Zum Inhalt springen

Miterlebtes

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Wilhelm Marr
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Miterlebtes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 853–856
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[853]
Miterlebtes.
Eine einfache Weihnachtsgeschichte von W. Marr.

Unvorhergesehene Geschäfte hielten mich um die Weihnachtszeit des Jahres 186* in der Stadt B. zurück. Statt das fröhliche Fest im Kreise meiner Familie und Verwandten zu begehen, hätte ich den „Heiligen Abend“ im Hôtel oder am Speisetische einer Restauration verbringen müssen, wenn mein alter Freund, der Justizrath Brömsel, nicht so freundlich gewesen wäre, mich zu bitten, der Christbescheerung seiner drei Kinder in seiner Wohnung beizuwohnen. Es waren drei prächtige muntere Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen – die Jungen wild wie zwei kleine Teufel, das Mädchen mild und sanft wie ein kleiner Engel. Die Mutter – –

Als mich Brömsel in meinem Hôtel aufsuchte – er hatte meine Ankunft zufällig erfahren und meinen Besuch nicht abgewartet – erschrak ich über das Aussehen des sonst so kräftigen Mannes. Die hohe Gestalt war gebeugt; das volle dunkle Haar war grau gemischt geworden. Er glich einem Menschen, der zum ersten Male nach einem hitzigen Nervenfieber das Lager wieder verlassen hat. Gekleidet war er schwarz von oben bis unten.

„Meine Frau ist todt,“ sprach er mit dumpfer Stimme, als er mein Erstaunen über die mit ihm vorgegangene Veränderung bemerkte, und ließ sich in einen Sessel fallen.

Die Erklärung kam so plötzlich, so unerwartet, daß sie mir jedes Wort des Beileids abschnitt.

Ich hatte Henriette gekannt. Sie war eine Landsmännin von mir, eine Hamburgerin. Seit acht Jahren mit dem Justizrath verheirathet, lebte sie in B. mit ihm in der glücklichsten Ehe, die man sich nur denken kann. Beide waren wie für einander geschaffen. Er ein hochgebildeter, idealer Mann, sie eine feinangelegte und dabei praktische, resolute, kleine Frau. Führte mich, was fast alljährlich geschah, mein Weg durch B., so versäumte ich nie, einen Abend im Familienkreise dieser glücklichen Menschen zuzubringen. Und drückte ich ihnen beim Abschiede die Hände, so geschah dies so derb und kräftig, wie nur der Neid die Hände drücken kann.

„Meine Frau ist todt,“ wiederholte Brömsel.

Ich näherte mich ihm und legte die Hand auf seine Schulter.

„Armer Junge“, sprach ich erschüttert, „erlaß’ mir Worte!“

Brömsel holte tief Athem. Seine Brust keuchte. Er schien das Bedürfniß zu fühlen, sich Luft zu machen, sich auszusprechen, aber er fand keine Worte.

„Sprich Dich aus, mein Junge!“ sagte ich.

„Henriette ist ertrunken,“ brach er aus und ein krampfhaftes Schluchzen erstickte seine Stimme.

„Ertrunken!“ rief ich erschrocken. „Um Gotteswillen, Mensch! Wie? Wo?!“

„Laß’ uns gehen!“ sagte Brömsel. „Zu Hause erzähle ich Dir das. Nicht hier! Nicht hier!“

Wir nahmen eine Droschke und fuhren, schweigend neben einander sitzend, in die Vorstadt hinaus, wo mein Freund ein reizendes Gartenhaus bewohnte.

Der Schnee fiel in dichten, schweren Flocken auf die Erde nieder und dämpfte das Rasseln der Wagenräder. Es war ein Wetter, wie zum „Spleen“ gemacht. Ein echtes „Weihnachtswetter“ ohne die Freude der Weihnacht, die uns im warmen Zimmer den griesgrämigen Decemberhimmel vergessen läßt.

Die Kinder lärmten die Treppe herab uns entgegen, als wir ausgestiegen waren. Es war ein fröhliches, erwartungsvolles Jauchzen. Sie umringten uns. Die Knaben versuchten, an uns heraufzuklettern, das Mädchen zerrte uns an den Händen.

