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MKL1888:Indĭgo

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Indĭgo“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 8 (1887), Seite 918920
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Indĭgo. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 8, Seite 918–920. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Ind%C4%ADgo (Version vom 13.03.2024)

[918] Indĭgo (Indicum), blauer Farbstoff, kann aus vielen Pflanzen erhalten werden, findet sich aber niemals fertig gebildet in diesen Pflanzen. Die wichtigsten Indigopflanzen sind: Indigofera Anil, tinctoria, argentea, hirsuta und andre Arten derselben Gattung, Isatis tinctoria, Polygonum tinctorium und Nerium tinctorium; außerdem kommen in Betracht: Asclepias tingens, Eupatorium tinctorium, Galega tinctoria, Mercurialis annua und perennis und mehrere Orchideen, welche sich auf frischer Schnittfläche blau färben. Zur Darstellung des Indigos werden namentlich die Indigofera-Arten kultiviert zur Zeit der Blüte abgeschnitten und in großen Reservoirs mit Wasser und etwas Kalkmilch oder Ammoniak der Gärung überlassen. Die abgelassene Flüssigkeit bringt man in einem zweiten Reservoir durch Schlagen mit Stöcken oder Schaufeln in möglichst innige Berührung mit der Luft. Der hierbei abgeschiedene I. wird nach dem Absetzen ausgewaschen und getrocknet. Getrocknete Indigofera-Blätter liefern höchstens 2 Proz. I.

Man unterscheidet im Handel die Indigosorten nach ihrem Vaterland. Als die besten Sorten gelten gegenwärtig der bengalische und der Java-I. Letzterer ist der leichteste. Nächst Java und Bengal kommen auch Kurpah, Madras, Bimlipatam, Benares, Tirhoot, Audh und andre ostindische Sorten vor. Dann folgen Guatemala-, Caracas- und Manila-I., welche beiden letztern Sorten in ihren besten Qualitäten etwa den halben Preis des feinsten Bengal haben. Minder häufig vorkommende Sorten sind der kolumbische (Neugranada), der brasilische, Carolina, der ägyptische etc. Der I., wie er im Handel vorkommt, bildet würfel- oder tafelförmige, meist zerbrochene Stücke von erdigem Bruch, tief dunkelblauer, purpurvioletter Farbe und nimmt beim Reiben mit einem hartem Körper Kupferglanz an. Je stärker dieser Metallglanz ist, je mehr „gefeuert“ der I. erscheint, um so besser ist er. Die besten Sorten [919] schwimmen auf dem Wasser, solange sie sich noch nicht vollgesogen haben. Der I. klebt an der Zunge wie Thon, ist geruch- und geschmacklos, nicht giftig, völlig indifferent, unlöslich in allen gewöhnlichen Lösungsmitteln und zersetzt sich beim Erhitzen, ohne zu schmelzen, unter widerwärtigem Geruch und Entwickelung prächtig purpurroter Dämpfe. Beim Erhitzen an der Luft brennt er mit Flamme, und beim Einäschern hinterläßt er 4–21, in der Regel 7–9,5 Proz. weißgraue Asche. I. ist ein Gemisch verschiedener Stoffe und enthält als wesentlichen Bestandteil Indigblau, Indigotin C16H10N2O2 (bis 90, gewöhnlich 40–50 Proz.). Dieser Körper tritt bisweilen auch pathologisch im Harn, Schweiß, Eiter und in der Kuhmilch auf und kann aus Toluol künstlich dargestellt werden. Beim vorsichtigen Erhitzen kleiner Mengen von Indigopulver sublimiert das Indigblau in purpurfarbigen, kupferglänzenden Kristallen; es ist geruch- und geschmacklos, unlöslich in den gewöhnlichen Lösungsmitteln, aber löslich in Anilin, Terpentinöl, heißem siedenden Paraffin, Petroleum, Rizinusöl etc., gibt bei 300° purpurroten Dampf, bei Destillation mit Kalihydrat Anilin, mit Salpetersäure Isatin, mit konzentrierter Salpetersäure zuerst Nitrosalicylsäure, dann Pikrinsäure. Konzentrierte Schwefelsäure löst Indigblau in der Kälte zu Indigosulfosäure und Phönicinsulfosäure; durch Eisenvitriol, arsenige Säure, Schwefelwasserstoff, Schwefelarsen, Zink, Eisen, Zinn, Traubenzucker, Harn und andre leicht faulende Stoffe wird es bei Gegenwart von Alkalien zu Indigweiß C16H12N2O2 reduziert, und so entsteht eine farblose Lösung, aus welcher Indigweiß durch Salzsäure als farb-, geruch- und geschmackloses kristallinisches, in Alkohol und Äther, nicht in Wasser lösliches Pulver gefällt wird, welches durch den Sauerstoff der Luft schnell wieder in Indigblau verwandelt wird, so daß man dieses auch durch Reduktion des Indigos, Filtrieren der Lösung und Oxydation rein erhalten kann. Im Handel findet sich Indigblau als Indigextrakt oder präparierter I. Neben Indigblau enthält I. als unwichtigere Beimengungen noch Indigrot, Indigbraun, Indigleim, Spuren eines gelben Farbstoffes, kohlensauren Kalk und kohlensaure Magnesia, Thonerde und Eisenoxyd. Das Indigblau, welches, wie angegeben, in den Pflanzen nicht fertig gebildet vorkommt, entsteht wahrscheinlich aus Indikan C26H31NO17, welches den I. liefernden Pflanzen durch kalten Alkohol entzogen wird. Es bildet einen gelbbraunen Sirup, der ekelhaft bitter schmeckt, in Wasser und Alkohol löslich ist, sauer reagiert und bei Behandlung mit verdünnten Säuren in süß schmeckendes Indiglucin C6H12O6 (welches den Zuckerarten sehr nahesteht) und Indigblau zerfällt.

