Zum Inhalt springen

MKL1888:Münster

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Münster“ in Meyers Konversations-Lexikon
Seite mit dem Stichwort „Münster“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 11 (1888), Seite 886888
Mehr zum Thema bei
Wikisource-Logo
Wikisource: Münster
Wiktionary-Logo
Wiktionary: Münster
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Indexseite
Empfohlene Zitierweise
Münster. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 11, Seite 886–888. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:M%C3%BCnster (Version vom 14.04.2021)

[886] Münster (v. lat. monasterium, „Kloster“), ursprünglich die Gesamtheit einer Klosteranlage (wie noch heute das franz. moutier, s. v. w. Abtei), insbesondere die dazu gehörige Kirche; später Bezeichnung für die prächtigen Kirchen der größern geistlichen Stifter und die bischöflichen Kathedralen. In Norddeutschland gebraucht man für M. meist den Ausdruck Dom (s. d.).

Münster, ehemaliges Hochstift, das bedeutendste des westfälischen Kreises, zwischen den Niederlanden, Ostfriesland, Oldenburg, dem Bistum Osnabrück, den Grafschaften Lippe und Mark und den Herzogtümern Berg und Kleve gelegen, umfaßte 9900 qkm (180 QM.) mit 350,000 Einw. und 12 landtagsfähigen Städten. Es zerfiel in das Oberstift im S. und das Unterstift im N., welche durch die Grafschaft Lingen getrennt waren. Das Wappen des Bistums war ein goldener Querbalken im roten Felde. Der jedesmalige Bischof war im westfälischen Kreis erster kreisausschreibender Fürst und Direktor. Das Bistum M. wurde um 791 von Karl d. Gr. gestiftet und der Erzdiözese Köln überwiesen; der erste Bischof war der heil. Liudger. Kaiser Friedrich II. verlieh dem Domkapitel das Wahlrecht, und Otto IV. erhob das Bistum zum Reichsfürstentum. Der Bischof Franz, Graf von Waldeck (1532–53), hatte mit den Wiedertäufern (s. d.) zu kämpfen, welche die Herrschaft in der Stadt an sich rissen. Er wurde ihrer mit Hilfe von Reichstruppen 1535 Herr. Die nun folgende katholische Reaktion rottete alle Keime der evangelischen Lehre in M. aus. Der kriegerische Bischof Christoph Bernhard von Galen (1650–78) unterwarf die Stadt M. und verlegte seinen Hofhalt von Koesfeld in dieselbe. Seit 1719 war der Erzbischof von Köln zugleich Bischof von M., doch ward dieses durch besondere Statthalter regiert. Im Reichsdeputationshauptschluß von 1803 wurde das Hochstift säkularisiert. Der größte Teil, 5500 qkm (110 QM.) mit 260,000 Einw., kam an Preußen und wurde zum Fürstentum M. erhoben. Im Frieden von Tilsit 1807 an Frankreich abgetreten, wurde es dem Großherzogtum Berg einverleibt, aber im Wiener Kongreß (1815) an Preußen zurückgegeben. 1821 wurde das Bistum wiederhergestellt. Vgl. „Die Münsterschen Chroniken des Mittelalters“, herausgegeben von Ficker (Münst. 1851); Janssen, Berichte der Münsterschen Chroniken (das. 1856); Hüsing, Der Kampf um die katholische Religion im Bistum M. 1535–85 (das. 1883); Tücking, Geschichte des Stifts M. unter Christ. Bernh. von Galen (das. 1865).

Münster, 1) Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks in der preuß. Provinz Westfalen und Stadtkreis, früher Hauptstadt des Bistums M., an der Aa, Knotenpunkt der Linien M.-Emden, M.-Enschede, Wanne-Bremen, M.-Lippstadt und Soest-M. der Preußischen Staatsbahn, 62 m ü. M., hat mehrere öffentliche Plätze, darunter der Domplatz mit dem Denkmal Fürstenbergs und der Ludgeriplatz mit dem Kriegerdenkmal. Von den 14 meist kath. Kirchen sind hervorzuheben: der Dom (aus dem 12.–14. Jahrh.), merkwürdig durch die Verschmelzung des gotischen und romanischen Stils; die gotische [887] Liebfrauenkirche (um 1340 erbaut); die Lambertikirche (aus dem 14. Jahrh.; an der Spitze des jetzt abgetragenen und neu zu erbauenden Turmes wurden 1536 die Anführer der Wiedertäufer nach ihrer Hinrichtung in drei Eisenkäfigen aufgehängt);

Wappen von Münster i. W.