„Gretchen wollte durch das Schlüsselloch sehen,“ rief der eine Knabe.

„Das ist nicht wahr, Eugen,“ rief das Kind zurück, „Curt wollte es.“

[854] „Nein, Eugen wollte es,“ meinte der jüngste Knabe.

So beschuldigten sich die muthwilligen Kleinen gegenseitig der Neugierde, einen Blick durch’s Schlüsselloch in das Zimmer zu thun, wo der Tannenbaum stand, der Tannenbaum, dieser stete Mittelpunkt aller Kinderweihnachtsfreuden.

Contraste des Lebens! Die drei Kinder waren, wie der Vater, schwarz gekleidet – in Trauer um die Mutter, die „zum lieben Gott gegangen war“, „wo es viel schöner wäre als auf der Erde“, und „wo es immer Weihnacht wäre“, wie der kleine Curt meinte.

Das hatte ihnen die alte Magd des Hauses erzählt, und der Vater dem frommen Trost nicht widersprochen. Die alte Magd hatte auch hinzugefügt, wenn sie, die Kinder, recht artig wären, so käme die Mutter nach einigen Jahren wieder und brächte ihnen vom Himmel viel Schönes zu Weihnacht mit. Dabei hatten sich die Kleinen beruhigt.

Derselbe vollständige Comfort wie früher herrschte noch in Brömsel’s Wohnzimmer. Das Feuer prasselte so lustig im Kamin, wie das letzte Mal, als ich der Gast der Familie gewesen war. Und dennoch herrschte in dem Raum ein Etwas, das sich nicht beschreiben läßt – eine Leere. Es war, als ob die Wände eine „Stimmung“ reflectirten.

„Geht hinunter in die Kinderstube, Kinder!“ sprach Brömsel. „Ihr wißt ja, wir müssen auf ‚Onkel Schmidt‘ warten, bis der Tannenbaum angezündet werden kann.“

Die Kleinen gehorchten. Bald darauf schallte ihr fröhliches Scherzen und Jubeln vom Parterre zu uns herauf, und ein gelegentlicher gellender Ton verrieth, daß die Knaben in ihrer Freude recht ausgelassen waren und vielleicht gar akrobatische Uebungen an Tischen und Stühlen anstellten.

Brömsel holte aus einem Eckschrank eine Karaffe Portwein und zwei Gläser und stellte sie auf den Sophatisch.

„Das pflegte sonst Henriette zu thun,“ sprach er. – „Es waren dann drei Gläser. Jetzt sind es deren nur zwei.“

„Ich bitte Dich, Brömsel, befriedige endlich meine Theilnahme an Deinem Schicksal!“ sagte ich.

„So höre denn!“ nahm der Justizrath das Wort. „Es ist ebenso einfach wie kurz. Meiner Frau war eine Erbschaft von einem Verwandten in San Francisco zugefallen. Die Regulirung derselben hätte vielleicht Jahre in Anspruch nehmen können, wenn wir nur einen Bevollmächtigten mit der Wahrung unserer Interessen beauftragt hätten. Mich hielten meine amtlichen Geschäfte hier fest. Da erklärte meine Henriette eines Tages, sie wolle selbst die Reise machen. – Eure Hamburger Frauen sind nicht wie die des Binnenlandes. Das Leben und Treiben der großen Seestadt giebt ihnen andere Ansichten von der See und den Seereisen. Eine Reise nach New-York ist eine ‚Ueberfahrt‘, und Henriette hatte diese Ueberfahrt als junges Mädchen schon zweimal zum Vergnügen gemacht, um ihre dort verheirathete Schwester zu besuchen. Sie lachte geradezu, als ich ihr mein Bedenken äußerte. ‚Was ist’s denn?‘ sagte sie, ‚eine Ueberfahrt nach New-York. Von da mit einem bequemen Dampfer nach Aspinwall. Dann ein paar Stunden auf der bequemen Eisenbahn nach Panama und von dort in acht bis zehn Tagen wieder auf einem Dampfer nach San Francisco.‘ Henriette spricht fertig englisch, und ich verstehe nur wenig von dieser Sprache. Kurz, sie wußte mir die Sache so plausibel zu machen, daß ich mich ordentlich schämte, ihr zu widersprechen.

