenn die Buchweizenernte auf der Brandstätte schlecht ausgefallen, durch Arbeit als Tagelöhner ihren Unterhalt zu verdienen, nach den Herbstregen, durch welche das Moor um ihre Colonie unzugänglich wird, von allem Verkehr mit den Nachbarn jenseits des Sumpfes abgesperrt, verbringen sie in ihren aus Torfstücken aufgebauten Hütten die lange Winterszeit in Hunger und Kummer, wenn sie es nicht vorziehen, als Bettler im Lande umherzuschweifen. Auch davon könnte der Heerrauch manche betrübende Geschichte berichten.

Weit Erfreulicheres dagegen erzählt er von den Ergebnissen einer dritten Art, gegen die „wilden Moore“ vorzugehen, die besonders in Ostfriesland in Gebrauch ist, aber im eigentlichen Muffrika, oder in Muffrika im engsten Wortsinn, d. h. im Herzogthum Aremberg-Meppen, den glänzendsten Beweis dafür zeigt, daß sie praktisch ist. Bei dieser Methode wird das Moor bis auf sein Soolband, d. h. bis auf die Humusschicht zwischen dem Torflager und dem sandigen Untergrunde, den jedes Moor hat, abgegraben und der Torf auf den Markt gebracht, die Unterlage desselben aber als Garten- oder Ackerland bestellt. Gewöhnlich bildet sich zu dem Zwecke eine Gesellschaft, welche das Moor oder ein Stück desselben von dem Besitzer in Erbpacht nimmt und es dann wieder an kleine Leute in Erbpacht austhut. Das Erste, was man thut, ist die Anlage eines Canals von der Mitte des Moors bis zum nächsten schiffbaren Flusse. Zweck dieses Canals ist einerseits Entwässerung der Stelle, andererseits Verbindung derselben mit der übrigen Welt. Auf ihm verschifft der „Fehntjer“, wie der Colonist nach „Fehn“, dem friesischen Namen solcher Moorcolonien, heißt, seinen Torf und bringt dafür aus den Marschlanden Dünger, fruchtbare Erde und andere Bedürfnisse für den Ackerbau zurück. Der Canal, für den Fehntjer, was für den Hinterwäldler die Straße, ist die große Schlagader des hier halb im Wasser, halb auf dem Lande sich entwickelnden amphibienhaften Dorforganismus. An ihm, der das Moor seiner Länge nach in gerader Linie durchschneidet, siedeln sich die Pächter der Gesellschaft in der Weise an, daß jeder Neuhinzukommende, von der Mündung des Canals aus gerechnet, die letzte Stelle einnimmt. In der Regel ist das Stück Moor, das ihm angewiesen wird, fünfundzwanzig Ruthen breit, die Länge ist verschieden und bisweilen nur durch das Belieben und die Arbeitskraft des Anbauers begrenzt. Von zwei zu zwei solchen Colonistenstellen, also in Zwischenräumen von fünfzig Ruthen, zweigen sich, wie jene, im rechten Winkel sogenannte „Inwieken“, d. h. Nebencanäle, ab, die bei ihrer Mündung überbrückt sind, und ist das Moor sehr breit, so stehen dieselben wieder mit Canälen in Verbindung, welche mit dem Hauptcanal parallel laufen und „Hinterwieken“ heißen.

Der Fehntjer baut sich auf seinem Moorstück zuerst eine Hütte aus Torfsoden. Dann zieht er Entwässerungsgräben, damit der Torf trockne, zusammensinke und zum Ausstechen reif werde. Hierauf legt er sich durch Entfernung desselben in der Nähe der Hütte ein Gärtchen an, und allmählich gewinnt er durch weitere Weggrabungen ein Stück Ackerland, das, mit Canalschlamm oder Mergel gedüngt, gewöhnlich gute Ernten liefert. Die erste Generation hat es bei der langsam vorrückenden Arbeit des Umhackens und Abgrabens sehr sauer. Aber mit der Zeit findet redliches Schaffen seinen Lohn. Wo erst nur Buchweizen und einige Gartenfrüchte gebaut wurden, wird jetzt schöner Hafer und Roggen, goldner Weizen und Raps gewonnen. An die Stelle der niedrigen Hütte tritt ein bequemes und an dessen Stelle später oft selbst ein elegantes Wohnhaus, das hinter sich einen anmuthigen Garten hat.

Nirgends vielleicht sieht man eine so regelmäßige Stufenleiter dörflicher Besitz- und Lebensverhältnisse von der äußersten Dürftigkeit bis zum höchsten Wohlstande als in diesen Fehnen, wenn man den Hauptcanal nach dem Flusse zu durchschifft, nirgends eine solche eindringliehe Illustration der Lehre, daß man mit der Zeit Rosen pflückt und daß Arbeit die Mutter des Reichthums ist. Am obern oder innern Ende des Canals schwarze, schlammige Wildniß, menschenleer, einsam, freudelos, ohne Frucht und Leben. Dann die jüngsten Ansiedlungen, arme Menschen, arme Hütten, ein kleiner Torfkahn davor, ein Stück Buchweizenacker dahinter, weiterhin schwer mit Hauen und Spaten sich mühende Hände in feuchten, mißfarbigen Torfgruben. Dann die Häuser älterer Colonisten, welche die gröbste Arbeit schon überstanden und etwas vor sich gebracht haben, Fenster, in denen sich die Sonne spiegelt, munteres wohlgekleidetes Volk vor den Thüren, Obstbäume, Blumenbeete, reichtragendes Feld, Wiesen mit Kühen und Schafen darauf. Endlich am äußern Ende des Canals die ältesten Ansiedlungen des Fehns, stattliche Gehöfte mit Gebäuden so groß wie die von Rittergütern, von Frucht strotzende Gärten, Häuser daneben, die man Villen nennen könnte, fette Fluren dahinter, die unabsehbar scheinen, Vieh in Fülle, prächtige Pferde und Rinder, Alles grün im Sommer, golden im Erntemonat, ein Bild des Segens, wie es die Marsch nicht erquicklicher zu bieten hat. Was mag der Alte im weißen Haar denken, der dort vor der Thür auf den Canal hinabschaut und in dem armen Torfschiffer aus dem Innern des Fehns seine Vergangenheit vorübergleiten sieht! Und wie mag sich dieser wieder über die Noth und Last des Anfangs getröstet finden, wenn er hier seine Zukunft erblickt oder die seiner Kinder!

