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Meister Hummel in Jena

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Textdaten
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Autor: Johann Christian Lobe
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Titel: Meister Hummel in Jena
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 752
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[752] Meister Hummel in Jena. (Zu seinem hundertsten Geburtstage, 14. November.) Es war an einem winterlichen, hellen Sonntagsmorgen, als auf der Landstraße von Weimar nach Jena drei Kutschen nahe hinter einander rollten. Die beiden hinteren hatten weimarische Capellisten eingenommen; in der vorderen saßen meine Wenigkeit – ich erzähle nach dem ästhetischen Gesetz der Gradation –, der Oberdirector der weimarischen Bühne, Stromeyer, mit seiner schönsten aller Baßstimmen, und – Hummel. – Jena gab den Winter über allsonntäglich ein sogenanntes akademisches Concert im Saale des Gasthauses „Zur Rose“. Virtuosen gab es in Jena nicht; die mußten von auswärts bezogen werden, natürlich bei dem geringen Ertrage dieser Concerte so billig wie möglich, am liebsten umsonst. Zu der letzteren Vergünstigung waren nun auch wir Weimaraner ausersehen. Beim Diner im Hause des Hofrath Hand gerieth Hummel in jovialisch wienerische Laune, nahm sogar eine Cigarre an, die er indessen, als Raucherdilettant, bald wegwarf, und schlug zuletzt einen Spaziergang durch Jena vor, das er zum ersten Male betreten hatte. Wir gingen, Hummel und Hand Arm in Arm. Ueberall trafen wir an dem hellen, freundlichen Winternachmittage auf Studentengruppen. Die Blicke richteten sich neugierig natürlich nur auf den berühmten Virtuosen. Nicht geringes Vergnügen machte mir dabei die Beobachtung der verwunderungsvollen Täuschung, welche sich auf den meisten Gesichtern zeigte. „Das ist der berühmte Hummel?!“ schien man innerlich auszurufen.

Und in der That ich bin auf meinem langen Lebenswege niemals einem Künstler begegnet, dessen Gestalt und Physiognomie so wenig die künstlerische Seele verrathen hätten, wie dies bei Hummel der Fall war: eine untersetzte, wohlbeleibte Gestalt, sehr lange Arme, mit dicken fleischigen Händen und Fingern, welch letzteren man ihre unerhörte Behendigkeit unmöglich ansehen konnte, ein roth aufgedunsenes Gesicht ohne Physiognomie - denn diese hatte die Blattern gänzlich verwischt, und was man etwa durch besondere Aufmerksamkeit noch daraus hätte abstrahiren können, vereitelte er durch die entsetzliche Angewohnheit einer unaufhörlichen Gesichts- um nicht zu sagen Fratzenschneiderei. Seine Gesichtsmuskeln schossen wie die Ungetüme in dem durch’s Mikroskop betrachteten Glase Wasser, immerwährend feindselig gegen einander. Auch dachte er gar nicht daran, sich durch Kleidung, Haltung, Blick, Haarschnitt etc. das Ansehen eines Genies zu geben. Man hätte ihn viel eher für einen ehrlichen Pachter als für einen der berühmtesten Tonkünstler seiner Zeit halten können.

„Na! wartet nur – auf den Abend!“ dachte ich, als ich die zweifelhaften Gesichter bemerkte. Und der Abend kam heran. Ich übergehe den stürmischen Empfang des Meisters, die athemlose Spannung bei seinem Gang zum Flügel und rede nicht von unseren Productionen. Ich schildere nur den Schluß des Concerts: Man hatte Hummel, wie natürlich, um eine Improvisation gebeten. Nicht Wenige haben die Meinung ausgesprochen: ohne sich dazu vorzubereiten, könne auch ein Hummel unmöglich in so schwierigen Passagen und künstlichen contrapunktischen Kombinationen phantasiren. Der heutige Abend lieferte eine Widerlegung dieser Behauptung. Auf dem Gange zum Flügel kam er an dem Pulte vorbei, an das ich mich als Zuhörer postirt hatt. Er hemmte seine Schritte und raunte mir zu:

„Ich möchte den Herren Studiosen gern eine Freude machen, ein Studentenlied mit vorbringen, aber ich kenne keines. Können Sie mir eins vorschlagen?“

„Nehmen Sie ‚Was kommt dort von der Höh‘.“ sagte ich, „das ist eins der einfachsten und auch dem Publicum bekanntesten.“

„Schreiben Sie mir’s schnell auf!“ sagte er, indem er bei mir stehen blieb.

Ich riß einige leere Zeilen von dem letzten Blatte der auf meinem Pulte liegenden Orchesterstimme und notirte mit Bleistift die Melodie. Die Spannung im Auditorium während dieser wenigen Minuten! Als ich fertig war, warf er einen sinnenden Blick darauf, setzte sich an‘s Instrument - und begann.

Ja, wenn die arme Feder schildern könnte, was nun folgte!

Viele, viele Jahre sind seit jenem Abende dahingeschwunden; der liebe Meister ruht längst im Grabe. Tausende von Scenen, Momenten, Ereignissen, Empfindungen sind aus meinem Gedächtniß vollständig verschwunden, aber jene Improvisation lebt noch hell in meiner Erinnerung, wahrscheinlich weil ich sie mir oft genug zurückgerufen habe.