Man benutzt I. fast ausschließlich in der Färberei, und er gibt ein sehr echtes Blau, wenn man ihn zu Indigweiß reduziert, die Garne oder Gewebe in dessen Lösung eintaucht und dann zur Oxydation an die Luft hängt, so daß sich der Farbstoff im Moment seiner Bildung mit der Faser vereinigen kann (Küpenblau). Zur Ausführung dieser Küpenfärberei reduziert man den I. mit Eisenvitriol und Kalk (Vitriolküpe), mit Operment und Kalilauge (Opermentküpe), auch wohl mit Zinkstaub oder warm mit leicht vergärenden Substanzen, wie Kleie, Krapp, Waid, Harn (warme Waid-, Pastellküpe). Die Opermentküpe benutzt man hauptsächlich in der Zeugdruckerei und erhält sie durch Auflösen von Operment (Schwefelarsen) und I. in Kalilauge. Die Lösung, welche den I. als Indigweiß enthält, wird, mit Gummi verdickt, auf das Gewebe gedruckt. Ebenfalls in der Zeugdruckerei benutzt man die Zinnküpe, welche durch Einwirkung einer Lösung von Zinnoxydul in Kalilauge oder durch Kochen von I. mit Ätznatron und Zinn erhalten wird. Man druckt auch den I. mit reduzierenden Mitteln auf das Gewebe, vervollständigt die Reduktion durch Ätzkalk-, Eisenvitriol- und alkalische Bäder und oxydiert dann das Indigweiß (Fayenceblau, Englischblau).

Auch die Löslichkeit des Indigos in konzentrierter Schwefelsäure wird technisch benutzt. Man erhält aus 1 Teil zerriebenem I. u. 9 Teilen konzentrierter Schwefelsäure (von mindestens 66° B.) oder 4 Teilen rauchender Schwefelsäure eine tiefblaue Lösung (Indigkomposition, Indigotinktur, Solutio Indici), aus welcher sich beim Verdünnen mit Wasser Indigomonosulfosäure (Sulfopurpursäure, Purpurschwefelsäure, Phönicinschwefelsäure, Indigpurpur) C16H9N2O2.SO3H abscheidet. Dies Präparat bildet ein blaues Pulver, welches sich in Wasser und Alkohol, nicht in verdünnten Säuren löst, purpurfarbene, in Wasser mit blauer Farbe schwer lösliche Salze bildet und Wolle ohne vorausgegangene Beize schön violett färbt. Bei Einwirkung konzentrierter Schwefelsäure geht die Indigomonosulfosäure in Indigodisulfosäure (Indigoschwefelsäure, Sulfindigosäure, Cöruleinschwefelsäure) C16H8N2O2.(SO3H)2 über. Diese entsteht daher auch direkt bei stärkerer Einwirkung der Schwefelsäure auf I. und bleibt beim Verdünnen der Indigkomposition mit Wasser gelöst. Aus dieser Lösung schlägt sie sich auf Wolle nieder und kann von derselben durch kohlensaures Ammoniak wieder abgezogen werden (abgezogenes Blau). Eine solche Lösung von indigodisulfosaurem Alkali dient zum Färben von Wolle und Seide (Sächsischblau), gibt aber kein so echtes Blau wie die Küpe. Die Salze der Indigodisulfosäure sind amorph, kupferfarben, in Lösung blau; die Alkalisalze sind in Wasser schwer, in salzhaltigem Wasser nur sehr wenig löslich. Wird die Lösung des Indigos in Schwefelsäure mit Wasser verdünnt, durch Absetzen geklärt, mit Soda neutralisiert und mit Kochsalz gemischt, so scheidet sich indigodisulfosaures Natron C16H8N2O2(SO3Na)2, gemengt mit indigomonosulfosaurem Natron, ab, welches als Indigkarmin, blauer Karmin, lösliches Indigblau, gefällter I., Cörulein (Indigotin), Chemischblau, Wunderblau im Handel ist. Zieht man das Präparat mit Alkohol aus, so erhält man beim Verdampfen der Lösung die Salze als blaue, kupferglänzende Masse. Feiner Indigkarmin geht unter dem Namen Penseelack. Man benutzt ihn zur Woll- und Seidenfärberei, zum Färben von Elfenbein, Federn, Holz, Leder, Konditorwaren, zur Aquarellmalerei, zu blauer Tinte, mit Stärke vermischt als Neu- oder Waschblau. Die mit Indigkarmin erhaltenen Farben stehen den Küpenfarben an Haltbarkeit weit nach. I. ist auch als Arzneimittel gegen Epilepsie empfohlen worden.

