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Lichtblicke aus Tyrol

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Textdaten
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Autor: W. L.
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Titel: Lichtblicke aus Tyrol
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 270–272
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Lichtblicke aus Tyrol.

Immermann schrieb das „Trauerspiel in Tyrol“, in welchem er bekanntlich den muthigen Kämpfer Andreas Hofer und sein tragisches Ende feierte. Die Vorgänge, die wir im Folgenden unseren Lesern schildern wollen, würden wir ein „Lustspiel in Tyrol“ nennen (denn an komischen und lächerlichen Scenen fehlt es nicht), wäre nicht der Hintergrund ein so ernster, und der Ausgang des Kampfes um ein so edles Gut, wie die politische und religiöse Freiheit, um welche es sich dabei handelt, für jetzt noch unentschieden. Wir beschränken uns in unserer Darstellung wesentlich auf Südtyrol, theils wegen des besondern Interesses, welches jetzt dieser äußerste Vorposten unseres deutschen Vaterlandes im Süden für jeden deutschen Patrioten haben muß, theils weil wir durch besondere Gunst der Verhältnisse über den Kampf zwischen Licht und Finsterniß gerade in diesem Theile des schönen Landes im Besitz einer Menge authentischer Nachrichten und Documente sind.

Der Held unseres Dramas, der Mittelpunkt und Träger der geistigen Bewegung zu Gunsten der Aufklärung und wahrhaften constitutionellen Freiheit ist, wie für Nordtyrol der Reichstagsabgeordnete Dr. Pfretzschner, für Südtyrol der bereits auch in anderen deutschen Blättern mehrfach genannte Dr. Joseph Streiter, Bürgermeister in Botzen, geworden. Dieser ebenso durch seine hervorragende Intelligenz und dichterische Begabung, wie durch die Energie seines Willens und seine glühende Liebe zu dem großen deutschen Vaterlande merkwürdige Mann wurde am 8. Juli 1804 in Botzen geboren, der Sohn eines Kaufmannes. Sein Lebensgang ist ein interessanter Beleg dafür, wie gerade unter dem stärksten Druck ein strebsamer Geist sich oft um so energischer entfaltet. Das Drama, das wir nun schildern wollen, hat seinen Prolog, und zwar im eigentlichsten Sinne des Wortes. Die Aufregung, welche das Patent des Kaisers vom 8. April 1861, die völlige Gleichstellung der Confessionen, bei den Geistlichen und einem großen Theil der Bevölkerung Tyrols hervorrief, die von den Geistlichen veranstalteten Bittgänge zu verschiedenen Marienbildern, um Tyrol vor dem Unglück der Glaubensfreiheit zu bewahren, der Bauernlandtag in Innsbruck, die lächerlichen Mißtrauensvota gegen die Reichstagsabgeordneten Dr. Pfretzschner und Baron Ingram, die Riesendeputation, die geradenwegs zum Kaiser in die Hofburg nach Wien ziehen wollte und nur durch die Klugheit des Statthalters Fürsten Lobkowitz zurückgehalten wurde, das Alles sind bekannte Vorgänge. Aber das Licht der Aufklärung hatte doch auch an vielen Orten und in manchen Herzen Tyrols gezündet. Eine Gelegenheit, ihm weiter Bahn zu machen, bot sich an dem Namensfeste des Kaisers am 4. October, zu dessen Feier im Theater zu Botzen Dr. Streiter einen Prolog dichtete. Dieser Prolog ist nicht blos ein prächtiges Belegstück einer wirklichen Dichtergabe, ein ebenso rührender als überraschender Beweis, welche tiefe Wurzeln deutscher Geist und deutsche Bildung auch in dem fernsten Süden unseres Vaterlandes schlagen konnten, sondern auch den Tyroler Verhältnissen gegenüber eine jugendfrische, männlich freie und muthige Geistesthat. Er schildert, begleitet von lebenden Bildern, das Wirken der Dichtkunst für die Freiheit. Wir müssen uns hier begnügen, nur den Schluß dieser trefflichen Dichtung wiederzugeben:

