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Mit Hassan beim Scheikh Ali

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Textdaten
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Autor: P. v. E.
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Titel: Mit Hassan beim Scheikh Ali
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, 15, S. 226–228, 248–250
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[226]
Mit Hassan beim Scheikh Ali.


Ich hatte den Schakal in den Bergen des Mokattam gejagt und kehrte, von der Sonne durchglüht, nach Cairo zurück.

„Was war das Resultat Ihrer Jagd?“

„Haben Sie viel Wild gesehen?“

„Lohnt es sich der Mühe, bei so erschlaffender Hitze Berg auf und ab zu laufen?“ – so drangen meine Bekannten in mich, als ich in den Garten meines heimathlichen Hôtel du Nile trat und die Flinte von der Schulter nahm, deren Last die ungeduldigen Frager lachend prüften. Ich kam ihnen, gering gesagt, thöricht vor. Bei so viel Hitze auf die kahlen Berge zu laufen und ein beschauliches Leben unter den Palmen des Gartens zu vermeiden, wo Gaukler, Schlangenbändiger, Verkäufer in bunter Tracht ihre sonderbaren Thiere und Künste zeigten und ihre prächtigen Waaren anpriesen – dazu gehörte nach Ansicht der kaffeeschlürfenden Schlaraffen allerdings ein gewisser Grad von Wahnsinn. Ich stand ihnen Rede und Antwort, aber schwieg von den Reizen der Natur, von dem weiten Blicke über das grüne Nilthal zu den Pyramiden hinüber, von den weißen Minarets Cairos, die aus Palmen und Sykomoren schauten – das verstand man nicht.

In der Nähe der Herren, mit denen ich sprach, standen mehrere Araber, die sich als Dragomanen für eine Fahrt auf dem Nile den Fremden erboten. Der Jagdanzug, den ich trug, und die Flinte erregte ihre Aufmerksamkeit.

„Mein Herr,“ redete mich Einer von ihnen französisch an, als ich mich nach meinem Zimmer begab, „Sie sind ohne Führer zur Jagd gegangen und haben nichts erlegt; ich biete Ihnen meine Dienste an. Sie sollen mit mir zufrieden sein.“

„Mein Herr, ich garantire Ihnen ein halbes Dutzend Schakals, wenn Sie mit mir gehen,“ sagte ein Anderer.

„Und ich,“ flüsterte mir ein Dritter zu, als ich meine Thür aufschloß, „bringe Sie binnen heute und drei Tagen auf eine Hyäne zu Schuß.“

Das ließ sich hören. Ich betrachtete den kühnen Sprecher näher und nahm ihn zu weiterer Verabredung in mein Zimmer mit. Es war ein kleiner brauner Kerl mit ungeheurem Schnurrbarte und großer Nase – ein neuer Louis Napoleon, nur fehlten ihm die freundlichen Augen und die großen Stiefel; dafür hatte er einen katzenartigen, lauernden Blick und ein Paar elegante englische Jagdgamaschen, die in absolutem Widerspruch zu seiner syrischen Tracht standen.

„Wie heißt Du, mein Freund?“ redete ich ihn an.

„Hassan nennt man mich, und ganz Aegypten bis hin zum blassen Nil und dem Sudan kennt meinen Namen,“ lautete die bescheidene Antwort.

„Das genügt mir, wenn es wahr ist. Doch was mache ich mit Dir, wenn ich innerhalb dreier Tage keine Hyäne geschossen habe?“

„Sie krümmen mir kein Haar, denn Sie haben entweder vorbei geschossen oder werden am vierten Tage zum Ziele gelangen.“

Gegen die Logik des ersten Satzes hatte ich nichts einzuwenden, die des zweiten war überraschend. Doch genug. Hassan sollte mein Führer werden. Ich traute auf mein gutes Glück und das schlaue Gesicht des Arabers. Ich erklärte bei Besprechung der Ausrüstung Zelte und Koch für überflüssig. Die Dauer der Abwesenheit von Cairo schien mir zu gering, um große Umstände zu machen. Nur Gesellschaft fehlte mir, und die führte mein guter Stern mir bald zu.

Ein stolzer junger Spanier, Marquis C., den ich unlängst hatte kennen lernen und der mir Löwenjagden in Algier erzählte, schloß sich mit Vergnügen der Partie an. Im Selbstgefühl seiner jugendliche Kräfte hielt auch er Alles für überflüssig, was irgend zur Bequemlichkeit beitragen konnte, und baute darauf, daß seine genaue Kenntniß der arabischen Sprache uns Thür, Bett und Küche jeder ägyptischen Häuslichkeit öffnen würde. – An die Wüste dachte der gute Junge nicht. Unsere Ausrüstung bestand schließlich aus Büchse, Munition, einer großen algerischen Decke und einer Zahnbürste, welch letztere Hassan als zur Jagd für vollkommen unbrauchbar erklärte.

Am Morgen des nächsten Tages begaben wir uns zur Eisenbahnstation in Boulak, um nach der Stadt Fayûm zu fahren, die wir zum Ausgangspunkt unserer Excursionen erkoren hatten. Nach zweistündigen Warten langte endlich der Zug an, und eine Rücksprache mit dem Locomotivführer, begleitet von dem unvermeidlichen „Bakhschisch“ (Trinkgeld), brachte den Zug in eine möglichst beschleunigte Gangart. Schon auf der nächsten Station wurde drei Stunden auf einen Pascha gewartet. Der Stationschef warf auf unsere dringende Bitte um Beförderung einfach den Kopf zurück und blieb bei seinem rauhen „la“ (Nein).