Anfangs Mai reiste sie ab. Ihre Mittheilungen über die Reise nach New-York, Panama und San Francisco beruhigten mich vollständig. Das beste Wetter, die schnellste ‚Ueberfahrt‘ und die rasche Regulirung unserer Angelegenheit wurden mir gemeldet. Die Erbschaft war erhoben. Die mercantile Unsicherheit, welche herrschte, bewog Henriette, das ganze Vermögen, das ihr zugefallen war, in Banknoten statt in Wechseln zu erheben. Die Frau dachte an Alles. Ein paar Fallissemente, wie sie an der Tagesordnung waren, und Alles wäre verloren gewesen. Sie meldete mir, daß sie mit dem Dampfer ‚Ohio‘ von San Francisco abreisen werde. Ich konnte fast den Tag ihrer Ankunft in Europa berechnen. Heute vor vier Wochen –“

„Ja, mit dem ‚Ohio‘,“ wiederholte Brömsel, als er mich erschrecken sah. „Die Passagiere dieses Dampfers kamen wohlbehalten in Panama an. Gesund und munter fuhren sie per Eisenbahn nach Aspinwall. Dort stiegen sie an Bord des Dampfers ‚Central–Amerika‘. Du hast das Schicksal dieses Schiffes in den Zeitungen gelesen. Von nahe zweihundert Menschen nur sechszehn gerettet. Henriette war nicht unter den Geretteten. Aber“ – und Brömsel’s Stimme war hier dem Ersticken nahe – „unter der Namensliste der Verunglückten las ich – ihren Namen. – –

Die Erbschaft ist theuer genug bezahlt. Ich danke Gott, daß sie mit zu Grunde gegangen ist,“ fügte er nach einer langen Pause bitter hinzu.

Brömsel schwieg. Ich fühlte, daß ich die Verpflichtung hatte, Etwas zu sagen, aber ich wußte nicht was. Ich kannte die näheren Details jener Katastrophe und wußte, daß ein amerikanischer Schooner und eine englische Barke, welche sich in der Nähe des untergegangenen Dampfschiffes befanden, die ganze Nacht und den halben folgenden Tag in der Gegend des Unfalles gekreuzt hatten, um von den Opfern zu retten, was noch zu retten war, und ich konnte mit dem besten Willen meinem Freunde auch nicht den leisesten Hoffnungsschimmer zeigen. Die spätere gewisse Enttäuschung wäre noch fürchterlicher gewesen, als die jetzige schreckliche Gewißheit.

„Trage es so gut Du kannst, lieber Freund!“ rief ich endlich und drückte ihm die Hand. „Trost kann ich Dir nicht geben. Du hast verloren, was Dir nicht zu ersetzen ist.“

Brömsel brach in lautes Schluchzen aus.

Ich ließ ihn gewähren. Thränen erleichtern; Thränen sind – ich möchte sagen eine Wollust des Schmerzes.

Wohl eine Viertelstunde gab sich Brömsel dem Ausbruche seiner Stimmung hin. Wir Beide hörten es nicht, daß draußen ein Wagen vorgefahren war. Nur nach einer kurzen Weile darauf vernahmen wir wieder den erneuerten Lärm, der aus der Kinderstube im Erdgeschosse jetzt stärker zu uns herauftönte.

Bald darauf erschien die Magd im Zimmer und ersuchte mich, herunter zu kommen. Es sei ein Bote aus dem Hôtel da, der mich persönlich zu sprechen wünsche.

Ich folgte der Aufforderung und – doch ich will meiner einfachen Erzählung nicht vorgreifen. – –

„Was ist Dir?“ rief mir Brömsel entgegen, als ich wieder in’s Zimmer trat.

„Es ist weiter nichts,“ antwortete ich. „Eine unangenehme Nachricht von Haus, Familienstreitigkeiten. Ich werde morgen früh abreisen müssen. Doch reden wir von etwas Anderem!“

„Wovon?“ gab Brömsel zurück.

