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Lenardo und Blandine

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Autor: Gottfried August Bürger
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Titel: Lenardo und Blandine
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 209–229
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1776
Erscheinungsdatum: 1778
Verlag: Johann Christian Dieterich
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Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Parodie zu dieser Balade: Lenardo und Blandine, Fliegende Blätter, Band 2, 1846.
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Lenardo und Blandine.
Im April 1776.


     Blandine sah her, Lenardo sah hin;
Sie trugen in Augen viel zärtlichen Sin;
Blandine, die schönste Prinzessin der Welt,
Lenardo, der Schönsten zum Diener bestelt.

5
     Zu Land und zu Wasser, von nah und von fern,

Erschienen viel Fürsten und Grafen und Herrn,
Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,
Die schönste der schönen Prinzessen zu frei’n.

     Allein die Prinzessin war Perlen und Gold,

10
War Ringen mit blankem Gestein nicht so hold,

Als sie wol ein würziges Blümlein entzükt,
Vom Finger des schönsten der Diener gepflükt.

     Der schönste der Diener trug hohes Gemüt,
Obschon nicht entsprossen aus hohem Geblüt.

15
Gott schuf ja aus Erden den Ritter und Knecht.

Ein hoher Sin adelt auch niedres Geschlecht.

     Und als sie ’mal draussen in frölicher Schaar,
Von Schranzen umlagert, am Apfelbaum war,
Und alle genossen der lieblichen Frucht,

20
Die ämsig der flinke Lenardo gesucht;


     Da bot die Prinzessin ein Aepfelchen rar
Aus ihrem helsilbernem Körbchen ihm dar,
Ein Aepfelchen, rosig und gülden und rund,
Dazu sprach ihr holdseliger Mund:

25
     „Nim hin für die Mühe! der Apfel sey dein!

Das Leckere wuchs nicht für Prinzen allein.
Er ist ja so lieblich von aussen zu sehn;
Wil wünschen, das drinnen sey zehnmal so schön.“

     Und als sich der Liebling gestolen nach Haus,

30
Da zog er, o Wunder! ein Blätchen heraus.

Das Blätchen im Apfel sas heimlich und tief;
Drauf stand gar traulich geschrieben ein Brief:

     „Du Schönster der Schönsten, von nah und von fern,
Du Schönster, vor Fürsten und Grafen und Herrn,

35
Der du trägst züchtiger höher Gemüt,

Als Fürsten und Grafen aus hohem Geblüt!

     Dich hab’ ich vor allen zum Liebsten erwält;
Nach dir mein Busen sich sehnend zerquält;
Mich labet nicht Ruhe, mich labet nicht Rast,

40
Bevor du gestillet dies Sehnen mir hast.


     Zur Mitternachtstunde las Schlummer und Traum,
Las Bette, las Kammer und suche den Baum,
Den Baum, der den Apfel der Liebe dir trug!
Dein harret was Liebes; nun weist du genug.“

45
     Das dauchte dem Diener so wol und so bang!

So bang und so wol! Er zweifelte lang;
Viel zweifelt’ er her, viel zweifelt’ er hin;
Von Hoffen und Ahnden war trunken sein Sin.

     Doch als es wol tief um Mitternacht war,

50
Und stil herab blinkte der Sternlein Schaar;

Da sprang er vom Lager, lies Schlummer und Traum,
Und eilt’ in den Garten zum kundigen Baum.

     Und, als er stilharrend am Liebesbaum sas,
Da säuselt’ im Laube, da schlich es durch’s Gras,

55
Und eh’ er sich wandte, da nahm’s ihn in Arm,

Da weht’ ihn ein Odem an, lieblich und warm.