Also Geduld. Die Klänge eines Saiteninstruments lockten uns nach einem Palmwäldchen am Nil. Ein Araber präludirte und sang in seinen Gutturaltönen ein Liebeslied. Als Zuhörer figurirten Kinder, die mit Jubel die obscönen Scenen des Liedes begrüßten. Taubenschwärme zogen uns von der Scene ab, und eine besondere Kiebitzart, von der uns Hassan erzählte, daß sie im Rachen des Krokodils Käfer und Maden fräßen und sich vermittelst ihrer eigenthümlichen Haken am oberste Gelenk der Flügel den Ausgang erzwängen, wenn sich etwa einmal der große Rachen schließen sollte, ließ uns für eine Weile die Langeweile vergessen. Wir erlegten einige der seltsamen hübschen Thiere und ergötzten uns an der Gewandtheit, mit der junge Araber die geschossenen Vögel aus dem Nil holten.

Laute Klagetöne führten uns nach dem kleinen Stationsgebäude zurück. Der Herr Stationschef ließ einem armen Eisenbahnarbeiter, der wenig oder gar nichts begangen hatte, die Bastonade geben. Der absolute Herrscher dieses Gebietes war jedoch liebenswürdig genug, auf unsere drohende Einrede die weitere Ausführung der Execution fallen zu lassen. Das waren die Ereignisse bis zur Ankunft des Paschas und dem Abgange des Zuges.

Der hohe Herr setzte sich zu uns in’s Coupé und verzehrte, durchdrungen von der Würde seiner Erscheinung, ein Stück Hammelbraten, während er die Finger an den Polstern der Bänke reinigte. Die Gegend wurde mehr und mehr einförmig, bis die Bahn einen Theil der Wüste durchschneidet. Hier sahen wir in der Entfernung aufgescheuchte Gazellen flüchten. Ein Wolf, der ganz in der Nähe des Dammes in einer Grube sein Mittagsschläfchen hielt und der beim Herrannahen des Zuges mit allen Geberden der Furcht das Weite suchte, ließ unsere Jagdpassion in hellen Flammen auflodern.

Endlich am Abend langten wir in Fayûm an. Die Stadt liegt, umgeben von Wasser, in sumpfiger Gegend. Prächtige Sykomoren beschatten das Eingangsthor, und der eigenthümliche Charakter desselben lieferte die besten Studien für mein Skizzenbuch.

„Wo schlafen wir?“ fragte ich Hassan, der sich als aufmerksamer, wenn auch sehr redseliger Führer zu documentiren schien.

„In einem Hause auf weichen Strohmatten, bei sprudelndem Wasser, Ihr Herren, und Allah wird Euch milden Schlaf geben,“ lautete die vielversprechende Antwort.

Das Haus war eine verlassene, halb eingestürzte Lehmhütte; die weichen Strohmatten waren nur stückweise vorhanden; der Quell bestand aus einer Cisterne mit verfaultem Wasser, und den milden Schlaf verwandelte Allah durch großes und kleines Ungeziefer, vom tückischen Scorpion bis zum heiteren Floh, zu einer Hölle, deren Qualen nur durch die Aussicht auf Erlösung am kommenden Morgen zu ertragen waren. – Laß dir deine Illusionen nicht rauben, poetisches Volk!

Früh wurde aufgebrochen. Ein weißhaariger Araber, der von den Fayûmer Bürgern angestellt war, Raubthiere in den Gemeindepflanzungen zu tödten, und durch die an seinem Leibgurt befestigten Hyänen- und Wolfsohren, freilich vergeblich, darzuthun versuchte, daß er mit seinem alten verrosteten Feuerschloßgewehre die Thiere erlegt habe, schloß sich auf unsern Wunsch als Führer der Partie an. Unsere Behauptung, die Scalpe gehörten räudigen crepirten Hunden an, wies er mit Entrüstung zurück, und sein Zorn war um so gewaltiger, als er seine Lügen von Ungläubigen durchschaut sah.

Beförderungsmittel waren kleine magere Esel, die jedoch im Gegensatze zu den unserigen munter trabten und selbst ohne [227] besondere Anfeuerungsmittel Terrainhindernisse jeder Art überwanden. Schwierig hingegen war das Lenken der Thiere, denn ohne Zaum, ohne Sattel und Decke brachten ihre Besitzer sie uns. Wir legten unsere algerischen Decken ohne Gurt auf den Rücken des Esels, stiegen hinauf, nahmen die Büchse vor uns und empfahlen unsere Knochen der Gnade Allahs. Schon nach wenigen Minuten lag der stolze Spanier mit Decke und Flinte im Sande; ich folgte unmittelbar seinem Beispiele, weil ich gewagt hatte, mich umzusehen.

Der Weg zog sich durch die sumpfige Niederung Fayûms, und unaufhörlich mußten kleine Wassergräben passirt werden. Anfangs stürzten wir bei jedem Hinderniß in den Schmutz, bis endlich Lehrgeld genug gezahlt war und wir mit Sicherheit vom erhöhten Standpunkte die Gegend betrachten und nach Beute auslugen konnten.

Prächtige Silberreiher, Sumpfvögel aller Art erreichte das tödtliche Blei, nur größeres Wild entzog sich unseren Nachstellungen. Zur Mittagszeit hatten wir die sumpfige Niederung passirt und machten am Rande der Wüste an einer Felswand Halt. Hassan unterstützte unsere Absicht, hier die Nacht zu erwarten, weil wir vermutheten, daß Raubthiere aus der Wüste am späten Abende die Wasserflächen des Sumpfes aufsuchen würden. Unsere kleinen Vorräthe waren bald erschöpft, und schon für den Abend waren wir genöthigt, uns einige selbsterlegte Tauben und Becassinen zu braten.