Künstlich kann man Indigblau aus Steinkohlenteer darstellen, indem man nach Baeyer Toluol in Benzolchlorid verwandelt, aus diesem durch Behandlung mit Essigsäure Zimtsäure darstellt und letztere mit Salpetersäure in Orthonitrozimtsäure verwandelt. Aus letzterer stellt man mit Hilfe von Brom Orthonitrodibromhydrozimtsäure dar, welche mit alkoholischer Kalilösung Orthonitrophenylpropiolsäure liefert. Diese gibt dann bei weiterer Behandlung mit Alkali und reduzierenden Substanzen Indigblau. Das Verfahren ist bereits im großen ausgeführt worden und [920] namentlich für die Zeugdruckerei verwertet, vermochte aber bisher nicht, den I. wesentlich zurückzudrängen.

Der I. war schon den Alten bekannt. Plinius berichtet von einem blauen Farbstoff, der nach dem Purpur im höchsten Ansehen stehe und aus Indien komme; er kennt auch den roten Dampf, den der I. beim Erhitzen ausstößt, und erzählt, daß der I. in der Malerei und in der Medizin bei Geschwüren etc. angewandt werde. Hiermit stimmen die Angaben des Dioskorides überein. Der I. hieß bei den Alten Indicum, arabische Schriftsteller gebrauchen auch das hindostanische Wort nil (blau). Marco Polo beschreibt die Bereitung des Indigos nach eigner Anschauung. In neuerer Zeit benutzten den I. zuerst die Italiener, und zu Anfang des 17. Jahrh. war die Blaufärberei mit I. bereits eine bekannte Sache. Um diese Zeit trug besonders die Holländisch-Ostindische Kompanie durch starke Einfuhr zur ausgebreitetern Anwendung des Indigos bei. Hierdurch fühlten sich die heimischen Waidfabrikanten bedroht und wußten es durchzusetzen, daß die Einfuhr des Indigos verboten wurde. Dies geschah z. B. in England unter der Regierung Elisabeths, und man vernichtete sogar den im Land befindlichen I. In Deutschland erfolgte das erste Verbot 1577 von Frankfurt aus und wurde mehrere Male, zuletzt noch 1654 von Ferdinand III., in Erinnerung gebracht. Zum Teil mag zu dieser Verfolgung des Indigos wohl die Unkenntnis der Färber beigetragen haben, welche, da sie den neuen Farbstoff nicht kannten, die Haltbarkeit der damit gefärbten Tuche oft durch Anwendung von Vitriolöl u. dgl. beeinträchtigten. Die Nürnberger ließen jeden Färber jährlich schwören, daß er keinen I. gebrauche, und bedrohten ihn im Übertretungsfall mit Todesstrafe. Trotzdem breitete sich die Anwendung des Indigos weiter aus, und 1699 konnte Colbert nur noch befehlen, den I. nie ohne Waid anzuwenden. Die völlige Freigebung des Indigos datiert aber erst von 1737. Nach Amerika wurde die Indigofabrikation in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gebracht. Die Kunst, Wolle mit in Schwefelsäure aufgelöstem I. zu färben, wurde 1740 von Barth zu Großenhain in Sachsen entdeckt. Vgl. Rudolf, Die gesamte I.-Küpenblaufärberei (Leipz. 1885); Seltner, Die Indigoküpen (das. 1886).