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Liszt’s Messe

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Textdaten
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Titel: Liszt’s Messe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 376
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[376] Liszt’s Messe. Ueber die in Leipzig zur Aufführung gekommene „Graner Messe von Liszt“, die man so gern als ein Meisterwerk hinstellen möchte, geht uns folgende Mittheilung zu:

„Wir begegnen in diesem Werke wieder allen jenen Eigenschaften, welche die Liszt’schen Productionen für uns überhaupt zu völlig ungenießbaren und abstoßenden machen. Da ist von keiner Gliederung, keiner Vermittelung, keinem Zusammenhang die Rede; da ist Alles zerbröckelt und zerstückelt, ohne logische Nothwendigkeit neben einander gesetzt und ohne Sinn construirt. Gibt man sich nun schon zufrieden, daß man es mit einem ungeordneten, zerfahrenen Ganzen zu thun hat, so kann man sich doch auch bei den einzelnen Theilen dieses Ganzen keinen Ersatz holen, und die Unerquicklichkeit und Befriedigungslosigkeit trägt sich von der äußeren Construction auf den innern Aufbau über. Man sucht vergebens ordentlich gestaltete Melodieen, zweckmäßig organisirte und anziehende modulatorische Formen, interessante thematische Combinationen, man lechzt vergebens nach Etwas, was einem als Musiker Freude machen könnte – man befindet sich mit einem Worte in einer vollständigen Wüste, in der hie und da eine trügerische Fata Morgana eine Oase vorspiegelt – man stürzt darauf zu, will eindringen in den lockenden Palmenhain, will den brennenden Durst löschen in dem silbernen Quell; aber immer weiter weicht das Luftgebilde zurück, und zerrinnt endlich in ein trostloses Nichts. Müssen wir diese Messe nun als Musikstück überhaupt schon verdammen, so müssen wir es noch mehr als Kirchentonstück. Wo ist hier Weihe und Sammlung, oder Erhebung und emporflügelnde Andacht? Was liegt der Kirche ferner, als dieses jähe Ueberspringen von einem Contrast zum andern, als diese überwürzte harmonische und instrumentale Behandlung, als diese ganze musikalische Verrenkung und Verzerrung?

„Freilich werden auch mancherlei Versuche gemacht, um recht transscendent und supranaturalistisch zu sein; es wird namentlich im Credo ein ungemeiner Aufwand mit musikalischer Symbolisirung getrieben; aber – um nur Einiges anzuführen – wie grobsinnlich, unmusikalisch wirkt dieses „crucifixus etiam pro nobis“, „passus et sepultus est“, dieses schreckliche „judicare vivos et mortuos“, dieses „expecto resurrectionem mortuorum“! Wie ganz „tannhäuserlich“ wird man angemuthet, wenn, sowie nur von etwas Uebersinnlichem die Rede ist, die hochgelegten Violinen in das beliebte visionäre Tremolo verfallen, und wie gar oft sieht man den Lohengrin’schen „lieben Schwan“ angerudert kommen! Doch genug von dieser Graner Messe! Wir haben immer gemeint, durch so vieles Leidige, was uns nun im Verlaufe einiger Jahre schon geboten wurde, etwas ruhiger und gleichgültiger gegenüber der musikalischen Gegenwart geworden zu sein – aber nein! es kommt immer wieder Etwas, was die Galle erregt, und bei dem man sich als gewissenlos vorkommt, wollte man schweigen und indifferent zuschauen. – Die Aufführung war nur leidlich; es mag aber auch unendlich schwer sein, diese an sich so corrupte Musik unter einer Leitung zu executiren, die beim bloßen Zusehen schon Lachen erregt, und an die sich zu gewöhnen, ein Jahre langes Zusammenleben von Orchester und Dirigenten erforderlich wäre.“