Die Sonne senkte sich blutroth und vergoldete die Stämme eines Palmenwaldes in der Ferne. In den Wasserflächen der Niederung spiegelten sich die glühenden Wolken. Langsam zogen Reiher zu ihrem Nachtquartiere in den Wipfeln der fernen Palmen. Es war Zeit, unsere Posten einzunehmen. Hinter losgetrennten Steinen an der Felswand, die den Saum der Wüste bildet, legten wir uns in Hinterhalt, nachdem Hassan im Sumpfe die Spuren von Wölfen und Hyänen bemerkt zu haben glaubte. Nach kurzer Zeit erschien auf dem Felsen in einiger Entfernung ein Thier, das den Kopf weit vorstreckte, als wolle es die Niederung besser übersehen. Ich faßte unwillkürlich meine Büchse fester. Da schallte ein langgezogener klagender Ton von der Höhe herab – und wie das Brausen einer sich brechenden Woge tönte ein Geheul aus den Sümpfen als Antwort. Das eigenthümliche musikalische Schauspiel wiederholte sich fort und fort, und ich schlich unter dem Schutze der Steine dem sonderbaren Musikdirector näher. Es war ein Wolf, der seine Brüder auf die genahte Stunde des Raubes aufmerksam machte, so wie der Iman am Abende vom Minaret die Gläubigen zum Gebete ruft. Meine Bemühungen, dem Raubthiere näher zu kommen, blieben fruchtlos.

Mit zunehmender Dunkelheit huschten allenthalben dunkle Gestalten um mich her. Ich drückte mehrfach mein Gewehr ab, – vergebens! Ermüdet von den Strapazen des Tages und den Aufregungen des Anstandes, lagerte ich mich auf die Decke neben dem Feuer, das von Hassan und Mohamed, dem greisen Nimrod, unterhalten wurde, und versuchte zu schlafen. Der blasse Spanier schien unermüdlich.

„Erzähle mir von Deinen Jagden im Sudan, Hassan,“ begann er ein Gespräch, das mehrere Stunden andauern sollte.

Hassan mußte griechisches Blut in den Adern haben – ein Araber fände nie Geschmack an solchem Geschwätz. Ich lauschte seinen Worten; das Ungeziefer, das sich in meiner warmen Decke wohler fühlte, als ich, vertrieb mir den Schlaf. Kühner und freier wurden Hassan’s Erzählungen. Von seltsamen Abenteuern ging er zu unglaublichen über, von gut erfundenen Geschichten zu monströsen Lügen. Die Augen des Spaniers glänzten. Die glühende Phantasie des Südländers überlegte nicht.

„Hören Sie, G.,“ rief er mir schließlich begeistert zu, „Sie haben nichts Dringendes in Cairo vor; ich habe nie etwas zu thun – wir gehen nach Sudan, um Löwen zu jagen.“

„Schlafen Sie, liebster Marquis!“ war meine ärgerliche Antwort, „und sammeln Sie Kräfte für Ihre kühnen Pläne! Ich werde Ihnen morgen meine Meinung sagen, auch Hassan, dem großen Dichter Aegyptens.“

Die ersten Strahlen der Sonne trieben uns aus unserem Lager. Am Rande der Wüste führte der Weg weiter. Bald durchschritten wir ein sandiges Stück Land, bald wieder einen Sumpf. So ging es den ganzen Tag. Hin und wieder erlegten wir einen Geier, einen Adler, einen merkwürdigen Sumpfvogel – das war Alles. Selten einmal begegneten uns Menschen. Vermummte Beduinen mit langen Flinten auf kleinen zottigen Pferden galoppirten, ohne unseren Gruß zu erwidern, vorüber. Wir befanden uns in einer recht gottverlassenen Gegend.

Hassan war guten Muthes. Er fand am Spanier einen eifrigen Verehrer seiner Abenteuer, und der Mund stand ihm nicht still. Es schien mir bisweilen, als blicke er mit seinen Luchsaugen lange in die Ferne und als hätte er geheim mit dem alten Mohamed zu reden. Ich achtete nicht weiter darauf; mein Interesse war zu ausschließlich auf Natur und Wild gerichtet. Wieder war der Abend genaht. Wieder heulten Wölfe und Schakals, aber der Ort für Hyänenjagd schien nicht gefunden zu sein. Wir kamen diesmal sogar nicht zum Schusse, und Hassan mußte alle Beredsamkeit aufbieten, um am Feuer die zornige Laune des Spaniers zu betäuben, was erst gelang, als er einem Löwen seine Büchse bis zum Schafte durch den Rachen in die Eingeweide gestoßen hatte.

Trotz der Insecten gelang es mir diesmal zu schlafen. Auch der Spanier träumte. Mitten in der Nacht schreckte ihn ein blutiger Kampf mit dem Könige der Wüste aus dem Schlafe, und sein Hülferuf erweckte auch mich. Ich griff nach der Büchse und sah mich erschrocken um.

„Ich habe geträumt,“ sagte er schläfrig und legte sich auf die andere Seite.