Beim Anfange seines Spiels war er noch der vollbewußte Künstler, bald aber wurde er warm und versank nun ganz in seine innere Tonwelt, während die äußere rund um ihn herum, wenn nicht ganz verschwand, so doch sich in dichten Nebel für ihn verlor. Dies merkte ich jedesmal an seinem röther werdenden Gesichte und dem zeitweilig erhobenen Haupte. In jenem Augenblicke hätte die Schlacht bei Jena um ihn herum wüten können, er würde nichts davon gehört und fortphantasirt haben, bis die hereinströmenden Feinde ihn aus seinen Visionen gerissen hätten.

Indem noch ein prachtvoll einleitendes Largo zu ersterben schien, lugten schon einzelne kleine Tonformelchen hervor, von denen der Uneingeweihte sicherlich noch nicht wußte, woher sie kamen und wohin sie wollten. Wie aber manche Zauberkünstler erst ein einzelnes Glied erscheinen lassen, dann ein zweites, drittes und so weiter, bis die ganze Gestalt vor dem Zuschauer steht, so reihten die sich erst zerstreut erscheinenden Phrasen bei Hummel mehr und enger aneinander, bis plötzlich eine bekannte Melodie, diesmal die Menuett aus „Don Juan“, in die Ohren und Herzen der Zuhörer fuhr. Diese Menuett variirte Hummel auf die mannigfaltigste und wunderbarste Weise. Schon kamen Wendungen, Uebergange etc. überhaupt Gedanken vor, so wunderbar schöner, genialer, überraschender Art, wie sie kein Componist der Welt am Pulte findet, wenn sie erst den erkältenden Weg durch die Feder auf’s Papier machen müssen, wie sie sich nur dem Genie im Momente des Phantasirens unmittelbar in dem entflammte Geiste offenbaren können. Doch, was sind Worte, wenn sie Töne malen sollen! Er ging jetzt wieder in das erste Largo über, brachte es aber in ganz anderen Farben, ganz anderem Ausdrucke:

Stürmend von hinnen jetzt, wie sich von Felsen
Rauschende, schäumende Gießbäche wälzen, -
     Holdes Gesäusel bald,
          Schmeichlerisch linde,
     Wie durch den Eichenwald
          Buhlende Winde.[WS 1]

Nun aber kam erst die Hauptsache für heute. Plötzlich nämlich sprang es hervor, das alte: „Was kommt dort von der Höh’“. Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zuckten die Musensöhne auf bei den lieben bekannten Tönen, an die sich die Erinnerungen so seliger Stunden ihres akademischen Lebens knüpften, und nicht wenig geschmeichelt fühlten sie sich zugleich durch die Ehre, welche ihnen der große Meister durch die Wahl eines ihrer Lieder offenbar erzeigen wollte. Und hier auch, bei der hundertmal selbst gesungenen Melodie, konnten sie so recht con amore allen den wunderbaren Verwandlungen folgen, die der geniale Meister damit vornahm. Wie wurde den Zuhörern aber erst, als sich neben dem Studentenliede plötzlich zugleich die Menuett aus „Don Juan“ hören ließ, und nun beide, bald allein bald abwechselnd aus einem immer höher und mächtiger anschwellenden Tonstrome hervortönten!

Als der Meister geendet, herrschte einen Moment Todtenstille. Das Publicum schien sich besinnen zu wollen, ob denn das eben Gehörte Wirklichkeit oder nur ein entzückend zauberischer Traum gewesen, dann aber brach ein solcher Sturm des Beifalls aus, wie ich ihn bis dahin in solcher Allgewalt noch niemals vernommen und nicht für möglich gehalten hatte. Durch die Spitzen der jenaischen Gesellschaft, die Professoren etc., die sich um den vom Spiel und der geistigen Arbeit glühenden Meister bewunderungsvoll versammelt hatten, drängten sich, ja stürmten die Studenten, um ihrem auf’s Höchste gesteigerten Enthusiasmus und aller Liebe und aller Verehrung, wie sie sich nur in so jungen, frischen Gemüthern entzünden mögen, Ausdruck zu geben. Es war ein Geräusch und Gewimmel um ihn herum, als habe man endlich einen gefährlichen Verbrecher glücklich überrumpelt und eingefangen. „Das war ein guter Gedanke – mit Ihrem Studiosenlied,“ sagte Hummel zu mir, als wir unter dem vom Saale her noch immer nachdonnernden Beifallssturme die Treppe hinabstiegen. „Ich glaube, das hat den Burschen Spaß gemacht.“

„Ja, das glaube ich auch,“ erwiderte ich, indem ich ihm mit Thränen im Auge die kunstreichen Hände küßte.

Als Komponist zählt Hummel unter den Ersten mit, gehört aber nicht unter die höchsten darunter. Auch als Klavierspieler fand er bald seines Gleichen und wurde endlich überholt. Aber als Schöpfer jener wundervollen kunstreichen, genialen Augenblicksphantasie hat ihn keiner jemals erreicht, geschweige denn übertroffen.

J. C. Lobe.

Anmerkungen (Wikisource)