„Ja, wovon?“ versetzte ich, mit Gewalt die Aufregung, in der ich mich befand, niederkämpfend.

„Mein Freund Schmidt muß den Zug versäumt haben,“ sagte Brömsel. „Es ist bald sieben Uhr. Er müßte längst hier sein. Ich habe vergessen Dir mitzutheilen, daß er in Geschäften nach Hamburg gereist ist und heute wieder zurück sein wollte, damit ich an diesem Abend nicht allein sei.“

„Er wird Dir oder den Kindern vielleicht noch ein Geschenk besorgen wollen, hat die Besorgung in Hamburg vergessen, wie das oft auf Reisen geschieht, und macht sie nun hier am Ort,“ meinte ich.

„Nein,“ versetzte Brömsel; „Schmidt ist in dieser Hinsicht ein Pedant. Er hat den Zug versäumt und trifft erst morgen ein. Es ist gut, daß Du hier bist,“ fügte er hinzu. „Aber Du bist ja nachdenklich.“

„Ach!“ rief ich, mir die Stirn reibend, „es ging mir da so ein Gedanke durch den Kopf – aber – doch nein! es wäre zu phantastisch, ja, geradezu romanhaft! Schriftstellerphantasie!“

Brömsel lächelte traurig.

„Vielleicht gab Dir mein Loos Stoff zu einer Novelle.“

„Vielleicht,“ versetzte ich, „wir Schriftsteller sind aus dem Stamme Nimm. Wo wir ein Sujet oder nur dessen Gerippe finden, präpariren wir den Fund, schmücken ihn mit allerlei Erfindungen aus und bringen ihn dann auf den Büchermarkt.“

Abermals schallte ein lautes Lachen und Jubeln aus der Kinderstube zu uns herauf.

„O ja,“ meinte Brömsel düster; „Ihr macht sogar die Todten wieder lebendig und Du hättest Phantasie genug, mir meine Henriette aus dem Grunde des Meeres wieder hervorzuholen. – Doch es wird spät. Ich will die Kerzen am Tannenbaume anzünden. Wollte Gott, die Christbescheerung wäre erst vorüber!“

[855] „Warte doch noch ein Weilchen!“ sagte ich. „Komm’, laß’ uns anstoßen auf bessere Zeiten!“

„Ja, auf bessere Zeiten!“ murmelte Brömsel und stürzte den Inhalt seines Glases hinunter. „Bei ihr! – Du bist lange unten geblieben,“ fügte er hinzu. „Doch keine allzu schlimmen Nachrichten von Haus?“

„Ich setzte dem Boten nur eine Depesche auf, die er auf’s Telegraphenamt bringen sollte,“ antwortete ich. „Trink’ noch einmal!“

„Ich mag nicht mehr trinken!“ rief Brömsel und zog sein Glas zurück.

„Thu’ mir’s zur Liebe!“ sagte ich. „Es soll kein perfider Sorgenbrecher sein. Du bedarfst der Stärkung an diesem Abend.“

Die Flamme im Kamine prasselte so lustig. Eine frische große Kohle hatte Feuer gefangen, und es knitterte und knatterte so fröhlich, daß es eine wahre Freude war, oder – hätte sein können.

„Wenn ich wüßte, daß es Dich nicht betrübte,“ fuhr ich fort, nachdem Brömsel getrunken, „so möchte ich wahrhaftig der erregten Phantasie die Zügel schießen lassen und –“

„Erwecke die Todten!“ schrie Brömsel auf.