Ein riesengroßer brauner Käfer, den ich in diesem Augenblicke in meinem Barte fing, ließ mich des Schlafes vergessen. Ich tödtete das Ungeheuer und rieb mir die Augen. Das Feuer war halb ausgebrannt, und Mohamed schlief daneben, zusammengekauert sitzend. Wo war Hassan? Ich stand auf und suchte ihn in der Nähe. Vergebens! Mohamed meinte, er sei einem Wolfe nachgegangen, der das Feuer umkreist hätte. So viel Jagdpassion traute ich ihm nicht zu. Ich griff zu der Büchse und patrouillirte die Umgegend ab. Heulende Schakals zogen mich weit ab nach allen Richtungen. Hassan war verschwunden. Was mochte ihn bewegen, so weit fortzulaufen? Ich weckte den Spanier und machte ihn auf das sonderbare Betragen unseres Dragomans aufmerksam. Er blieb einige Augenblicke nachdenkend; dann behauptete er, Hassan würde uns einen Wolf bringen, dessen Fell in Cairo als unsere Trophäe gelten könnte. Gegen Anbruch des Tages kam Hassan ermüdet ohne Trophäe zurück, aber sichtlich verlegen, uns wach zu finden. Er hatte nicht nur einen Wolf, sondern sogar einen kleinen Panther verfolgt, deren es in dieser Gegend keine giebt. Der Spanier griff erregt zu seinem Gewehre und Dolche, um die Verfolgung weiter fortzusetzen. Ich erklärte hingegen dem unsichern Führer ganz fest, daß, wenn ich nicht bis zum Abende auf eine Hyäne geschossen hätte, ich direct nach Cairo zurückkehren würde. Der Spanier stimmte erst nach längerer Debatte ein. Gegen Morgen, in der nächsten Nacht sollten wir am Ziele sein, so schwor Hassan bei den Augen seines Vaters.

Bis zum Nachmittage zog sich der Weg durch die Wüste, dann wieder am Rande des Sumpfes an einem Höhenzuge entlang. Ich war hinter den Uebrigen zurückgeblieben, um einen Geier zu schießen, der auf einem Felsenvorsprunge nach Beute spähte. Schon wollte ich schießen, als das Thier eilig davonflog und unweit davon ein braunes Gesicht, halb verhüllt durch die Kuffia, hinter einem Felsblocke hervorlugte. So schnell, wie es erschien, war es verschwunden – ich glaubte mich fast getäuscht zu haben. In dieser Einsamkeit erschien mir die Erscheinung eigenthümlich. Ich blieb aufmerksam, ließ jedoch nichts gegen meine Gefährten verlauten. Ich sah mich häufig um, blieb hin und wieder zurück, und in der That, die seltsame Erscheinung wiederholte sich. Da traf es sich, daß in einem Graben des Sumpfes mehrere junge Araber standen, um Rohr zu schneiden. Ich erklärte, daß wir unter allen Umständen zwei oder drei dieser braunen Burschen als Führer und Treiber zur Jagd mitnehmen müßten, es sei ein Wink des Schicksals, daß wir sie meilenweit von jeglicher Behausung entfernt getroffen hätten.

Hassan’s heftiger Widerspruch bei dieser so natürlichen Veranlassung bestärkte, ja bestätigte fast meinen Verdacht, daß er etwas Uebles gegen uns im Schilde führe, und ich bestand um so mehr auf meiner Forderung. Die jungen Kerle folgten unserm Rufe und fragten nach unserm Begehre. Sie waren [228] nur mit einem weißen Kopftuche bekleidet, wenn nicht der Schlamm, der sie von der Brust bis zum Fuße bedeckte, auch eine Kleidung zu nennen war. Der Spanier in seinem schlechten Arabisch schloß den Vertrag, und die Toilette war bald gemacht. Die langen Flinten warfen sie über die Schultern, und mit zufriedener Miene folgten uns die beiden Stärksten der Gesellschaft.

Hassan wurde sichtbar nachdenkend, und ich beschloß nunmehr, den Spanier in meinen Verdacht einzuweihen. – Ich erzählte ihm meine Beobachtungen.

„Wir schießen ihn über den Haufen,“ war seine christliche Erwiderung, und die blitzenden Augen schienen seine ernstliche Absicht zu bestätigen.

„Ueben Sie Ihre Lynchjustiz, wenn Sie seine Schuld erwiesen haben, lieber Marquis!“ antwortete ich dem heißblütigen Iberier, „aber denken Sie daran, daß uns mit seinem Tode nicht geholfen ist. Wir werden beobachtet und können auch ohne Hassan überfallen werden. Seine Absicht scheint darauf hinzugehen, uns nächste Nacht im Schlafe zu überrumpeln. Die Kerls fürchten am Tage unsere Büchsen, denn die Gelegenheit für einen Ueberfall wäre heute öfter schon günstig gewesen. Ich glaube vielmehr, daß wir versuchen müssen, ein sicheres Unterkommen für die Nacht zu finden. Hassan kann am Tage nicht mehr mit seinen Spießgesellen conferiren.“

„Sie haben Recht,“ antwortete der Spanier, dem entschieden meine kaltblütige germanische Ueberlegung imponirte; „wir begeben uns in den Schutz arabischer Gastfreundschaft. Unsere neugewonnenen Führer werden uns vor Sonnenuntergang noch unter ein gastliches Dach bringen. Dörfer muß es in dem Sumpfe geben. Wozu hätten die braunen Kerls das Schilf in den Gräben geschnitten?“

„Machen Sie uns die Araber zu sicheren Freunden!“ unterbrach ich das Gespräch. „Wir müssen für alle Fälle gerüstet sein.“

Er winkte die munteren Gesellen heran, während Hassan fünfzig Schritte vor uns mit seinem zweifelhaften Mohamed nichts von unserer Gegenverschwörung ahnte.

„Wollt Ihr Euch Geld verdienen?“ begann der Spanier seine diplomatische Aufgabe.