Und siehe, was der Weisen Mund uns pries,
Der Dichter sang, der Seher kündete,
Es ist gewährt, frei ist das Wort und frei

[271]

Sein geist’ger Bruder auch, der Glaube, frei
Wir haben selber es erlebt, was wir
Den späten Enkeln kaum beschieden glaubten,
Wir selbst, wir fühlen ebenbürtig uns
Den deutschen Männern an der Spree und Isar,
Wir wissen es, daß man am Donaustrand
So wacker denkt, so offen spricht und handelt,
Wie es des Deutschen Art seit Armin’s Zeit.
Heil Ihm, des Größten Spender und des Besten –
Es bleibt fortan für immer unser Theil –
Dem Vater seines Volks, dem Kaiser Heil!

Diesem Prolog folgte sehr bald der erste Act des schönen Lichtdramas. Ein Richtfest im eigentlichen Sinne des Wortes bot dazu die Veranlassung. Am 10. November, dem Geburtstage Schiller’s, sollte die von Herrn Ludwig Riedinger, einem Augsburger, für Botzen hergestellte Gasbeleuchtung zum ersten Male ins Leben treten und dieser Eintritt festlich begangen werden. Unter die Feierlichkeiten war auch ein Festscheibenschießen mit aufgenommen, welches bei solchen Gelegenheiten in Tyrol nie fehlen darf.

Dr. Streiter, der dazu aus eigenen Mitteln einen Preis von 30 Thlr. gestiftet hatte, lud dazu die Vorsteher des Botzener Hauptschießstandes durch folgendes Schreiben ein:

„Die Eröffnung der Gasbeleuchtung in hiesiger Stadt bietet einen frohen Anlaß, diesen Tag als ein Fest der ganzen Bevölkerung zu begehen. Das Licht, das künftig auf unseren Straßen die Nacht nahezu in Tag verwandelt, hat etwas Sinnbildliches: man erinnert sich an das geistige Licht, das uns eben auch in diesem Jahre beglückte; wenige Monate früher gewährte uns kaiserliche Huld die Wiedergeburt unseres staatlichen Lebens und die Befreiung der Gewissen von jeder unwürdigen Schranke. Licht zumal ist der Name der Himmelstochter, die den großmüthigen Geist unseres Kaisers vermochte, uns das Patent vom 8. April zu geben; es verbürgt jedem Staatsbürger die Freiheit des Denkens und Forschens. Lassen Sie mich die Wonne, die ich darüber empfinde, mit Ihnen durch gemeinsamen Jubel feiern, lassen Sie uns die Fahnen schwingen, die Böller lösen und ein stürmisches Hoch ausbringen dem Spender jener Freiheit, welche die Grundlage und Vorbedingung jeder andern bildet. Alle seien eingeladen, die gleich mit uns fühlen, und auch jene, die auf der Gegenseite standen, willkommen, denn durch die Theilnahme an unserer Freude erklären sie sich als die Unseren.

Verschmähen Sie nicht die kleine Gabe, die ich Ihnen zu diesem Zwecke hierbei anbiete; erhält doch jede ihren wahren Werth nur durch den Zweck, dem sie geweiht, und dieser ist, gestatten Sie mir es noch einmal zu sagen, die Begrüßung des Lichtes, das seinen milden Schimmer über uns ausgießt, eine Feier der frohen Erinnerung an das Patent vom 8. April.“

Die zwei Hauptbesten (Preise für die besten Schüsse) waren auf eine deutsche und eine österreichische Fahne geheftet, mit den Devisen: „Deutschland hoch!“ und „Oesterreich hoch!“