„Das kann ich nicht,“ gab ich ruhig zurück. „Doch genau betrachtet, schafft meine Phantasie nicht einmal Wunder, wenn sie – Deine Henriette zum Vorwurf nehmen dürfte und Dir sagte: ‚es ist doch noch nicht alle Hoffnung verloren.‘“

„Ein exaltirter Mensch würde Dir den Vorwurf machen,“ sagte Brömsel, „Du versuchtest mit Phantasiegebilden mein Elend noch zu vergrößern. Dessen bist Du unfähig, lieber Freund. Also sprich Deinen Roman!“

„Zuvor noch ein Glas Wein! Ich bitte Dich darum.“

„Meine Nerven brauchen das nicht.“

„Dann erzähle ich auch nicht.“

„Nun, meinetwegen!“ rief Brömsel halb verdrießlich, schenkte sich das Glas halb voll und trank es aus. – „Jetzt ist’s aber genug.“

„Höre mich an!“ nahm ich das Wort wieder. „Die ‚Central-Amerika‘ ist untergegangen. Du hast den Namen Deiner Frau in der Liste der Vermißten gelesen. Wer sagt Dir denn aber, daß Henriette wirklich am Bord jenes Schiffes gewesen sei?“

„Mensch, mache mich nicht wahnsinnig!“, fuhr Brömsel auf und schnellte vom Sopha an meiner Seite in die Höhe.

„Ruhig, Freund!“ gebot ich ihm. „Du hast es gewollt, daß die Phantasie des Schriftstellers arbeite. Willst Du sie zu Ende hören? Oder willst Du es nicht?“

Brömsel ließ die Arme schlaff sinken, lehnte sich an das Sophakissen und sagte ruhig: „Weiter!“

„Es ist ein Hoffnungsschimmer des Poeten, den ich Dir geben zu können glaubte,“ fuhr ich fort. „Nenn’ es Phantasie, nenn’ es wie Du willst! Es berühren sich im Leben zu oft die Extreme, als daß wir an den Extremen vollständig verzweifeln dürften. Henriette konnte sich für die Reise mit der ,Ohio’ ein Billet gelöst haben. Eine Krankheit, ein Fieber konnte sie verhindert haben, mit diesem Schiffe nach Panama zu gehen. Es konnte also folgerichtig möglich sein, daß sie ihr Passagierbillet einer anderen Frau verkaufte. Es kommt ja in Amerika mehr auf das Geld an als auf die Identität der Personen, und solche Billetverkäufe passiren alle Tage. Ist das geschehen, so war Henriette nicht am Bord der ‚Central-Amerika‘, welche mit der ‚Ohio‘ correspondirte.

Eben so wohl aber konnte Deine Frau mit der ‚Ohio‘ einen Brief an Dich geschickt haben, der die Verspätung ihres Eintreffens meldete, und dieser Brief ist – ich wollte sagen: wäre allerdings mit der ‚Central-Amerika‘ im atlantischen Ocean zu Grunde gegangen, während Henriette in San Francisco krank darniederlag. Du siehst also, ohne erwünschte Abenteuer, ohne zum Verschlagenwerden an eine wüste Insel die Zuflucht zu nehmen, ohne sich an einen Stuhl anzuklammern, der uns einundzwanzig Stunden über Wasser hält, was, beiläufig gesagt, keine Frau aushalten würde, könnte die ‚Phantasie‘ des Schriftstellers eine Erklärung auch in Deinem Falle finden. Henriette blieb krank bis zur Abfahrt des zweitfolgenden Dampfers. Sie glaubte Dich inzwischen beruhigt, denn sie kannte das Schicksal der ‚Central-Amerika‘ noch nicht, konnte es nicht eher erfahren, als bis es zu spät war, Dich brieflich zu beruhigen. Sie konnte endlich von Aspinwall direct über Westindien nach Europa zurückkehren und, um schneller selbst bei Dir zu sein, den Umweg über New-York vermeiden, den sie anfangs beabsichtigte. Sonst würde sie Dir eine Kabeldepesche gesandt haben. Dies Alles konnte der – kann der Fall gewesen sein. Sieh, alter Junge, das waren die Gedanken, die mir so durch den Kopf flogen, als ich vorhin die Treppe heraufstieg.“

Brömsel war sehr bleich geworden.

„Mensch!“ rief er aus, „wenn Du ein Anderer wärst, ich sagte, Du wärst mit Deinen Sophismen ein Teufel. Du verlängerst meine gräßlichen Qualen durch eine künstliche Erregung des Glaubens an die Ungewißheit, und das wäre – infam. – Verzeihe mir!“ fuhr er fort, „ich sage nicht, daß es so ist; denn Du bist mein Freund.“

Er drückte mir die Hand.