„Du weißt, daß blinkende Goldstücke unsere Weiber zieren,“ lautete die zustimmende Antwort.

„Wir haben jetzt nichts bei uns. Führt Ihr uns jedoch heute Abend zum Scheikh des nächsten Dorfes und bringt Ihr uns sicher – versteht wohl! – ohne daß Jemand gewagt hätte, uns anzugreifen, binnen zwei Tagen nach Fayûm zurück, so erhält Jeder von Euch drei Goldstücke. Geht Ihr den Handel ein?“

„Allah vergelte Dir die Liebe zu Deinen armem Brüdern, Herr! Gras wird wachsen auf der Schwelle Deiner Feinde; der Schlaf wird Deine Diener fliehen, und sie werden über Dich wachen, wie die Löwin über ihr Kind.“

Das genügte. Wir trauten den ehrlich gemeinten, bilderreichen Worten. Die Jünglinge bethätigten sofort ihre ernste Absicht uns zu schützen. Sie hefteten sich an unsere Fersen und blieben jedes kleinen Winkes gewärtig. So holten wir Hassan ein, der einen passenden Platz für unser Mittagsmahl gefunden hatte und sich anschickte, das Feuer anzulegen. Wir lagerten uns und schickten die Esel auf Grasung. Ich hatte Hassan’s Gewehr ergriffen und prüfte die Güte desselben.

„Es ist englisches Fabrikat,“ so rühmte er, „mag die Gazelle noch so flüchtig, die Taube noch so schnell sein, weit in der Ferne erreicht sie das Blei aus meiner Büchse.“

„Wenn ich jetzt also abdrückte,“ sagte ich und wendete das gespannte Gewehr gegen ihn, „bist Du unfehlbar ein todter Mann?“

„Ja, Herr!“

„Nun, so rühre Dich nicht von der Stelle, wenn ich nicht wahr machen soll, was ich fragte,“ setzte ich plötzlich mit drohender Stimme hinzu, „und höre mir aufmerksam zu!“

Das Holz entsank seinen Händen und er starrte mich sprachlos an.

„Du bist gestern Nacht,“ so fuhr ich fort, „bei den Beduinen gewesen; heute führst Du uns, so weit Du kannst, in die Wüste. Deine Spießgesellen folgen uns seit frühem Morgen, und in der Nacht, wenn wir ermüdet von der vergeblichen Hyänenjagd am Feuer schlafen, ziehst Du uns aus und läßt uns hülflos in der Einöde liegen, meilenweit von jeder menschlichen Ansiedelung – ich will nicht glauben, daß Du uns umbringen willst, wie jener Dragoman, der ohne den jungen Ungarn im verflossenen Jahre aus diesen Gegenden heimkehrte und log, der Unglückliche sei in den Sümpfen versunken. Nimm Dich in Acht! Beim geringsten Zeichen, das Du giebst, bei der geringsten Widersetzlichkeit, beim ersten Worte, das Du mit Mohamed und den Anderen wechselst, jage ich Dir eine Kugel durch den Kopf! Die beiden Führer weisen uns den Weg zum nächsten Scheikh – und jetzt vorwärts! Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Allah soll mich blind machen, wenn ich Euch verrathe,“ stieß Hassan hervor, der, durch die Entdeckung ganz fassungslos, ernstlich für sein Leben fürchtete. Er warf dem Spanier einen scheuen Blick zu, der bedenklich mit seinem Revolver spielte und „Canaille!“ zwischen den Zähnen murmelte.

„Schwöre nicht bei einem Gotte, den Du nicht anbetest! Du bist Grieche und lachst über den Propheten. Du hast Deine arabische Komödie nicht fein genug gespielt,“ rief ich ihm zu, während ich meinen Esel einfing, um ihm die Decke aufzulegen.

[248] Mit einem der Führer an der Spitze setzte sich der Zug in Bewegung. Hassan ging, kleinmüthig, ohne sein Gewehr, hinterdrein. Wir bogen von der Wüste ab in die Sümpfe hinein, wo uns ein wenig betretener Pfad bald an sumpfigen, schilfbewachsenen Seen, bald an grasüberwucherten Flächen vorüberführte, die früher einmal in Cultur gewesen waren. Wir [249] ließen ungestört die Reiher, Kraniche und Sumpfvögel ihre Nahrung suchen. Weit in der Ferne hob sich wie ein eckiger Fels eine Höhe aus der endlosen Fläche; das war das Dorf, das uns aufnehmen sollte, ein zu entferntes Ziel, als daß wir durch Jagd unsere Reise hätten unterbrechen können. Wir langten nach längerer Wanderung an.

Von allen Seiten war das Dorf mit Wasser umgeben, nur ein Damm führte steil ansteigend hinein. Die Häuser, von Lehm gebaut, wurden von einzelnen hohen Palmen überragt. Taubenhäuser in großer Zahl sahen wohnlicher aus als die Lehmbaracken der Menschen, aus denen der Rauch nicht zum Schornstein heraus – den gab es nicht –, sondern aus allen Oeffnungen drang. Auf einer Seite des Dorfes, jenseits des Wassers, zog sich langgedehnt ein Palmenwald hin, unter dem saftig graues Gras wucherte. Wir machten an dem Damme Halt und schickten einen Führer zum Scheikh mit einem Gruß und der Bitte um Aufnahme. Neugierig waren Männer und Kinder zu uns gelaufen und befühlten erstaunt unsere Flinten, Revolver und Messer. Wir harrten in einiger Spannung der Antwort. Es mußte uns viel daran liegen, im Hause des Scheikhs zu nächtigen. Im Palmenwalde hätten uns andere Räuber als die Spießgesellen Hassan’s, – die Bewohner des Dorfes – bestohlen.