     Und, als er die Lippen eröfnet zum Grus,
Verschlang ihm die Rede manch durstiger Kus,
Und eh’ es ihm zugeflüstert ein Wort,

60
Da zog es am samtenen Händchen ihn fort.

     Es führt ihn almählich mit heimlichem Trit:
„Kom süsser, kom lieblicher Junge, kom mit!
Kalt wehen die Lüftchen; kein Dach und kein Fach
Beschirmt uns; kom in mein stilles Gemach!“

65
     Und führt’ ihn, durch Dornen und Nessel und Stein,

In einen zertrümmerten Keller hinein.
Hier flimmert’ ein Lämpchen; es zog ihn entlang,
Beim Schimmer des Lämpchens, den heimlichen Gang. –

     In Schlummer gehüllet war jedes Gesicht;

70
Doch ach! das Verrätheraug’ schlummerte nicht.

Lenardo! Lenardo! wie wird dir’s ergehn,
Noch ehe die Hähne das Morgenlied krähn? –

     Weit her, von Hispaniens reichster Provinz,
War kommen ein hochstolzirender Prinz,

75
Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,

Die schönste der schönen Prinzessen zu frei’n.

     Ihm brante der Busen, ihm lechte der Mund;
Doch hoft’ er, doch hart’ er umsonst in Burgund;
Er warb wol, und warb doch vergebens manch Jahr,

80
Und wolte nicht weichen noch wanken von dar.


     Drob hatte der hochstolzirende Gast,
Bei Nacht und bei Tag, nicht Ruhe noch Rast;
Und hatte zur selbigen Stunde der Nacht,
Sich auf hinaus in den Garten gemacht;

85
     Und hatt’ es vernommen, und hatt’ es gesehn,

Was nährlich drei Schritte weit von ihm geschehn.
Er knirschte die Zähne, bis blutig den Mund:
„Zur Stunde sol’s wissen der Fürst von Burgund!“

     Und eilte zur selbigen Stunde der Nacht;

90
Ihm wehrte vergebens die fürstliche Wacht:

„Jezt wil ich, jezt mus ich zum König hinein!
Weil Hochverrath ihm und Aufruhr bedräun.“ –

     „Halloh! Wach auf! du Fürst von Burgund!
Dein Königsgeschmeide besudelt ein Hund;

95
Blandinen, dein gleissendes Töchterlein, schwächt[1],

Zur Stunde jezt schwächt sie ein schändlicher Knecht.“

     Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör.
Er liebte die einzige Tochter so sehr.
Er hielt sie wol höher, als Zepter und Kron’,

100
Und höher, als seinen helstralenden Thron.


     Wild raste der Fürst von Burgund sich empor:
„Das leugst du, Verräter, das leugst du mir vor!
Dein Blut mir’s entgelte! das trinke Burgund!
Wo mich belogen dein giftiger Mund.“

105
     „Hier stell’ ich, o Alter, zum Pfande mich dar.

Auf! Eile! So findet’s dein Auge noch wahr.
Mein Blut dir’s entgelte! das trinke Burgund!
Wo dich belogen mein redlicher Mund.“

     Da rante der Alte mit blinkendem Dolch.

110
Ihm nach kroch der verräthrische Molch,

Und wies ihn, durch Dornen und Nessel und Stein,
Wol in den zertrümmerten Keller hinein.

     Hier prangte vor Zeiten ein lustiges Schlos,
Das längst in Schut und in Trümmer zerschos.

115
Noch wölbten sich Keller und Halle. Von vorn

Verbargen sie Nessel und Distel und Dorn.

     Die Halle war wenigen Augen bekant;
Doch wer der Halle war kundig, der fand
Den Weg, durch eine verborgene Thür,

120
Wol in der Prinzessin ihr Sommerlosier[2]. –


     Noch sendete durch den heimlichen Gang
Das Lämpchen der Liebe den Schimmer entlang.
Sie athmeten leise, sie schlichen gemach
Dem Schimmer des Lämpchens der Liebe sich nach;

125
     Und kamen wol vor die verborgene Thür,

Und standen und harten und lauschten alhier:
„Horch König! da flüsterts – Horch König! da sprichts. –
Da! glaubest du noch nicht, so glaubest du nichts.“

     Und als sich der Alte zum Horchen geneigt,

130
Erkant’ er der Liebenden Stimmen gar leicht.

Sie hatten’s ein Küssen; sie hatten’s ein Spiel;
Und trieben des süssen Geschwäzes gar viel:

     „O Lieber! mein Lieber! was zaget dein Sin,
Vor mir, die ewig dein eigen ich bin?