die Ludgerikirche (1170 im romanischen Stil erbaut, 1330 im gotischen Stil umgebaut); die St. Maurizkirche (aus dem 12. Jahrh., 1859 restauriert) mit drei romanischen Türmen; die gotische Ignatiuskirche (1857–58 erbaut) und die Ägidikirche (aus dem 18. Jahrh.) mit schönen Wandgemälden. Andre hervorragende Gebäude sind: das gotische Rathaus (aus dem 14. Jahrh.), in dessen Saal 24. Okt. 1648 der Westfälische Friede abgeschlossen wurde; das Schloß (1767 erbaut, früher bischöfliche Residenz) mit Parkanlagen und einem botanischen Garten; der Stadtkeller (aus der 2. Hälfte des 16. Jahrh.) mit den Sammlungen des Kunstvereins (darunter seltene Gemälde aus der altdeutschen Schule); das Ständehaus (aus neuerer Zeit); der Erbdrosten- und der Romberger Hof. Die ehemaligen Befestigungen wurden 1770 in Promenaden umgewandelt. Die Einwohnerzahl der Stadt beläuft sich (1885) mit der Garnison (ein Infanterieregiment Nr. 13, ein Kürassierregiment Nr. 4, eine Abteilung Feldartillerie Nr. 22 und ein Trainbataillon Nr. 7) auf 44,060, darunter 36,751 Katholiken, 6784 Evangelische und 513 Juden. Die Industrie besteht vorzugsweise in Tuch-, Woll-, Baumwoll- und Seidenzeugweberei, Färberei, Druckerei, Papier- und Emailgeschirrfabrikation etc.; der Handel, unterstützt durch eine Handelskammer, eine Reichsbankstelle und verschiedene Bankinstitute, beschränkt sich fast nur auf Leinen- und Wollwaren, Garn, Vieh, Getreide etc. M. hat eine Akademie mit einer katholisch-theologischen und einer philosophischen Fakultät (Zahl der Studierenden im Wintersemester 1887/88: 467), mit einem afrikanischen Seminar, Bibliothek, naturhistorischem Museum, botanischem und zoologischem Garten, ein Gymnasium, ein Realgymnasium, ein Priesterseminar, ein kath. Lehrerinnenseminar, eine Vereinsschule zur Ausbildung israelitischer Lehrer, ein Waisen-, ein Irren- und ein Zuchthaus, Klöster der Barmherzigen Schwestern, der Franziskanerinnen, der Schwestern der Vorsehung, der Kongregation Unsrer Lieben Frau und der Schwestern vom guten Hirten etc.; ferner: Vereine für Kunst und Wissenschaft, einen Musikverein, einen Verein für Geschichte und Altertumskunde und einen landwirtschaftlichen Zentralverein. Die städtischen Behörden zählen 8 Magistratsmitglieder und 36 Stadtverordnete, sonst ist M. Sitz des Generalkommandos des 7. Armeekorps, der Kommandos der 13. Infanteriedivision, der 25. Infanterie- und der 13. Kavalleriebrigade, des Oberpräsidiums der Provinz Westfalen, eines königlichen Provinzialschul- und eines Medizinalkollegiums, einer Provinzialsteuerdirektion, der Generalkommission zur Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse, einer Oberpostdirektion, der Provinzialverwaltung, einer königlichen Regierung, eines Landratsamtes für den Landkreis M., einer königlichen Rentenbank, eines Landgerichts etc. Von kirchlichen Behörden befinden sich dort: ein Bischof, ein Domkapitel, ein Generalvikariat und ein königliches Konsistorium. Zum Landgerichtsbezirk M. gehören die 22 Amtsgerichte zu Ahaus, Ahlen, Beckum, Bocholt, Borken, Bottrop, Buer, Dorsten, Dülmen, Haltern, Ibbenbüren, Koesfeld, Lüdinghausen, M., Ölde, Recklinghausen, Rheine, Steinfurt, Tecklenburg, Vreden, Warendorf und Werne.