„Scheikh Ali grüßt die Fremdlinge und bittet sie, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten,“ so lautete die Antwort, die uns der Bote brachte.

Wir ritten an das Thor, das zum Vorhofe seines Palastes führte, und traten ein. Der „Palast“ war einstöckig, nur von Lehm gebaut. Die buntbemalten Pfosten an Thür und Fenstern und die hübschgedrechselten Muschrabien (Holzgitter, das die Fensterscheiben ersetzt) zeichneten ihn vor den übrigen Häusern aus. Auf einem breiten Sitze von Strohgeflecht saß der Scheikh in seinem Hofe und rauchte seine Narghile, umgeben von den Großen seines Reiches, – schmutzigen braunen Kerls. Er erhob sich zu unserer Begrüßung und lud uns ein, eine Tasse Kaffee zu trinken – das war herzlich wenig!

„Wir sind einflußreiche Leute aus den mächtigsten Ländern des westlichen Europas,“ begann der Spanier das Gespräch. „Der Ruhm Scheikh Ali’s ist zu uns gedrungen, und wir bringen ihm unsere Huldigung dar.“

Das war zum Mindesten höflich und der Scheikh schien nicht unempfindlich; er lächelte gnädig und strich mit seinen dicken braunen Fingern über den grauen Bart. Diener setzten uns Narghiles vor und servirten den Kaffee. Ihre einfache Kleidung bestand aus einem weißen Turbane.

Der Scheikh fragte, ob wir Prussiani wären. Ich war so glücklich, es bejahen zu können; von Spanien hatte er nie ein Wort vernommen.

„Der große preußische Feldherr heißt Bismarck,“ sagte er mit überlegenem Lächeln, und wir beeilten uns, ihm unsere Bewunderung über seine eminenten Kenntnisse auszudrücken. Endlich schien er Gefallen an uns gefunden zu haben; er forderte uns auf, seine Gäste zu bleiben.

Der Sieg war unser; spöttisch blickten wir auf Hassan, der wie ein armer Sünder in einer Ecke des Hofes saß, und wiederholten immer von Neuem dem Scheikh, daß wahre Herrschertugenden Tapferkeit und Höflichkeit gegen Fremde seien; daß er sich ersterer befleißigte, hätten wir schon in Europa vernommen; daß er auch die zweite übte, würde uns jetzt offenbar.

Während die Frauen des Wirthes das Mahl für unsere hungrigen Magen bereiteten, durchstreiften wir das Dorf und den naheliegenden Palmwald. Die Knaben des Ortes folgten uns neugierig, und schmutzige Weiber in langen blauen Hemden blickten verstohlen aus den engen Thüren der Lehmhütten. Zahllose Adler und Geier hielten sich in den Kronen der Palmen auf und kehrten sich wenig oder gar nicht an unsere Schüsse. Die Eingeborenen geben sich nicht die Mühe, sie zu schießen; sie jagen edleres Wild – den nachbarlichen Beduinen.

Die Sonne ging blutroth nieder, wie am verflossenen Abende. Aus der strahlenden Wasserfläche hob sich dunkel das palmenüberragte Dorf. Arbeiter kehrten aus den Baumwollenfeldern heim, Esel vor sich den Damm hinauftreibend. Ein Araber sang, an einen Stamm gelehnt, ein eigenthümlich klagendes Lied. Die friedliche Stimmung des Bildes führte die Gedanken dem fernen heimathlichen Dorfe zu.

Ein Abgesandter des Scheikhs forderte uns auf, das Mahl einzunehmen, und mit Vergnügen folgten wir der Einladung. In einem großen Gemache, zu dem eine hölzerne wacklige Treppe hinaufführte, war das Essen aufgetragen. Ein kleiner Tisch in der Höhe eines Stuhles stand in der Mitte. Wir kreuzten die Beine und ließen uns mit Scheikh Ali davor nieder, der erst nach vielen Complimenten dazu zu bewegen war. Ob die „Christenhunde“ oder das vornehme Gebahren seiner Gäste daran schuld war, weiß ich nicht zu beurtheilen.

Deutsche Hausfrauen! Zum leuchtenden Vorbilde sei Euch die Schilderung des Mahles geweiht! Porcellan in Tellerform war als überflüssig erkannt worden und einfache Holzbrettchen ersetzten den Mangel. Messer und Gabel suchte man vergebens; diesen Luxus kennt nur der verweichlichte Europäer. Ein Holzlöffel allein fand sich vor, und der lange Stiel erleichterte das Schöpfen aus der gemeinsamen Suppenschüssel. Der Scheikh sah mit Wohlbehagen auf den Tisch; er griff zu einer Citrone, die neben seinem Brettchen lag, und riß dieselbe auseinander. Ich fand diese Art, sich die Finger zu reinigen, nicht hübsch, die Operation jedoch nothwendig. Leider beruhte meine Ansicht auf Täuschung; der Saft sollte die Hammelbrühe würzen. Die Suppe schmeckte nicht schlecht – sehr aromatisch. Ein Sclave trug das Gemüse auf: Reis mit Tomaten und Pfeffer. Wir häuften auf unsere Brettchen davon und verfolgten die Bewegungen des Scheikhs, um essen zu lernen.

Die rechte Hand ruhte in der Oeffnung des Hemdes auf der Brust, mit dem Daumen, zweiten und dritten Finger der Linken wurde die Speise zum Munde geführt. Die Rechte vertritt ausschließlich das Taschentuch, die Linke das Besteck. Auch der Reis schmeckte nicht schlecht, wenn auch der Pfeffer die Thränen in die Augen trieb.