Auch im Herzogthum Bremen, d. h. in dem Theile Nordhannovers, der zwischen der Unterweser und Unterelbe liegt, giebt es Moorcolonien der geschilderten Art, die, siebenundachtzig an Zahl, von ungefähr fünfzehntausend Menschen bewohnt sind und seit ihrer Gründung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts etwa vier Quadratmeilen Landes unter Cultur gebracht haben. Wichtiger sind die neunzehn Fehne Ostfrieslands, die zusammen fast zwei Quadratmeilen einnehmen und von nahezu vierzehntausend Menschen bewohnt sind, so daß hier etwa siebentausendundsiebenhundert Seelen auf die Quadratmeile fallen, während die bevölkertsten Polder der Marsch im benachbarten Rheiderland kaum zweitausend auf derselben zählen. Und unter diesen ostfriesischen Fehntjern giebt es keinen Bettler. Während das unbedeutende Steuerquantum der Moorcolonien, die durch Brennen cultiviren, bisher fast regelmäßig bis die Hälfte niedergeschlagen werden mußte, weil viele Colonisten zahlungsunfähig waren, kamen in den Fehncolonien beinahe niemals Nonvalenten vor.

Die großartigste Fehncolonie Hannovers ist aber Papenburg, früher ein Flecken, seit 1860 eine Stadt. Es liegt im Herzogthum Aremberg-Meppen, und so kehren wir, uns zu ihm wendend, wieder in’s eigentliche Muffrikanische zurück, welches manche Schwächen und manchen komischen Zug haben mag, aber, wie wir sahen und sogleich weiter sehen werden, auch sehr respectable Seiten hat und überhaupt nicht so schlimm ist, wie sein Ruf unter den Althannoveranern.

Wo jetzt Papenburg steht, war vor etwas länger als zweihundert Jahren ein weites wildes Moor, auf dem nichts als ein verfallenes Haus von Stein und sieben elende Hütten standen. Da rief Dietrich van Veelen, der den Landstrich gekauft, 1675 von allen Seiten durch das Versprechen großer Freiheiten Ansiedler herbei, um eine Moorcolonie nach dem Muster der in Holland bereits bestehenden zu gründen. Dieselbe gedieh von Jahr zu Jahr besser, und neben dem Ackerbau, den die Bewohner trieben, entwickelte sich mit der Zeit eine Rhederei, wie sie kein anderer Ort Hannovers in solcher Bedeutung aufzuweisen hat.

Das System von Canälen, welches seitdem hier entstanden ist, hat eine Gesammtlänge von 5½ Wegstunden. Der eine Meile lange Hauptcanal geht durch das Droster Siel, wo sich die großen Werften Papenburgs befinden, in die Ems. Die Stadt selbst zieht sich zu beiden Seiten der Canäle durch das Fehn, welches, im Ganzen etwa siebenzehntausend Morgen groß, in etwas mehr als der Hälfte seines Flächenraums vollständig in Felder, Wiesen und Gärten verwandelt ist. Die Einwohnerzahl, zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts ungefähr dritthalbtausend, hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Statt der sieben Torfhütten von 1675 hatte der Ort 1865 nicht weniger als siebenhundert und achtzig Häuser und dazu drei Kirchen. Statt der wenigen Torfkähne, [776] mit denen die Vorfahren der Papenburger die Eroberung des Moors begannen, zeigte die Schiffsliste der Stadt im Jahre 1860 schon 163 Fahrzeuge, zusammen mit 12,141 Lasten und 1123 Mann Besatzung, während damals die ganze hannoversche Weserflotte nur 37 Schiffe mit 4917 Lasten und 552 Mann Besatzung hatte. Wie viel Geld aber aus dem wüsten Moor Dietrich’s van Veelen herausgewachsen ist unter den rüstigen Händen seiner Colonisten, zeigt der Umstand, daß im Jahre 1853 die Gemeinde Papenburg dem Besitznachfolger van Veelen’s, Freiherrn von Landsberg, seine Gerechtsame an das Fehn für hunderttausend Thaler abkaufen konnte.

Der Moorrauch hat uns Mancherlei erzählt, uns in seinen Nebeln verschiedene Bilder gezeigt, uns einiges Wissenswerthe gelehrt aus Gegenden des Vaterlandes, die Vielen weniger bekannt sind als Hinterindien. Den Hannoveranern aber, die im Süden und Osten der Provinz wohnen, ruft er speciell zwei Lehren zu: Unterschätzt mir Muffrika nicht! und: Laßt mir die Moorbrenner ungeschmäht und unbehindert weiter brennen!
M. B.