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Marokkanische Marktscenen

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Textdaten
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Autor: Fritz Wernick
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Titel: Marokkanische Marktscenen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 252–254
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Marokkanische Marktscenen.

Die Völker arabischen Stammes, die wir Mauren, Sarazenen, Kabylen nennen, hatten auf ihren Kriegszügen und Meerfahrten im Laufe der Jahrhunderte alle Küsten des Mittelmeeres erobert, besiedelt, durch ihre eigenartige, höhere Kultur die frühchristliche verdrängt. Längst sind die Herrschersitze der Sarazenen mit ihren phantastischen Prachtarchitekturen von den christlichen Europäern wieder zurück erobert: Palermo, Granada, Malta und kleinere Mittelpunkte maurischen Lebens zeigen dem Wanderer nur noch wenige kostbare Reste der entschwundenen märchenhaften Herrlichkeit und Pracht. Langsamer und sehr viel später haben die Bekenner des Islam am Südgestade des Mittelländischen Meeres den Rückzug anzutreten begonnen. Wer den Orient nicht im äußersten Osten aufsuchen wollte, wo die Araberstämme gemischt mit den verschiedensten anderen Völkergruppen leben, der fand in Algier, Tunis, Tripolis, Fez und Marokko die reine Rasse, die sich Kultur, Lebensgewohnheiten und Sitten streng erhalten hatte. Algier aber ist seit länger als einem halben Jahrhundert von den Franzosen erobert und zu kolonisiren versucht worden. Im letzten Jahrzehnte sind dieselben auch in Tunis eingedrungen, haben den Staat des Bey nach ihrer Weise zu civilisiren begonnen. Tunis war vordem schon stark herunter gekommen. Von der früheren Kraft und Tapferkeit des Korsarenstaates

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Auf dem Markt in Fez. Nach dem Oelgemälde von Ric. de Madrazo.
Photographie von B. Schlesinger’s Kunstverlag in Stuttgart (J. Laurent u. Comp. in Madrid).

[254] zu Schwäche entartet sind seine Bewohner, geschwunden Ueppigkeit und Pracht aus Palästen und Gärten. Aber die Reinheit des Blutes, die eigenthümliche Schönheit der Art hatten sie sich in der Freiheit erhalten. Nun sitzen, befehlen und organisiren Franzosen überall, scheu ziehen die Eingeborenen sich zurück, mit finsterem Ingrimm blicken die sonst so zuversichtlichen und stolzen Eingeborenen auf jeden Fremdling.

So finden wir eigentlich nur in dem Kaiserthum Marokko noch das Araberthum so unverfälscht, so frei sich gebend wie in seiner fernen Heimath im Osten. Schon darum erwecken Land und Leute besonderes Interesse, heute aber, wo der Herrscher von Marokko seine Soldaten nach Deutschland schickt, um sie in der Kriegskunst ausbilden zu lassen, und der Einfluß des Deutschen Reiches auch in jenem Theile Afrikas im Steigen begriffen ist, dürften Bilder aus jenem eigenartigen Lande um so willkommener erscheinen.

In den größeren Städten Marokkos treffen sich alle Abarten des arabischen Menschenschlages, der an imponirender, hoheitsvoller Erscheinung, an Adel der Gesichtsbildung den mongolisch-tatarischen Stamm der Türken weit übertrifft. Auf Eseln oder Pferden, seltener auf dem Kamel zieht der Kabyle, in weite Gewänder gehüllt, von den Bergen herein, aus dem Innern kommen braune Biskris oder ebenholzschwarze Neger; der Araber reiner Abstammung, der vornehmste unter allen, windet streifige oder golddurchwirkte Krepptücher turbanartig um den Fez oder schlingt Schnüre von braunem Kamelgarn unzählig oft um die blendend weißen Kopfhüllen. Sein Burnus ist von farbig gestreiftem Stoffe oder von feinem hellen Tuche mit farbiger Seide gestickt. Eine kurze, über und über mit Stickerei bedeckte Jacke, weite Pumphosen von zartfarbigem Tuche und die geflickte Gürteltasche, in der kostbare Waffen, Dolche und Messer, kunstvoll eingelegt und ciselirt, stecken, vervollständigen den Anzug. Unscheinbarer, in dunkle Gewandung, hüllen sich die Juden des Landes, während die Braunen und Schwarzen mit äußerst Wenigem an Kleidung vorlieb nehmen, einem Schurz, einem kunstvoll um Hüften und Lenden gewundenen Streifen Zeug, einem Hemde.

Der architektonische Hintergrund, auf dem diese Völkertypen sich bewegen, ist in ganz Nordafrika ein fast gleicher. Man irrt, wenn man in diesen Städten irgend welche gleichmäßige Schönheit der Bauwerke sucht. Schmale, winklige Gassen, kleine schmucklose Häuser, todte, fensterlose Mauern ermüden durch ihre Einförmigkeit das Auge. Gelegentlich aber blicken wir dann in einen von Arkaden umzogenen Gartenhof in das malerische Innere eines Hauses, dessen Wände ganz mit „Azulejos“, jenen in lebhaften Farben bemalten und glasirten Thonplatten, bedeckt sind; ein zierliches Gitter von Schmiede-Eisen, ein schlanker Thorbogen, phantastische Formenverschlingungen von Stuck fallen uns ins Auge, durch reizvolle Einzelheiten wird die Einförmigkeit angenehm unterbrochen.