Die Unterhaltung wurde lebhaft geführt. Der Scheikh entwickelte in großen Zügen seine politischen Ansichten. Er ging davon aus, daß der Sultan Weltherrscher, der Khedive sein erster und Scheikh Ali sein zweiter Vasall sei. Die Scharmützel zwischen Frankreich und Deutschland machten dem Sultan mehr Spaß als Sorge. Er für seine Person sei davon durchdrungen, daß das große Feldherrntalent Bismarck’s niemals den Sultan in seinen Rechten schädigen könnte. Großes Interesse erregte meine Schilderung von Bismarck’s Kriegsgewand. Die weiße, mit Silber gestickte Uniform erregte seinen Neid. Er wurde nachdenkend und trägt gewiß heute ein weißes Hemd statt des bunten.

Unterdessen war der Braten aufgetragen worden – eine herrliche Hammelkeule. Der Scheikh ergriff dieselbe und erhob sie wie einen Tomahawk zum Schlage. Er riß das Fleisch in langen Fasern von dem Knochen los und häufte es vor sich auf sein Brett, die unvermeidliche Citrone wurde in den fettigen Fingern darüber ausgepreßt und mit liebenswürdigem Lächeln thürmte er die besten Stücke auf unser Brettchen. Trotz mächtigen Hungers begann sich in mir etwas zu regen, was man ungefähr mit Uebelkeit bezeichnen könnte; die Kniee fingen an, mir empfindlich weh zu thun, und ich veränderte, mich räuspernd, meine Stellung. Der Spanier griff frisch zu, und auch bei mir wich der Ekel allmählich dem Hunger. Gierig schlang ich große Stücke hinunter. So recht von Herzen gierig kann nur der hungrige Jagdhund sein und der Mensch, wenn er mit den Fingern ißt. In Fett geröstete Bananen bildeten den würdigen Abschluß des reichen Mahles. Sclaven brachten die Schale, den Wasserkrug und das Handtuch zum Reinigen der Finger, und mit Behagen nahmen wir auf dem breiten Divan Platz, wo uns Kaffee und Narghile gespendet wurde.

Während des Mahles schon traten nacheinander wohl zwanzig eigenthümliche Gestalten in das Gemach. Sie verbeugten sich schweigend bis zur Erde, nahmen schweigend nebeneinander an dem Fußboden Platz, rauchten schweigend ihre Pfeifen, und die Etiquette verbot uns hochstehenden Scheikhs, Notiz von ihnen zu nehmen. Meine Blicke wurden mehr als einmal durch das Abenteuerliche der Erscheinungen gefesselt. Da war ein alter, fast schwarzer Beduine mit langem, weißem Barte, in tadellos weißer Kleidung; die lebhaften Augen und der aufrechte, sichere Gang sprachen von der ungeschwächten Kraft des Alten.

Ein junger Mann, dem eben erst der Bart die Oberlippe deckte, fiel mir seines regelmäßig schönen Gesichtes und der [250] prächtigen Zähne wegen auf. Wie alle Uebrigen, so verleugnete auch er in seinen Zügen die mit dem Stamme Israel gemeinsame Herkunft von Abraham nicht; aber die Wildheit des Ausdrucks der Söhne Hagar’s, die phantastische Kleidung lassen einen Vergleich mit den Söhnen Sarah’s an der Börse nicht zu.

Ich hatte eben erfahren, daß jene Männer die Häupter der nächstwohnenden, dem Scheikh Ali untergebenen Beduinen seien, die hierher entboten waren, um durch ihre Gegenwart unsere Anwesenheit zu ehren, als eine neue Gestalt eintrat, die durch den wilden, fast diabolischen Blick meine Befürchtungen zu rechtfertigen schien, daß die prächtige Gesellschaft mehr dazu da sei, uns zu plündern, als uns zu dienen. Der Spanier versicherte jedoch feierlich, daß wir seit der gemeinsam genossenen Mahlzeit unverletzlich seien, und ich mußte mich beruhigen. Der Anblick des zuletzt eingetretenen Kriegers hatte meine Neugierde auf’s Höchste gespannt. Ich setzte alle Etiquette aus den Augen und erhob mich, die Anwesenden zu begrüßen. Sie schienen sichtlich erfreut, und zeigten bereitwillig ihre Waffen, die ich zu sehen wünschte. Der wilde Krieger, dessen fanatischer Ausdruck dem Antlitz des Propheten Ehre gemacht hätte, besaß ein reich mit Gold eingelegtes englisches Gewehr und gute Ausrüstung. Er wollte es zum Geschenk erhalten haben. – Gott weiß, wo die Gebeine des rechtmäßigen Besitzers bleichen. Die Bewaffnung der Uebrigen war weniger gefährlich, wenn auch vielleicht glänzender. Die langen Flinten mit Feuerschloß konnte nicht allzu bedenklich werden.

Der Mond stand bereits hoch am Himmel, als die abenteuerliche Gesellschaft die wiehernden Rosse im Vorhof bestieg und nach allen Richtungen hinaus den heimathlichen Zelte zueilte.

