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MKL1888:Liebieg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Liebieg“ in Meyers Konversations-Lexikon
Seite mit dem Stichwort „Liebieg“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 10 (1888), Seite 773
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Liebieg. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 10, Seite 773. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Liebieg (Version vom 25.11.2022)

[773] Liebieg, Johann, Freiherr von, Industrieller, geb. 7. Juni 1802 zu Braunau in Böhmen, erlernte bei seinem Vater die Tuchmacherei, arbeitete dann in Reichenberg, etablierte hier einen kleinen Kramladen, dann ein Schnittwarengeschäft, erwarb 1828 eine kleine Spinnerei und führte bald darauf die Fabrikation von Merinos, Lastings und Tibets ein, welche schnell einen großartigen Aufschwung nahm. 1843 verpflanzte er die Herstellung von Orléans und Mohairs nach Böhmen, seine Fabriken vergrößerten sich von Jahr zu Jahr, und 1850 gründete er eine Worstedspinnerei mit 5400 Spindeln. 1873 waren in diesem Reichenberger Etablissement 600 mechanische und 180 Handwebstühle und 5300 Weftgarn- und 2000 Streichgarnspindeln in Thätigkeit. 1845 hatte er inzwischen in Swarow eine Baumwollspinnerei eröffnet, mit welcher er zehn Jahre später eine Spinnerei und Zwirnerei im benachbarten Haratitz verband. Hier waren 1873: 47,000 Baumwollspindeln, 6400 Zwirnspindeln und 400 mechanische Webstühle in Thätigkeit. Eine zweite großartige Baumwollspinnerei errichtete er von 1856 bis 1863 in Eisenbrod, und etwa um dieselbe Zeit erbaute er in Mildenau im Bezirk Friedland eine Kammgarnspinnerei, verbunden mit 120 Handwebstühlen, während er in den umliegenden Ortschaften Hunderte solcher Stühle beschäftigte. Schon 1841 hatte er für sein Zentraldepot in Wien eine Färberei und Appreturanstalt in Mödling errichtet, welche er aber 1845 nach Nußdorf verlegte. 1852 erwarb er im südlichen Biharer Komitat eine verlassene Glashütte und bedeutende Waldungen; er siedelte hier böhmische Arbeiter an, erbaute mit großem Aufwand Straßen, richtete die Glashütte wieder ein und erzeugte bald 60,000 Ztr. Glas im Jahr. Doch verkaufte er die Besitzung 1866. In der Folge begründete und erwarb L. ferner eine großartige Kunstmühle in Haratitz, Dachschieferbrüche in Racic bei Eisenbrod, Kupferwerke zu Rochlitz in Böhmen und Guttenstein in Niederösterreich, eine Spiegelfabrik zu Elisenthal in Böhmen, Kalksteinbrüche und Kalköfen bei Smrc bei Eisenbrod, eine Dampfbrettsäge und eine Bierbrauerei auf den Domänen Smiriz und Horinowes im Königgrätzer Kreis, zu welch letztern er später noch die Waldherrschaft Daschitz hinzukaufte. Für seine (6300) Arbeiter und Beamte richtete er viele humanitäre Anstalten ein, Unterstützungsinstitute, Bäckereien, Speiseanstalten, Unterrichtsanstalten etc., welche einen jährlichen Aufwand von 20,000 Gulden erheischten. Vielfach beteiligte sich L. auch an öffentlichen Angelegenheiten. Er war Vorstand des Reichenberger Gewerbevereins, Präsident der Handelskammer daselbst, Delegierter der Regierung beim volkswirtschaftlichen Ausschuß in Frankfurt a. M. 1849, Mitglied der Kommission zur Regulierung der Valuta 1851, Reichsratsmitglied etc. 1866 wurde er in den Ritterstand erhoben und starb 16. Juli 1870. Vgl. „Johann L. Ein Arbeiterleben“ (Leipz. 1868).