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Mein zahmer Canarienvogel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: Fr– Gr–
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Titel: Mein zahmer Canarienvogel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 140
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Bearbeitungsstand
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[140] Mein zahmer Canarienvogel. Beinahe in jeder Haushaltung findet man heutzutage einen Canarienvogel, aber die Leute lassen sich von ihm nur etwas vorsingen und bekümmern sich nicht weiter um ihn, als daß sie für sein tägliches Futter sorgen. Und doch, wie dankbar zeigt sich gerade dieses Vögelchen, wenn man sich verständnißvoll mit ihm beschäftigt, wie reichlich lohnt es die geringe Mühe durch die vielen heiteren Stunden, die es in solchem Falle gewähren kann! Ich habe zwei Canarienvögel, von denen der eine ein Jahr, der andere sehr alt ist. Die Zähmung des erstern hat mir viel Vergnügen gemacht, und ich will hier zur Nachahmung mittheilen, wie ich dieselbe erreicht und wie weit sie möglich wurde.

Als das Vögelchen anfangs sehr scheu war, stellte ich den Käfig an meinen Schreibtisch dicht neben mich und hielt ihm hin und wieder einen mit ein wenig Zuckerpulver bestreuten Finger zwischen die Stäbchen des Käfigs und zwar so lange, bis er sich beruhigte und den Zucker pickte. Später öffnete ich die Thür des Bauers, und als er sich herauswagte, fing ich ihn behutsam, behielt ihn ein Weilchen in der Hand, streichelte ihn sanft, bot ihm zwischen meinen Lippen Zucker und andere Leckereien, legte dann dieselben auf meinen Pult und setzte ihn nun sacht neben mich. In den ersten Tagen flog er immer schleunigst fort, aber schon am dritten blieb er sitzen, zunächst schüchtern, bis er dann bald dreist wurde und die Leckereien verzehrte. Weiterhin setzte ich ihn ebenso auf meine Schulter, meine Hand etc., und in solcher Weise beschäftigte ich mich täglich eine Viertelstunde mit ihm. Nach vier Monaten war der „Hans“ schon überaus zahm.

Wenn ich jetzt des Morgens in’s Zimmer trete, ruft er mir sogleich sein „schiep“ entgegen und flattert so lange erregt im Bauer, bis die Thür geöffnet ist; dann hüpft er mir auf die Schulter, und ich gehe mit ihm in’s Nebenzimmer, um Kaffee zu trinken. Hier muß er auf meiner Schulter bleiben, da ich nicht dulde, daß er sich auf den Tisch setzt; er macht einige Rundflüge im Zimmer und kehrt immer wieder auf seinen Platz zurück, wo er hin und her trippelnd aus Leibeskräften singt, bis ich ihm zwischen den Fingern oder den Lippen seine Bröckchen reiche, die er dann vorsichtig abpickt. Während ich die Zeitungen lese, bleibt er auf meiner Schulter, zupft nun aber hin und wieder am Ohr oder Haar, bis ich mich umwende und mit ihm spreche, worauf er, auf meiner Schulter oder Stuhllehne sitzend oder hüpfend sein Lied schmettert. Beachte ich ihn einmal trotz seines Rufens, Pickens und Zupfens nicht, so klettert er mir auf die Brust, bis er mir mit einem Fuße im Bart steht und auf die Lippen pickt, bleibe ich auch dann noch ruhig, so spreizt er ein wenig die Flügel und fängt an in den süßesten Tönen zu flöten, indem er mir dicht vor dem Munde sich hin und her wiegt, bis ich endlich mit ihm spreche und ihn lobe. Von der Brust klettert er nun hastig wieder auf die Schulter, läuft hier eilig auf dem Arme entlang bis zur Hand, in der ich die Zeitung halte, und zupft vor Freude am Papier oder pickt an meinen Fingern.

Der Vogel hat sich so sehr an mich gewöhnt, daß er mich schon erkennt, wenn ich von einem Ausgange heimkehrend im Corridor oder Nebenzimmer bin; er beginnt sogleich sein rufendes Piepen, bis ich zu ihm an das Bauer getreten bin; dann wird er ganz still, bis ich ihn auffordere zu singen, worauf er erst sein Lied erschallen läßt. Wenn ich mich Nachmittags für eine kurze Frist zur Ruhe auf’s Sopha lege, so kommt er ebenfalls, setzt sich mir auf die Brust, zupft an meinem Bart herum, dann aber begiebt auch er sich zur Ruhe, sträubt die Federn, schließt die Augen und schläft, bis ich mit ihm aufstehe.

Mit dem andern, alten Canarienvogel beschäftige ich mich fast gar nicht; ich darf es nämlich nicht thun, denn aus Eifersucht wird mein zahmer Hans überaus bösartig. Die beiden Canarienvögel, deren Bauer, und zwar einige Stunden des Tags geöffnet, neben einander stehen, vertragen sich gewöhnlich ganz gut, sobald ich aber rufe: „Komm, Hans, hopp!“ spreizt dieser die Flügel und beißt nach dem andern, als wenn er sagen wollte: „Das geht dich nichts an, damit bin nur ich gemeint,“ und dann erst kommt er schnell zu mir geflogen. Wehe aber, wenn ich einmal den alten fange und ihn hätschele! Da geräth der Hans außer sich, fliegt höchst aufgeregt hin und her, folgt mir Schritt für Schritt und setzt sich auf meine Schulter. Streichle ich nun den alten, so sträubt Hans vor Wuth sein Gefieder, daß er aussieht wie ein Federball, und die Federn auf dem Kopfe stehen hoch empor, und wenn das nicht verfängt, stürzt er hinzu und hackt wüthend auf meine Hand und den Rivalen los. Als dies zum ersten Mal geschah und ich seine Bosheit noch nicht kannte, hielt ich es für eine Aeußerung seiner Angst, daß ich dem Cameraden etwas zu Leide thun werde; mein Irrthum trug aber die Schuld daran, daß dem bedauernswerthen anderen der Kopf blutig gehackt worden ist.

Fr– Gr–.