Der Scheikh wünschte uns eine gesegnete Nachtruhe und erklärte feierlich, er hätte keine Jagd uns vorzuführen. Ich glaube, er traute seinen Vasallen nicht, und ich beruhigte mich in der Aussicht, wieder einmal unter Dach und Fach zu schlafen. Das hatte aber gute Wege. Das Dorf konnte sich nicht über die Christen beruhigen, die in seinen Mauern Quartier genommen hatten. Im hellen Mondschein umkreisten unaufhörlich weiße Gestalten den „Palast“ des Scheikh. Hassan saß, Rache brütend, in der Ecke, und die beiden Führer, deren Einer vor der Thür, der Andere neben dem Divan lag, das Gewehr in der Hand, schienen sowohl mir, wie dem unsicher gewordenen Spanier nicht genügend für einen plötzlichen Ueberfall. Wir hatten unsere Büchsen gespannt neben uns, den Revolver in der Hand. Zu alle Dem umkreisten Unheil verkündend zahllose schreiende Eulen und Käuzchen das Haus.

Die Nacht war recht dazu angethan, Grauen einzuflößen. Hin und wieder stand ich auf, einen Blick zum Fenster hinaus zu werfen. Von dem hochgelegenen Gemach blickte man weit hinaus in das Sumpfland, durchzogen von den glitzernden Silberstreifen des Mondes auf den Wasserflächen. In dem nahen Palmenwalde schien sich hin und wieder etwas zu regen, und die Phantasie ließ immer neue Gestalten aus den Büschen hervorwachsen. Es nahte die zwölfte Stunde, die letzte des Jahres – am Sylvester hatten wir Scheikh Ali kennen lernen. Ich dachte der Heimath, der Familie, die in traulichem Beisammensein das neue Jahr erwartet; ich überlegte meine Situation, die Gefahr, der ich soeben entgangen – und verwünschte für immer jedwedes Abenteuer.

Doch die arabische Gastfreundschaft bewährte sich vortrefflich. Der Morgen des neuen Jahres erschien, ohne daß uns der Hals abgeschnitten worden wäre. Der Scheikh mit seinem mildfreundlichen Lächeln erschien und fragte nach unserm Begehren. Mit Bereitwilligkeit gestand er uns eine Escorte bis Fayûm zu, und die Abschiedsceremonien begannen. Wir theilten Trinkgelder unter die Diener aus, und erhielten als Freundschaftsgabe vom Scheikh Jeder einen hübschen Dolch. Ich hatte nichts ihm zu geben und war einigermaßen in Verlegenheit, bis mir einfiel, daß er am Tage vorher mein Taschenmesser bewundert hatte. Ich zog es hervor und überreichte ihm die bescheidene Gabe mit einigen Worten der Entschuldigung, die ich mir hätte sparen können. Die Wirkung des Geschenkes war eine frappante. Sein Antlitz strahlte vor Glück und mit Hintenansetzung jeglicher Würde und Etiquette zeigte er das Kunstwerk seiner Umgebung. Das Messer hatte zwei Klingen und einen Pfropfenzieher; es kostete mir in Berlin zwanzig Silbergroschen. Man darf den Werth solcher Gegenstände nicht unterschätzen.

Wir versprachen Scheikh Ali, seinen Ruhm in den kleinen osmanischen Provinzen Deutschland und Spanien zu verbreiten, und schieden von ihm mit dem Bewußtsein, einen höchst angenehmen Eindruck hinterlassen zu haben. Unsere aus fünf Beduinen bestehende Escorte machte sich bald durch Bettelei unnütz, bald versuchte sie durch das Schauspiel einer Fantasia unsere Herzen zu rühren. Die kleinen Pferde wurden gewaltig angestrengt.

Von Hassan’s verrätherischen Absichten war nichts mehr zu bemerken. Er hatte sich in das Unvermeidliche gefügt und versuchte durch ausgezeichnete Höflichkeit die Prügel von sich abzulenken, die er nach seiner Meinung, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht, auf unser Geheiß in Cairo zu erwarten hatte. Von den ägyptischen Gerichten war in diesem Falle nichts zu erwarten.

Ich war zu ergrimmt, um auf seine Liebenswürdigkeiten einzugehen. Der Spanier hatte sich allmählich wieder durch Erzählungen bestechen lassen. Er verstieg sich sogar so weit, mir von Neuem einen Vorschlag zu machen, im Sudan Löwen zu jagen, Hassan hatte ihm mit glühenden Farben eine Belagerung geschildert, die er von dreizehn Löwen auszustehen gehabt, nachdem er sich mitten in der Wüste mit einer Dornenhecke umgeben hatte. Das war mir zu viel. Beinahe wäre ich mit dem Unterthan der osmanischen Provinz Spanien in Streit gerathen.

Am Abende des zweiten Tages langten wir wieder in Fayûm an. Der einzige Europäer der Stadt, ein Franzose, nahm uns mit größter Liebenswürdigkeit auf. Auf herrlichen Teppichen brachten wir eine erquickliche Nacht zu. Beim gemüthlichen Frühstück am nächsten Morgen gaben wir unsere Erlebnisse zum Besten.

„Bei Scheikh Ali haben Sie genächtigt?“ rief unser Wirth erstaunt. „Da sind Sie in schlimmer Gesellschaft gewesen. Der alte Kerl hat mehr als einen Mord auf dem Gewissen; ja, es steht ziemlich fest, daß er vor zwei Jahren aus Rache eine Frau mit ihrem Kinde in der Wüste umgebracht hat. Der alte Fuchs ist schlau und hat sich allen Anschuldigungen zu entziehen gewußt. Das Gouvernement hat ihn seit einem Jahre zum Scheikh des Arrondissements gemacht, eine gewiß weise Maßregel, da er in seiner officiellen einflußreichen Stellung nicht mehr im Stande ist, gemeinen Mord zu begehen. Sie sind in der Höhle des Löwen gewesen. Danken Sie Gott, daß Sie mit heiler Haut seinen Krallen entronnen sind!“

P. v. E.