M. wird zuerst um 800 erwähnt, wo Karl d. Gr. dem für die Sachsen ernannten Bischof Liudger diesen Ort (Mimigardevord) zum Wohnort anwies. Im 11. Jahrh. erstanden hier eine Pfarrkirche und ein Kloster (monasterium), das nun zu dem Namen M. Veranlassung gab. Bald nach 1186 erhielt M. Stadtrecht und wurde vom Bischof Hermann II. befestigt. Es blieb unter bischöflicher Herrschaft, obgleich der Bischof schon 1277 der Stadt wegen der Besetzung des Gerichts und Verwendung des städtischen Einkommens Zugeständnisse machte. Zu Ende des 13. Jahrh. wurde M. Mitglied der Hansa. 1532 neigte sich die ganze Stadt, mit Ausnahme des Domkapitels, zur lutherischen Konfession; 1535 war die Stadt der Schauplatz der politisch-religiösen Bewegungen der Wiedertäufer (s. d.). Nachdem M. nach tapferer Gegenwehr 24. Juni 1535 von dem Bischof erobert worden, ward der evangelische Gottesdienst unterdrückt. Im Dreißigjährigen Krieg litt M. besonders durch die protestantischen Heere. Wie oben erwähnt, ward hier 1648 der Westfälische Friede geschlossen. Die Bischöfe besaßen damals in M. nur sehr beschränkte Herrschaftsrechte, bis der Bischof Bernhard von Galen 1661 die Stadt, welche ihm im Einverständnis mit Holland den Gehorsam verweigerte, mit Gewalt nahm, eine Citadelle erbaute und den Bürgern ihre meisten Privilegien entriß. Doch residierten die Bischöfe selten in M. Im Siebenjährigen Krieg wurde M. sowohl von den Franzosen als den Verbündeten belagert und erobert. Vgl. Erhard, Geschichte Münsters (Münst. 1837); Cornelius, Geschichte des Münsterschen Aufruhrs (Leipz. 1855–60, 2 Bde.); Keller, Geschichte der Wiedertäufer und ihres Reichs zu M. (Münst. 1880); Detten, M., seine Entstehung etc. (das. 1887). – Der Regierungsbezirk M. (s. Karte „Westfalen“) umfaßt 7252 qkm (131,64 QM.), zählt (1885) 494,275 Einw. (darunter 438,291 Katholiken, 52,404 Evangelische und 3458 Juden) und besteht aus den elf Kreisen:

Kreise QKilo­meter QMeilen Einwohner Einw. auf 1 QKilom.
Ahaus 683 12,40 36724 54
Beckum 687 12,42 44140 65
Borken 649 11,79 45638 70
Koesfeld 753 13,67 42905 57
Lüdinghausen 697 12,66 40531 58
Münster (Stadt) 11 0,20 44060
Münster (Land) 849 15,44 38822 46
Recklinghausen 780 14,18 74269 95
Steinfurt 770 13,98 51071 66
Tecklenburg 812 14,75 47450 58
Warendorf 559 10,15 28665 51

2) M. im Gregorienthal, Kantonshauptstadt im deutschen Bezirk Oberelsaß, Kreis Kolmar, im Münsterthal, an der Fecht und der Eisenbahn Kolmar-M., 380 m ü. M., hat eine schöne neue evangelische und eine kath. Kirche, eine Realschule, bedeutende Baumwollspinnerei und -Weberei, Bleicherei und Appretur, Käsefabrikation und (1885) 5390 Einw. Der Ursprung der Stadt geht auf ein 634 gegründetes Benediktinerkloster zurück. Dieses trat 1235 die Vogtei an das Reich ab, infolgedessen M. die Rechte einer Reichsstadt erlangte und 1354 in den Zehn-Städtebund des Elsaß trat. Die großartige Industrie wurde 1780 von A. Hartmann begründet. [888] Das Münsterthal, von der reißenden Fecht durchflossen, sehr anmutig und interessant, hat auf den südlichen Bergabhängen noch Weinbau; auf den Bergwiesen wird Alpenwirtschaft mit zahlreichen Sennhütten betrieben, die den berühmten Münsterkäse (jährlich etwa 500,000 kg) erzeugt. Aus dem Thal führt eine großartige, 1842–60 erbaute Straße über die Vogesen nach Gerardmer in Frankreich. Vgl. Rathgeber, M. im Gregorienthal (Straßb. 1874); Calmet, Hist. de l’abbaye de M. (Kolmar 1882). – 3) (Moutier) Bezirkshauptort im schweizer. Kanton Bern, im romantischen Münsterthal an der Birs, mit Schloß, 2 Kirchen und (1880) 2133 Einw. – 4) (Beromünster) Chorherrenstift u. Flecken (1132 Einw.) im schweizer. Kanton Luzern; hier bestand um 1470 eine Buchdruckerei, angeblich die älteste der Schweiz. – 5) Dorf in Graubünden, s. Mustair.