Jeder unbefangene Leser kann in diesem ursprünglich keineswegs für den Druck bestimmten Schreiben nichts Anderes erblicken, als eine edle Kundgebung der Freisinnigkeit und des Patriotismus. Der wie gewöhnlich durch den Botzener Hauptschießstand an die übrigen Schießstande des Landes verbreiteten Einladung war aber an gar mancher Stätte kein freundlicher Empfang beschieden. Den Reigen eröffnete ein benachbarter Freiherr, Oberschützenmeister, Bürgermeister und Freischaarenhauptmann. Mit Entrüstung wies er in den „Tyroler Stimmen“ eine solche Entweihung des Schützenwesens von sich. Gleich nach ihm ruft ein Kanonikus, Senior und Schützenveteran aus dem Jahre 1796: „Brüder, schändet Eure alte Schützenehre nicht!“ Und nun stürzt die ganze Schaar ihnen nach und lärmt und lästert in offenen Briefen über den „freigeisterischen Streiter“, über seine „gottlose“ Anpreisung der Befreiung der Gewissen, sein „hochverrätherisches“ Hoch auf Deutschland u. s. w. „Der wahre Patriot,“ schreibt ein Schützenmeister, „wählt zu seiner Fahne die heiligsten Herzen Jesu und Mariä, seine Fahnenträger sind ihm die katholischen Priester“. In Telfs wird sogleich ein Trutzschießen veranstaltet, dessen erste Bestfahne die Devise trägt: „Herz Jesu und Mariahilf hoch!“ und ein „offener Protest“ verfaßt, der da anhebt: „Mit wahrer Entrüstung hören wir, was die Stadt Botzen aus dem Schießstände zu machen im Sinne habe.“ In dem benachbarten Lana ladet ein gräflicher Oberschützenmeister zu einem „Gedenkschießen der alten tyrolischen Schützenehre“ ein. Die drei Hauptfahnen dabei sollen eine päpstliche, eine österreichische und eine tyrolische sein mit den Devisen: „Hoch Se. Heiligkeit Papst Pius IX.!“ „Hoch Se. Majestät der Kaiser! „Unbesiegt, weil einig im Glauben!“ Ausgeschlossen von diesem Schießen sind alle jene Schützen, welche sich bei dem Schießen vom 10.–14. November in Botzen betheiligen. Es kommt Zuzug nach Lana, der auf seiner Fahne die Devise trägt: „Auf, nach Lana weiter, wir sind keine Streiter.“ In Botzen selbst verweigert die Pfarrgeistlichkeit die Beleuchtung des Pfarrthurms, dem Gymnasium und der Mädchenschule wird verboten, den Maskenzug mit anzusehen, und als Gegendemonstration gegen diesen wird eine Glaubensprocession veranstaltet, wie denn auch schon die Gasbeleuchtung selbst als eine „gottlose Neuerung“ verschrieen worden ist. Trotz alledem und alledem verlief dieses in den Annalen Botzens nicht nur, sondern wir dürfen sagen ganz Tyrols Epoche machende Fest nicht nur ohne Störung, sondern gestaltete sich zu einem wahren Volksfest, an dem Jung und Alt, Arm und Reich den innigsten und freudigsten Antheil nahm. Schon am Vorabend wurde die Feier im Theater durch eine Festvorstellung mit einem trefflichen von Dr. Weller gedichteten Prolog eingeleitet. Er erinnert im Eingang an die vor zwei Jahren auch hier stattgefunden Säcularfeier des Geburtstags des großen Dichters, schildert ihn selbst als Spender des Lichtes für sein Volk, und bringt so die Feier dieses Tages mit dem Lichtfeste für Botzen in sinniger Weise in Verbindung.