135
Prinzessin am Tage nur; aber bei Nacht

Magst du mir gebieten als eigener Magd!“ –

     „O schönste Prinzessin! o wärest du nur
Das dürftigste Mädchen auf dürftiger Flur!
Wie wolt’ ich dann schmecken der Freuden so viel!

140
Nun sezet dein Lieben mir Kummer ans Ziel.“ –

     „O Lieber! mein Lieber! las fahren den Wahn!
Bin keine Prinzessin! drauf sieh mich nur an!
Stat Vaters Gewalt, Reich, Zepter und Kron’,
Erkies’[3] ich den Schoos mir der Liebe zum Thron.“ –

145
„O schönste der Schönsten! dies zärtliche Wort,

Das kanst du, das wirst du nicht halten hinfort.
Durch werben, und werben, von nah und von fern,
Erwirbt dich noch Einer der statlichen Herrn.

     Wol schwellen die Wasser, wol hebet sich Wind;

150
Doch Winde verwehen, doch Wasser verrint.

Wie Wind und wie Wasser ist weiblicher Sin:
So wehet, so rinnet dein Lieben dahin.“ –

     „Las werben und werben, von nah und von fern!
Erwirbt mich doch keiner der statlichen Herrn.

155
O Süsser! o Lieber! mein zärtliches Wort

Das kan ich, das werd’ ich dir halten hinfort.

     Wie Wasser und Wind ist mein liebender Sin:
Wol wehen die Winde, wol Wasser rint hin;
Doch alle verwehn und verrinnen ja nicht:

160
So ewig mein quellendes Lieben auch nicht.“ –


     „O süsse Prinzessin! noch zag’ ich so sehr!
Mir ahnet’s im Herzen, mir ahnet’s, wie schwer!
Die Bande zerreissen; der Treuring zerbricht,
Worüber der Himmel den Seegen nicht spricht.

165
     Und wenn es der König, oh! wenn er’s erfährt,

So triefet mein Leben am blutigen Schwert;
So must du dein Leben, verriegelt allein,
Tief unter dem Thurm im Gewölbe verschrei’n.“ –

     „Ach Lieber! der Himmel zerreisset ja nicht,

170
Die Knoten, so Treue, so Liebe sich flicht.

Der seligen Wonne, bey nächtlicher Ruh,
Der höret, der sieht kein Verräter ja zu.

     Nun kom, nun kom, mein trauter Gemal,
Kom, küs mir den Kus der Verlobung einmal!“ – –

175
Da kam er und küst’ ihr den rosigen Mund,

Drob alle sein Zagen im Herzen verschwund.

     Sie hatten’s ihr Küssen, sie hatten’s ihr Spiel,
Und trieben des süssen Geschwäzes noch viel.
Da knirschte der König, da wolt’ er hinein,

180
Doch liessen ihn Schlösser und Riegel nicht ein.


     Da hart’ er und harte mit schäumendem Mund’,
Wie vor der Höle des Wildes ein Hund.
Den Liebenden drin, nach gepflogener Lust,
Ward enger und bänger von Ahndung die Brust. –

185
     „Wach auf, Prinzessin, der Hahn hat gekräht!

Nun las mich, bevor sich der Morgen erhöht! –“
„Ach, Lieber, ach bleib noch! Es kündet der Hahn
Die erste der nächtlichen Wachen nur an.“ –

     „Schau auf, Prinzessin, der Morgen schon graut!

190
Nun las mich! Bevor uns der Morgen erschaut.“ –

„Ach, Trauter, ach bleib noch! der Sternlein Licht,
Verräth ja die Gänge der Liebenden nicht.“ –

     „Horch auf, Prinzessin, da wirbelt ein Ton,
Da wirbelt die Schwalbe das Morgenlied schon! –“

195
„Ach Süsser! Ach bleib noch! Es ist ja der Schal

Der liebeflötenden Nachtigal.“ - - -

     „Nein! Las mich! Der Hahn hat zum Morgen gekräht;
Schon leuchtet der Morgen; die Morgenluft weht;
Schon wirbelt die Schwalbe den Morgengesang,

