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Literatur und Kunst für das Bürgerhaus

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Textdaten
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Autor: A. F.
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Titel: Literatur und Kunst für das Bürgerhaus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 572–574
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Anläßlich der Herausgabe der „Hausbibliothek deutscher Classiker“. Mit Illustrationen zur „Luise“ von Voß.
Zum Auferstehungsfeste unserer großen Meister
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[572]
Literatur und Kunst für das Bürgerhaus.
Zum Auferstehungsfeste unserer großen Meister.


Da sitzen nun die Männer der Finsterniß und des Rückschrittes, zerkäuen sich die Nägel und sinnen und halten geheimen und offenen Rath mit einander, wie sie die Welt um ein paar hundert Jahre zurückschrauben und mit den Lumpen vermoderter Anschauungen mindestens die Canäle verstopfen können, durch welche der Geist, den sie nicht zu tödten vermögen, der lichte und fröhliche Geist der Befreiung und Humanität, der Erlösung von herabdrückenden und trennenden Vorurtheilen bald in gewaltig brausender Strömung, bald mit dem linden Wehen des Frühlingshauches in die große Masse des Volkes dringt. Die Verblendeten! Auf ihrer Fahne steht, was das Jahrhundert nicht mehr will: Bevormundung des menschlichen Denkens und Fühlens nach von oben her vorgeschriebener Satzung, feindselige Sonderung und Scheidung der Menschen hier um des Standes und Interesses, dort um der Confession und des Glaubens willen! Sehen sie denn nicht, daß sie einen vergeblichen Kampf kämpfen, einen wahnwitzigen Verzweiflungskampf nicht gegen spukende Ideengespenster, sondern gegen das unaufhaltsame Vordringen einer riesenhaften Macht, die mit ungeheuerer Siegesgewißheit aller kleinlichen Maßregeln menschlicher Klugheit spottet und an dieser und jener Stelle nur durch künstliche Dämme gehemmt wird, um unerwartet an einer anderen wieder hervorzubrechen, ein Feuer, das nicht zu erlöschen, ein Leben, das nicht zu ersticken und mit Keulen nicht todtzuschlagen ist? Nicht lange, so werden wir in dieser Hinsicht wiederum ein merkwürdiges Schauspiel erleben, eine Schleuße werden wir plötzlich geöffnet, ein majestätisches Stück deutschen Geistesstroms seiner hemmenden Schranken entledigt, ja eine ganze Schaar von Geistern losgelassen sehen, um sich aus dürren und beengenden Höhen in die weiten und frischen Auen des Volkslebens zu stürzen und nun hier ihre stille Arbeit, ein langes und fruchtreiches Wirken zu beginnen in Häusern, die ihnen bis jetzt verschlossen, in Köpfen und Herzen, die ihnen fremd geblieben sind.

Oder braucht es vielleicht erst bewiesen zu werden, daß die im November d. J. endlich eintretende Befreiung unserer classischen Dichter und Schriftsteller im wahrsten und eigentlichsten Sinne eine Wiedergeburt derselben, eine ganz unermeßliche Verstärkung ihrer Wirkungskraft und demzufolge ein bedeutsamer Wendepunkt in der Entwickelungsgeschichte unseres Jahrhunderts ist? Wird ja das Recht zum Verlage und zur Herausgabe dieser Classiker alsdann nicht mehr das Privilegium einzelner Buchhändler und Familien, sondern der freien Concurrenz des gesammten Buchhandels überlassen sein. Wer die Bedeutung dieses Ereignisses nicht sieht und fühlt, dem wird sie freilich nicht klar zu machen sein. Die Finsterlinge sehen es und empfinden ihre Ohnmacht, sie ahnen, daß ihren Plänen und Bemühungen in den längst von ihnen verdammten, in den Bann gethanen und trotzdem nun erst ungehindert in das Volksleben hereintretenden Lessing und Herder, Goethe und Schiller ein neuer und gefährlicher Feind erwächst.

Denn die Nation, wenigstens ein beträchtlicher Theil des Volkes, steht einer neuen und wohlfeilen Darreichung ihrer unsterblichen Denker und Dichter nicht theilnahmlos und unvorbereitet gegenüber. Die Erkenntniß vielmehr, daß aus den Werken dieser Dichter ein Hauch lichtvoller Erweckung strahlt, daß in ihnen ein reiner Quell hoher Geistes-, Herzens- und Geschmacksveredelung fließt, daß die Lectüre, das sorgfältige Studium dieser Werke eine unerläßliche Grundlage deutscher Bildung ist, diese Erkenntniß lebt jetzt in den Herzen Unzähliger, hat in Unzähligen einen lebhaften und sehnsüchtigen Drang nach einem vertrauten Umgange mit jenen Geistesschätzen erzeugt. Ueberhaupt haben sich die Verhältnisse in dieser Beziehung in einer fast wunderbaren Art verändert. Könnte man einen Einblick in die Handelsbücher des deutschen Buchhandels während der letzten dreißig Jahre erlangen, so würde sich an der ganzen Anlage und dem allmählich sich steigernden Absatze ihrer Unternehmungen eine der merkwürdigsten culturgeschichtlichen Umwälzungen verfolgen lassen: eine Durchfrischung, Verjüngung und riesenhafte Erweiterung des lesenden Publicums, wie keine andere Periode der bisherigen Menschheitsgeschichte als unzweifelhaftes Ergebniß fortgeschrittener Gesittung aufzuweisen hat.