In der Frühstunde des 10. verkündigten die heitern Klänge der Regimentsmusik von „König der Niederlande“, welche die Hauptstraße der Stadt durchzog, den Beginn des Festes. Nachdem die Gäste aus Trient, Meran, Eppan[WS 1] und Kaltern angekommen, erfolgte in der Mittagsstunde im Saale des in allen seinen Räumen dichtgedrängten Schießstandsgebäudes und in Gegenwart des Generals Grafen v. Castiglione und sämmtlicher Stabs- und Oberofficiere die feierliche Uebergabe der Bestfahnen, wobei Bürgermeister Streiter folgende Rede hielt, die wir unseren Lesern als eine höchst bedeutungsvolle Kundgebung eines echt deutschen und freisinnigen Patriotismus unverkürzt mittheilen müssen:

„Meine Herren! Die Fahnen, die ich Ihnen zum heutigen Festschießen übergebe, tragen Deutschlands und Oesterreichs Farben. Es gab eine Zeit, in der das deutsche Banner wehte von der Eider bis zur Adria, von den Ardennen bis zur Weichsel, es war eine große, herrliche Zeit, und Habsburgs Fürstenhaus gab damals dem deutschen Reiche viele seiner edelsten Kaiser. Aeußere und innere Feinde mit einander trugen sie zu Grabe. Doch siehe da, eben als der Zwiespalt eingenistet, als Deutschlands Landkarte zerstückt schien für immer, da erhob sich das deutsche Volk wieder mit Muth und Kraft, um das fremde Joch abzuschütteln, es erhob sich wie ein Mann in lebendigem Gefühle der nationalen Einheit, es war einig im heiligen Zorn über seine Fesseln, einig im Entschluß, sie zu brechen, einig in der That, die auf den Höhen des Montmartre seine Standarten pflanzte. Die Oesterreicher erinnern sich daran mit Stolz, daß sie mitfochten in den blutigen Schlachten, die das Schicksal Deutschlands entschieden; die schwarz-gelbe Fahne gründete sich ein unverwüstliches Denkmal in der Geschichte Europa’s. Seit jenen Tagen des Ruhmes wurzelt in den Herzen jedes wahren Oesterreichers, jedes echten Deutschen von Neuem die Ueberzeugung, daß Oesterreich unzertrennlich von Deutschland, daß beide von der Vorsehung, welche des Landes Lage und seine Stämme schuf, bestimmt sind, ihr Schicksal zu theilen, daß ihnen eine Bahn angewiesen im Fortschritt der Cultur und Gesittung. Zu den alten Banden kam noch ein neues. Oesterreich erlebte eine Wiedergeburt, und in dem Augenblick, in dem es sich aufzulösen schien in seine vielen Racen und Stämme, fand sich, auf manches mißglückte Streben nach einem Einigungspunkt in abgelebten Formen, ein Gut, woran alle Völker des weiten Reiches mit gleicher Wärme hangen, ein Gut von unschätzbarem Werthe, weil es seinen Bestand für immer sichert. Es ist die durch seine Verfassung, durch des Kaisers heiliges Wort gewährte Freiheit. Sie ist es auch, meine Herren, die einen unzertrennlichen Bund zwischen Deutschland und Oesterreich schließt. Was dort die deutschen Stämme als ihr edelstes Eigenthum erkennen, wofür sie ihr Blut einzusetzen bereit sind, das erblicken sie auch hier durch ein gleiches Gesetz, durch ein auf den gleichen Grundfesten ruhendes Recht verbürgt, die gleiche Sorge für die Erhaltung dieser Krone des Glückes befestigt den Bestand von Deutschland und Oesterreich. Darin wurzelt die Hoffnung des Gedeihens der Zukunft, darin die Gewähr der Einigkeit, die eine Nation von 40 Millionen Menschen und einen [272] Staat von so verschiedenen Bestandtheilen unbesiegbar macht, darin die Lösung der großen Aufgabe, wodurch das Wohl nicht blos eines einzigen Volkes, sondern auch der Nachbarstaaten gefördert wird. Der Ruf nach einem einigen Deutschland ist fürder kein hohler Schall, seine Einheit keine bloße Chimäre der Schriftsteller und Poeten, sie hat einen reellen Boden, eine feste Grundlage für ein wohnliches Haus unserer Zeitgenossen und Enkel. Lassen Sie uns denn, da den Schmuck unseres Festes die Fahnen Deutschlands und Oesterreichs bilden, auch den unzertrennlichen Bund der Einigkeit zwischen beiden feiern!“