Vorliebe. für das Zierliche, Kleine, malerisch Wirkende, Phantastische charakterisirt die maurische Architektur, deren Schöpfer niemals einen imposanten Gesammteindruck zu erstreben scheinen. Nur im Innern der Häuser entfaltet die Architektur eine gleiche, vielleicht sogar noch größere dekorative Pracht. Aber dieses Innere des vornehmen Privathauses bleibt unseren Blicken entzogen, höchstens einmal bei Audienzen lernen wir einige Prunksäle der Fürsten kennen, aber diese werden leider entstellt durch moderne europäische Einrichtungen, die als Geschenke oder Erwerbungen hierher gekommen sind.

So findet der Fremde denn das Interessanteste auf den Gassen und Plätzen. In den Bazaren, vor den Moscheen, auf den Märkten kann man stundenlang umherschlendern, immer sieht man neue, malerische Straßenbilder. Die Frauen fehlen gänzlich in ihnen, höchstens begegnet man mitunter jüdischen Weibern, grell geputzt, mit weiten Seidenhosen, kurzer Jacke, die neugierig die Edelsteine und Geschmeide der Bazare mustern. Desto bunter mischen sich die Gruppen der verschiedenen Männergestalten, die aus der weiten Landschaft hier zusammenströmen. An den Vorhöfen der Moscheen knieen sie, den Kopf zur Erde geneigt, inbrünstig betend; dort verrichten sie an den unzähligen Brunnenröhrchen, die den Sockel des Gotteshauses umgeben, eifrig ihre Waschungen. In den Bazaren sehen wir sie nicht nur vor den verlockend aufgestapelten Waaren: in den engen Stuben der öffentlichen Schreiber und Rechtskundigen erholen sie sich Raths, kauern auf Polstern, in irgend ein Buch, eine Schriftrolle vertieft; dem Schreiber diktiren sie Verträge, Urkunden, Briefe. Ein Blick in diese Räume zeigt uns eine Menge interessanter Charakterköpfe in malerischer Gruppirung. Lebbafter geht es in den zahllosen Kaffeehäusern zu. Mit untergeschlagenen Beinen sitzen die Araber umher, plaudern, spielen Schach, horchen dem Erzähler zu, der sie unterhält. Aehnlich ist’s in den mit allerlei Becken und Firlefanz geputzten Barbierstuben.

Die meisten der einheimischen und fremden Männer sind aber auf den freien Plätzen zu finden. Da hocken die Verkäufer von Sesamkringeln, Broten und Näschereien längs der Häuser und Mauern, da kommen Wasserträger, den Henkelkrug auf dem Kopfe, zum öffentlichen Brunnen, da stieben die Leute aus einander, wenn eine Karavane vorüberzieht, das Leitkamel mit der lautlärmenden Glocke vorauf, die anderen Höckerthiere bedächtig hinterhertrottend. Ueberall bilden sich Gruppen von prächtigen Arabergestalten in malerischer Gewandung, um zu feilschen, zu prüfen, zu handeln. Das geschieht mit so gravitätischer Wichtigkeit, als ob es ein Vermögen gelte. Hier handelt es sich um einen gestickten Sattel, dort mustert das scharfe Auge Dolche und kostbare Damascenerklingen, drüben wieder untersucht man die lange kunstvoll gearbeitete Flinte, die der würdige Araber, eine prachtvolle Patriarchengestalt, den braunen Landbewohnern anbietet. Auch alterthümliche kunstgewerbliche Erzeugnisse kommen dort zum Verkauf, und um diese sammeln sich die europäischen Landsleute besonders, um einen Teppich, eine stilvolle Stickerei, um Waffen und Gürtelsachen zu erstehen.

Die Vormittagsstunden vergehen schnell auf solchen Schlenderwegen durch Gassen, Bazare und Märkte. Hier ist noch ein Stück reale orientalische Welt rein erhalten geblieben, hier glauben wir uns in die Scenerie eines Märchens versetzt, umgeben von schönen Völkertypen, echt und treu, die wir auf Bildern als phantastisch übertrieben und theatralisch ansehen. Weiter und weiter zieht diese bunte malerische Araberwelt sich jedoch zurück von den Küsten des Mittelmeeres; in Algier und Tunis finden wir sie längst nicht mehr in reiner originaler Rassenschönheit, dort mischen schon fränkische, maltesische und andere Elemente sich den Semitenstämmen bei. Nur in Marokko noch und auch dort nur in kleineren, entlegeneren Städten ist das arabische Straßeleben unverfälscht, ungemischt geblieben bis heute. Fritz Wernick.