„Und ich sage Dir jetzt, Brömsel,“ rief ich lebhaft, „Du hast dennoch kein Recht zu verzweifeln.“

„Schriftstellerphantasmen! Nicht einmal Schriftstellerphantasie mehr!“ gab mein Freund zurück. „Brechen wir das Gespräch ab!“

„So seid Ihr Laien!“ rief ich. „In Büchern laßt Ihr Euch Alles gefallen, das Tollste, das Unglaublichste. Wenn man Euch aber die Möglichkeiten des wirklichen Lebens schildert, dann zuckt Ihr die Achseln. Ich bedaure, daß ich – meiner Phantasie die Zügel schießen ließ.“

„Ich wollte Dich nicht kränken, Freund,“ sagte Brömsel.

„Wenn es nun so wäre,“ sprach ich weiter, „wenn ein Zusammentreffen von Umständen und Zufälligkeiten Dir Deine Frau am Leben erhalten hätte – meiner Treu! ich glaube, Du würdest den freudigen Schreck noch weniger ertragen können, als den traurigen. Nimm mir’s nicht übel, Du bist nicht Mann’s genug gewesen, um jedes Für und Wider von Möglichkeit zu erwägen. Du hast nicht den Muth der Hoffnung gehabt.“

„Quäle mich nicht mehr!“ rief Brömsel.

„Doch, mein Junge, ich halte es für meine Pflicht, Dich zu quälen,“ versetzte ich. „Du sollst und darfst nicht alle Hoffnung schwinden lassen. Du mußt hoffen und – ich nehme die poetische Licenz für mich in Anspruch – bist Du der Mann, der den Anblick der Auferstehung von den Todten ertragen könnte? Wenn er will, nicht in vier Wochen, in vierzehn Tagen, vielleicht –“

„Hahaha!“ lachte Brömsel bitter, „und wäre es in dieser Stunde, in dieser Minute. Ich glaube nicht an Gespenster. Meine Henriette!“ seine Stimme zitterte, „ich fürchte mich nicht vor der auferstandenen Todten.“

„Ich glaube doch,“ gab ich zurück.

„Nein, nein, nein!“

Dieses dreimalige Nein klang mir wie die Stimme der tiefsten Ueberzeugung.

Wäre es möglich? Wäre ein Zufall möglich, der das ,Wunder’ ersetzte?! O Gott! mein Glück wäre so groß, daß ich vor dem Glücke knieen würde, wie der Gläubige vor dem Altare.“

Seine Stimme war ruhiger geworden. Ich athmete tief auf.

„Die Kinder schlafen am Ende ein,“ sagte ich, nach der Uhr blickend. „Es ist schon acht Uhr, und es scheint, die Ungeduld der kleinen Herzen hat ausgetobt. Komm’, zünden wir die Lichter am Weihnachtsbaume an!“

Wir standen auf. Das Bescheerungszimmer lag neben dem Wohnzimmer. Wir öffneten die Thür. Die Kerzen am Tannenbaume brannten bereits und strahlten uns freudig entgegen. Der Tisch mit den Geschenken für die Kinder stand vor uns, an seinem Ende der leuchtende Christbaum. Ganz vorn auf dem Tische lag eine kostbare Pelzgarnitur, welche Brömsel für seine Henriette wenige Wochen zuvor gekauft hatte. Ein Zettel lag dabei, von Brömsel’s Hand geschrieben:

„Für meine Henriette!“

Das Zimmer war von dem Dufte der Tannenzweige erfüllt, der uns Allen, wir mögen noch so alt sein, die Erinnerung der Kinderzeit wieder in’s Gedächtniß zurückheimelt. Das Zimmer aber war leer. Wo waren die Kinder? Wer hatte die Lichter am Tannenbaume angezündet?

Thränen entstürzten Brömsel’s Augen, als er das für seine [856] Henriette bestimmte Geschenk sah, als er den Zettel, den er selbst geschrieben, las. Er hatte es vergessen, daß er sich diese wehmüthige Selbstqual am Christabende bereiten wollte.