Die Rede schloß mit einem Hoch auf den constitutionellen Kaiser Franz Joseph. Oberschützenmeister Peter von Mayel erwiderte sie mit kurzen kernigen Worten, ebenso durchweht von dem warmen Gefühl für die Einigkeit des deutschen Volkes, und schloß mit einem Hoch auf die deutsche Treue, die deutsche Bruderliebe, die deutsche Einigkeit. Der darauf einfallende Sängerchor pries die Tyroler Schützen in einem Liede von H. Gilm als „Deutschlands Grenzsoldaten“, als seine „Gemsenwacht“, worauf unter Begleitung von Böllerschüssen die Nationalhymne angestimmt ward. Dann folgte der Umzug mit den Fahnen und zwei Musikchören durch die Gassen der Stadt. Um 1/2 1 Uhr begann das zu Ehren des Unternehmens der Gasanstalt vom Magistrat veranstaltete Festmahl, an welchem auch die Spitzen der Militär- und Civilbehörden und der Bürgermeister von Meran Theil nahmen. Kurz vor drei Uhr setzte sich der lange maskirte Festzug in Bewegung, in zwei Abtheilungen mit höchst sinnigem Humor, über dessen Einzelnheiten wir auf die Schilderungen der Illustrirten Zeitung verweisen müssen. Die sich zudrängende Menschenmenge war unübersehbar und konnte sich dreist mit der Schaar der Glaubensprocession messen. 20,000 Loose zu einer für die Armen zu veranstaltenden Lotterie waren sehr bald vergriffen; die Lotterie warf einen Reingewinn von ungefähr 2000 fl. ab. Mit einbrechender Dunkelheit schwamm die Stadt wie durch Zauberschlag in einem Lichtmeer, bei welchem das Gas verschwenderisch gespendet und zu großen Transparents benutzt war, besonders auf dem Johannesplatze. Dieser Platz wurde später noch mit bengalischem Feuer erleuchtet, und dabei sang die Botzener Liedertafel Arndt’s deutsches Vaterland! Arndt’s deutsches Vaterland, von Tyroler Stimmen gesungen: „Ist’s Land der Schweizer, ist’s Tyrol? Das Land und Volk gefiel mir Wohl; 0 nein, 0 nein, sein Vaterland muß größer sein, das ganze Deutschland soll es sein,“ das muß Vater Arndt noch in seinem Grabe gefreut haben!

Weniger Freude hat, so scheint es, an dem ganzen Feste, und besonders an dem Festschießen der Statthalter, Fürst v. Lobkowitz, gehabt. Als Landesoberschützenmeister sprach er, wenn auch in sehr milder Weise, seine Mißbilligung und den Wunsch aus, die Tyroler möchten durch Eintracht stark und die Schießstätten nur „harmloser Schützenfreude“ gewidmet bleiben. Ja, wenn es sich nur mit der Harmlosigkeit thäte, sobald einmal der Kampf zwischen Finsterniß und Licht, zwischen tausendjährigem Aberglauben und fortgeschrittener Erkenntniß entbrannt ist! Doch griff diesen Wink von hoher Stelle in kluger Weise der Bürgermeister von Meran, Dr. Putz, auf, an Gesinnung unserem Streiter ebenbürtig, ein wackerer Mitstreiter. Er lud die Schützen auf den 1. December zu einem „Eintrachtschießen“ nach Meran. Es kamen zwar zumeist nur die Botzener, aber es war doch ein schönes Fest der Eintracht, wenigstens zwischen zwei Städten, diesen lieblichsten Perlen im Städtekranze Südtyrols. Auch bei diesem Feste wehte die deutsche Fahne vereint mit der österreichischen, hielten beide Bürgermeister Reden voll des edelsten Patriotismus, erklang von der Liedertafel Arndt’s deutsches Vaterland.

