Zum Inhalt springen

Leuchtbacillen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: C. F.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Leuchtbacillen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 511–512
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[511]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Leuchtbacillen.

Was aus der Bakterienlehre in die große Masse der Leser dringt, das sind in der Regel recht düstere Bilder: Cholera, Diphtheritis, Tuberkulose und wie alle diese Geißeln der Menschheit sonst heißen. Die Bakterienkunde hat es aber nicht ausschließlich mit solchen Krankheitserregern und Giftträgern zu thun; unter dem Mikroskop begegnen dem Forscher auch harmlose Kunden aus der unsichtbaren Welt, die durch ihre besonderen Eigenschaften die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich lenken. Die Betrachtung dieser Wesen zählt zu den lichteren Bildern in der Bakteriologie, und aus diesen wollen wir einige wirklich leuchtende herausgreifen und unsern Lesern vorführen: winzige Wesen, die thatsächlich Licht erzeugen.

Bevor wir jedoch näher auf die Sache eingehen, möchten wir uns erlauben, einige Worte über die Bacillen selbst zu sagen. Veranlassung dazu giebt uns eine „Depesche“, die wir jüngst in einem Provinzialblatt lasen. In derselben wurde der Welt verkündet, daß ein englischer Professor den Krebsbacillus entdeckt habe, der zu der Hefeklasse zähle. Diese „Depesche“ ist bezeichnend für die Unklarheit, in welcher noch die weitesten Kreise der Gebildeten befangen sind, soweit es sich um die Errungenschaften der noch so jungen bakteriologischen Wissenschaft handelt. Wenn in der Zeitung die Nachricht stünde, daß ein Wolf, der einen Park unsicher machte, erlegt worden sei und daß man gefunden habe, er zähle zur Familie der Enten, so würde man über eine solche Notiz lächeln. Den „Witz“ aber, der in jener Depesche sich verbarg, haben wohl die wenigsten Leser bemerkt. Die Welt derjenigen kleinsten Lebewesen, welche man mit dem Gesammtnamen „Pilze“ umfaßt, haben die Forscher in verschiedene Klassen eingetheilt. Die erste bilden die Schimmelpilze, die zweite die Sproß- oder Hefepilze und die dritte die Spaltpilze oder Bakterien. Die Bakterien sind die kleinsten einzelligen organischen Gebilde, nahe Verwandte der Algen, und zerfallen wieder in drei Abtheilungen. „Mikrokokken“ oder „Kugelbakterien“ nennt man diejenigen, die rund wie eine Billardkugel aussehen, „Bacillen“ oder „Stäbchenbakterien“ diejenigen, welche cylinderförmig wie etwa ein Bleistift sind, und „Spirillen“ oder „Schraubenbakterien“ Gebilde, die einem Korkzieher ähnlich sehen. Die leuchtenden Wesen, mit denen wir uns befassen wollen, sind Bakterien von stäbchenartiger Form oder Bacillen.

Im gewöhnlichen Leben bemerken wir oft die Thatsache, daß rohes Fleisch oder sonstige Nahrungsmittel im Dunkeln grünlich leuchten. Es ist ein Bacillus, der dieses Leuchten verursacht, und man hat ihm darum den Namen Bacterium phosphorescens, der „Leuchtbacillus“, beigelegt. Unter dem Mikroskop entpuppt er sich als ein kurzes dickes Stäbchen, das an beiden Enden abgerundet und unbeweglich ist. Dieser Leuchtbacillus ist sehr verbreitet. Das beste Mittel, um ihn ausfindig zu machen, bieten Versuche mit frischen, noch nicht vertrockneten Seefischen. Nimmt man eine Anzahl frischer Dorsche oder Heringe und bewahrt sie zwischen zwei Tellern bei einer Temperatur von etwa 15° C. auf, so bemerkt man oft schon nach 24 Stunden, daß an der Oberfläche der Fische hier und dort einige leuchtende Punkte auftreten, die mit der Zeit, etwa am zweiten Tage, die ganze Oberfläche des Thieres überziehen. Ueberlassen wir die Fische sich selbst, so tritt die Fäulniß ein, die durch andere Bakterien bewirkt wird, und mit der fortschreitenden Zunahme derselben schwindet die Erscheinung der Phosphoreszenz, die uns durch ihren grünlichen oder grünlichweißen Glanz erfreute.

Man kann aber die Leuchtbacillen in ein mit Nährgelatine gefülltes Röhrchen überimpfen und sie in demselben fortzüchten. An solchen Kulturen hat man die Lebenseigenschaften des wunderbaren Wesens näher erforscht.

