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Lust und Leid im Liede

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: B. E.
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Titel: Lust und Leid im Liede
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 820
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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Bearbeitungsstand
fertig
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[820] Lust und Leid im Liede. Neuere deutsche Lyrik, ausgewählt von Hedwig Dohm und F. Brunold (Leipzig und Berlin, R. F. Albrecht). Einem vom Publicum empfundenen literarischen Bedürfnisse kommt das Erscheinen eines neuen Sammelwerkes zeitgenössischer Lyrik nicht entgegen; denn Niemand wird behaupten, daß der deutsche Büchermarkt der Gegenwart arm sei an guten lyrischen Anthologien. Aber die poetischen Producenten, gleichviel ob „Könige“ oder „Kärrner“, ob schöpferische oder blos sammelnde Talente, haben dem Publicum gegenüber nicht nur mit inneren Bedürfnissen, sie haben auch mit äußeren Gewohnheiten zu rechnen, die befriedigt sein wollen. Zu solchen Gewohnheiten der deutschen Leserwelt gehört auch das mit jedem Weihnachtsfeste wiederkehrende Verlangen nach neuen Blumenlesen aus dem Garten der deutschen Dichtung, und da ist es bei dem reichen Stoffe des bereits früher in Chrestomathien und Albums Gebotenen und dem spärlichen Nachwuchse an bedeutenderen lyrischen Erzeugnissen vorwiegend eine Aufgabe des Geschmacks, die hier zu lösen ist: nicht das stofflich neu Gebotene ist es, was hier entscheidet, der Herausgeber ist vielmehr darauf angewiesen, durch feinsinnige Auswahl, durch eine tactvolle Gruppirung und Anordnung dem Guten ein Besseres an die Seite zu stellen und so in den engen Grenzen eines Sammelwerkes annähernd ein Bild der lyrischen Production der Gegenwart und der einzelnen Dichtercharaktere zu entwerfen.

Dieser Aufgabe nun wird die oben genannte Anthologie mit Glück und Geschick gerecht; in Beherzigung des Goethe ’schen Worte: „Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen“ beschränkt sie sich nicht, wie vor ihr so viele ähnliche Albums, auf das tagesübliche sangbare sentimentale Lied, sie gewährt auch der Ballade und Romanze, dem pathetischen Gedichte und der Spruchpoesie Eingang in ihre Pforten, und wenn sie in rühmlicher Abweichung von den meisten ihrer Vorgänger nicht nur neue Blätter zum Lorbeerkranze eines Geibel, eines Bodenstedt und anderer mit Recht gefeierter Koryphäen des deutschen Parnasses der Gegenwart sammelt, sondern mit besonderer Vorliebe für die besseren Kräfte unter den jüngeren lyrischen Talenten die Aufmerksamkeit der Leser in Anspruch nimmt, so ist dies nicht nur ein Act der Gerechtigkeit, sondern auch eines richtigen literarischen Zweckmäßigkeitsgefühls; denn ohne Anregung der jungen Talente würde das Bedürfniß nach frischem Blut in dem einen ewigen Stoffwechsel unterworfenen Organismus der Dichtung des Tages kaum befriedigt werden.

Das Buch ist sauber und geschmackvoll ausgestattet, und die acht demselben eingefügten Lichtdruckportraits nebst einer Anzahl kleinerer Bildnisse älterer und neuerer Lyriker verdienen als künstlerische Leistungen alles Lob; unklar sind uns freilich hier und da die Motive geblieben, welche bei der Auswahl der Portraits, soweit es sich um die Lichtdruckbilder handelt, leitend waren; allein der glückliche Wurf des Ganzen mag mit solchen Unklarheiten im Einzelnen versöhnen. Ein „Glück auf!“ diesem „Lust und Leid im Liede“ auf den Weg ins deutsche Lesepublicum!

B. E.