Diesem Eintrachtsfeste in Meran, das man also in mancher Beziehung nur ein scheinbares nennen konnte, folgte bald darauf wieder ein wirkliches in Botzen. Graf Castiglione, dieser tapfere Krieger, der die Tyroler in 26 Gefechten zu Kampf und Sieg geführt hat, ein edler, freisinniger, durch seine Leutseligkeit allgemein beliebter Mann, war vom Kaiser zum Inhaber des Regiments Tyroler Kaiserjäger ernannt worden. Die Stadt Botzen feierte diese ihrem Commandanten widerfahrene wohlverdiente Ehre durch ein Freischießen, welches sie ihm am 8. December veranstaltete, und Graf Castiglione erwiderte diese Freundlichkeit, indem er der Stadt am 12. December ein glänzendes Festmahl gab. Bei beiden Gelegenheiten fehlte es nicht an mancherlei schönen Kundgebungen eines freisinnigen Patriotismus. „Kein Streben nach rückwärts, kein Sonderbund,“ sprach unter anderm Dr. Streiter bei Castiglione’s Festmahl in seinem Toaste auf die Armee, „sondern vorwärts mit vereinten Kräften. Unsere wackere Armee, sie sprach es laut aus. fühlt dies ebenso gut, als wir Bürger. Hoch die österreichische Armee!“ Dem Festschießen zu Ehren des tapfern Generals in Botzen folgte am 15. December ein zweites, welches Graf Wickenburg in Eppan[WS 2] gab, und am 16. ein drittes, welches der Trienter Schießstand veranstaltete.

Uebrigens stehen diese Vorgänge in Südtyrol keineswegs ganz vereinzelt da, beschränken sich auch nicht blos auf Lichtfeste und Scheibenschießen. Die Einweihung des ersten protestantischen Friedhofs in Meran am 10. December durch den protestantischen Geistlichen Dr. von Oettingen[WS 3] aus Dorpat, unter großer Theilnahme der Meraner Bürger, die Bildung einer vor der Hand freilich nur aus fremden Gästen bestehenden evangelischen Gemeinde ebendaselbst, die Grundsteinlegung der ersten evangelischen Kirche in Bregenz am 14. December, die Aufführung des Urbildes des Tartüffe Ende desselben Monats auf dem Theater zu Innsbruck, schon an sich ein Ereigniß, noch bedeutungsvoller durch die dieselbe begleitenden lebhaften Demonstrationen, das Erscheinen eines neuen liberalen Blattes, der Innzeitung, mit dem Beginn des neuen Jahres, welches gleich in seiner ersten Nummer der Partei der Ultramontanen und Rückwärtsler mit tapfern Mannesworten den Krieg auf Leben und Tod ankündigt – das Alles sind nicht blos morgenröthliche Wolken, sondern bereits helle Strahlen der Morgensonne, die, einmal aufgegangen, Niemand in ihrem Laufe mehr aufhalten kann. Das Gefühl, welches wir übrigen Deutschen diesen Ereignissen gegenüber empfinden, ist zuerst und vor Allem eine heilige Freude über die hellleuchtende Flamme der Vaterlandsliebe auch in diesem fernen südlichen Gaue, dann die innigste Theilnahme an jedem Fortschritt der Siege wahrer Aufklärung, echt constitutioneller bürgerlicher und kirchlicher Freiheit. Wir hoffen und erwarten aber auch nun von der Kraft und dem Muthe der österreichischen Regierung, daß sie das Patent vom 8. April nicht blos auf dem Papiere stehen lassen, sondern es als Grundgesetz für alle Kronländer, Tyrol nicht ausgenommen, auch durchführen werde. Dann werden die Feinde des Lichts von selbst die Waffen strecken müssen, dann, aber auch nur dann wird Oesterreich mit dem übrigen Deutschland auf der Bahn des Fortschrittes ein unzertrennliches Ganzes bilden, und dann – aber auch nur dann – darf es in Zeiten der Noth und Gefahr auf Deutschlands Hülfe zählen.

W. L.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Eppom
  2. Vorlage: Eppom
  3. Alexander von Oettingen; Vorlage: Oettinger