Das Bacterium phosphorescenz wächst schon bei Temperaturen von 0 bis 15° C., am besten allerdings bei solchen, die zwischen 15 bis 25° C. liegen. Es entwickelt sich sowohl in sauerstoffhaltiger wie in sauerstofffreier Luft, leuchten kann es indessen nur dann, wenn es Sauerstoff verbraucht. Fertigen wir uns ein Probierröhrchen derart an, daß wir die Glaswand nur mit einer dünnen Schicht der Gelatine überziehen, so entwickeln sich die Leuchtwesen auf der ganzen Fläche und das Röhrchen leuchtet alsdann so stark, daß man beim Scheine desselben die Zeiger auf dem Zifferblatte der Uhr erkennen kann; ja es ist sogar einem der Bakteriologen gelungen, die leuchtenden Kulturen bei ihrem eigenen Glanze zu photographieren.

Bei diesen Bakterien kann man auch die künstliche Abschwächung, die ja bei den Heilversuchen mit Bakterien eine so große Rolle spielt, augenscheinlich nachweisen. Anfangs gedeihen die Leuchtbacillen ganz gut auf der Nährgelatine und die Kulturen derselben behalten mitunter monatelang ihren geheimnißvollen Glanz. Impfen wir sie aber von Generation zu Generation auf frische Nährgelatine über, so bemerken wir, daß ihnen dieser künstliche Boden nicht zusagt, daß sie ihre leuchtende Eigenschaft nach und nach einbüßen. Anfangs leuchten noch die frischen Kulturen, aber der Glanz schwindet schon nach einigen Tagen, schließlich geht die Leuchtkraft völlig verloren. Allein sie kann wieder geweckt werden; wir brauchen der Nährgelatine nur 2 bis 3% Kochsalz zuzusetzen, und die Bakterien wachsen besonders üppig und glänzen von neuem. Damit hängt es auch zusammen, daß natürliches und künstliches Seewasser sowie gekochte Fische einen trefflichen Boden für die Entstehung der Phosphorescenz bieten.

Das Meer ist überhaupt die vornehmste Heimath leuchtender Wesen und es fehlen ihm wie gesagt auch nicht die Leuchtbacillen. In westindischen Gewässern wurde von Prof. Fischer ein besonderer Leuchtbacillus entdeckt, der sich von dem soeben beschriebenen <tt<Bacterium phosphorescens wesentlich unterscheidet; er bildet ein mittelgroßes Stäbchen, welches mit lebhafter Bewegung ausgestattet ist; das Licht, welches er ausstrahlt, ist nicht grünlich, sondern bläulichweiß. Er wurde zum Unterschied von dem bereits bekannten „Westindischer Leuchtbacillus“ genannt. Wir können ihn gleichfalls in Probierröhren fortzüchten, aber er hat seine besonderen Eigenschaften; er ist ein echtes Tropenkind und gedeiht nicht in der Kühle, in welcher das Bacterium phosphorescens sich noch fortpflanzen kann. Unter 15° C. schon hört das Wachsthum des Westindischen Leuchtbacillus auf und erst bei einer Temperatur von über 30° C. beginnt er, mit voller Kraft sich zu vermehren; dann kommt auch die Erscheinung des Leuchtens am schönsten zur Geltung. „Die beste Stelle für die Beobachtung derselben,“ sagt Professor Karl Fränkel in seinem „Grundriß der Bakterienkunde“, „ist freilich die Oberfläche gekochter Fische; mit einer kleinen Menge künstlicher Kultur beimpft, wird sie rasch, in wenigen Stunden, von einem schmierig aussehenden Bakterienrasen überzogen, welcher im Dunkeln ein prachtvolles, bläulichweißes Licht ausstrahlt.“

Aber auch unseren deutschen Meeren fehlen die Leuchtbacillen nicht. [512] Fischer hat in dem Wasser des Kieler Hafens einen Bacillus entdeckt, der in vieler Beziehung an den Westindischen erinnert. Er ist gleichfalls beweglich und strahlt gleichfalls bläulichweißes Licht aus; aber er hat außerdem seine besonderen Eigenschaften, so daß er in der Kleinwelt eine Art für sich ausmacht und darum im Gegensatz zu dem überseeischen Kollegen mit dem Namen „Einheimischer Leuchtbacillus“ bezeichnet wird. Er ist ein echter Sohn des Nordens. Während der Westindische erst bei 15° C. zu leben anfängt, behagen dem Einheimischen gerade niedrige Temperaturen, erst unter 15° C. fühlt er sich in seinem Lebenselement, ja er gehört zu denjenigen Mikroorganismen, deren Wachsthum selbst durch Frosttemperaturen von 0° und darunter nicht gehemmt wird. Er wächst und leuchtet noch in seinem bläulichweißen Lichte, wenn seine Umgebung den Gefrierpunkt anzeigt.

Den zahllosen Arten leuchtender lebender Wesen, welche durch die Lüfte schwirren und in dem Wellenschaume erglühen, hat die Wissenschaft noch die drei winzigsten Arten beigefügt. Wie aber alle diese Wesen Licht erzeugen, das ist noch immer das unentschleierte Geheimniß, an dessen Enthüllung schon so viele vergeblich gearbeitet haben. C. F.