200
Oh! Las mich! Wie wird mir um’s Herze so bang!“ - -


     „Ach Süsser! - - Leb wol dann! - - Nein bleib noch! - - Ade! - -
O weh mir! Wie thut’s mir im Busen so weh! - -
Weis her mir dein Herzchen! - - Ach! pocht ja so sehr! - -
Hab lieb mich, du Herzchen! Auf Morgen Nacht mehr!“ –

205
     „Schlaf süs! Schlaf wol!“ Da schlüpft’ er hinaus;

Ihm fuhren durch’s Leben Entsezen und Graus;
Es roch ihm wie Leichen; er stolpert’ entlang,
Beim Schimmer des traurigen Lämpchens, den Gang.

     Hui! sprangen die Beiden vom Winkel herbei,

210
Und bohrten ihn nieder mit dumpfem Geschrei:

„Da! hast du gefrei’t um den Thron von Burgund,
Da hast du die Mitgift! da hast du sie, Hund!“ –

     „O Jesu Maria! Erbarme dich mein!“ –
Drauf hülte sein brechendes Auge sich ein.

215
Ohne Beicht’, ohne Nachtmal, ohn’ Absolution,

Flog seine verzagende Seele davon.

     Der Prinz von Hispania, schäumend vor Wut,
Zerhieb ihm den Busen mit knirschendem Mut:
„Weis her mir dein Herzchen! Ach! pocht ja so sehr! –

220
Hast lieb gehabt, Herzchen? Hab’s Morgen Nacht mehr!“

     Und ris ihm vom Busen das zuckende Herz,
Und kühlte sein Mütchen mit gräslichem Scherz:
„Da hab’ ich dich, Herzchen! Ach pochst ja so sehr!
Hab lieb nun du Herzchen! Hab’s Morgen Nacht mehr!“ –

225
     Indes die Prinzessin ach! zagte so sehr!

Zerwarf sich im Schlummer und träumte, wie schwer!
Von blutigen Perlen in blutigem Kranz’,
Von blutigem Gastmal und höllischem Tanz.

     Sie warf sich im Bette, so müde, so krank!

230
Den kommenden Morgen und Tag entlang:

„O wenn’s doch erst wieder tief Mitternacht wär’!
Kom, Mitternacht, führte mein Labsal mir her!“

     Und als es wol wieder tief Mitternacht war,
Und stil herab blinkte der Sternlein Schaar:

235
„O weh mir! Mein Busen! was ahnet wol dir?“

Horch! horch! da knarte die heimliche Thür.

     Ein Junker, in Flor und in Trauergewand,
Trug Fackel und Leichengedek in der Hand,
Trug einen zerbrochenen blutigen Ring,

240
Und legt’ es danieder stilschweigend und ging.


     Ihm folgt’ ein Junker in Purpurgewand,
Der trug ein gülden Geschir in der Hand,
Versehen mit Henkel und Deckel und Knauf,
Und oben ein königlich Siegel darauf.

245
     Ihm folgt’ ein Junker in Silbergewand,

Mit einem versiegelten Brief in der Hand,
Und gab der erstarten Prinzessin den Brief,
Und ging und neigte sich schweigend und tief.

     Und als die erstarte Prinzessin den Brief

250
Erbrach, und mit rollenden Augen durchlief,

Umflirt’ es ihr Antliz, wie Nebel und Duft;
Sie stürzte zusammen und schnapte nach Luft. –

     Und als sie, mit zuckender strebender Kraft,
Sich wieder ermant und dem Boden entraft:

255
„Juchheisa!“ da sprang sie, „juchheisa! Trallah!

Auf lustig, ihr Fiedler, mein Brauttag ist da!

     Juchheisa! Ihr Fiedler! zum lustigen Tanz!
Mir schweben die Füsse, mir flattert der Kranz!
Nun tanzet, ihr Prinzen, von nah und von fern!

260
Auf lustig, ihr Damen! Auf lustig, ihr Herrn!


     Ha! seht ihr nicht meinen Herzliebsten sich drehn?
Im Silbergewande, wie herlich, wie schön!
Ihn zieret am Busen ein purpurner Stern.
Juchheisa, ihr Damen! Juchheisa, ihr Herrn!