Und da schien es in den Zweigen des Weihnachtsbaumes zu rauschen. – Nein! – Wirklich! die Zweige zitterten, die Lichter flackerten. Und hinter dem Tannenbaume hervor trat zuerst Gretchen und sagte:

„Papa, Du bekommst das Beste zu Weihnacht.“

Und hinter Gretchen hervor aus dem Schatten, den der Tannenbaum warf, zwischen Curt und Eugen, trat – – Henriette!

Ein Aufschrei. Brömsel lag in den Armen seines Weibes. Nun war kein Halten mehr. Die Kinder hatten ihre kurze Rolle, die ihnen der „Onkel Schmidt“ unten in der Kinderstube einstudirt hatte, zu Ende gespielt und tummelten sich jetzt nach Herzenslust um den Christbaum herum, nach ihren Geschenken haschend. Der „Onkel Schmidt“ war gleichfalls hinter dem Tannenbaum hervorgetreten und reichte mir die Hand.

Lärm, Jubel und Getöse der Kinder; zwei Männer, die sich herzlich die Hände drückten und sich gegenseitig zu sagen schienen: „Wir haben es recht gemacht.“ Denn der Leser wird bereits errathen haben, daß jener „Bote aus dem Hotel“, zu dem die Magd des Hauses mich rief, kein Anderer war als „Onkel Schmidt“, der Henriette in Hamburg getroffen hatte. – Mann und Frau lagen lautlos in minutenlanger Umarmung.

Das war das Bild unter dem Tannenbaume.

Der „Onkel Schmidt“ trat vor und sagte zu Brömsel: „Ihr Freund hat Sie, wie ich sehe, gut vorbereitet. Es ist Alles so gewesen, wie er Ihnen wahrscheinlich erzählt haben wird. Der Hauptzweck ist und bleibt, daß Ihre liebe Frau noch unter den Lebenden weilt und hoffentlich noch recht lange, lange Zeit in der ‚schlechten Gesellschaft‘ verweilen wird. Nun aber, Kinder – ich habe einen mörderlichen Appetit. Hoffentlich habt Ihr noch etwas zu essen für mich übrig. Geschenke habe ich vergessen mitzubringen, aber Ihr seht es ja – ein Geschenk hat mir der Himmel zugeführt und damit begnügt Euch Alle!“

Brömsel und Henriette hielten sich noch immer lautlos umschlungen. Die Kinder begannen Angst zu empfinden vor der Gruppe der beiden Eheleute, denen das Schweigen der Gott der Glücklichen war.

„Kommt zu Tische! Die Karpfen werden sonst kalt,“ rief ich und trennte die Umarmung.

Onkel Schmidt ‚pustete‘ die Lichter am Tannenbaum fürsorglich aus. Von uns Andern würde Keiner daran gedacht haben, und es hätte am Ende noch ein Freudenfeuer und ein Trauerfeuer gegeben durch den Tannenbaum.

Es war aber wirklich Alles so gekommen, wie ich es meinem Freunde Brömsel vorbereitend erzählt hatte. Henriette war in San Francisco erkrankt; sie hatte ihr Passagierbillet weiter verkauft; so war sie erst nach ihrer Genesung, vier Wochen später, nach Europa zurückgereist. Der ‚Onkel Schmidt‘ hatte sie in Hamburg getroffen und wußte sich nicht zu rathen und zu helfen, wie er die Freudenpost dem Gatten Henriettens mittheilen sollte, denn er hatte den Mann im Uebermaße seines Schmerzes verlassen.

Ich selbst war bei der ganzen Geschichte der „Deus ex machina“ geworden und hatte in raschem und flüchtigem Einverständnisse mit Onkel Schmidt und Henrietten meine Rolle so gut oder so schlecht gespielt, wie ich es eben konnte.

Ein vergnügterer „heiliger Abend“ aber als in B., im Hause meines Freundes Brömsel, ist im Jahre 186* gewiß und wahrhaftig in der ganzen Welt nicht gefeiert worden. –


Genau zehn Jahre später, am Weihnachtsabend, saß ich selbst einsam und beweinte eine Todte, die nicht wiederkam. –