Münster, altes deutsches Adelsgeschlecht in Westfalen, welches seinen Ursprung bis ins 9. Jahrh. zurückführt und sich gegenwärtig in die drei Äste M.-Langelage, M.-Meinhövel und M.-Ledenburg spaltet, die 1792 in den Reichsgrafenstand erhoben wurden. Namhaftester Sprößling des Geschlechts: 1) Ernst Friedrich Herbert, Reichsgraf zu M.-Ledenburg, hannöverscher Staats- und Kabinettsminister, geb. 1. März 1766 zu Osnabrück, studierte in Göttingen, trat 1788 als Kammerauditor in den hannöverschen Staatsdienst und ward 1791 Hof- und Kanzleirat, 1798 Finanzkammerrat. Von 1801 bis 1804 war er hannöverscher Gesandter am russischen Hof, ward dann Kabinettsminister des Königs in London und übte auf die britische Politik im Sinn energischen Kampfes gegen Napoleon einen maßgebenden Einfluß; er stand mit Stein, Stadion, dem Herzog von Braunschweig u. a. in lebhaftem Verkehr. Sein Ziel dabei war neben der Befreiung Deutschlands die Gründung eines Nordwestdeutschland und die Niederlande umfassenden Welfenreichs mit einer liberalen Verfassung. 1813 und 1814 war er im Hauptquartier der Verbündeten und wohnte dann dem Wiener Kongreß bei. Hier bemühte er sich vergeblich für Herstellung des Kaisertums und die Einführung freiheitlicher Verfassungen in den deutschen Landen; zugleich trat hier sein Haß gegen Preußen hervor, und die Schaffung des hannöverschen Königreichs inmitten dieses Staats ist wesentlich sein Werk, wie auch die ständische Verfassung desselben. M. richtete nun, nachdem er 1814 Erblandmarschall von Hannover geworden und die Domäne Derenburg als Dotation erhalten hatte, die Verwaltung des neuen Staats ein, blieb aber Kabinettsminister in London. Gleichzeitig erhielt er die Spezialvollmacht zur Führung der Vormundschaft über den Herzog Karl von Braunschweig. Als dieser, nachdem er die Regierung selbst angetreten, 1827 gegen Münsters vormundschaftliche Verwaltung öffentlich Klage erhob, suchte dieser sich und den König von England in einer besondern Schrift („Widerlegung der ehrenrührigen Beschuldigungen etc.“, Hannov. 1827) zu rechtfertigen. Bei den Bewegungen in Hannover 1831 erhielt M. 12. Febr. als dirigierender Minister für die hannöv. Angelegenheiten am Londoner Hof seine Entlassung, ward aber 22. Febr. 1831 zum Großkreuz des Bathordens ernannt. Er starb 20. Mai 1839.

2) Georg Herbert, Reichsgraf zu M., deutscher Staatsmann, einziger Sohn des vorigen, geb. 23. Dez. 1820 zu London, war von 1857 bis 1865 hannöverscher Gesandter in Petersburg und bemühte sich 1866 vergeblich, den König Georg V. zu einer gemäßigten, preußenfreundlichen Politik zu bewegen; nach der Annexion schloß er sich Preußen an, wurde 1867 erbliches Mitglied des Herrenhauses und Landtagsmarschall der Provinz Hannover, war vom selben Jahr ab Mitglied des norddeutschen, dann des deutschen Reichstags und gehörte zur freikonservativen Partei. Er wurde 1873 Botschafter des Deutschen Reichs in London und 1885 in Paris. Er schrieb: „Politische Skizzen über die Lage Europas vom Wiener Kongreß bis zur Gegenwart, 1815–67“ (Leipz. 1867), worin er wichtige Depeschen seines Vaters veröffentlichte; „Mein Anteil an den Ereignissen des Jahrs 1866“ (Hannov. 1867, 2. Aufl. 1868); „Der Norddeutsche Bund und dessen Übergang zu einem deutschen Reich“ (Leipz. 1868); „Deutschlands Zukunft, das Deutsche Reich“ (Berl. 1870).

Münster, Sebastian, Gelehrter des Reformationszeitalters, geb. 1489 zu Ingelheim, studierte in Heidelberg und Tübingen, ward Franziskaner, trat aber 1529 zur reformierten Kirche über und lehrte erst das Hebräische und Theologie zu Heidelberg, dann seit 1536 in Basel auch Mathematik. Hier starb er 23. Mai 1552. Er gab zuerst unter den Deutschen eine hebräische Bibel (Basel 1534–35) heraus und schrieb das Werk „Cosmographia“ (das. 1544), eine der frühsten Geographien, die neben der Länder- und Völkerbeschreibung auch historische und genealogische Notizen enthält und in kaum 100 Jahren (von den Übersetzungen ins Lateinische, Französische und Italienische abgesehen) 24 Auflagen erlebte.