265
     Auf! lustig zum Tanze! Was steht ihr so fern?

Was rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn?
Mein Bräutigam ist er! Ich heisse die Braut!
Uns haben die Engel im Himmel getraut.

     Zu Tanze! zu Tanze! Was grinzet ihr fern?

270
Was rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn? –

Weg, Edelgesindel! Pfui! stinkest mir an!
Du stinkest nach stinkender Hofart mir an.

     Wer schuf wol aus Erden den Ritter und Knecht?
Ein hoher Sin adelt auch niedres Geschlecht.

275
Mein Schönster trägt hohen und züchtigen Mut,

Und speiet in euer hochadelich Blut.

     Juchheisa! Ihr Fiedler, zum lustigen Tanz!
Mir schweben die Füsse, mir flattert der Kranz!
Juchheisa! Trallala! Juchheisa! Trallah!

280
Auf lustig, ihr Fiedler! mein Brauttag ist da!“


     So sang sie zum Sprunge, so sprung sie zum Sang’,
Bis aus der Stirn ihr der Todesthau drang.
Der Todesthau trof ihr die Wangen herab;
Sie taumelt’ und keuchte zu Boden hinab.

285
     Und, als sich ihr Leben zum lezten ermant,

Erstrekte sie nach dem Gefässe die Hand,
Und schlang’s in die Arme und hielt es im Schoos,
Und dekte, was drinnen verborgen war, blos.

     Da rauchte, da pocht’ ihr entgegen sein Herz,

290
Als fühlt’ es noch Leben, als fühlt’ es noch Schmerz.

Jezt that sich ihr blutiger Thränenquel auf,
Und strömte, wie Regen vom Dache, darauf.

     „O Jammer! Nun gleichest du Wasser und Wind:
Wol Winde verwehen, wol Wasser verrint:

295
Doch alle verwehn und verrinnen ja nie! –

So du, o blutiger Jammer, auch nie!“

     Drauf sank sie, mit holem gebrochnen Blik,
In dumpfen Todestaumel zurük,
Und drükte noch fest, mit zermalmendem Schmerz,

300
Das Blutgefäs an ihr liebendes Herz.

     „Dir lebt’ ich, o Herzchen, dir sterb’ ich mit Lust! –
O weh mir! O weh! – Du zerdrükst mir die Brust! –
Herab! – Herab! – Den quetschenden Stein! –
Oh! – Jesu Maria! – Erbarme dich mein! –“

305
     Drauf schlos sie die Augen, drauf schlos sie den Mund;

Drauf ranten die Boten; dem König ward’s kund;
Laut schol durch die Säle das Zetergeschrei:
„Prinzessin ist hin! Auf König herbei!“

     Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör.

310
Er liebte die einzige Tochter so sehr.

Er hielt sie wol höher, als Zepter und Kron,
Und höher, als seinen helstralenden Thron. –

     Und als auch herbei der Verräter mit sprang,
Ergrimte der Alte: „Das hab’ ich dir Dank! –

315
Dein Blut mir’s entgelte! das trinke Burgund!

Weil das mir gerathen dein giftiger Mund.

     Ihr Blut dich verklaget vor Gottes Gericht;
Das dir dein blutiges Urthel schon spricht.“
Rasch zukte der Alte den blinkenden Dolch,

320
Und bohrte danieder den spanischen Molch.


     „Lenardo, du Armer! Blandine, mein Kind! –
O heiliger Himmel! Verzeih’ mir die Sünd’!
Nicht mich auch verklaget vor Gottes Gericht!
Ich bin ja – bin Vater! – Verklaget mich nicht!“ –

325
     So weinte der König, so reut’ ihn zu spat,

Schwer reut’ ihn die himmelanschreiende That.
Drauf lies er wol machen ein’n silbernen Sarg,
Worein er die Leichen der Liebenden barg.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. schwächen, = schänden, entehren (vgl. Grimm)
  2. Losier, = Wohnung (vgl. Grimm)
  3. erkiesen, = ausersehen, erwählen (vgl. Grimm)