Auf den Charakter dieser machtvollen Wandlung, auf ihre mannigfachen Ursachen, Wirkungen und Zusammenhänge, sowie auf ihre tiefgreifende Bedeutung für die Zukunft näher einzugehen, kann hier nicht unsere Absicht sein. Genug, es ist eine unleugbare Thatsache, daß in Deutschland die Gewohnheit und Fähigkeit, das Bedürfniß des Lesens nicht mehr das ausschließliche Vorrecht einer sogenannten „Gelehrtenrepublik“ und ihres Schweifes von gebildeten und schöngeistigen Laien, kurz eines winzigen Häufleins sind, das früher allein einen directen Verkehr mit der Welt des geistigen Schaffens unterhielt und gleichsam das Vermittelungsglied bildete, durch welches sich die von den Schriftstellern ausgestreuten, einen Umschwung der Sitten und Anschauungen herbeiführenden Ideen nur langsam, spärlich und erst aus zweiter Hand auf die weiteren Kreise übertrugen. Vielmehr ist aus dem gährenden Umschwunge aller politischen, aller Cultur- und Bildungsverhältnisse, aus der Erstarkung des Bürger- und Arbeiterstandes mit erstaunlicher Schnelligkeit ein gänzlich neues Publicum auch für die Literatur herangereift, und an die Stelle der Hunderte, die früher allein ein wärmeres Interesse für Bücher und Schriften hatten, sind eben so viele Hunderttausende getreten,

[573]

I.

Draußen in luftiger Kühle der zwei breitlaubigen Linden,
Die, von gelblicher Blüthe verschönt, voll Bienengesurres,
Schattend der Mittagsstub’, hinsäuselten über das Moosdach,
Hielt der redliche Pfarrer von Grünau heiter ein Gastmahl,
Seiner Luise zur Lust, hausväterlich prangend im Schlafrock.


II.

Dort an der leitenden Hand des Jünglings hüpfte die Jungfrau
Furchtsam über die Steine, gelegt für die Schritte des Wandrers,
Und wer in trockenen Monden den Richtweg nahm nach dem Kirchhof;
Furchtsam, daß dem Gewande den Saum nicht tränke der Moorsumpf,
Wankte sie hin, vor dem Frosch, der emporsprang, jüngferlich kreischend.


III.

Kaum gesagt, da entflog zu dem binsigen Sumpfe der Knabe,
Fröhliches Laufs, weil jen’, in wallendem Herzen verschüchtert,
Unter das Schattengewölbe sich lagerten dicht aneinander,
Durch gleichgültige Rede beschönigend inneren Aufruhr.


IV.

Hans nun reichte den Schlüssel dem fleißigen Knecht des Verwalters,
Der an des Hofs Eingange die klingende Sens’ auf dem Amboß
Hämmerte, morgen noch mehr des gesegneten Grases zu mähen.


V.

Wer den redlichen Pfarrer von Grünau neulich besucht hat,
Kennt die geräumige Stube, die gastliche, wo man umherschaut
Ueber den Garten zur See. Unlängst ein verrufener Saal noch.


„Luise“ von J. H. Voß.
Illustrations-Proben der „Hausbibliothek deutscher Classiker“.
1. Band.

[574] deren begeisterungsfrischer Lesedurst, deren eben erwachter noch junger Bildungsdrang nicht blos der schriftstellerischen Thätigkeit eine verjüngende volksthümliche Richtung, sondern auch dem buchhändlerischen Vertriebe ein neues Arbeitsfeld, einen bis jetzt für denselben gar nicht vorhandenen Boden von unermeßlicher Ausdehnung gegeben hat. Daß dieses neue Publicum keine rohe, für Besseres nicht empfängliche Masse ist, wie gern es vom Schlechteren sich abwendet, wenn ihm Gutes geboten wird, zeigt die massenhafte Verbreitung, welche neuerdings gute Bücher und sorgfältig in edlem Sinn und Geschmacke geführte Zeitschriften finden.

Freuen wir uns also und jubeln, daß jener schwer auf dem Fortschritte lastende Bann endlich gebrochen und dem Bildungsstreben wiederum eines seiner Hindernisse hinweggeräumt ist, so thun wir dies mit Tausenden und abermals Tausenden im weiten Umkreise unseres Volkes.[WS 1] Schauen wir uns doch um. Kaum ist der Befreiungsruf erschollen, so drängen sich auch schon überraschende Folgen desselben uns überall entgegen. Ein heißer Wetteifer, eine riesenmäßige Thätigkeit ist erwacht, große Capitalien sind aufgewendet und bereits Tag und Nacht Hunderte von Händen und Kräften in Bewegung, um zu geeigneter Zeit in massenhafter Weise[WS 2] einem massenhaft sich äußernden Verlangen genügen zu können. Schon binnen Kurzem werden wir sauber und elegant hergerichtete Ausgaben unserer Classiker zu Preisen kaufen, für welche bisher kaum die elendeste literarische Jahrmarktswaare zu erlangen war. Und nicht genug, daß Buchhandel und Typographie so großartige Anstrengungen machen, um dem ihnen eröffneten neuen Wirkungskreise würdig zu entsprechen, auch die Kunst ist bereits in diesen Dienst des Volkes getreten, um es den Gaben für Geist und Herz nicht an dem belebenden und deutenden Bilde, der geschmackvollen und erhebenden Augenweide fehlen zu lassen. Illustrirte Ausgaben von Dichtungswerken waren bisher nur in den Häusern der Wohlhabenden, auf den Salontischen vornehmer und eleganter Damen zu finden. Von jetzt ab wird auch der Unbemittelte sich einen solchen vielfach so schmerzlich ersehnten Besitz, eine so freundliche Haus- und Tischzierde für einen geringen Betrag verschaffen können. Namhafte deutsche Maler, wie Ferd. Piloty, Ad. Schmitz, Paul Thumann, Gabriel Max, Carl Schlesinger, Ernst Bosch, haben sich vereinigt, eine ebenso wohlfeile als schöne Sammlung der beliebtesten classischen Hauptwerke mit einer großen Reihe von Bildern zu schmücken, wie sie in dieser Sauberkeit und künstlerischen Vollendung früher nur in theuern Prachtausgaben zu finden waren. Was wir von diesen neuesten Leistungen deutscher Illustrationskunst bereits im Voraus gesehen haben, hat uns wahrhafte Freude bereitet, und wir glauben unseren Jubelartikel über das nahende Auferstehungsfest unserer großen Lichtträger und Vorkämpfer nicht besser schließen zu können, als wenn wir unseren Lesern hier einige dieser lieblichen Bilder vorführen.

Diese Bilder sind den Illustrationen zur „Luise“ von Voß entnommen, welche Ende dieses Monats erscheinen und den Reigen der genannten von der Verlagshandlung (F. Grote’sche Buchhandlung in Berlin) mit Sorgfalt bereits vollständig vorbereiteten Sammlung eröffnen wird. Dieselbe concurrirt nicht mit den neu entstehenden, auf möglichste Vollständigkeit berechneten Gesammtausgaben, sondern will nur eine „Illustrirte Hausbibliothek“ der beliebtesten Meisterwerke sein. Eine Verpflichtung der Subscribenten zur Abnahme erstreckt sich immer nur auf eine dem Inhalte nach vollständig abgeschlossene Serie von zwölf Bänden, das Ganze ist auf drei solcher Serien berechnet. Bei dem verschiedenen Umfange der Dichtungen können natürlich die einzelnen Bände nicht gleich stark sein, durchschnittlich aber wird jeder derselben elf bis zwölf Bogen mit literarisch-kritischer Einleitung, sechs bis acht eingeklebten Vollbildern und vielen in den Text gedruckten Illustrationen umfassen. Der Preis eines solchen Bandes ist auf nicht mehr als acht Silbergroschen bestimmt, so daß man also z. B. Goethe’s Faust, zwei Bände mit reichem Bilderschmuck ausgestattet, für sechszehn Silbergroschen als Eigenthum erwerben wird. Aus dem hier vor uns liegenden Verzeichniß der drei Serien ersehen wir, daß in den sechsunddreißig Bänden derselben viele der bedeutendsten Dichtungen unserer classischen Zeit ihren Platz gefunden haben, u. A. also die meisten Dramen Goethe’s und Schiller’s, Götz, Egmont, Tasso, Iphigenie, Don Carlos, Jungfrau von Orleans, Maria Stuart, Wallenstein, Fiesco, Tell, Lessing’s Minna von Barnhelm, Nathan der Weise, Emilia Galotti etc., natürlich jeder Band so reich illustrirt wie der andere. Daß ein solches Unternehmen im Interesse unserer Leser einer Hinweisung der Gartenlaube werth gewesen, werden die späteren Beschauer der versprochenen Leistung nicht bestreiten.
A. F.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Vokes
  2. Vorlage: Weisse